Die Erschliessung der Heimkehle

Das erscheinen des Heftes 1 "Die Heimkehle" hat viel Resonanz und viele Fragen ausgelöst, auf die ein solches Heft natürlich nicht umfassend Antwort geben kann. Mit weiteren Heften sollen historische Quellen zugänglich gemacht werden, die bestimmte Epochen der Heimkehle näher beleuchten. Das vorliegende Heft soll einige Quellen aus der Zeit der Höhlenerschließung wiedergeben, aus denen ersichtlich ist, welcher Mut und Fleiß dazugehörte, diese Höhle für die breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mancher Begriff, manche Zahl und manche geologische Vorstellung ist dabei völlig falsch und veraltet. Die moderne Auffassung ist im Heft 1 "Die Heimkehle" nachzulesen. Die zitierten Quellen stellen eine gute Ergänzung des Heftes dar.

Der Stolberger Rektor MAGNUS unternahm 1900 erste praktische Schritte zur Erschließung der Höhle, wenn auch mit primitiven Mitteln. Es wurden einige Wege und Stege errichtet, mehr war jedoch nicht möglich. Über einen Besuch der Heimkehle aus dem Jahre 1901 berichtete er in der Zeitschrift "Der Harz":

(6) ... "Unter der Leitung des Verfassers wurde der Zugang durchs Holzgestrüpp, der Höhleneingang und die Höhlengänge durch Arbeiter der nahen Apelschen pyrotechnischen Fabrik passierbar gemacht. Der Besuch und die Besichtigung der Höhle seitens des Vereins und eingeladener Gäste wurde zu wiederholten Malen vorgenommen, wobei photographische Aufnahmen durch den Hofphotographen Windling trotz des Herbstwetters glückten, die dem "Harz" vom Verein zur Verfügung gestellt wurden.
Der Weg vom Bahnhof Uftrungen und der vom Dorfe Rottleberode treffen sich vor der Höhle in dem Mündungswinkel der Thyra und des Krebsbaches, kurz vor der Schattenberg'schen Pulvermühle.
Auf dem Messtischblatte Nr. 2599 ist die Bergbucht deutlich erkennbar, auch sieht man dort, daß man, von Uftrungen kommend, zweimal einen Bachsteg und eine Wiese überschreiten muß, ehe man vor die im Holz versteckt liegende Höhle kommt.
An steilen Felsen und riesigen Felsblöcken, Resten eines schon 1736 bekannten, jetzt brach liegenden "Rothen Alabasterbruches" vorbei, wo ein malerisch gruppierter Theil der Vereinsgesellschaft photographiert wurde, gelangt man, von der Thalsohle etwa 15 Meter bergan steigend, auf einem vom Zweigverein durch Gestrüpp und Rosendorn gebahnten Fußwege bis vor den Höhleneingang, der schon seinen 10 - 12 Meter hohen Rachen, eine Pinge, uns verräht, welch ein Ungeheuer von Größe und Ausdehnung die Heimkehle sein muß. Gewaltige Gipsblöcke, schon 1703 von Behrens in seiner "Hercynia curiosa" als bedenklich "hangend" gefürchtet, sind vor dem Eingange niedergebrochen und muthen dem Besucher zu, auch wieder 15 Meter hinabzuklettern bis zur Sohle der Höhle, in der sich mehrere tiefe Teiche befinden. Aber die neuen Wege machen es auch unseren muthigen Damen möglich, in den Höhlenrachen hinabzusteigen, wobei noch das Tageslicht sie begünstigt. Unten in den 10 - 100 Meter breiten, 10 - 30 Meter hohen und an 1000 Meter langen Höhlen wäre es ohne Apel'sche Fackelbeleuchtung unheimlich finster.
