Von diesem vergriffen geglaubten Heft zur Südharzer Regionalgeschichte sind Restbestände wieder aufgetaucht und können über den Förderverein Deutsches Gipsmuseum und Karstwanderweg e.V. erworben werden [webmaster@karstwanderweg.de ]


Dolinen und Erdfälle im Sulfatkarst des Südharzes

- von Christel und Reinhard Völker -


Inhalt

Der Sulfatkarst am Südharzrand
Am Südrande des Harzes streichen Zechsteingipse und -anhydrite aus, welche intensiv verkarstet sind. Nach Süden geraten diese verkarstbaren Gesteine zunehmend unter Bedeckung. Meist ist es der Buntsandstein, der sie verhüllt. Große Krater an der Oberfläche verweisen jedoch darauf, daß im tieferen Untergrund Verkarstungserscheinungen vorhanden sein müssen.
Der genannte Karststreifen ist etwa auf 35 km Länge aufgeschlossen. Mal ist er nur 100 m breit, mal einen Kilometer. Dem Anhydriten und Gipsen zwischengelagerte Gesteinsschichten unterbrechen häufig die Karstlandschaft.
Das sind Stinkschiefer, Plattendolomit sowie Auslagerungsreste in Form von Tonen, Einsturzbrekzien und Dolomiten. Auch diese Gesteine verraten durch morphologische Landschaftselemente die darunter liegenden verkarstbaren Sulfate. Es hat sich im Verlaufe von Jahrhunderten und Jahrtausenden ein reizvolles Landschaftsbild entwickelt. Die Landschaft ist meist von Buchenwäldern bestanden, ein Teil der Landschaft ist als typische Trockenrasenvegetation ausgebildet. Nackte Gesteinsflächen sind selten, sie schimmern zwischen den Rasenbüscheln hervor. Das Gestein ist mehlartig verwittert, der lösliche Anteil hinweggeführt.
Die Alten sprachen von „Himmelsmehl“.
An vielen Stellen kann man mehrere Meter graben, ehe man durch dieses „Himmelsmehl“ wieder auf festes Gestein stößt.
Man kann sagen, daß der Sulfatkarst am Südharzrand als „grüner“ Karst ausgebildet ist.
Große nackte Karrenfelder, wie im klassischen Karbonatkarst, gibt es nicht. Fast überall verhüllt die Vegetation das weiße Gestein.
Schon vor dem Mittelalter wurde das Gestein an allen möglichen Orten gebrochen, gebrannt und als Bindemittel benutzt. Der meist unter einer Gipsrinde liegende Anhydrit wurde wegen seiner höheren Härte und Bearbeitbarkeit häufig als Baustein verwendet. So entstanden an vielen Stellen Steinbrüche und Gruben, die heute als überwucherte „Narben“ einen Einblick in das Gestein gestatten. Manch künstliche Abbauhöhlung täuscht dem Laien eine Höhle vor, andererseits gibt es fast keine künstliche Auffahrung, bei der man nicht Karsterscheinungen und auch Höhlen gefunden hat.
Nicht wegzudenken aus der Karstlandschaft des Südharzes sind hunderte und tausende von Halden des historischen Kupferschieferbergbaus. Der Kupferschiefer begrenzt nach dem Liegenden die Folge der verkarstbaren Zechsteinsulfate.
Auf der Suche nach Kupferschiefer durchfuhren die alten Bergleute mit ihren Schächten das verkarstbare Gestein, und sie waren auch die Entdecker der größten und gewaltigsten Karsterscheinungen des Südharzes - der sogenannten Schlotten.
Seit 1987 durchquert ein 48 km langer Wanderweg, der Karstwanderweg, einen Teil der Sulfatkarstlandschaft und gestattet einen Einblick in diese wechselvolle Landschaft mit ihren Karsterscheinungen, alten Steinbrüchen, Bergbauhalden und ihrem gesteinsbedingten Auf und Ab in den morphologischen Landschaftsformen.
Mal steht man vor Bergen aus „Himmelmehl“, mal ist es der weiche Gips, mal der harte, klingende Anhydrit. Von den dolomitischen Beimengungen abgesehen, handelt es sich in allen Fällen um Kalziumsulfat. Der Anteil an Kristallwasser bedingt den Unterschied zwischen Gips und Anhydrit. Häufig sind beide miteinander, nebeneinander und untereinander vertreten. Da ragen aus der Gipsrinde große Anhydritblöcke und -klippen. Eine Gipshöhle zeigt unter UV-Licht, daß die Wände der Höhle zu großen Teilen aus Anhydrit bestehen. Anhydritwände sind oft an den Klüften stark vergipst und in Richtung des allgegenwärtigen Wassers mit mehr oder weniger starken Gipsrinden umgeben. Da man wohl kaum sauber zwischen Anhydrit- und Gipskarst unterscheiden kann, faßt man das alles unter der Bezeichnung „Sulfatkarst“ zusammen.
Im Sulfatkarst geht der Verkarstungsprozeß sehr schnell vonstatten. Etwa 2 kg Gips können sich in einem Kubikmeter Wasser lösen. Das ist recht viel. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, warum ein frischer Bergsturz, in einen Bach gerollt, nach Wochen oder Monaten fast verschwunden ist.
Da entstehen Höhlen in wenigen Wochen durch geplatzte Wasserleitungsrohre, werden Felsen sichtbar vom Regenwasser zerfressen, erniedrigt sich die Karstoberfläche durch Auflösung und Abtrag ständig.
Das mürbe Gestein, von intensiv vergitterten Klüften vorgezeichnet, neigt leicht zu Verbruch.
Vergipsungserscheinungen (die Umwandlung von Anhydrit in Gips durch Wasseraufnahme) mit bedeutender Volumenzunahme blähen aus der Felswänden ganze „Bäuche“, die meist bei Spaltenfrost donnernd in die Tiefe stürzen. Es vergeht kein Jahr, wo nicht an den Felswänden der aktiven Ponore Blöcke gelöst werden und oft ganze Wände abstürzen, wie z. B. an der Dinsterbachschwinde bei Questenberg oder an der nun schon durch mehrere Bergstürze verschütteten Stephanshöhle.
Auch in den Höhlen kann man bei guter Beobachtung ständige Veränderungen sehen.
Die Verfasser, die seit einigen Jahren in diesen Höhlen arbeiten, haben im Verlauf der letzten Jahre verfolgen können, wie sich viele Kubikmeter Gestein von den Wänden und Decken lösten oder auch in Höhlengewässern aufgelöst wurden, und damit große Trümmerhalden in Bewegung gerieten. Im Sulfatkarst verändert das unterirdisch fließende Wasser in kürzester Zeit seinen Weg. Zuflüsse und Traufstellen in der Heimkehle wechseln Ort und Intensität innerhalb eines Jahres mehrmals. Der aktive Ponor am Natureingang der Heimkehle, der einer ständigen Beobachtung unterliegt, verwandelt sein Umfeld wie in einem Zeitrafferfilm.
Ein Besuch der Dinsterbachschwinde oder des Schwindenbeckens des Bauerngrabens in vierwöchigem Abstand zeigen dem aufmerksamen Beobachter deutliche Veränderungen. Die auflösende Kraft des Wassers läßt das Sulfatgestein schwinden, schafft typische Groß- und Kleinformen, die man als Karsterscheinungen bezeichnet. Die augenscheinlichsten Karsterscheinungen des Sulfatkarstes sollen im folgenden vorgestellt werden und ihre Entstehung in Zeichnung und Bild sichtbar gemacht werden.
Damit sind nicht alle Karsterscheinungen des Sulfatkarstes erwähnt. Bei einer Wanderung durch den Sulfatkarst und beim Lesen der Veröffentlichungen des Karstmuseums wird man aber immer wieder auf bestimmte Begriffe stoßen und bestimmte Formen werden ins Auge fallen.
Am auffälligsten sind die „Kraterlandschaften“, im Volksmund vereinheitlicht als „Erdfälle“ bezeichnet.
Dieses Heft beschäftigt sich ausschließlich mit diesen Kratern.
In folgenden Heften sollen andere Erscheinungen des Sulfatkarstes am Südharzrand behandelt werden.


Erdfälle und Dolinen
Den Bewohnern der Umgebung des Südharzes ist der Begriff „Erdfall“ eingehend bekannt. Man weiß, daß da zu unpassender Zeit mit Donnern und Getöse ein tiefes Loch einbrechen kann, ein Bach plötzlich in der Tiefe verschwindet, ein Stück Ackerland geschluckt und sogar ein Gebäude in die Tiefe gerissen werden kann.
Wie Narben überziehen diese Krater den Zechsteingürtel des Südharzes. Da gibt es uralte tiefe Löcher, teils trocken, teils wassergefüllt. Andere sind längst verflacht, starke stämmige Bäume wachsen in ihnen. In einigen lagern sogar Halden. Die alten Bergleute dachten vom Grunde eines solchen Kraters, leichter einen Eingang in die Tiefe finden zu können. So mancher „Erdfallschacht“ wurde geteuft. Die in Ortschaften heruntergebrochenen Krater wurden schnellstens verfüllt, geblieben sind Geschichten, in kürzester Zeit entstellt und übertrieben, oft wurde aber auch alles wieder vergessen. Um diese Krater ranken sich Sagen vom Teufel, der hier sein grausames Spiel trieb oder von bösen Menschen, die hier zur Strafe ihres Treibens versenkt wurden. Etwa 3000 solcher Löcher kann man am Südharzrand zählen. Erhalten geblieben sind aber nur die im Walde. Auf Feldern und in Ortschaften wurden sie schnell verfüllt, in jüngster Zeit oft ein willkommener Anlaß zum Verfüllen mit allem denkbaren Müll und Schutt! Scharfe Kontrollmaßnahmen haben das glücklicherweise zunehmend verhindern können. Eine Karte aller bekannten Krater zeigt oftmals Loch an Loch, allerdings ist klar, daß diese Löcher nur noch ein Teil aller je entstandenen sind.
Viele sind verfüllt durch Zeit, Naturvorgänge oder menschliche Arbeit uns somit meist vergessen. So war es unbekannt, daß in Uftrungen ein großer Erdfall existierte, der heute fast völlig überbaut ist.
In den letzten Jahren eintretende Einbrüche und Häuserschäden zeigten jedoch nach langer Nachforschung, daß in der Bevölkerung noch Kenntnis von insgesamt 30 derartigen Kratern vorhanden war. Das dürfte nicht nur in Uftrungen so sein.

