Die Suche nach Schlotten

Die merkwürdigen Ereignisse im Pfarrgarten Großleinungen zwischen 1894 und 1906

- von Christel und Reinhard Völker -
Die häufigste Form der Karsterscheinungen im Sulfatkarst des Südharzes sind zweifelsohne die vielen Trichter und Krater in der Karstlandschaft, die der Volksmund Erdfälle nennt. Diese "Erdfälle", von denen die wenigsten "echte Erdfälle" sind, haben schon immer die Phantasie angeregt und zu den merkwürdigsten Erzählungen Anlaß gegeben. Dabei entstanden seltsame und unglaubwürdige Geschichten. Es gibt auch sonderbare Vorgänge um solche Erdfälle, die in alten Akten und Dokumenten verbürgt sind, ja selbst in unserer Zeit spielen sich solche Geschehen ein.

Eine recht interessante Geschichte ergab sich mit den Erdfällen im Pfarrgarten von Großleinungen zur Jahrhundertwende. Bergrat RICHTER aus Eisleben kannte wohl viele Geschichten über Schlotten, die sich in der Tiefe verbargen, und die dann und wann durch den Kupferschieferbergbau entdeckt und genutzt wurden. Deshalb setzte er seinen ganzen Ehrgeiz daran, die unter den Erdfällen im Pfarrgarten vermuteten Höhlen auch wirklich zu entdecken und zu betreten.

Während im 17. und 18. Jahrhundert in Erdfällen manchmal Schlotten durch das Abteufen von Schächten gesucht wurden, um dem Kupferschieferbergbau Wasserlösung zu verschaffen, wollte RICHTER in Großleinungen die Standsicherheit von Gebäuden nachweisen. Für ihn stand es fest, daß sich im Laufe geologischer Prozesse große Höhlen unter und in der Umgebung von Großleinungen gebildet hatten. Brachen einige dieser Räume ein, dann gab es die großen Erdfälle. Also mußte man die Höhlen suchen.

Diese Untersuchungen nahmen einen interessanten Verlauf, wie er wohl im Südharz einmalig sein dürfte.
Die Ereignisse beweisen allerdings auch, wie gering die Chancen sind, solche Höhlen auf diese Art und Weise finden zu wollen. Der Ausgang der Untersuchungen zeigt, daß man unter den Erdfällen nicht immer riesige Höhlen vermuten muß. Aufschlüsse verschiedenster Art lehren uns, daß es oft seit Jahrhunderten mit Schlammassen verstopfte Dolinen, Karstschächte und geologische Orgeln sind, die infolge eines hydrologischen Ereignisses plötzlich wieder aktiviert werden, und der völlig durchweichte Schlamm teilweise durch kleine, aber offene Karstkanäle weggeführt wird. Dabei entstehen in den Schlammassen erneut Hohlräume, die dann nach oben nachbrechen. So ist also die Hohlraumfüllung eingebrochen, nicht der Hohlraum. Es gibt also keinerlei Beweis, daß unter Großleinungen große offene Hohlräume existieren. Sie haben in geologischen Zeiten einmal bestanden, können heute restlos verschlämmt und zugesetzt sein. Dieses Erscheinungsbild trifft für den ganzen Sulfatkarstausstrich des Südharzes zu, ist nicht sonderlich beunruhigendes.
Seit vielen Generationen leben die Menschen in Dörfern, wie Questenberg, Großleinungen, Breitungen und Uftrungen mit Erdfällen. Sie werden auch weiter damit leben müssen. Doch nun zu unserer Geschichte. Was war geschehen?

In der Nacht vom 31.08. zum 01.09.1894 brach im Pfarrgarten von Großleinungen ein Erdfall nieder. Er soll einen Durchmesser von 6 m und eine Tiefe von 23 m gehabt haben. Ältere Bürger berichteten damals, es sei nicht der erste Erdfall an dieser Stelle gewesen. Ursache war die intensive Verkarstung in den Anhydriten und Gipsen des Zechsteins, einer in dieser Gegend "normalen" Erscheinung.
Großleinungen liegt im großen Auslaugungstal des Südharzes, da waren und sind Vorgänge dieser Art keine Seltenheit. Der Gemeinde-Kirchenrat von Großleinungen rief sofort den Berginspektor BAIZKO aus Eisleben als Sachverständigen, der auch ein Gutachten darüber abgab:

"... Selbiger (der Erdfall) stellt einen alten Schlottenbruch dar, der bereits mehrfach gefüllt ist und sich am gedachten Tage neu geöffnet hat. Die Ursache für das Niedergehen des Bruches ist zu suchen in dem unterirdischen Wasserstrome, welcher die Stelle passiert, die durch das Gehen des Bruches und Zufüllen desselben seinem Laufe entgegensetzenden Verstopfungen wegschwemmt, hierdurch neue Hohlräume geschaffen und so stets aufs Neue das Nachbrechen der nach Tage gehenden Schichten veranlaßt hat ..."
BAIZKO vermutete einen Schlottenzug, der sich unter Großleinungen hinzieht. Dieser Schlottenzug sei die Ursache für diese Vorgänge. Er drückte sich auch klar aus:
"... Der unterirdische Wasserlauf läßt sich über Tage an dem bei und in Großleinungen durchsetzten Schlottenzuge verfolgen. Derselbe zieht sich am Füße des Ankenberges hin bis zum Pfarrgarten, macht dann plötzlich eine Wendung nach Osten und setzt sich in Richtung nach der Mooskammer fort ..."
Man beschloß, den Erdfall zu verfüllen. Da am Boden des Erdfalles ein starker Bach floß, wurden große Steine hineingeworfen. Das Wasser sollte ungehindert weiterlaufen können. Danach wurden fast 300 m³ Schlacken von der Leinunger Schlackenhalde angefahren und ein Meter Mutterboden aufgeschüttet.
Die Gefahr schien gebannt zu sein. Doch am 1. März 1901 ereignete sich 20 m entfernt vom ersten Erdall ein weiterer Erdfall. Pfarrer PETER berichtete der Regierung darüber in einem Brief vom 04.03.1901.
(1)"... Damals (1894) trat der starke Wasserstrom zu Tage, der anscheinend von dem Ankenberg her die Schlotte durchzieht. Diesmal haben anscheinend die niedergegangenen großen Lehmmassen das unterirdische Wasser verstopft. Sobald der Wasserdruck groß genug ist, werden diese Lehmmassen jedoch ohne Zweifel in ganz kurzer Zeit durchbrochen und weggeschwemmt sein und droht als dann dem Pfarrgehöft die große Gefahr. Dem Anschein nach stehen über der Schlotte nur Lehmmassen, kein festes Gestein und wenn der jetzige Bruch offen stehen bleibt, oder nicht in sachgemäßer Weise verfüllt wird oder versichert, so würde durch den Zutritt der Luft, durch dem Temperaturwechsel von Sonne und Schatten, sowie Tag und Nacht die über der nach dem Pfarrhause hinstreichenden Schlotte stehenden Lehmmassen in ganz kurzer Zeit so mürbe werden, daß sie rasch nachbrechen, womöglich in 1 - 2 Jahren wieder der alte Bruch erreicht und damit das Pfarrhaus selbst aufs äußerste gefährdet wird. Wir machen daher der hohen königlichen Regierung pflichtgemäß Anzeige, zumal das lastenpflichtige Patronat seitens hochderselben nun anerkannt ist mit dem gehorsamsten Anheimstellen, durch einen sachverständigen Kommissar die Sachlage prüfen zu lassen und gegebenenfalls den armen Gemeinden, die fast ausschließlich aus Bergleuten besteht, auch die Mittel zu gewähren, um der dem Pfarrhause drohenden Gefahr und mit allen Mitteln, die die Wissenschaft bietet, entgegen zu treten ..."
Pfarrer PETER war sich nicht ganz sicher, ob der in der unmittelbaren Nähe tätige Kupferschieferbergbau nicht doch einen Einfluß auf das Geschehen ausgeübt haben könnte. Etwa 50 Jahre zuvor war im Segen-Gottes-Stollen die große wassergefüllte Schlotte gefunden worden. Dieses Ereignis war bekannt. Deshalb deutete er solche Zusammenhänge an:
(1)... Nach den Aussagen der ältesten Leute im Dorf sind solche Senkungen im Pfarrgarten erst vorgekommen seit der Durchlegung eines Wasserstollens den die Mansfeldische Kupferschieferbauende Gewerkschaft Ende der fünfziger Jahre vom damaligen Karola-Schacht bis in die Nähe von Sangerhausen durchgelegt hat. Durch denselben sind viele unterirdische Wasserbecken entleert und der große Druck auf die leeren Hohlräume hat vielfach Felsbrüche zur Folge gehabt ..."
Die Leser unserer Schriftenreihe dürften die Zusammenhänge bekannt sein.
Gemeint sind die Vorgänge um die Segen-Gottes-Schlotte. Mit Karola-Schacht meinte der Pfarrer den Karolusschacht, der ja wenige Jahre vor dem Großleinunger Ereignis wegen eines Schlottenbruches geschlossen werden mußte.
Die Vermutungen um die Beteiligung des Sangerhäuser Kupferschieferbergbaus an dem Erdfallereignis wurden immer wieder geäußert. Diese Zusammenhänge gibt es jedoch nicht. Zwischen dem westlichen Endpunkt des Segen-Gottes-Stollens und Großleinungen hat der historische Kupferschieferbergbau eine Reihe von Schlotten angefahren, und gibt es auf der Erdoberfläche soviel eigenständige Karsterscheinungen, daß der gut 3 km entfernt liegende Stollen nicht in Betracht gezogen werden braucht.
Das königliche Bergamt zu Eisleben berief den Bergrat RICHTER zum Gutachter, der am 09. Juni 1901 sein Gutachten vorlegte. Zur Schuld des Sangerhäuser Bergbaus bemerkte er vorsichtig:
(1)"... An dem im Frühjahr 1901 im Pfarrgarten zu Großleinungen gegangenen Erdfalle vermag ich dem Mansfeld Bergbau weder eine unmittel-, noch eine mittelbare Schuld beizumessen. Das Dorf und die Umgebung von Großleinungen liegen über einem Theil desjenigen uralten Schlottenreviers des Zechsteingypses, welches den Südharz umsäumt ..."
Aber ganz sicher war sich RICHTER nicht:
(1)"... Es ist zwar nicht möglich, daß ein solcher (Wasser-) Strom s.Z. durch die Anlage des bei Sangerhausen zu Tage tretenden Segen-Gottes-Stollens der Mansfeldischen Gewerkschaft angefahren und dabei aus dem früheren Laufe abgelenkt ist. Aber selbst wenn dies auch positiv erwiesen wäre, was immerhin noch nicht der Fall ist, so kann man m.E. deshalb der Mansfeldischen Gewerkschaft doch bei weitem noch keine, auch keine unmittelbare Schuld an den Vorgängen in Großleinungen zusprechen ..."
RICHTER ließ den Erdfall umsäumen und weiter beobachten. Er hoffte, daß mit eintretender Schneeschmelze das Wasser den sichtbaren Schlamm beseitigen würde und der Schlottenraum im Gips sichtbar würde. Das geschah jedoch nicht. Er kam zu einer recht logischen Schlußfolgerung:
(1)"... Ebenso wie Erdfälle in der Vergangenheit hier früher aufgetreten sind, wird man auch in der Zukunft mit demselben immerhin rechnen müssen. Unbedingt sichere Vorbeugungsmaßnahmen gegen die Wiederholung ähnlicher Vorkommnisse gibt es nicht ..."
Als eine mögliche Ursache für die fortschreitende Verkarstung sah RICHTER die zwischen Hainrode und Großleinungen befindliche Ankenbergschwinde. Der alte noch vorhandene, aber trockene Bachlauf zeigte an, daß sich diese Schluckstelle erst vor denkbarer Zeit gebildet haben mußte.