Damit die Besucher sich an den starken Temperaturwechsel allmählich gewöhnen, wurde am Eingange die zweite photographische Aufnahme gemacht und in der vorderen kleinen Höhle, wohin noch der Schimmer des Tageslichtes dringt und sich gespensterhaft über den ersten Höhlenteichen ergießt, ein kurzer einleitender Vortrag über Entstehung und Geschichte dieser Heimkehle vom Verfasser gehalten.
Mit Blitz- und Magnesiumlicht wurde dann die sogenannte "Kleine Heimkehle" erleuchtet. Nach dem ersten Erstaunen und Entzücken ist Alles voller Erwartung der kommenden Dinge. Unterdeß haben die Arbeiter die Fackeln angezündet und den inzwischen geordneten Abteilungen der Besucher übergeben. In langem Zuge der 66 Theilnehmer geht's nun nach links um den piktiefen See herum, dann gebückt etwa 100 Schritt durch niedrige ebene Hohlräume bis zur zweiten Höhle von 20 - 70 Meter Durchmesser und 20 Meter Höhe, in der über einem haushohen Felsgetrümmer, dem Olymp, das Tageslicht schwach zu sehen ist.
Um so wirkungsvoller ist die künstliche Beleuchtung wieder, bei der ein großer Teich von bedeutender Tiefe deutlich sichtbar wird. Ein photographische Aufnahme mit Blitzlicht mißglückte hier wie später an anderer Stelle des riesigen Raumes. Die durch das herabtröpfelnde Wasser schlüpfrig geworden, schlammigen Wege waren trocken gelegt worden, so daß bei einiger Vorsicht die getroffenen Vorkehrungen hinreichten, daß die Besucher leidlich sauberen Fußes weiter in die letzte und größte der bisher entdeckten Höhlen, den sogenannten Dom, mit 100 Meter Durchmesser und etwa 30 Metern Höhe, kommen konnten. Das Ende dieser Höhle konnte weder vor noch von mir, der ich mit Hilfe einiger Arbeiter danach suchte, festgestellt werden; jedenfalls ist wohl eine Verbindung mit den bei Steigerthal und Buchholz liegenden Höhlen und Erdfällen vorhanden, da der dort ins Wasser gestreute Häcksel in der Heimkehle wieder zum Vorscheine kommt, wovon auch H. Girschner in seiner Schrift Nordhausen und Umgebung berichtet.
Wie man an den Wänden der Höhle sieht, ist je nach der Witterungsbeschaffenheit und dem Zufluß von Außen her durch den Ententeichsstollen die Heimkehle mehr oder minder mit Wasser gefüllt, das zu Zeiten schon so hoch stand, daß die dritte Höhle nicht befahren werden konnte. zum Bedauern unserer Mitglieder war aber gerade der Teich der dritten Höhle fast leer. Im Allgemeinen hat das Höhlenwasser gleichen Stand wie die draußen vorüberfließende Thyra und liegt 50 cm unter dem Niveau der vor der Höhle gelegenen Wiese ...
Zum Eingang zurückgekehrt begrüßen wir das "himmlische Licht", und mancher atmete lang und tief: Alle aber waren volle des empfangenen, großartigen Eindrucks.
Soll die Heimkehle dem größeren Verkehr zugänglich gemacht werden, so ist die Anlage eines Entwässerungsstollens, die Herrichtung besserer Höhlenwege und eine elektrische Beleuchtung notwendig, ohne daß dabei viel an der Höhle selbst geändert wird.
Es muß dem unternehmenden Capital überlassen bleiben, hier vorzugehen, mit den Besitzern der Höhle ein Abkommen zu treffen und die nöthigen zeitgemäßen Anlagen zu machen.
Der Harzklub kann hierzu nur Anregung bieten. Es währe wohl zu wünschen übrig, daß die Heimkehle wieder ihren früheren alten Ruf erlangte, was der Wissenschaft und dem Südharz nur dienlich sein könnte." ...