Bild 1
Viele Dolinen bilden in der Zeit der Schneeschmelze teilweise Seen.
Questenberg, März 1987.
Um all diese Krater machten sich die Leute Gedanken, aber nicht nur in Form von Sagen und Legenden.
Naturforscher beschäftigten sich schon vor fast 300 Jahren mit Deutungsversuchen.
So schrieb der schon oft zitierte HENNING BEHRENS 1703 in seiner „Hercynia curiosa“:
(5) „ . . . Was den Ursprung dieser wässerigen Erd-Fälle anbetrifft, so rühren solche von denen tieffen unterirdischen Wassern her, denn wenn von denselben die in der Tieffe vorhandene Erde zum Theil abgeschwemmet theils aber nur erweichet wird, so kan es nicht anders sein, als daß von solcher etwas ab- und auff den Grund gedachter Wasser falle, alsdenn von Jahren zu Jahren die innere Grund-Erde so lange nachschiesset, biß endlich daraus eine Höle entstehet, weilen aber auff solche Art der obern ihr Fundament oder Grund-Feste benommen worden, so fället alsdenn dieselbe, ihrer Schwere wegen, auff einmahl plötzlich ein, sonderlich wenn dieselbe von einem starcken Donner-Wetter hefftig erschüttert, oder durch einen heftigen Platz-Regen erweichet und schwer gemachet wird. Aus vor besagten ist nun ebenfalls zu schliessen, woher der Unterschied solcher Erd-Fälle entstanden, und einer von dem andern tieff und weit sei . . . ein jeder leicht erachten kan, daß, je tieffer und grösser das Wasser unter der Erden an einem Ort sich befinde, je tieffer und grösser auch ein Erd-Fall daselbst sein müsse . . .“
Auch alle folgenden Gelehrtengenerationen, bis in die heutige Zeit, waren sich darüber einig, daß diese Krater ausnahmslos Einbrüche von Höhlendecken seien. Es gab und gibt Bestrebungen, aus dem Durchmesser und der Tiefe dieser Krater Rückschlüsse auf die darunter liegenden Hohlräume zu ziehen. Die Lage der Krater wurde am grünen Tisch mit Lineal und Bleistift zu den bekannten Kluftrichtungssysstemen verbunden.
Die linienhafte Verkettung dieser Hohlformen führte oft zur „Vergewaltigung“ der einzelnen Formen. All dies geschah unter dem Begriff „Erdfall“, man hatte also immer vor Augen, daß da was eingebrochen sein müsse.

Bild 2
Im Uvala „Saugasse“.
Bereits in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts übte der Nordhäuser Höhlenforscher SCHUSTER an dieser Verallgemeinerung Kritik. Er bemerkte, daß bestimmt unter den vielen Hohlformen auch echte Dolinen vorhanden seien, konnte aber keinen Beweis antreten.
Der Freiberger Höhlenforscher Dr. D. MUCKE trat seit 1974 konsequent dafür ein, die vereinheitlichende Bezeichnung Erdfall fallen zu lassen und diese Krater in drei Formen zu gliedern, so wie es eigentlich international üblich war: Erdfälle, Einsturzdolinen und Lösungsdolinen.
VÖLKER konnte durch seine Arbeiten in den achtziger Jahren den Nachweis erbringen, daß die heute in den Wäldern noch vorhandenen Krater meist echte Dolinen sind. Warum dies so ist, läßt sich eigentlich recht einfach erklären. Dazu muß jedoch zuerst definiert werden, wie diese drei genannten Hohlformen auseinandergehalten werden sollten.
Der Erdfall entsteht, wenn ein nicht verkarstungsfähiges Gestein über dem verkarstungsfähigen Gestein liegt. Erdfälle sind deshalb nur im bedeckten Karst möglich. Auf Klüften oder in wasserleitenden Gesteinen, wie Stinkschiefer, Plattendolomit oder Zechsteinkalk fließt Wasser, welches mit dem Sulfatgestein in Berührung kommt und dieses auslaugt. Dabei kommt es zur Höhlenbildung. Diese Höhlenbildung kann unterschiedlichster Form sein und soll an dieser Stelle nicht betrachtet werden. Modellkonstruktionen, wonach in den Höhlen flache, weit gespannte „Laugdecken“ entstehen, die dann statisch nicht mehr funktionsfähig sind und verbrechen, brauchen nicht bemüht werden.

Bild 3
Nach der Schneeschmelze sind viele Dolinen mit Wasser gefüllt.
Solche Laugdecken entstehen nur unter ganz bestimmten Umständen und sind für den Sulfatkarst bei weitem nicht so typisch, wie bisher angenommen. Meist wirkt eine Raumnetzsubrosion. Die intensive Kluftvergitterung läßt viele kleine Laugblöcke entstehen, die nach und nach aufgelöst werden und damit Räume mit mit weit und flach gespannten Decken vorliegen. Diese Decken sind keine Laugdecken. Das Labyrinth der Heimkehle ist dafür ein schöner Beweis. In den letzten Jahren wurden viele solcher Beispiele für die Raumnetzsubrosion gefunden, ein Begriff, den Dr. Kurt BRENDEL vor Jahren kreierte. Alle paar Dezimeter liegen an Klüften orientierte Gänge, die Sulfatauflösung schwächt die Trennwände immer stärker. Diese hängen schließlich nur noch als Pedants herab, reißen von der Decke. So entsteht ein flacher, weit gespannter Raum. Der gewölbebildende Verbruch folgt nach. Er kann dabei Formen annehmen, die zu einem Durchbruch bis zur Erdoberfläche führen. Wer aufmerksam die aktiven Teile der Heimkehle betrachtet, die Labyrinthe der Schlotten besucht oder andere aktive Kleinhöhlen des Sulfatkarstes befährt, wird feststellen, daß nicht Laugdecken, sondern Raumnetzsubrosion entscheidende Stabilitätsschwächen herbeiführt.
Der Einbruch ist das letzte Stadium. (Zeichnung 1, Bild 1, 2 und 3)

Zeichnung 1
Die Entstehung eines Erdfalles
Die echten Erdfälle wiederum lassen sich nach dem überdeckenden Gestein, welches mit einbricht, in 5 große Typen teilen. Die Einteilung ist nicht sehr glücklich gewählt, sie gestattet jedoch eine Reihe von Verallgemeinerungen. Die Einteilung geht davon aus, in welchem Deckgestein der Erdfall auftritt.


Stinkschiefererdfälle
Sie sind nur wenige Meter tief und erreichen kaum Durchmesser über 3 Meter. Sie altern sehr schnell, da das plattige Gestein intensiv nachbricht, schnell verwittert und dabei einen guten Boden bildet. Meist sind kleine Stinkschieferhöhlen, die als Reste der eingebrochenen Höhlen erhalten bleiben, befahrbar. Diese Höhlen sind sehr instabil, äußerst verbruchgefährdet, nicht selten aber mit Tropfsteinschmuck versehen. Der für Tropfsteine nötige Karbonatanteil stammt aus dem Stinkschiefer. (Zeichnung 2, Bild 1, 2 und 3).

Zeichnung 2
Die Entstehung eines Stinkschiefererdfalles
a. Stinkschiefer
b. Werraanhydrit
Den Autoren werden jedes Jahr eine Reihe von Stinkschiefererdfällen bekannt. Stinkschiefer bildet oft Verebnungsflächen, diese wiederum werden landwirtschaftlich oder forstwirtschaftlich genutzt. Wenn solche Erdfälle einbrechen, werden sie kaum beachtet. Auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen zwischen Uftrungen und Breitungen, dem sogenannten Hagen, und um Steigerthal kann man oft auf den Flächen ehemalige Einbrüche an der veränderten Vegetation sehen oder frische Einbrüche, durch Stangen markiert, vorfinden.
An der Schmiedehäuhöhle haben die Autoren alle Etappen des Einbruchs bis zum Altern aktiv verfolgen können. Das gleiche trifft für die Erdfälle auf dem Hagen zu.


Erdfälle unter Lockersedimenten
In den Flußtälern und in einigen Teilen des Auslaugungstales liegen meterhohe Schotterpakete, die die Flüsse in den Kaltzeiten dort ablagerten.
So ist das Thyratal im Bereich der Heimkehle etwa 40 m hoch aufgeschottert worden. Alte Karsterscheinungen wurden dabei mit zugeschottert, wie besonders starke Mächtigkeiten der Sedimente, erbohrt bei Rottleberode, beweisen.
An der Basis dieser Schotterlagen befindet sich nach wie vor ein mehr oder weniger starkes Anhydritpaket. Da die Schotter sehr gut wasserleitend sind, fließt ein beachtlicher Grundwasserstrom durch sie hindurch. Dieser führt im Untergrund zu ständigem Materialschwund des Anhydrits. So entstehen mit der Zeit über dem Anhydrit flach gespannte Hohlräume, deren Decken aber nicht aus Karstgestein, sondern aus Schottern bestehen. Diese Decken weisen eine bestimmte mechanische Festigkeit auf, die aber ständig gestört wird. Bei größeren Spannweiten brechen diese Decken zusammen. Das verbrechende Schottermaterial stürzt in den auslösenden Hohlraum und verfüllt diesen. Der Hohlraum verlagert sich so in die Lockersedimente. Decke auf Decke bricht zusammen, und langsam frißt sich der Hohlraum nach oben.
Wie lange diese Wanderung dauert, bis der Erdfall oben ankommt, hat niemand bisher beobachten können. Bei Arbeiten an einer Gasleitungstrasse im Thyratal wurden jedoch durch einen Bagger mehrere dieser noch nicht die Erdoberfläche erreichten Erdfälle angefahren. Die Autoren befuhren diese „Schotterhöhlen“, deren Decke sich etwa 3 Meter unter der Erdoberfläche befand. Es handelt sich um typische Glockenformen, so wie in der Zeichnung 3, Bild 1 bis 6 dargestellt.