Der Regierungspräsident teilte 1901 mit:

"... Die Durchsicht der Recesse und Gemarkungsarten von Großleinungen und Umgebung hat ergeben, daß schon seit altersher der Lauf des Hainröder Baches am Ankenberge durch Versickerung in den dort vorhandenen Schlotten ein Ende gefunden hat ..."
Warum er diese Antwort gab, die wohl kaum den Tatsachen entsprach, war klar. Wenn das Wasser schon immer diesen Verlauf genommen hatte, gab es für den Staat erst einmal keine Verpflichtung, mit eigenen Kosten den Bachlauf neu zu regulieren. Das drückte er in diesem Schreiben auch ganz klar aus:
"... Eine willkürliche Änderung des Bachlaufes hat mithin nicht stattgefunden, somit ist auch eine Person, die die Kosten einer etwaigen Verlegung des jeweiligen Bachlaufes zu tragen hat, nicht vorhanden ..."
Auf einer Karte des Leinunger Bergbaureviers um 1759 ist der Lauf des Hainröder Baches durch Großleinungen eingezeichnet. Auch die großen "Erdfälle" am Ankenberg sind dargestellt, ohne daß ein Bach dort einfließen würde.
Diese Karte fiel uns beim Sichten alter Bergbauunterlagen auf, wir maßen dieser Angelegenheit damals jedoch keine Bedeutung bei, so daß wir momentan keine Quellenangabe machen können.
Eine Notiz in der Pfarr-Chronik von Hainrode beweist, daß der Hainröder Bach wohl des öfteren seine Schlucklöcher verlegte und auch bei entsprechendem Wasserandrang oberflächlich nach Großleinungen der Leine zufloß:
"... 1845 / Als Merkwürdigkeit verdient bemerkt zu werden, daß schon seit 1843 das Loch im Ankenberge, welches das Wasser des Baches, der durch unser Dorf fließt, seit undenklichen Zeiten verschluckt hatte, verschüttet worden war, so daß sich ein großer Teich bildete, wo früher eine schöne Wiese gewesen. Das Wasser strömte nun durch das Feld nach Großleinungen zu und verdarb viele Aecker. Durch einen neu angelegten Graben wurde es später in eine andere Schlotte geleitet ..."
Wenn man sich aufmerksam in der Gegend der heutigen Ankenbergschwinde umsieht, erkennt man viele ehemalige Schluckstellen. Heimatforscher WEDEKIND aus Großleinungen hat sich ebenfalls sehr um die Aufklärung der Geschehnisse im Pfarrgarten bemüht. Er berichtet in einem unveröffentlichten Bericht, daß man sich versucht hat, durch Färbungen den Zusammenhang zwischen dem Wasser der Ankenbergschwinde und dem Wasserzulauf am Boden der Erdfälle im Pfarrgarten nachzuweisen.
(2)"... Da man annahm das Wasser stände mit dem im Ankenberg verschwindenden Wasser in Verbindung, wurden Versuche zur Begründung der Annahme durchgeführt. Das Wasser am Ankenberg wurde gefärbt, Häcksel wurde auch nicht festgestellt ..."
WEDEKIND fand in den Abrechnungen auch eine Lieferung über den Farbstoff Uranin aus den Farbwerken Hoechst, was beweist, daß die Wasserfärbungen wirklich durchgeführt wurden. Ein Nachweis über die Zusammenhänge zwischen Ankenbergschwinde und dem den Erdfällen zusitzenden Wassern konnte nie erbracht werden.
Auch die Untersuchungen von VIETE und SCHUSTER in den fünfziger Jahren brachten keine Anhaltspunkte über den Verbleib des Wassers.
Wahrscheinlich fließen die Wässer über Schlotten und später über Klüfte im Zechsteinkalk den Abbaufeldern des Thomas-Müntzer-Schachtes zu.
In Großleinungen braucht sich bestimmt niemand durch die versickernden Wässer des Hainröder Baches bedroht zu fühlen. Wie dem auch sei, der Bergrat RICHTER schlug vor:
(1)"... Schleunigste Regulierung des Hainröder Baches kann Großleinungen m.E. vor weiteren, ganz unberechenbaren Schäden bewahren ..."
RICHTER erhielt ein Honorar von 50 Mark und damit schien der Fall abgeschlossen.

Aber in der Nacht vom 28. zum 29. Dezember 1902 ereignete sich ein neuer Erdfall, nur noch 10 Meter vom Pfarrhaus entfernt. Sein Durchmesser betrug etwa 5 m, seine Tiefe 12 m. Am 8. Januar 1903 erfolgte eine Ortsbesichtigung. RICHTER stellte in seinem Gutachten vom 09.01.1903 fest, daß die Ankenbergschwinde mit dem versickernden Hainröder-Bach immer noch eine Gefahr darstelle und bisher keine Abhilfe geschaffen wurde. Zum Pfarrhaus selbst bemerkte er:

(1)"... Ich halte den jetzigen Zustand für das Pfarrhaus sehr gefahrdrohend. Es ist ja möglich, daß zunächst sich nichts weiter ereignet, aber auf der anderen Seite ist die Möglichkeit zum Mindesten genau so groß, daß ebenso plötzlich, wie jene 3 Erdfälle früher gegangen sind, jetzt wo die unterirdischen Verhältnisse eigentlich viel ungünstiger liegen, jeden Augenblick ein neuer Erdfall unmittelbar am oder vielleicht gar unter dem Pfarrhause entstehen kann. Die sofortige Räumung der Pfarre als Wohnung für Menschen erachte ich daher zur Zeit für ein unbedingtes Gebot der Vorsicht... "
Außer der unbedingten Umleitung des Hainröder Baches machte RICHTER jedoch noch einen Vorschlag, der kurze Zeit später realisiert werden sollte.
(1)"... Sodann empfehle ich baldmöglichst im kommenden Frühjahr durch einen kleinen Versuchsschacht im Pfarrgarten die Gipsschlotten anzufahren, um deren Lage und Ausdehnung unter dem Pfarrhause sowohl, wie unter der übrigen Dorflage möglichst markscheiderisch feststellen zu können. Man wird auf diese Weise vielleicht nicht allein erfahren können, unter welchen Häusern usw. sich größere gefahrbringende Schlotten befinden, sondern man wird nöthigenfalls vielleicht an den gefährdeten Stellen sogar durch Mauerpfeiler die gebrochenen Stellen des Deckgebirges noch sichern können ..."
Die königliche Regierung zu Merseburg bewilligte einen Beitrag zu den Kosten der Ausmietung des Pfarrers und der bergtechnischen Untersuchungen am 07.02.1903.
In einem Schreiben an den Minister für geistliche Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten in Berlin wurde mitgeteilt:
(1)"... Es wurden infolgedessen polizeilicherseits die sofortige Räumung des Pfarrhauses verfügt, und von der Kirchengemeinde die anderweitige Unterbringung der Pfarrerfamilie übernommen. Man kam so dann dahin überein, daß bei Eintritt geeigneter Jahreszeit eine fachmännische unterirdische Untersuchung des Erdfalls und seiner Umgebung vorgenommen werden sollte, um zu einem möglichst sicheren Urteil darüber zu gelangen, ob und inwiefern eine Gefahr für die Sicherheit des Pfarrhauses oder Pfarrgrundstückes vorliegt und nach welcher Richtung etwa sich die Erdfälle fortsetzen werden ..."
Unter der Leitung des Bergrats RICHTER wurde ein Schacht von 23 m Tiefe abgeteuft und von dort eine Untersuchungsstrecke in Richtung Pfarrhaus aufgefahren. RICHTER berichtet am 26.09.1903 darüber:
(1)"... Infolge der früher schon begründeten ungünstigen Wasserverhältnisse ist es bisher nicht gelungen, in die eigentlichen Hohlräume ... einzudringen. In den bisherigen Arbeiten ist, soweit sie sich im anstehenden gewachsenen Gebirge bewegt haben, ein dunkelgrauer Thon durchfahren worden, der von Fasergypsknollen und Bändern amorphen Gyps-Stücken und Bänken, sowie von Buntsandsteinmassen durchsetzt oder durchwachsen ist. Außerdem ist das bezeichnete Gebirge sowohl von unregelmäßig gelagerten sogenannten Schmier-, wie auch von offenen Klüften durchzogen, aus denen viel Wasser unter geringem Druck ausfließt. Diese Thone und Gypse bieten dem fließenden Wasser außerordentlich wenig Widerstand dar. Sie lösen sich im Wasser sehr leicht auf und werden von letzterem dann unschwer fortgeschlämmt ..."
RICHTER kommt zu dem Schluß, das die Tone und Gipsbrocken im fließenden Wasser noch schneller aufgelöst werden als der feste Gips. Er bezweifelt schon, eine noch feste und intakte Höhle zu finden.
(1)"... so schließe ich daraus, daß in jener Gegend die unterirdischen Wasser sich eben nicht mehr nur in den festen Gypsen bewegen, sondern daß sie sich über diesen hinaus aufwärts schon höher gefressen haben und daß die Wasser nun auch in jenen oben beschriebenen, so wenig widerstandsfähigen Thonen wühlen und wüthen ..."
Die Arbeiten gestalteten sich schwieriger als erwartet. Der erhoffte Erfolg, eine Höhle nachzuweisen, blieb aus. Unter der Bevölkerung von Großleinungen wurden Stimmen laut, die gegen eine Weiterführung der Untersuchungen waren.
RICHTER berichtet hierüber:
(1)"... Da es sich um eine vis major handelt, da ferner die das ganze Unheil anrichtenden Wasser auch von weit her außerhalb des Gemeindebezirkes, ja selbst des Kreises herrühren, so würden nach meiner Ansicht nicht allein die bisher schon entstandenen, nicht unbedeutenden Kosten, sondern auch die Kosten für die weiteren Untersuchungsarbeiten der Kirchengemeinde ab und auf andere Schultern zu übernehmen sein. Letzte Ansicht herrscht ebenfalls wohl in Großleinungen vor, und ich glaube darin auch den Grund für eine Art passiven Widerstand zu finden, der sich nach meinen Beobachtungen schon längere Zeit in Großleinungen gegen die Untersuchungsarbeiten geltend macht, der ferner wohl auch zur Folge hat, daß die bei den Arbeiten beschäftigten Leute in der letzten Zeit ihre Löhne so unregelmäßig und verspätet erhalten haben ..."