Es war also ohne Zweifel ein aufwendiges Unternehmen, auf dem kaum ausgebauten Führungsweg die Höhle zu besuchen, noch dazu in einer solch umfangreichen Gruppe.
Ein Herr HARTUNG berichtete im Nordhäuser Generalanzeiger ebenfalls über eine solche Höhlenbefahrung:

(8) ... "Nachdem wir uns dem Charakter der Höhle entsprechend etwas umgekleidet hatten, führte uns ein ziemlich steiler Weg von hochgelegenen weitläufigen Portal aus zwischen Felsen hindurch hinab in die Tiefe, wo sich ein kleiner, tiefer, grünlich schillernder Teich vor uns ausbreitete. Wir betrachten hier die Felsen, bei welcher Gelegenheit wir einige schöne Stücken Fasergyps fanden, und gingen dann auf lehmigen Untergrund in ostnordöstlicher Richtung etwa 70 m weit vor, kehrten so dann jedoch, als nun die Passage zu unbequem wurde, wieder nach dem Teiche zurück. Nunmehr führte unser Weg im Bogen um das Wasserbassin und nach kurzer Zeit gelangten wir in den zweiten größeren Hohlraum. Ein großartiger Anblick bot sich uns beim Lichte des magisch leuchtenden Weißfeuers dar: Decken und Seitenwände zerrissen und zerklüftet, regellos aufeinander getürmte Felsen, verschiedene kleine Gewässer, das monotone Rieseln und Tröpfeln des von der Decke kommenden Wassers, das Vorbeihuschen von Fledermäusen. Fürwahr, eine selten schöne Szenerie, die aber noch seltsamer sich gestaltete, als wir gleich darauf in den sogenannten "Dom" eindrangen. Während wir einzeln auf allen vier Seiten dieser kreisrunden Fläche, die einen Durchmesser von ca. 35 m besitzt, Posto gefaßt hatten, beleuchtete wiederum Weißfeuer den Raum in solchem Glanze, daß das Licht unserer großen Kerzen gänzlich verblaßte. Kuppelförmig wälzt sich die Höhle bis zu einer Höhe von ca. 15 m, 2 breite Gänge zweigen sich ab, und obwohl wir in früheren Jahren noch dazu einen Teich voll klaren Wassers schimmern sahen, konnten wir uns an diesem grandiosen Anblick kaum sattsehen.
Der nächste recht hohe und breite Seitengang führte uns ziemlich weit zu einem kleinen Teiche, zuletzt auf sehr unbequemen und nicht ungefährlichen Pfaden. Nachdem wir bemerkt hatten, daß dieser Gang und seine Nebenhohlräume nur Sackgassen darstellten, wandten wir uns dem anderen Ausläufer des "Doms" zu. Er war zwar breit aber unangenehm niedrig, die Gypsblöcke an der Decke hatten Plattform und ein kräftiger Stoß würde wohl genügen, diese Platten zum Herabstürzen zu veranlassen. Der Gang mündete schließlich in einen mit tiefem Wasser gefüllten Stollen, und so mußten wir uns dann zum Rückzug entschließen, nicht ohne nocheinmal den Dom mit Rotfeuer erleuchtet zu haben. Der Besuch hatte etwa 3 Stunden gedauert ...."

Die Ausleuchtung der großen Hohlräume mit bengalischen Feuern war eine Mode, die man in den Schilderungen von Höhlenbesuchen früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte oft nachlesen kann. Oft wurden diese Illuminationen noch durch gemeinsame Gesänge untermalt, auch wurden Dynamitpatronen entzündet, um durch den Knall die Akustik der Räume herauszufordern. Es ist also verständlich, daß solche Dinge bei frühen Heimkehlenbesuchen nicht fehlen durften. Da sich unmittelbar vor der Höhle die Apelsche Pulverfabrik befand, gab es auch die Möglichkeit, Vorräte für solche Veranstaltungen zu erlangen. Bis in die fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts kam es vor, daß im Großen Dom der Höhle Feuerwerksraketen der Apelschen Pulverfabrik entzündet wurden.
Meyers Reiseführer bot den Verfahrensweg der Ausleuchtung gleich an:

(4) ... "Zur Heimkehle, einer schon im Mittelalter bekannten und neuerdings vom Harzklub wieder zugänglich gemachten Höhle im Gips. Von Stolberg über Rottleberode 9 km, von Station Uftrungen 2,5 km, Führung und Beleuchtung gegen Entgeld in der Apelschen Fabrik bei der Höhle. Neuer bezeichneter Weg ..."