Zeichnung 3
Die Entstehung eines Erdfalles in Lockersedimenten
Der Durchmesser dieser Erdfälle ist nie unter 3 Metern, es wurden bedeutend größere Durchmesser festgestellt. Dagegen sind diese Erdfälle nur wenige Meter tief, eine aus der Auflockerung und dem mechanischen Verhalten dieser Lockersedimente völlig erklärliche Tatsache. Diese Form des Hochfressens der Erdfälle entsteht natürlich auch, wenn Restblöcke im Untergrund weiter verkarsten, intensive Raumnetzsubrosion Höhlen unter Schotterbedeckung einbrechen läßt. In jedem Fall erfolgt jedoch das typische „Hochfressen“ des Erdfalles. Unter Umständen kann sich bei starker Schotterbedeckung ein solcher Erdfall durch den Auflockerungsfaktor der Sedimente totlaufen, d. h., er kommt nie oben an. Dieser Vorgang ist der wahrscheinlichste. Nur bei großem Materialschwund ist damit zu rechnen, daß diese Hohlform an der Erdoberfläche sichtbar wird. Bei geringer Schotterbedeckung kann das gesamte Schotterpaket schlagartig durchbrechen, Durchmesser und Tiefe der Erdfälle kann beträchtlich werden.
Typisch dafür sind die Erdfälle im Breitunger Auslaugungstal.

Bild 4
Dolinengelände im Karstschutzgebiet Heimkehle.

Buntsandsteinerdfälle
Diese Erdfälle entstehen durch Verkarstung der vom Buntsandstein überlagerten Zechsteinsulfate. Es entstehen große und tiefe Erdfallformen. Der Verkarstungsherd liegt oft viele Dekameter tief, Durchmesser von über 100 Metern sind dabei möglich, die freie Durchbruchsglocke kann oft 50 m und mehr in die Tiefe befahren werden. Bedeutende Erdfälle dieser Art sind die Erdfälle bei Pützlingen, der jüngste brach 1944 in die Tiefe. SCHUSTER konnte ihn 1952 bis auf 49 m Tiefe befahren. Ein beachtlicher Erdfall ist das große Seeloch zwischen Günzerode und Kleinwechsungen, welches einen Umfang von 650 m hat und Tiefen von 30 m angegeben wurden.
Weitere ließen sich erwähnen. Um all diese großen Bildungen ranken sich Sagen und Legenden, oft widersprüchlichster Art. All diesen Erdfällen ist eigen, daß sie außerhalb des Karstgebietes liegen und doch recht zahlreich in den südlich des Sulfatkarstes gelegenen Buntsandsteinflächen auftraten.
Die großen Dimensionen dieser Erdfälle weisen darauf hin, daß hier ein beachtlicher Materialschwund im Untergrund erfolgt sein muß, der eigentlich kaum noch mit einer Sulfatverkarstung erklärt werden kann. Es dürfte sich um Salzverkarstung handeln, denn wenige hundert Meter südlich vom Sulfatkarst schalten sich Steinsalz und Kalisalz in die Zechsteinablagerungen ein. (Zeichnung 4)

Zeichnung 4
Die Buntsandsteinerdfälle am Rolandsberg

Suffosionserdfälle
Eigentlich sind das schon gar keine echten Erfälle mehr. Durch intensive Auslaugung im Untergrund, teilweise tief unter dem heutigen örtlichen Vorflutniveau, können ebenfalls Hohlräume entstehen.
Der historische Kupferschieferbergbau ist mit mindestens 100 dieser so entstandenen Hohlräume in Berührung gekommen und hat diese auch teilweise benutzt. Vorangegangene Veröffentlichungen des Karstmuseums beschäftigten sich ausführlich mit dieser Problematik.
Bei all diesen in der Tiefe gelegenen Höhlen kann man Verbindungen zur Erdoberfläche nachweisen, die keine Bruchformen darstellen. Das sind Ponore, auf Kluftkreuzen und Kluftvergitterungen angelegt, die zeitweilig Wasser in die Tiefe führten. Oft wurden diese Schächte verschlämmt, Bäume und Laub eingespült und so oft dicht versetzt. Bei Schlottenauffahrungen wurden solche Naturschächte angefahren, in einem sogar ein aufrecht stehender Baum freigelegt.
In die Schlotten münden viele dieser Ponore, die heute völlig verfüllt sind. In den Hohlräumen deuten sie sich durch Einschlämmkegel an.
Zeichnung 5 zeigt eine solche Erscheinung am Beispiel der Elisabethschächter Schlotte. Durch bestimmte hydrologische Vorgänge kann der alte Pfropfen, der diese Verbindungswege verstopft, wieder in Bewegung geraten. Dann rutscht die Erdoberfläche mit in die Tiefe, ein „Erdfall“ deutet sich an, der gar keiner ist. Auch Heimkehle und Schusterhöhle weisen solche Verbindungen zur Erdoberfläche auf, die keinerlei Bruchvorgänge zeigen.
In der Heimkehle findet man ständig fließende Schlammkegel, im Jahr mit etwa 1 cm Bewegung. Auf der Erdoberfläche sind diese Stellen vorläufig nicht auszumachen. Alle 5 Jahre, durch großes Hochwasser bedingt, fließen diese Kegel ein bedeutendes Stück in die Höhle ein.
Trotz allem gibt es an der Oberfläche auch dann noch nichts zu sehen, bis einmal der mit Sicherheit vorhandene Trichter nachrutscht.
Bei der Schusterhöhle sieht es ähnlich aus. Nur hier rutschte an der Oberfläche der Trichter nach 6 Jahren intensiver Wasserarbeit und Freilegung durch die Höhlenforscher nach. Bei einem Durchmesser von 2 m und einer Tiefe von 5 m waren die schmalen Gänge in der Höhle wieder völlig verfüllt. Hier liegt mechanisch ein völlig anderer Sachverhalt vor, als bei einer echten Erdfallbildung! Wie viele solcher verborgenen Schlote mag es aber unter Sedimentfüllung und Sedimentbedeckung geben, die keiner kennt und die sich von der Erdoberfläche aus nie erkennen lassen.

Zeichnung 5
Suffosionserdfall am Beispiel der Elisabethschächter Schlotte
Die vier großen historischen Erdfälle über der Wimmelburger Schlotte lassen sich ausnahmslos vier großen Einschlämmkegeln in der Höhle zuordnen.
Verbruchserscheinungen gibt es dabei nicht zu sehen. Es handelt sich nicht um echte Erdfälle.
Die hier Suffosionserdfälle genannten Hohlformen gehören also nicht in die Rubrik der Erdfälle, sie täuschen diese nur vor. Das Beispiel zeigt deutlich, daß man Erdfallforschung nicht losgelöst von Höhlenforschung betreiben kann.
Interessant sind alte Archivberichte von der Suche nach Schlotten. Den Autoren liegen Berichte vor, wo Bergleute bis 50 m tief in solche verfüllten Ponore ihre Schächte abgeteuft haben. Sie fanden nach unten keinerlei festes Gestein, kamen aus den Einspülmassen nie heraus. Sie mußten ihre Arbeiten einstellen, nachdem ihre Markscheider feststellten, daß sie die gewünschte Teufe bereits überschritten hatten.

Bild 5
Nach starken Niederschlägen wirken viele Dolinen als aktive Ponore.

Fossile Erdfälle
Am undurchsichtigsten dürften die Vorgänge in fossilen Erdfällen sein. Ohne Erkundungsbohrungen kann man sich dabei gar kein Bild machen.
1985 und 1986 wurden anläßlich der Erdfallgeschehnisse in Uftrungen Bohrungen in diesem Gebiet durchgeführt. Vor der Durchführung dieser Bohrungen wäre keiner auf die Idee gekommen, hier einen riesigen fossilen Erdfall zu finden.
Nach den Bohrungen konnten alle Beteiligten ihre Verwunderung kaum noch zurückhalten. Wer hätte das gedacht. Da liegt mitten im Ort ein Gebiet von etwa 200 m Durchmesser und fast 100 m Tiefe. Es handelt sich um den riesigen Krater einer eingestürzten Höhle, eindeutig orientiert auf herzynen Störungen, die sich im Gelände durch weitere Karsthohlformen verfolgen lassen.
Es ist anzunehmen, daß dieses Bruchgeschehen kein katastrophaler Einzelknall war, sondern in vielen kleinen Etappen vor sich ging.
50 m hoch ist der Krater mit chaotischen Einsturzmassen verfüllt, alles zerbrochen, durcheinandergeworfen und intensiv verkarstet. Der benachbarte Haselbach hat den Rest des Kraters zusedimentiert, mit all den Gesteinsbruchstücken, die in seinem Einzugsgebiet vorhanden waren.
Fast 30 m organische Ablagerungen lagern in dem Trichter, im Dezimeterbereich unterschiedlichst ausgebildet, was beweist, daß der Trichter im ganzen einer ständigen aber differenzierten Senkung unterlag. Schließlich wurden die organischen Ablagerungen mit mineralischem Boden überdeckt, der Mensch kultivierte einen Teil des Trichters, niemand nahm ihn mehr wahr. Die vielen Erdfälle der letzten 80 Jahre in der Ortslage Uftrungen liegen alle in diesem Trichter, einem fossilen Erdfall.
Sie können also nur in ihrer Gesamtheit betrachtet werden, jeden als Einzelerdfall zu deuten, ist nicht richtig. Es liegt noch genug verkarstbares Gestein im Untergrund, die Sedimente weisen einen hohen Wassergehalt auf, die organischen Sedimente sogar über 50 Prozent.
Die Verkarstung schreitet irregulär weiter.
Bei diesem Materialschwund brechen bald die relativ festen Limnite (Wechsellagerung in cm-Bänderung von Sand, Schluff und Ton) nach, an der Oberfläche des verfüllten Alterdfalls entsteht ein junger Nachfall. Die „Suppe“ organischer Sedimente (über 50 % Wassergehalt) fließt nach, und die Oberfläche der gesamten alten Erdfallverfüllung senkt sich damit langsam nach. In der Zeichnung 6 ist das Beispiel Uftrungen vereinfacht dargestellt. Viele Jahre und Jahrzehnte kann das Erdfallgeschehen in einem solchen fossilen Erdfall völlig erlöschen, es kann aber auch wieder einsetzen . . .
Wie viele solcher bisher nicht erkannter fossiler Erdfälle mag es geben? Nur durch ein aufwendiges Bohrprogramm könnte man das erkunden.
Mit Unterstützung der Abteilung Geologie beim Rat des Bezirkes Halle und einiger Fachkollegen versucht das Karstmuseum, die durch die Bohrungen gewonnenen Proben zu analysieren. Sie sollen verraten, vor wieviel Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden diese großen Formen verfüllt wurden. Einem folgenden Heft sei es vorbehalten, diese Ergebnisse zu publizieren.