Am 03. Oktober 1903 fand dann auch eine Gemeindevertretersitzung statt, bei der sich die Großleinunger ganz klar ausdrückten:
(1)"... Die kirchliche Vertretung der Pfarrgemeinde erklärt:
Nachdem die bergmännische Untersuchung ergeben hat, daß eine Gefährdung des Pfarrhauses vorliegt, ist das Interesse der Pfarrgemeinde an diesen Untersuchungen erschöpft. Wir lehnen es daher ab, unter unserer Verantwortung und Leitung und auf Kosten der Pfarrgemeinde die Untersuchungsarbeiten fortsetzen zu lassen. Sollte nach dem Urteil der zuständigen Behörden mit Rücksicht auf die für die Dorflage von Großleinungen vorliegende Gefahr, eine Fortsetzung der Arbeiten erforderlich erscheinen, so haben wir hiergegen unter der Voraussetzung nichts einzuwenden, daß uns weitere Kosten hieraus nicht entstehen ..."
Nun kämpfte RICHTER um zusätzliche finanzielle Mittel. Es fand eine neue Ortsbesichtigung statt. Das königliche Bergamt wurde durch einen Herrn KAST vertreten. Dieser machte wichtige Feststellungen, die in einem Protokoll vom 15.04.1904 niedergelegt wurden:
(1)"... Nach den Ergebnissen dieser Ortsbesichtigung und der damit verbundenen Erkundigungen erscheint es uns im Gegensatz zu der Auffassung des Bergrevierbeamten zu Eisleben im hohen Grade fraglich, ob eine Fortsetzung der kostspieligen bergmännischen Untersuchungsarbeiten ratsam ist ..."
KAST schlug vor, das zusätzlich bewilligte Geld nicht für weitere Untersuchungsarbeiten zur Verfügung zu stellen. Vielmehr könne das Geld zur Verlegung des Pfarrhauses verwendet werden. Er stimmte allerdings zu, Überlegungen anzustellen, den Hainröder Bach zu verlegen und wieder durch das Dorf fließen zu lassen. Allerdings verwies er auch auf kostspielige Regulierungsarbeiten, da ein alleiniges Umleiten keine Lösung bringen würde.
Zwischen KAST und RICHTER kam es zum Ausbruch offener Gegensätze, aber auch andere Gutachter lehnten in der Zwischenzeit weitere bergmännische Untersuchungen ab.
Trotz allem entschied man sich, die Arbeiten mit geringen Mitteln noch zu Ende zu bringen. Steiger ENGEL leitete die Vortriebsarbeiten. Er berichtete über seinen von RICHTER erhaltenen Auftrag am 31.08.1904:
(1)"... Zur Fortsetzung der Untersuchungsarbeiten im Pfarrgarten zu Großleinungen wurde mir von dem Königlichen Bergrevierbeamten Herrn Bergrat RICHTER zu Eisleben folgender Auftrag erteilt:
Den vorhandenen Hauptschacht durch zehn angelieferte Drahtseile in gesicherter Weise aufhängen zu lassen, so daß eine Rutschung desselben voraussichtlich nicht erfolgen kann. Abteufen eines neuen blinden Schachtes 3 m lang, 1,5 m breit bis zu einer Gesamtteufe von 35 m, d.h. von über Tage gerechnet, bzw. bis auf den Bruchkegel, auf keinen Fall in den alten Bruchkegel hinein. Von hier aus eine Strecke 1 m breit, 1,8 m hoch in Richtung Abbort auffahren. Bei Antreffen des Bruchkegels auf diesem tonnlagig in derselben Richtung auffahren. Beim Abteufen ist stets ein Bohrloch 2 m senkrecht vorzubohren, sowie in derselben Weise diagonal in der Schlottenrichtung. Sollte Schießarbeit nötig sein, so geschieht dies mittelst kleiner Pulverschüsse, um durch die Erschütterung den Hauptschacht nicht zu gefährden ... Sobald die Schlotten angefahren sind, vorsichtig absuchen unter fortgesetzten Beklopfen der Firste und Stöße, sowie in geeigneter Weise und Entfernung Verbindungsmänner aufstellen zur Sicherung des Rück- bzw. Fluchtweges ..."
RICHTER ging in Urlaub und sein Vertreter, Berginspektor ERDMANN, leitete die Untersuchungen. Beim Abteufen des Blindschachtes erfolgte starker Wasserzufluß, etwa 90 l/min. Man wollte das Wasser von allein ablaufen lassen, man hatte die ganze Zeit beobachtet, daß es dies auch in Richtung des Erdfalls tat. Also wurde ein Bohrloch vorbereitet, um dem Wasser Lösung zu verschaffen.
ERDMANN berichtet darüber:
(1)"... Nach dem Bericht von Steiger ENGEL wurde mit diesem Bohrloch bei 1,75 m Tiefe eine feste Gypsbank angebohrt und bis zu 2,25 m Bohrlochtiefe durchbohrt.
Bei dieser Bohrlochtiefe hörte plötzlich jeder Widerstand auf, der Bohrer ging etwa 1/2 m tief ab, und es erfolgte ein starker Wasserandrang aus dem Bohrloch. Das Bohrloch ist darauf dicht verkeilt und der Wasserzufluß aus demselben abgedämmt worden. Die Versuchsarbeiten sind alsdann eingestellt worden ..."