Für mutige Leute wurde die Höhle hier und da angepriesen. HEINE äußerte dazu 1902 noch sehr fragwürdige Ansichten über die Entstehung der Höhle:

(2) ... "Die letztere (Heimkehle) ist recht umfangreich, aber nur im Sommer zugänglich; im Winter und Frühling ist die Sohle infolge Steigens des Grundwassers größtenteils mit Wasser angefüllt, das sich im Sommer auf einen See innerhalb der Höhle beschränkt. Die Heimkehle ist nur der Rest einer gewaltigen Höhlung, die sich einst über das ganze Tal, in dem jetzt Stempeda, Uftrungen und Rottleberode liegen, wölbte. Durch die Einwirkung des Wassers, das unten durch die Höhle dahinfloß und von oben durch die Decke hindurchsickerte, wurde diese schließlich morsch, es trat auch wohl noch ein besonderes Naturereignis hinzu, und dann barst die Decke an der Seite des Alten Stolberg ab und stürzte in die Tiefe; die übrigen Teile der Wölbung wurden ebenfalls mit hinabgerissen, und so entstand hier das Tal von Rottleberode. Der östliche Abhang des Alten Stolberg zeigt noch die Bruchstelle und fällt deshalb hier steil ab ..."

Alfred BERG begann 1914 die Höhle zu vermessen. Der Ausbruch des Weltkrieges verhinderte jedoch die Vollendung. 1919 begann FRIEDRICH STOLBERG mit diesen Arbeiten. Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen kann man entnehmen, mit wieviel Fleiß und Entbehrung dieses Werk getan wurde. Meist wurde ach getaner Arbeit der Rückweg von der Höhle nach Nordhausen zu Fuß angetreten, gleichgültig, welches Wetter herrschte. Die Familienmitglieder und Freunde halfen unermüdlich.
Einige Auszüge aus seinem Tagebuch verdeutlichen das:

(11) "7. August 1919
5.27 mit den Zwillingen von Berga-Kelbra nach Uftrungen und in die Heimkehle. Den nördlichen Höhlenflügel aufgenommen. Um 9 Uhr kommt Onkel Robert mit der ganzen Familie von Neustadt her. Zusammen eingehend die Höhle besehen. Liese und Trutchen gingen durch Dick und Dünn. Im Riegelstolln einen neuen trockenen Durchschlupf nach dem zweiten Dom gefunden. Die beiden jungen Damen drangen mit bis in die "ferne" Halle. Bengalisches Licht entzündet und langsam zum Eingang ..."

"20. August 1919
Vormittags 10.31 mit Papa und Mama nach Uftrungen und in die Heimkehle. Den vom Großen Dome nördlich abzweigenden Gang mit viel Schweiß vermessen. Bengalisches Feuer. zum Schluß im Höhleneingange ausgeruht ..."

"2. September 1919
10.31 mit Mama und Papa via Berga-Kelbra nach Uftrungen. In der Heimkehle die Aufnahme fortgesetzt. Den Riegelgang aufgenommen und den anschließenden Fuchsstollen. Die Arbeit dauerte 4 Stunden und war sehr anstrengend, da man fast überall gebückt stehen mußte ..."