 
in den letzten hundert Jahren erfolgten künstliche Aufschüttungen
Schotter und Schlufflagen, durch den Haselbach eingeschlämmt
3moorige Sedimente
4pleistozäne Schotter
5Reste des Sangerhäuser Anhydrits
6Stinkschiefer
7Werraanhydrit
8Zechsteinkalk
9Kupferschiefer

Der geotechnisch geforderte Fachmann, der sich nun mit den Auswirkungen der Erdfalltätigkeit und den Vorbeugungsmaßnahmen beschäftigen muß, mag nicht glücklich sein über die vorgestellte Einteilung dieser Formen. Aber die Systematisierung nach dem einbrechenden Deckgestein läßt sich im Südharz immer eindeutig durchführen und damit bestimmte Verallgemeinerungen und Rückschlüsse tätigen.
Interessanter wäre eine Systematisierung nach dem verursachenden Moment, der stratigraphischen Lage des auslösenden Karstgesteins, den verursachenden geomechanischen Bedingungen. Das läßt sich auf dem Papier auch einfach lösen. In der Praxis ist das aber kaum feststellbar, denn nur in Sonderfällen gelingt es, die eingestürzten Räume in ihren Resten zu befahren und Schlußfolgerungen zu ziehen. Auch mag dem geotechnisch geforderten Fachmann ein Typ „Erdfall“ völlig fehlen. Die Autoren haben diesen Typ bewußt nicht den Erdfällen zugeordnet, auch wenn im geotechnischem Sinne der Vorgang ein reiner Erdfallvorgang ist. Um das zu erklären, müssen jedoch die beiden anderen, noch nicht behandelten Karsthohlformen vorgestellt werden.

Bild 6
In der Felswand einer großen Doline befindet sich der Eingang einer kleinen Höhle (Doline „Hölle“ mit der „Klosterholzhöhle“).

Lösungs- und Einsturzdolinen
Im Gegensatz zum deutschen Begriff „Erdfall“ stammt die Bezeichnung „Doline“ aus dem klassischen jugoslawischen Karstgebiet, so wie viele Karstbegriffe aus dem dortigen Sprachgebrauch stammen. Eine Doline ist eine Karsthohlform, die sich im verkarstungsfähigen Gestein bildet, ohne daß nicht verkarstungsfähiges Gestein das Karstgestein verhüllt.
Einige Dezimeter „Himmelsmehl“ oder sonstige Bodenbedeckungen sollen dabei außer acht gelassen werden. Durch den Kontakt zum Niederschlags- oder Oberflächenwasser entsteht ein Materialschwund.
Das Wasser versinkt an Klüften und schafft sich auf diesen Klüften Abflußbahnen, die auch im Laufe der Zeit in echte, befahrbare Höhlenquerschnitte übergehen können. Über diesen Abflußbahnen erniedrigt sich die Oberfläche ständig. Es kann durch die Erweiterung der abführenden Klüfte zur Ausbildung von Ponoren kommen, die besonders in Zeiten der Schneeschmelze und starker Niederschläge ein aktives Wassereinzugsgebiet haben. Da die Lösungskraft des Wassers schnell nachläßt, entsteht der größte Materialschwund an der Erdoberfläche, so wachsen immer tiefer werdende Abflußtrichter. Diese nennt man Lösungsdolinen (Zeichnung 7, Bild 1, 2 und 3).

Zeichnung 7
Die Entstehung einer Lösungsdoline
Sie können viele Meter Durchmesser und viele Meter Tiefe erreichen. Durch die noch anzusprechende Alterung aller Hohlformen kann man auch als Fachmann an der reinen äußeren Gestalt Doline und Erdfall oft nicht unterscheiden. Hier hilft erst einmal nur die Regel: Im Karstgestein generell Doline sagen, bei Überdeckung durch ein anderes Gestein spricht man von Erdfall. Es kann sich im Laufe der Zeit unter der Doline auch eine größere Höhle bilden.
Die Höhle vergrößert sich, die Decken werden instabil. Das Sulfatgestein wird mürbe und zerbricht in viele kleine Bruchstücke. Anhydritreste vergipsen, blähen auf, schalen ab.
Die Alten verwendeten für ein solch mürbes Gestein den Namen „stickliger Stein“. Das Sulfatgestein hat kaum noch tragende Kraft. Es ist mechanisch nicht mehr als Festgestein anzusprechen. Dieses „sticklige“ Gebirge bricht schließlich durch, Höhle und Doline vereinen sich, und man kann von einer Kombination von Lösungs- und Einsturzdoline sprechen (Zeichnung 8, Bild 1 - 3).

Zeichnung 8
Die Entstehung einer Kombination Lösungsdoline - Einsturzdoline
Es kann natürlich auch reine Einsturzdolinen geben (Zeichnung 9).

Zeichnung 9
Die Entstehung einer Einsturzdoline
Im verkarstungsfähigen Gestein entstehen Hohlräume, die auf die bereits geschilderte Art zusammenbrechen. Die Autoren sind aber der Meinung, daß in den meisten Fällen Lösungen von oben gemeinsam mit dem Verbruchgeschehen einhergehen. Dazu löst sich das Sulfatgestein zu schnell. In der großen Einsturzdoline der Schusterhöhle waren vor Jahren noch bis zur Erdoberfläche führende bizarre Laugkanäle an einer recht frischen Abbruchswand ersichtlich. Das kann man an vielen steilen Wänden solcher Einsturzdolinen feststellen.
Die Einsturzdolinen können beträchtliche Durchmesser und Tiefen erreichen. Die Einsturzdoline am Natureingang der Heimkehle ist 10 m tief (in gealterter Form) und hat einen Durchmesser von gut 50 m. Allerdings entstand auch sie in Kombination mit einer Lösungsdoline.
Auch heute noch fließt ein kleiner Bach in sie hinein. Ab und zu, so alle paar Monate, rumpelt es, und dann sieht die Doline wieder etwas anders aus.
Im geologischen Sinne kommt die Einsturzdoline einem Erdfall sehr nahe, es gibt jedoch durch das nicht vorhandene Deckgestein und durch erwähnte Kombination mit den Lösungsdolinen bedeutende Unterschiede.

Eine Wertung der heute noch zu sehenden Formen
Abgesehen von heute plötzlich auftretenden Erdfällen in bewohnten oder bebauten Gebieten nimmt man Erdfälle kleinerer Form kaum noch mit großer Aufmerksamkeit wahr. Alle außerhalb menschlicher Siedlungen einbrechenden Kleinerdfälle altern von selbst oder werden verfüllt. Das Abkippen von Müll und Schutt in diese Löcher ist leider sehr beliebt geworden. Das ist auf der ganzen Welt so. Diese Löcher sind gute Müllschlucker, obgleich der Mensch sich damit sehr schadet, er schüttet diesen Müll ja in den Bereich des aktiven Grundwasserspiegels, den er an anderer Stelle dringend für Trinkwasser wieder braucht. In der Praxis werden also nur einige Erdfälle zuständigen Institutionen gemeldet.
Bruchlose Senkungen, wenn nicht bebaut, werden kaum registriert. Große bruchlose Formen, die sich ständig erweitern und vertiefen, kann man an der Dinsterbachschwinde und am Bauerngraben beobachten.