Hinsichtlich des zu erwartenden Erfolges bemerkte ERDMANN:
(1)"... Ein Eindringen in die unterirdischen Hohlräume ist z.Z. nicht möglich und wird mit einiger Aussicht auf Erfolg erst nach Ableitung des Hainröder-Bach- und Borstenthaler-Stollen-Wassers wieder versucht werden können. Bei der Unsicherheit des Erfolges dürfte m.E. von einem nochmaligen Versuch in die Schlotten einzudringen abzusehen und vielleicht durch Stoßen einiger Bohrlöcher der Verlauf der Schlotten unter dem Dorfe Großleinungen festzustellen sein ..."
Am 31. März 1905 versuchte RICHTER in einem Schreiben nochmals seine, nun fast schon fixe Idee durchzusetzen, die vermeintlichen Schlotten unter Großleinungen doch noch zu betreten:
(1)"... Ich habe die Frage, ob das von meinem damaligen Vertreter, Herrn Berginspektor ERDMANN, angeregte Niederbringen einiger Bohrlöcher zu neuen Aufschlüssen führen werde, wiederholt und eingehendst erwogen. Ich bin schließlich zu dem Ergebnis gekommen, das Neues durch die nicht billig und vielleicht auch nicht so ganz gefahrlos (für die Oberfläche und für die Arbeiter) niederzubringenden Bohrlöcher schwerlich festgestellt werden wird. Meine allerdings nicht von allen Seiten geteilte Ansicht, daß sich auch unter dem Pfarrhause noch offene Hohlräume befinden, hat m.E. gerade durch die letzten Untersuchungsarbeiten im vorigen Spätsommer neue Bestätigung gefunden. Ich habe auch bei den Arbeitern über das bei jenen letzten Arbeiten erfolgte Durchbohren der "festen Gypsbank" zwischen 1,74 und 2,25 m Bohrlochtiefe und über das "plötzliche Aufhören jeden Widerstandes und das etwa 1/2 m tiefe Abgehen" des Bohrers persönlich noch Erkundigungen eingezogen. Aus diesen Erkundigungen ergibt sich m.E. als zweifellos, das der Bohrer auf ein festes Gegenüber in dem angefahrenen Hohlraum überhaupt garnicht gekommen ist, daß das unmittelbar unter oder neben den Schächtchen ein größerer offener Schlottenraum vorhanden war ..."
Doch alle weiteren Ausführungen nutzten RICHTER nichts. Sein Traum, eine Höhle sichtbar zu machen oder gar zu betreten erfüllte sich nicht. Am 08.08.1905 hat Berginspektor ERDMANN, die Verfüllung des Versuchsschachtes einleiten zu können. Am 18.08.1905 erhielt RICHTER dazu die Genehmigung, aber auch ganz klar eine Mitteilung des Oberbergamtes:
(1)"... Wir sprechen die Erwartung aus, daß sich nach Beendigung der fraglichen Arbeiten sich jeder weiteren Einmischung in die Angelegenheit enthalten ..."
Das Oberbergamt versuchte am 23.03.1906 in einem Schreiben an den Regierungspräsidenten die ganze Angelegenheit dann endgültig zum Abschluß zu bringen.
(1)"... Der Versuch in die Schlotten einzudringen ist wegen der in der Natur der Sache liegenden, unüberwindlichen Schwierigkeiten mißglückt und dürfte auch unter Aufwendung der größten Mittel schwerlich gelingen ...
... Es handelt sich hiermit um längst vollständig verbrochene Schlotten, und ob unter dem Pfarrgarten jetzt überhaupt noch offenstehende Schlottenräume vorhanden sind, erscheint höchst fraglich. Sind solche aber wirklich vorhanden, so liegen sie zweifellos so tief, daß sie unter Wasser stehen und um zugänglich zu sein, erst leer gepumpt werden müßten. Von einem Auspumpen der etwaigen Schlottenräume muß aber ganz abgesehen werden, daß dieses sehr schwierig und kostspielig sein würde, entschieden abgeraten werden, weil wie die Erfahrungen beim Mansfeld'schen Bergbau gezeigt haben gerade dann die Erdbewegungen eintreten, wenn Schlotten von ihrem Wasser entleert wurden. Man würde demnach in Großleinungen auf diese Weise künstlich die Verhältnisse schaffen, an denen die Stadt Eisleben so schwer zu leiden gehabt hat.
Was sodann den Vorschlag anbetrifft, den Hainröder Bach abzuleiten, ist es richtig, daß sich hierdurch nicht eine Beseitigung, sondern nur eine Verminderung der Gefahr erzielen läßt. Die Kosten für die Ableitung des Baches sind von dem Meliorationsbeamten auf 74 000 M, von dem Bergrevierbeamten auf 90 000 M veranschlagt worden. Eine so große Summe für eine nur halbe Maßregel aufzuwenden, kann wohl nicht in Frage kommen ...
... dürfte es sich doch vielleicht empfehlen, erst noch ein oder zwei Jahre vergehen zu lassen, bevor das Pfarrhaus wieder bezogen wird. Wenn dann in der Zwischenzeit kein neuer Erdfall sich ereignet hat, wird, zumal wenn inzwischen der Hainröder Bach abgeleitet ist, kein Anlaß zur besonderen Besorgnis für das Pfarrhaus mehr vorliegen ..."