"23. September 1919
Vormittags 10.31 mit Mama abermals via Berga-Kelbra nach Uftrungen.
12.30 in der Höhle ununterbrochen bis 7.30 darin gewirtschaftet. Dicke 7 Stunden. Die Vermessung des wilden Ganges und seiner äußersten Verzweigungen vollendet. Mit Ausnahme der Kleinen Heimkehle nun mit der großen Arbeit fertig ..."

"3. Januar 1920
... Abends mit der Reinzeichnung der Heimkehlenaufnahme begonnen.
Dazu Grog."


In der Zwischenzeit hatte sich das von MAGNUS geforderte "Kapital" in Form des Fabrikbesitzers THEODOR WIENRICH gefunden. Er war von der großen Höhle so begeistert, daß er an ihre Erschließung ging. Dazu fand er in Uftrungen tatkräftige Unterstützung durch HENNIG, RÖDER, HOHMEYER und andere. HENNIG war der führende Kopf, der alle praktischen Arbeiten erledigte. STOLBERGs Vermessungen boten eine gute Grundlage für die Höhlenerschließung. So eilte er oft zur Heimkehle und erlebte die Erschließungsarbeiten, die er durch seine Vermessung unterstützte.
In seinem Tagebuch ist auch darüber zu lesen:

(11) "9. September 1920
Nachmittags nach Neustadtstraße und Karbid besorgt. 10.30 allein über Berga-Kelbra nach Uftrungen. Zu Lehrer Hennig. Von der Höhle gesprochen. Kaffee in der "Hoffnung". Dann zur Heimkehle, wo große Veränderungen vor sich gegangen waren. Häuschen am Eingang, Treppen, Wege, Arbeiter, Elektromonteure. Dank Hennigs Führung alles besehen."

Am 12. September 1920 wurde die Höhle der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, obwohl noch nicht alle Erschließungsarbeiten beendet waren. Erst 1921 war mit dem Wienrich-Stollen ein Rundweg möglich. Da man die Fortsetzung der Höhle ahnte, trieb man einen weiteren Stollen in den Berg, den Thyrastollen. Am 24. November 1920 stieß man in den ersten Hohlraum. Intensive Arbeiten für eine zukünftige Erschließung begannen. STOLBERG beteiligte sich daran und begann, die neuen Teile zu vermessen. Auszüge aus seinem Tagebuch belegen das:

(11) "8. Januar 1921
7.15 mit Fritz über Berga-Kelbra nach Uftrungen. Über die Wiese zum Stollen und in den neuen Höhlenteil. Hinter zu dem am 26. Dezember erreichten Teich, in der Absicht, die Aufnahme fortzusetzen. Vorher besichtigen wir aber das vor uns liegende neuste Gelände. An und für sich hübsch gerade Galerien, aber ein bisher noch nie erlebter, unerhörter Schlamm. Man versank bis über die Knie. Einmal sogar bis an die Hüften. Auf einem Brett einen zweiten kleinen Teich passiert, dann nach 20 Metern in enger Kriechkluft umgekehrt. Von hier zur Steinmannkluft höchstens noch 25 Meter. Dann hinaus. Wegen des enormen Schlammes nicht gemessen. Vor der Pulvermühle umgezogen. Dann mit Röder in den Thyrafuchs und von da zu Hennig. Allerhand Maßnahmen zur Bewältigung der Schlammstrecke besprochen ..."

"14. Januar 1921
... Über die Wiesen zum Stollenmundloch. Vor der Pulvermühle "Höhlentracht" angelegt. Dann mit Röder ganz hinter in die Verbindungsgalerie. Auf den Schlammstellen, wo ich mit Fritz steckengeblieben war, lagen jetzt Bretter. Jenseits des "Zweiten Teiches" war die Kriechstelle erweitert. Dann "vor Ort", daß heißt an der letzten, von Hennig gefundenen Teichgrotte. Interessantes fjordartiges Gebilde. Man versuchte in einer Kluft sich parallel dem langen und unergründlich tiefen Kalke weiterzuarbeiten. 2 Mann und Röder. Röder holte eine Wagenladung lockeren Blockwerks herunter. Dann räumten wir mit vereinten Kräften und legten eine Kluft bloß, die zu einem Halbinselchen in der Mitte des "Fjordes" führte. Mit Röder das Halbinselchen betreten. Dann die Arbeiten abbrechen lassen und den Rückweg angetreten. Mit Helbig am 1.ten Teich die Messung vom 3. Januar fortgesetzt. Zwischendurch wieder hinter zum "Fjord" und Schallprobe abgenommen. Dynamitschuß aus dem Trichtergang deutlich zu hören. Hierauf Vermessung fortgesetzt ..."