Bild 7
Typische Dolinen im Diebeshöhlengebiet.
Sie verändern sich innerhalb eines Jahres erheblich und haben bereits Formen angenommen, die manche Großerdfälle an Tiefe und Durchmesser überschreiten.
Auf Unland und im Wald entstandene Hohlformen sind weitestgehend erhalten geblieben. Da Unland und Wald aber in der Hauptsache den nackten, wenn auch „grünen“ Karst ausmachen, kann man also heute viele hunderte dieser Hohlformen finden, die man definitionsgemäß mit dem Namen Doline ansprechen muß.
Talauen mit Schottern, Sanden und Aulehmen und auch die Stinkschieferflächen werden dagegen besiedelt und landwirtschaftlich genutzt.
Die dort entstandenen und entstehenden Krater werden, wenn nicht überdimensional groß, zugeschüttet und sind, wenn nicht peinlichst vermessen und geologisch bearbeitet, heute fast jeder wissenschaftlichen Auswertung entzogen.
Versuche, solche Erdfälle der letzten 20 Jahre in den Ortschaften Großleinungen und Breitungen einer wissenschaftlichen Auswertung zu unterziehen, scheiterten trotz Aufzeichnung der Abteilung Geologie. Manches hat man damals nicht registriert, weil es noch nicht aktuell war, vieles ist in Vergessenheit geraten, die Anlieger geben derart widersprüchliche Berichte, daß man mit einer Auswertung vorsichtig sein muß.
Bleiben also für eine wissenschaftlich-statische Auswertung die noch sichtbaren Löcher im Karst und die Großerdfälle im Buntsandsteingebiet.
Die Masse aller vorhandenen Krater sind die Dolinen in der eigentlichen Karstlandschaft. Die Frage bleibt, was sie nun eigentlich darstellen.
Das Gipswerk Rottleberode baute in den letzten Jahren eine solche Landschaft scheibenförmig ab.
Was unter den Kratern zum Vorschein kam, waren keine Höhlen, keine einzige zusammengebrochene Laugdecke . . . aber überall die typischen Abflußkanäle der Lösungsdoline mit horizontalen, dreieckigen Abflußkanälen, der Querschnitt aber nicht wie in der klassischen Modellvorstellung von BIESE, sondern so, wie sie die Zeichnung 7 darstellt.
Einige Dolinenaufgrabungen und Versuche der alten Bergleute und junger Höhlenforscher, unter Dolinen Höhlen zu finden und die dabei gemachten Erfahrungen lassen die Autoren zu der Behauptung kommen, daß wohl die Masse der heute noch im Sulfatkarst ersichtlichen kraterförmigen Hohlformen echte Lösungsdolinen darstellen.

Bild 8
Ein mit Müll verfüllter Erdfall bei Tilleda. März 1978.
Die Autoren konnten beobachten, wie an einem Wasserleitungsrohr auf dem Pfingstberg zu Tilleda innerhalb weniger Wochen eine Lösungsdoline von 8 m Durchmesser und 5 m Tiefe entstand.
Die darunter gelegene Schusterhöhle ließ dieses Wasser abfließen. Wäre der Schaden am Wasserleitungsrohr nicht behoben worden, wäre wohl über eine gut ausgebildete Schachthöhle im Verlaufe weniger Monate eine Einsturzdoline mit beträchtlichem Schaden entstanden.
Die Deckgebirgsmächtigkeit betrug etwa 25 m.
Weitere Beispiele ließen sich anführen. Diese Löcher lassen sich also nicht in die Rubrik Erdfälle einstufen. Die Karsthohlformen lassen sich nach dem Gestein, in dem sie sichtbar werden, wie folgt unterteilen:
  1. Stinkschiefererdfälle
  2. Erdfälle unter Lockersedimenten
  3. Buntsandsteinerdfälle
  4. Suffosionserdfälle
  5. Fossile Erdfälle
  6. Lösungsdolinen
  7. Einsturzdolinen
  8. Kombination zwischen Lösungsdoline und Einsturzdoline
Diese hier gegebenen Typen sind nur auf den Sulfatkarst des Südharzes anwendbar.

Uvalas
Eine weitere typische Hohlform des Karstes entsteht durch die Verknüpfung vieler Einzelhohlformen zu einem Tal. Linienhaft miteinander verbunden ziehen sich solche Täler im Sulfatkarst an vielen Stellen entlang.

Bild 9
Im Uvala „Saugasse“. Deutlich ist ein trennender Felsriegel zwischen den Einzeldolinen zu sehen.
PFEIFFER hat diese Formen in den sechziger Jahren erstmals beschrieben und Erdfalltäler genannt. Er ging davon aus, daß all diese Hohlformen echte Erdfälle seien. 1972 legte er eine Kartierung der Mooskammer durch die Höhlenforschergruppe Leipzig vor, in der unter anderem 10 große, langgestreckte Täler nachweisbar waren.
Andere Höhlenforscher versuchten nun, die Lage dieser Täler mit den herzynen und erzgebirgischen Kluftsystemen in Verbindung zu bringen. Nach der alten Schule zeichneten diese Täler ja unterirdische Wasserwege nach, markierten eine langgestreckte Höhle, die häufig zusammengebrochen war und durch viele Erdfälle in ihrer Verknüpfung an der Erdoberfläche sichtbar wurde.
VÖLKER stellte bei seinen Kartierungen 1980 bis 1984 fest, daß die Uvalas zum größten Teil der Linie der größten Hangneigung folgten und damit keine Kluftsysteme nachzeichneten.
Das läßt sich sehr gut mit der Auffassung in Zusammenhang bringen, daß die Masse all dieser „Einsturzlöcher“ Lösungsdolinen sind. In Rinnsalen bewegt sich das Wasser auf der Linie der stärksten Hangneigung.
An der Kluftvergitterung findet es Angriffspunkte für Lösungsdolinen und Ponore.
Die Zeichnung 10 zeigt deutlich, daß die Entwicklung dieser Talformen trotzdem in Abhängigkeit vom Kluftnetz erfolgt, auch wenn die Täler das Kluftsystem nicht nachzeichnen.

Zeichnung 10
Zusammenhang zwischen Geländeneigung und Kluftrichtung bei der Ausbildung eines Uvalas
Die einzelnen Hohlformen verbinden sich morphologisch in Richtung der Oberflächen-Wasserbewegung. Ein solches Karsttal wird ein Uvala genannt. Typisch für ein Uvala ist der trennende Felsriegel zwischen jeder Einzelhohlform. Trotz dieser deutlichen Abgrenzung aller Einzelhohlformen voneinander bildet die Verkettung der Formen ein Tal mit vielen Trichtern als Talsohle. Viele Uvalas wurden vom Menschen für Wege benutzt und damit verändert. Der Südharz weist sehr schöne Uvalabildungen auf.
Der größte Uvala, die Saugasse im Alten Stolberg, ist über einen Kilometer lang und mit Dutzenden Einzeltrichtern besetzt.

Die Alterung der Hohlformen und die Schwierigkeit einer Systematisierung
Da das Gestein, in dem all die vorgestellten Hohlformen entstehen, wenig Widerstandskraft aufweist, altern die Hohlformen sehr schnell. Der typische glockenförmige Einbruch eines Erdfalls (Zeichnung 11) verändert sich in kürzester Zeit zu einem mehr oder weniger abgeflachten Kegel oder Kegelstumpf. Lösungsdolinen unterliegen auch während ihrer Bildung einer ständigen Verschlämmung.

Zeichnung 11
Die Alterung eines Erdfalles
Der über den Zechsteinsulfaten anstehende Buntsandstein verwittert zu einem rotbraunen Schlamm, er ist fast im ganzen Südharzkarst gegenwärtig.
Die Formen werden verfüllt, verhüllt, überprägt.
Dieser Alterungsprozeß braucht im Sulfatkarst nur wenige Monate, manchmal reichen Wochen. Dann sind all diese hier auseinandergehaltenen Hohlformen egalisiert, gleich gemacht. Selbst der Fachmann hat große Schwierigkeiten, sich für einen Typ zu entscheiden. Dazu kommen die vielen Bergbauauffahrungen des historischen Kupferschieferbergbaus, die sich ab und zu mit Einbrüchen bemerkbar machen. Vieles über diese alten Berganlagen, gerade im Gebiet Hainrode, Questenberg, Agnesdorf, Breitungen ist nicht bekannt. Questenberg, Agnesdorf und Breitungen sind auch in der Ortslage vom historischen Bergbau unterführt worden. Gelegentliche Durchbrüche möchte man dann schnell in den Bereich des Karstes legen, oft ist es aber ein eingestürztes Stollenstück aus historischer Zeit. Da diese Stollen eng und niedrig waren, sind diese Durchbrüche, an der Erdoberfläche angekommen, nicht gerade bedeutend.

Bergbau und Erdfälle
Die durch den intensiven Kupferschieferbergbau entstandenen künstlichen Hohlräume neigen bei geringer Teufenlage ebenfalls zu Brucherscheinungen.
Die dabei entstandenen Hohlformen an der Erdoberfläche sollte man Tagesbrüche nennen.
Sie unterscheiden sich kaum von echten Erdfällen oder Einsturzdolinen, sind aber im Bereich des Sulfatkarstes immer von kleinem Durchmesser (unter 3 m) und geringer Tiefe. Das liegt schon daran, daß die alten Stollen nur von geringem Querschnitt waren. Gerade im Raum Questenberg gab und gibt es immer wieder Einbrüche auf dem Questenberger Erbstollen.

Zeichnung 12
Die Bergleute der vergangenen Jahrhunderte teuften oft in Erdfällen ihre Schächte ab, um leichter an das Kupferschieferflöz zu gelangen oder Schlotten zur Entwässerung zu suchen.
Ein intensives Erdfallgeschehen setzte mit der Einstellung des Mansfelder Kupferschieferbergbaus im Umfeld der Stadt Eisleben zu Beginn der siebziger Jahre dieses Jahrhunderts ein.
Dabei konnten Fachleute, die sich mit den Auswirkungen dieser Geschehnisse zu beschäftigen hatten, viele Erfahrungen gewinnen. Nur muß dazu bemerkt werden, daß hier die Zusammenhänge etwas anders liegen, als bei all den bisher vorgestellten Formen. In Jahrhunderte währender Arbeit hatte der Mansfelder Kupferschieferbergbau Streckensysteme geschaffen, die für das verkarstbare Gestein hunderte Kilometer Drainage bedeuten. Als diese Drainage dann das Wasser nicht mehr ableitete sondern zuführte, weil die technische Wasserhebung durch den Bergbaubetrieb eingestellt wurde, begann eine plötzliche und intensive Verkarstung. Hinzu kam eine Salzverkarstung, recht frisches ungesättigtes Wasser, im Laufe des Wasserspiegelanstiegs eine gute Wasserbewegung, durch die vielen Einzugsgebiete eine gut funktionierende Mischungskorrosion und ein weitflächig angeschnittenes verkarstungsfähiges Gestein. Die nun einsetzende, intensive Erdfallbildung in diesem Gebiet war gesetzmäßig. Diese Ereignisse wären ohne das Vorhandensein der im Untergrund befindlichen Bergbaustrecken nicht denkbar.
Deshalb sind nach Ansicht der Autoren viele aus diesem Geschehen gewonnenen Erkenntnisse auf die eigentliche Karstlandschaft des Südharzes nicht übertragbar.