Damit waren alle Untersuchungen beendet, alles blieb beim alten. Geld war nicht vorhanden, an die Umleitung des Hainröder Baches dachte niemand mehr, und es fand sich auch keiner, der nochmal in die "geheimnisvolle Schlotte" unter Großleinungen eindringen wollte. Daran änderte sich auch nichts, als im Februar 1915 der Bruch erneut niederging.
Auch im Dezember 1921 belebte sich der Bruch.
Das Pfarrhaus wurde wieder gesperrt und erst im Oktober 1927 wieder bezogen.
Das Pfarrhaus steht übrigens heute noch, von Erdfällen völlig verschont. Auch fließt der Hainröder Bach nach wie vor in seine Schwinde und tritt einen unbekannten unterirdischen Lauf an.
Die Großleinunger kennen auch in unserer Zeit noch diesen oder jenen älteren oder gar jüngeren Erdfall. Die große unbekannte Schlotte aber sucht niemand mehr.
Die große Suchaktion im Pfarrgarten ist in Vergessenheit geraten.
 

Literatur

(1)Staatsarchiv Magdeburg , Akte Rep F 16, Nr. 217
(2)WEDEKIND , unveröffentlichtes Manuskript
Auszüge aus dem Kirchenarchiv
Großleinungen
 
Quelle:
Christel und Reinhard VÖLKER
DIE SUCHE NACH SCHLOTTEN
Heft 12, Mitteilungen des Karstmuseums, Uftrungen