Schließlich nahte der Tag der endgültigen Fertigstellung des Höhlenplanes:

(11) "16. Januar 1921
Den ganzen Tag zu Hause und den neuen Höhlenplan fertiggestellt ..."

"17. Januar 1921
Vormittags an dem Höhlenplan gezeichnet ..."

" 18. Januar 1921
Strömendes Regenwetter. Zu Hause und gezeichnet ..."

Die Besucher strömten zur Höhle. Prospekte sollten Wissenswertes vermitteln. Die geologischen Vorstellungen über die Entstehung der Höhle, die HENNIG 1920 gab, waren allerdings sehr daneben geraten:

(1) "... Die Heimkehle ein Gipshöhle, wie der ganze "Alte Stolberg" aus Gips besteht. Wasserfreier Gips nahm Wasser auf. Dadurch entstand eine Volumenvergrößerung, welche dann Blasen und Hohlräume erzeugte. In diese eindringende Bergwässer begannen in jahrtausende langer Arbeit ihr höhlenbildendes Werk. Sie schufen die langgestreckten Gänge, die riesenhaften Hallen und Galerien. Die auswaschende Kraft des Wassers kann man deutlich in dieser Höhle sehen. Wunderbare Felsgebilde mit tierähnlicher Gestalt, Nischen und Trichter haben sich gebildet. Die Heimchen-Grotte rechts vom Bogengang weist eine Menge solcher wunderbaren Felsbildungen auf. An Abarten des Gipses findet man in der Höhle fleischroten Fasergips, Marienglas und Alabaster, welcher als "Uftrunger Marmor" bekannt ist ..."

Die Heimkehle wurde zum touristischen Magneten. Bereits im Sommer 1921 konnte der 65.000 Besucher gezählt werden. Hennig preist die Höhle:

(1) "... Wenn man vom Bahnhof Uftrungen die Harzklubbrücke an der Thyra erreicht hat, führt ein Fußgängerweg in nördliche Richtung am Hange des "Alten Stolberg" entlang zum Höhleneingang. Nach etwa 300 Meter steht man am Fuße eines 16 m hohen Hügels, welcher eine Bergschlucht vor uns verdeckt. In dieser Schlucht liegt der Höhleneingang. Sonderbar! Man will in eine Höhle und nun heißt es: Hinauf auf den Berg! Es ist aber so. Also vorwärts! Auf einem treppenartig angelegten Pfade durch schattiges Grün gelangen wir nach oben auf eine Plattform. Zur Linken liegt ein tiefer Erdfall. Vor uns tut sich der Riesen-Höhlenrachen auf, ein Höhleneingang sondersgleichen. 20 Meter breit und 15 Meter hoch. Wild durcheinander geworfene Felsblöcke bedecken links den Abgrund, der sich steil und schwarz in die Tiefe senkt. Über ängstliche Gemüter könnte da das Grauen kommen. Doch es beruhigt sie der Spruch über der Tür des Einganges zur Höhle: "Laßt nicht, die Ihr hier eingeht, jede Hoffnung fahren! ..."