Bild 10
Am Rande eines frischen Erdfalles in der Nähe von Eisleben 1979.

Zusammenfassende Einschätzung
In den vorangegangenen Kapiteln wurde versucht, eine gemein verständliche Erklärung der im Sulfatkarst des Südharzes auftretenden Hohlformen zu geben. Die Erklärungen berücksichtigen langjährige Beobachtungen. Die vorgestellte Systematisierung bringt Ordnung in das Karstinventar, macht vieles vorstellbar und erklärbar und rege zu neuen Forschungen an. Diese Einteilung steht zweifelsohne im Widerspruch zu Arbeiten anderer Fachkollegen, die allerdings immer nur die eigentliche Hohlform für sich allein betrachten und das umgebende Karstinventar und die in Beziehung stehenden Höhlen unberücksichtigt ließen.

Bild 11
Befahrung eines Stinkschiefererdfalles auf dem Hagen bei Uftrungen (1983). Der Erdfall war etwa 3 m tief, die befahrbare Höhle wies 8 m Durchmesser auf.

Interessant sind Forschungen an Einzelobjekten, historische Überlieferung von Erdfallerscheinungen, Sagen und Legenden über bedeutende Hohlformen und Augenzeugenberichte solcher Vorgänge. Nachfolgende Kapitel sollen einige Beispiele vorstellen.

Die Buntsandsteinerdfälle am Rolandsberg
Pützlingen ist ein kleines Dorf im Kreis Nordhausen, etwa 12 km westlich von der Kreisstadt gelegen. Auf dem Rolandsberg befinden sich zwei große Erdfälle. Der eine hat einen Durchmesser von 40 m und eine Tiefe von 9 m, der andere Erdfall weißt 38 m Durchmesser und 7,5 m Tiefe auf. Einwohner des Dorfes meinten, diese beiden Krater seien zwischen 1830 und 1840 entstanden. Beweise gibt es jedoch nicht.

Zeichnung 13
Der Erdfall am Rolandsberg bei Pützlingen
F. SCHUSTER bezeichnete ihn als den tiefsten Erdfall des Südharzes und schrieb darüber:
(1) „. . . Dieser dritte Erdfall wurde erstmalig in der Zeit vom Februar 1944 bis Anfang Oktober 1944 vom damaligen Jagdpächter Oskar Köhler aus Etzelrode, der sich auf einem Rundgang durch sein Jagdrevier befand, entdeckt, hatte einen Durchmesser von etwa 1,5 - 2,0 m. Seit dieser Zeit hat sich die Öffnung fast kreisrund . . . durch Oberflächenverwitterung, Frostsprengung, Nachsturz erweitert.
Bürgermeister Winter hat im Jahre 1946 auf seinem in der Nähe befindlichen Acker beim Rübenhacken zweimal Geräusche vernommen, die wahrscheinlich auf weitere unterirdische Einbrüche zurückzuführen waren. Desgleichen vernahm Frau Winter in den Jahren 1950/51 ebenfalls zweimal beim Rübenroden Geräusche.
Wir sehen vor uns auf horizontaler Fläche einen jäh nach unten geöffneten Höhlenschlund, ungesichert. Nach Angabe der biederen Pützlinger Bürger wurde aller Unrat durch die Halbwüchsigen der Dörfer Etzelrode und Pützlingen, sämtliche in der Umgegend vorgefundenen Ackergeräte, natürlich heimlich, hinuntergeworfen. Es ist ja dies auch ein äußerst interessantes und akustisches Schauspiel, nach vielen Sekunden erst den Aufschlag vom Grunde vernehmen zu können. Selbst als Abdeckergrube . . . wurde dieser Pützlinger Erdfall mit Vorliebe gern in allzu früher oder spätabendlicher Stunde von natürlich unbekannt gebliebenen Einwohnern benutzt.

Bild 12
FRIEDRICH SCHUSTER bei der Befahrung des Erdfalles am Rolandsberg am 4. September 1952
Wie eine steile schiefe Bahn gleitet das Liegende von Nord nach Süd terrassenförmig hinunter. Einige Steine wurden hinuntergeworfen.
Wir lagen auf dem Bauche, starren in die Tiefe und lauschten. Nach Sekunden erst der endgültige Aufschlag. Ab und zu plätscherte ein Wasserlauf. Die tiefste Stelle war nicht ersichtlich, obwohl das volle gleißende Tageslicht eines herrlichen heißen Sommertages direkt schräg hineinfiel. Durch die komprimierende Luft in etwa 20 m Tiefe sahen wir nur eine Dunstschicht. Erst jetzt war der langgehegte Wunsch des stets interessierten Bürgermeisters Winter verständlich, hier forschend einzugreifen, seitdem er sich seit vielen Jahren vergeblich einsetzte, ohne das irgend eine Stelle sich um diese Belange kümmerte. Es war keine leichte Aufgabe, die restlose Befahrung dieses ungeheueren Schachtes durchzuführen. Aus Pützlingen mussten dicke Zweimeter-Brechstangen, zusätzliche stärkste Ernteseile, weiteres Gerät, Schwunghammer, hinaufgetragen werden.
Die Nordhäuser Forscher Hans Rode, Ronald Homann, Friedrich Kneif und Wanderfreund Erich Rose übernahmen die Sicherungsarbeiten, während Bürgermeister Winter und einige Pützlinger Bauern der Befahrung beiwohnten. Zwei Zweimeterbrechstangen wurden fünf Meter nördlich vom beginnenden Trichterrand entfernt im sicheren Gelände über einen Meter tief eingetrieben, eine weitere Eisenstange quer davor gelagert. Eine 10-Meter-Strickseilleiter und 80 m Bergseile wurden zusammengeknüpft, mittels Karabinerhaken und Sicherungsschlingen. Durch Rebschnüre wurden die zusammengeknüpften Bergseile nochmals doppelt gesichert.
Bewaffnet mit Messband, Abseilhaken, Mauerhaken, Grubenlampe, Ersatzteilbeutel, Thermometern in der Befahrungskombination begann mit einem Glückauf der Verfasser den Abstieg bis zum Ende der 10 m langen Strickleiter. Anschließend wurde im Dülfersitz Meter für Meter abgeseilt, bis nach knapp 10 Minuten die Sohle dieses Rieseneinsturzschachtes erreicht war.
Die doppelt genommenen Bergseile plus 10 Meter Strickseile erreichten nur eine Tiefe von 45 Metern, während das letzte Stück am Grunde ohne Seil bewältigt wurde, da die Neigung der Sohle ein klettern ohne Seil zuließ.
Das Vorhandensein eines einfachen Sicherungsseiles zur Körpersicherung von 50 Metern Gesamtlänge wäre wünschenswert gewesen, doch verfügte die Fachgruppe Höhlen und Karstforschung 1952 noch nicht über weiteres Seilmaterial. Ein Blick nach oben – winzig klein die Schachtöffnung, ringsherum die hereinragenden Köpfe der Freunde. Nur durch lautes langsames Rufen konnte die Verbindung hergestellt werden . . .
Der Eindruck auf der Sohle war gewaltig. Schattige Lichtverhältnisse. Erst nachdem sich die Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, zeigte der Schein der Grubenlampe die Umgebung.
Auf der tiefsten Stelle der Sohle, in einer Tiefe von 49,1 m zeigte sich ein trichterförmiger Wasserschlinger in der Größe von etwa 2,0 – 1,5 m . . .“
Bild 13
Der Nordhäuser Höhlenforscher F. SCHUSTER bei der Vermessung eines Erdfalles.
Von einem in der Grafschaft Stolberg bei Rottleberode
gelegenen wässrigen Erd-Fall
So jedenfalls lautet die Überschrift einer interessanten Erdfallbeschreibung, die uns BEHRENS 1703 wiedergegeben hat:
(5) „. . . Eine starcke Meile von hier lieget gegen dem untern Vor-Hartz das zur Graffschafft Stolberg gehörige Dorff Rotleberode, alwo sich nahe bei einem Hause eines Einwohners gegen Mitternacht zu ein kleiner Hügel befindet, welcher als ein ander Feld gebauet wird. Auff diesem Hügel ist nun dieser wässerige Erd-Fall, so zwar keinen eigentlichen Nahmen führet, dennoch, wegen seines wunderlichen Ursprungs, wohl verdienet, daß man seiner kürtzlich gedencke: Es hat sich aber mit demselben also zugetragen: Es ist einesmahls ein Acker-Mann von gedachtem Rotleberode geschäfftig gewesen, sein des Orts habendes Land gewöhnlicher massen zu pflügen, als er nun solche Arbeit verrichtet gehabt, und kaum mit dem Pfluge und Pferden von dem Acker kommen, ist auff demselben Lande, da er vorhero geackert, die Erde plötzlich gesuncken, und dadurch ein grosses tieffes Loch entstanden, welches bei etliche vierzig Jahr trocken und ohne Wasser gestanden und insonderheit so wohl inner- als ausserhalb mit allerhand Heck-Werck und Bäumen sonderlich mit schwartzen Kirsch- und Zwiesel-Beer-Bäumen durch etliche von denen Vögeln dahin gebrachte Kerne also bewachsen gewesen, daß es gleichsam wie ein kleiner Baum-Garten ausgesehen; über aller Menschen Vermuthen aber hat dieses Loch zu einer sehr truckenen Zeit A.C. 1650 im Julio oder Heu-Monat sich geschwinde mit grossen Krachen und Prasseln ziemlich weit ausgebreitet, und alle Bäume und Sträuche verschlungen, auch mit vielem starck aus der Erde dringendem Wasser dergestalt bedecket, daß man nachgehends weder Strumpff noch Stiel mehr davon sehen können, welches denjenigen, so nahe dabei gewohnet, keine geringe Schrecken verursachet hat, indem sie sich befürchtet, daß es endlich auch ihren Wohnungen also ergehen werde, und sie irgend mit denselben, wie an andern Orten sich zugetragen, untersincken möchten.“
Bild 14
Schmelzwässer suchen einen Abfluß in einer Doline bei Questenberg.
März 1987
Von dem Sachswerfischen See, der Tantz-Teich genannt
In der alten Harzliteratur spielte dieser Erdfall bei Niedersachswerfen immer wieder eine Rolle, obwohl heute dort nichts außergewöhnliches mehr davon zu sehen ist. BEHRENS gab 1703 unter der oben aufgeführten Überschrift einiges davon wieder:
(5) „. . . Berichte also: daß dieser See über dem Dorffe Nieder-Sachswerfen zur lincken Hand, des Weges wenn man nach Appenrode zugehet, hart an dem Berge darinnen das vorgemeldete Ziegen-Loch sich befindet, liege; Das Wasser darinnen hat keinen sichtbaren Zufluß aber einen ziemlich starcken Ausfluß, und ist von solcher Tieffe, daß man auch keinen Grund an dem Ort, wo es am tieffesten, sehen kan, derowegen auch solches gantz schwartz und grausam aussiehet. Wenn man auff diesem See mit einem Kahne fähret, und damit dem vor gedachten Berge in etwas zu nahe kömmet, fänget derselbe gleichsam an zu tantzen, und mit den darauff Fahrenden rund umzugehen, dahero auch der See den Namen bekommen, und der Tantz-Teich genennet wird. Es hat aber ein solcher gefährlicher Tantz einesmahls bald einen unvorsichtigen Fischer, so den Teich gepachtet gehabt, um sein Leben gebracht, massen er mit genauer Noth, durch grosse Arbeit, hat wieder davon kommen können.
Die Ursache aber dieses gezwungenen Tantzes ist ein Strudel oder Wasser-Wirbel, so unter dem holen Berge, darunter das Wasser hinfliesset, sich befindet, und die herzu nahenden Kähne an sich ziehet. Vor der letzten Ao. 1682 alhier grausam grassirenden Contagion hat in gedachtem Sachswerfen ein Hannöverischer Soldate im Quartier gelegen, so ein guter Fischer und Täucher gewesen, derselbe hat manchen schönen Fisch, sonderlich grosse Forellen aus diesem See oder Teiche geholet, und dabei berichtet, daß unter dem Berge ein Loch in einen Felsen gehe, darein das Wasser fiele, und solchen Wirbel verursache, von welchem er auch zu einer Zeit bald wäre ertappet und ersäuffet worden, als er demselben ein wenig zu nahe kommen sei.“
Die Seelöcher
Zwei markante Erdfälle, die sogenannten Seelöcher, befinden sich zwischen Kleinwechsungen und Günzerode auf dem sogenannten Seeberge.
Das große Seeloch hat einen Umfang von etwa 650 Metern und ist wassergefüllt.