Der Höhlenbesuch war aber immer noch nicht frei von speläologischen Einlagen. Ein Prospekt aus dem Jahre 1920 schilderte das:

(5) ... "Sind wir hier am Ende unserer Wanderung? Nein, noch nicht! Unser Führer zeigt uns am linken Ufer des Riegelteiches in der Decke ein 75 cm breites Loch und ruft uns zu: Hier, meine verehrten Herrschaften, müssen sie einmal wie der kleine Däumling in Grimms Märchen durch das Schlüsselloch kriechen. Wer aber die Mühe scheut oder einen größeren Leibesumfang hat, als die Öffnung, kann sich für 50 Pfennig mit dem Kahn übersetzen lassen. Schnell ziehen die Damen ihre Brieftaschen, um sich vom Aufstieg zum Schlüsselloch zu erlösen. Von den Herren aber verschwindet schon der erste im Schlüsselloch, unter schallendem Gelächter der ganzen Wandergruppe. Nun setzt sich der Kahn in Bewegung, und glücklich landen wir in einer zweiten gewaltigen Kuppelhalle, dem Kleinen Dom."

Drei Jahre später war schon allerhand mehr erreicht, der Höhlenbesuch war durchaus zivilisiert:

(9) ... "Auf einer 85-stufigen Treppe steigen wir hinab in die Unterwelt. Leises Tröpfeln herabsickernder Bergwässer unterbricht die feierliche Stille. Hier ist es besonders schön, wenn am Vormittag die Sonne in der Achse des Höhleneingangs steht und ihre Strahlen zitternde Reflexe auf Wasser und Felsgewölbe werfen. Wir sind am Heimensee - 3½ m unter dem Wasserspiegel der Thyra. Vom Heimensee kann man nach zwei Seiten in die Höhle eindringen. Wir wenden uns zunächst nach rechts und gelangen in die Hercynia-Halle. Es ist der Empfangsraum. Auf einem mächtigen Alabasterblock können die Höhlenbesucher ihre Besucherkarten niederlegen. Im Hintergrund der Halle erstrahlt märchenhaft das Morgenrot einer aufgehenden Sonne. Dahinter geht die Höhle noch 200 m weiter. Wir folgen unserem Führer nach links. Nach Umgehen des prächtigen Heimensees gelangen wir in den Bogengang. Nachdem wir etwa 20 m zurückgelegt haben, bietet sich unseren Augen sonderbares Felsgebilde an der Decke. Es ist die Heimchengrotte, welche in farbig elektrischer Beleuchtung feenhaft erstrahlt ..."

WIENRICH ließ nicht nur die Höhle ausbauen. Ein Hotel mit Freiterrasse, Gondelteich, Andenkenbuden mit einer erstaunlichen Vielfalt von Bildserien, Postkarten, Höhlenplänen und üblichen Höhlenkitsch entstanden. Die Heimkehle bot alles Denkbare, was eine Schauhöhle der damaligen Zeit bieten konnte. Eine wissenschaftliche Ausstellung befand sich im Aufbau.
WIENRICH beauftragte die Nordhäuser Schriftstellerin FANDEL ein eigens von ihr erfundenes Märchenbuch über die Höhle zu schreiben. Zitate aus diesem Buch lohnen nicht, unser Geschmack begreift diese Darstellung der Schriftstellerin nicht mehr. Interessant sind die Spielregeln eines Höhlenspiels, mit Würfel und Spielgeld wurde der Heimkehlenbesuch am heimischen Tisch nachvollzogen. Ein Auszug aus den Spielregeln ist vielversprechend:

(7) ... "Nr. 46
Man stößt heftig mit dem Kopfe an einen Felszacken und gleitet aus. Der Betreffende erhält ein Schmerzensgeld und wird von hilfreicher Hand sofort nach Punkt 50 geleitet, um sich dort zu erholen."

"Nr. 70
Der Höhlenforscher hat die Schachtel mit bengalischem Feuer am Höhleneingange liegen lassen. Er geht zurück auf Nr. 34, um das Vergessene zu holen."

"Nr. 147
Der Höhlenbesucher findet im Niedrigen Saal ein schönes Stück Marienglas und erhält eine Belohnung."

"Nr. 193
Der Gewandte Kletterer übersteigt mit affenartiger Behändigkeit die Trümmermassen und erreicht glücklich Nr. 197."

Die Heimkehle wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem Begriff. In einem Jahresbericht von 1924 schrieb HENNIG:

(10) "... Zehntausende suchen sie alljährlich auf zu Fuß, mit Auto, Motorrad und Dampfroß. Aus den Großstädten kommen größere Vereine mit Sonderzügen, und alle Besucher waren sich einig in dem Urteil: Hier hat die Natur etwas Gewaltiges geschaffen, ein Naturdenkmal ohne Gleichen! Besonders fesselte der "Große Dom" die Besucher, denen der Aufenthalt hier eine Weihestunde war.
Wie oft erklang es hier zu der 30 m hohen, wunderbar gerundeten Kuppel spontan aus mancher Sängerbrust empor: "Großer Gott, wir loben dich -" Ein Besucher, der schon viele Höhlen besucht hatte, sprach hier das Wort: "Und wenn diese Höhle nur den einen Raum hätte, so verdiente sie weltberühmt zu werden." Große Tageszeitungen sandten Sonderberichterstatter zu Originalartikeln von der Heimkehle, Schriftsteller und Maler suchten sie auf, um Eindrücke zu künstlerischen Schaffen und Gestalten zu empfangen, u.a. auch der junge H. Zoozmann - Berlin, ein hochtalentierter, aufstrebender Künstler. Eine Filmgesellschaft versuchte einen Film (Höhlendrama) herzustellen, wozu die Heimkehle den Schauplatz mit ihren wildromantischen Grotten hergeben sollte. Jedoch kam dieses Unternehmen wegen technischer Schwierigkeiten in der Beleuchtung nicht zur Ausführung ...
Die Höhle ist jetzt an die Überlandzentrale mit eigenem Netz angeschlossen, sie kann das ganze Jahr besichtigt werden ..."

Ein paar Quellenauszüge sollten die Zeit der Erschließung der Heimkehle belegen. Die behandelte Zeitspanne lag zwischen den Jahren 1901 und 1924. Die Heimkehle war in dieser Zeit zu einer bedeutenden europäischen Schauhöhle geworden, auch wenn sie nicht die größte Gipshöhle der Welt war, wie zahlreiche Werbesprüche verkündeten.
 
(1)
HENNIGNordhäuser General Anzeiger Nr. 222,
1920 28. September "Ein Besuch der Heimkehle bei Uftrungen, der größten Höhle Deutschlands"
(2)
HEINEDie Provinz Sachsen zu Wort und Bild, 1902
"Aus dem alten Stolberg" S. 321 - 325
(3)
MÜLLER-MÜNOMitteldeutschland - seine Eigenart und Schönheit
"Nordhausen und der Südharz" 1928
(4)
Meyers Reisebücher"Der Harz"
Große Ausgabe 18. Auflage 1905
(5)
Führer durch die Höhle Heimkehle, September 1920
(7)
MAGNUSDer Harz 1907
"Die Heimkehle"
(6)
Das Heimkehlen-Spiel, Spielregeln
(8)
HARTUNGNordhäuser General-Anzeiger Nr. 195, 1901 22. August
"Ein Besuch der Heimkehle"
(9)
Führer durch die Höhle Heimkehle
1923
(10)HENNIGJahresbericht der Gesellschaft für Höhlenforschung und Höhlenkunde
1924, S. 4 - 5
II. Verbandsnachrichten  Jahresbericht 1924 Heimkehle
(11)Auszüge aus dem Tagebuch von FRIEDRICH STOLBERG
unveröffentlicht
 

Quelle:
Christel und Reinhard VÖLKER
Die Erschliessung der Heimkehle
Heft 10, Mitteilungen des Karstmuseums, Uftrungen