Bild 15
Am großen Seeloch bei Kleinwechsungen.
LIESEGANG gab seine Tiefe mit 24 bis 30 m an. Von einem späteren Autor, dessen Name aber nicht erkennbar ist, werden 17 m angegeben.
Wie tief es heute ist, vermögen die Verfasser nicht zu sagen. Das kleine Seeloch ist trocken und mit Sträuchern und Bäumen bewachsen.
Im 19. Jahrhundert soll sich auf dem großen Seeloch eine schwimmende Insel befunden haben. Viele Sagen weben sich um das Seeloch.
SCHUSTER hat sich bemüht, diese Sagen zu sammeln. Sie sind von unterschiedlicher Art. Er fand dabei sogar ein in Nordhäuser-Hohnsteinischer Mundart abgefaßtes Gedicht über die Entstehung der Seelöcher. SCHUSTER schrieb 1974 darüber:
„. . . Die wörtliche Wiedergabe des ganzen Gedichtes dürfte sich wegen der in ihm vorkommenden sehr drastischen und volkstümlichen Ausdrücken und Redewendungen nicht gut eignen, und ich beschränke mich auf eine kurze Inhaltsangabe und teilweise Wiedergabe . . .“
Wir wollen die wörtlichen Zitate nicht verwenden und nur Schusters Inhaltsangabe wiedergeben:
(6) „. . . Der Abt des Klosters Gernrode besuchte einst den Junker Jost von Hochstedt und entbrannte in sündiger Lust für das schöne Weib desselben. Um nun den Junker für längere Zeit fernzuhalten und so ungestört seiner sinnlichen Lust frönen zu können, veranlaßte er im Einverständnis mit dem treulosen Weibe den Junker zu einer Pilgerfahrt ins Heilige Land . . .“
Man kann sich umfangreiche Zwischeneinlagen ersparen, man ahnt, wie es kommen mußte. Er ertappte die beiden Sünder, verfluchte sie, und da passierte es:
(6) „. . . Da stürzte unter furchtbarem Krach die Erde ein und begrub die Ehebrecher. Die entstandene Vertiefung füllt sich mit Wasser und heißt heute: Das Seeloch . . .“
Diesem Ehebruch mit Fluchfolgen folgte in der Neuzeit die Nutzung des Seeloches als Bademöglichkeit.
SCHUSTER hat uns einen Bericht über ein Schwimmfest aus dem Jahre 1929 hinterlassen, welches im Seeloch stattfand.
(6) „. . . Unter der Leitung des tüchtigen Schwimmsportlers Köthe - Nordhausen und durch unermüdliche Arbeiten der Kleinwechsunger Mitglieder entstand ein 3 ½ m hoher Sprungturm. Infolge der reichlichen Holzspenden gabefreudiger Einwohner von Kleinwechsungen konnte ein Spielfeld entstehen, welches dann ein Schwimmfest ermöglichte.
Am Sonntag, den . . . 1929 entwickelte sich schon frühmorgens am Ufer rege Tätigkeit. Allerlei Verkaufsbuden, sowie Schankbuden wurden aufgestellt. Während der Mittagsstunden rückten schon Zuschauertrupps aus allen Windrichtungen herbei und füllten den unteren und oberen Uferteil. Alle wollten Zeuge sein solchen Wagemuts jugendlicher Wassersportler und Sportlerinnen. Hoch oben über dem Wasser wehte das Banner der "Freien Schwimmerschaft". Durch die Menge froher Besucher zwängten sich männliche und weibliche Wassersportkünstler im Badeanzug zur Sprungturmstelle, um Zeugnis ihres Könnens abzulegen . . .“
Man sieht, daß ein Erdfall zu allerhand nützlich sein kann, nicht nur, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Bild 16
Eine Doline in der Nähe von Breitungen, die als zeitweilig aktiver Ponor wirkt.
Weitere Sagen um Erdfälle
Dr. RACKWITZ schrieb 1885 für den „Nordhäuser Courier“ eine Artikelserie über Erdfälle und Höhlen des Südharzes. Er machte sich aber keine Gedanken über die Entstehung dieser merkwürdigen Landschaft. Vielmehr sammelte er Sagen und Märchen dieser Erscheinungen und gab sie mit eigenen Worten wieder:
(7) „. . . Dicht unter der Grasburg (bei Rottleberode) ist ein mit Wasser gefüllter Erdfall, das Glockenloch, davon erzählen die Leute folgende Sage: Vor langer Zeit entstand ein Krieg im Lande, und wilde Horden drangen in die Grasburg ein.
Sie begnügten sich aber nicht damit, dieselbe gänzlich auszuplündern, sondern zündeten sie danach auch noch zu allen vier Ecken an. Als nun der über der Burgkapelle befindliche Dachreiter anfing zu brennen, gerith die Glocke darin in Schwingungen und flog plötzlich heraus, gerade in den Erdfall hinein.
Dabei rief sie:
„Ich heiße Anne Susanne
und komme nicht wieder zu Lanne (Lande)“
Auch Nixen wohnten der Sage nach in dem Wasser des Erdfalls. Einmal wollte ein Bauer Nachts Fische stehlen, hatte aber zum Schutz gegen Unfall und Zauber die Kräuter Toraut und braune Toste zu sich gesteckt. Als er nun, um das Netz auszuwerfen, sich nach dem Wasser bückte, erscholl plötzlich eine Stimme:
„Hätt'st Du nicht Toraut und Tosten
Dein Leben sollt es Dich kosten . . .“
(7) „. . . Unter den Erdfällen der Umgebung ist der bedeutendste wieder ein Heckersloch (nicht die Questenhöhle!) bei Bennungen; in demselben ist vormals das Wasser roth gewesen vom Blut der Nixentöchter, die der alte Nix tötete, weil sie seinem Befehle nicht gehorsam, zu lange im nahen Dorf mit den Bauernburschen in der Pfingstnacht getanzt . . .“
Am Ende seiner Betrachtungen meint RACKWITZ:
(7) „. . . Kein Zweifel, das Gypsgebirge am West- und Südrande des Harzes hat absonderlichen Bau und eine demselben entsprechende landschaftliche Umgebung. Aber auch die Sage, welche die Felsenhöhlen und Erdfälle desselben umklingt, ist eigenartig; auf Granitboden wird sie andere Töne anschlagen. Es wird nicht auffallen, daß man am Südrand des Thüringer Waldes bei ähnlicher Bodenbeschaffenheit ähnliche Sagen hört; aber man hört sie auch in Frankreich auf dem kalkhaltigen Boden der Champagne.
So stehen Sagen und geologische Beschaffenheit eines Landes im innigen Zusammenhang . . .“
Bild 17
Ein frischer Erdfall bei Uftrungen, März 1987.
Der Erdfall von Uftrungen
Aus dem Reich der Legende und Sage zur Wirlichkeit zurück.
Die Verfasser fühlten sich genötigt, nach diesem Ereignis das vorliegende Heft zu gestalten, denn wenige Stunden nach dem Ereignis wurden schon die ersten Legenden und „Sagen“ über den Uftrunger Erdfall erzählt. Weniger von Hexen und Teufeln oder von ehelicher Untreue und einem bösen Nixenvater. Wohl aber über große Höhlen, Verbindung mit dem geheimnisvollen Bauerngraben, Stollen und unterirdische Gänge. Ja im Morgenbus zur Kreisstadt wurde sogar erzählt, daß man mit dem Boot auf dem Wasser des Erdfalls weit in die eingebrochenen Stollen hineinfahren konnte . . .

Bild 18
Der Uftrunger Erdfall am 27. März 1984.
Was war nun wirklich am 26. März 1984, um 15.00 Uhr in Uftrungen geschehen?
Ein Erdfall brach mitten im Dorf auf dem Grundstück der Familie Schneider nieder. Der Nachbar, Herr Herwart Hellwig, berichtete darüber:
(11) „. . . Um 15.00 Uhr war ich in meinem Garten. Da rief Frau Schneider plötzlich über den Zaun. „Bei uns geht die Erde unter!“ Ich konnte sehen, wie Klo und Garage in der Erde einsanken. Frau Schneider lief, um die Männer zu holen. Ich verfolgte über den Zaun den Fortgang des Ereignisses. Das Klo senkte sich langsam, der Zaun brach hinterher. Das Loch öffnete sich bis zur Garage und brach dort steil ab. Die Männer von Schneiders kamen und bargen Sachen aus dem Gebäude, Motorrad und andere Dinge. Der Trichter wurde immer größer. Die Garage versank wie ein Schiff, welches unterging. Hinten ging sie ab und vorn kippte sie leicht nach oben. Sie verschwand mit einem Schlag vollständig. Das Garagendach war in etwa 4 m Tiefe zu sehen. Wasser war keins da.
Danach brach die Mauer vom Waschhaus ein, es folgte die Mauer vom Graben. Im gleichen Moment strömte das Wasser der Hasel in den Trichter. Am anderen Ufer platzte ein Riss auf. Wasser und Kies spritzten in die Luft. 2 Obstbäume wurden in die Tiefe gezogen. Der ganze Vorgang lief sehr rasch ab. Es dauerte höchstens 25 Minuten, vielleicht war es auch kürzer . . .“
Die Grundstücksbesitzerin, Frau Schneider, lag auf dem Sofa, als das Ereignis begann. Sie schilderte den Vorgang so:
(11) „. . . Ich hatte mich zum Schlafen hingelegt. Plötzlich gackerten die Hühner laut, dass ich munter wurde. Wenn die Hühner gackern, ist immer etwas los. Ich bin raus gegangen und da habe ich gesehen, wie das Klo eingesunken ist. Ich habe zu Hellwig gerufen: „Bei uns geht die Erde unter!“ Ich bin dann gelaufen und habe die Männer geholt. Ich habe zu den Männern gerufen: „Kommt schnell heim, die Erde tut sich auf!“ Die Männer rannten schnell nach Hause . . .“
Herr Schneider schildert den Vorfall weiter:
(11) „. . . Wir rannten nach Hause. Das Klo war bereits eingesunken. Mein Sohn rannte in die Garage, ich ins Waschhaus. Wir wollten bergen, was zu bergen war. Ich hatte die Waschmaschine hinaus getragen. Da rief mein Sohn nach mir. Ich stellte die Maschine draußen hin. Wir wollten die Werkbank mir dem vielen Werkzeug aus der Garage tragen. Mein Sohn hängte einen Torflügel aus. Als wir uns umdrehten, brach die Garage mit einem Schlag in die Tiefe. Der Karnickelstall versank und auch die eben geborgene Waschmaschine wurde mitsamt der ganzen Wäsche in den Abgrund gezogen . . .“
Wenige Stunden später begann die Zivilverteidigung des Ortes mit der Evakuierung der Familie Schneider und Bergung der Sachgegenstände.
Hunderte Tonnen Kies rollten Tag und Nacht, von LKW's der benachbarten Betriebe herangefahren, über Transportbänder in den wassergefüllten Krater. Der an der Oberfläche angekommene Hohlraum musste schnellstens verfüllt werden, um ein weiteres Nachbrechen zu verhindern. Nach 1 ½ Tagen war diese Arbeit getan. Menschen waren nicht zu Schaden gekommen. 8 Wochen später ahnte kein Außenstehender mehr, was hier einst geschah.

Bild 19
Der Uftrunger Erdfall am 27. März 1984.
In den vergangenen 80 Jahren waren in der unmittelbaren Umgebung mindestens 10 ähnliche Ereignisse eingetreten. Weitere tiefe Erdfälle befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft, der größte davon ist der Fachsee. Über ihn schrieb schon BEHRENDS 1703 in der Hercynia Curiosa. Sollte ein wißbegieriger Leser nun nach der Ursache dieses Ereignisses fragen, so schlage er im vorliegenden Büchlein zurück bis zur Überschrift „Fossile Erdfälle“.
Die dazugehörige Zeichnung 6 gibt dann auf einen Blick die nötige Erklärung.

Das Sauloch im alten Stolberg
Das Uvala Saugasse wurde in vorangegangenen Kapiteln bereits genannt. Dieser wunderschöne Zug miteinander verknüpfter Dolinen endet, durch einen Weg unterbrochen, in einem besonders großen Kessel, dem sogenannten Sauloch. Schon immer hatte es Höhlenforscher angeregt, unter der steilen Felswand des Sauloches in die Tiefe zu graben.

Bild 20
Grabungsarbeiten in dem kleinen ausgebauten Schacht am Grunde der Doline „Sauloch.“
Die Fachgruppe Höhlen- und Karstforschung Dresden unter Leitung von Bernd Wutzig nahmen diese Aufgabe auch in Angriff, allerdings ohne Erfolg. Auszüge aus den Grabungsberichten zeigen eine andere Art, den Geheimnissen solcher Löcher auf den Grund zu gehen.
WUTZIG schrieb in einem abschließenden Bericht zu dieser Aktion die markantesten Punkte nieder:
„. . . Auf einer Karstwanderung wurde die Doline durch die Mitglieder unserer Fachgruppe das erste mal besichtigt. (Ostern 1979) ... In der Doline verschwand ein kleiner Bach in einer ca 0,4 m breiten und ca. 2,5 m tiefen Kluft. Die Sohle war sehr morastig und es lagen größere Gipsbrocken herum, von der südlichen Massivwand herabgestürzt. Bei der Vorstellung, was für Massen von Gestein und Erdreich in dieser Bodenöffnung verschwinden, wurde die Idee geboren, das Schluckloch der Doline mit Holzausbau gegen Nachfall zu sichern, um eventuell mal einen genaueren Einblick in die Tiefe zu erhalten..“
Die schnellen Veränderungen in der Doline machten sich schon beim nächsten Besuch bemerkbar:
„. . . Juni 1979 ... Die Seitenhänge waren stark nachgerutscht, die Gipsbrocken teilweise in der Bodenöffnung verschwunden, eine Kluft selbst war nicht mehr zu erkennen, und der kleine Bach war nur noch ein Rinnsal . . .“
Und im September 1979 sah das Bild wieder anders aus:
„. . . Die Kluft ließ sich wieder erkennen, nur noch zwei große Gipsbrocken lagen vor ihr. An der Unterseite waren diese von dem kleinen Rinnsal, das immer noch spärlich lief, stark angelaugt . . .“
Im November 1979 begann dann der Versuch, dem Wasserlauf zu folgen und zu sehen, wie es unter der Doline aussah:
„. . . Am ersten Novemberwochenende gingen wir an die Realisierung des Ausbaues im Schluckloch der Doline. Wir gruben im Zentrum der Senkung, auf der sumpfigen Dolinensohle. Gleichlaufend mit den Schachtarbeiten mussten wir den Holzausbau einbringen, um ein Nachrutschen der Hangseiten zu verhindern. Das zähe Erdreich schafften wir eine Geländestufe höher, so dass es uns nicht wieder hinderlich werden konnte. Im Verlaufe der Grabungsarbeiten verstopften wir den Abfluss des Rinnsals in der unter uns liegenden, total verfüllten Kluft, so dass sich das Wasser staute. Bei Beendigung der Arbeiten stand es ca. einen halben Meter hoch in unserem Holzausbau . . .“
Durch mehrere Einsätze in den nachfolgenden Monaten wurde diese Arbeit weiter getrieben. Die Gruppe setzte die meiste Hoffnung auf das Schmelzwasser des Frühlings. Dieses Wasser sollte den Lehm weiter erweichen und vielleicht etwas wegspülen. Diese Rechnung ging jedoch nicht auf. Im Juli 1980 drang man weiter in die Sedimentfüllung der Doline ein:
„. . . In einer Tiefe von ca. 1,5 m konnten wir die ersten Hohlräume freilegen, die sich zwischen den Gipstrümmern gebildet hatten. Aus der Öffnung kam ein kühler Wetterzug. Zwischen diesen Trümmern verschwand der Bach und das mitgeschwemmte Material . . .“
Die Grabungen wurden zunehmend schwieriger. Im Oktober 1980 stellte die Mannschaft fest:
„. . . Der Einblick in die Kluft war ca. 3 m möglich und ein deutlicher kalter Wetterzug aus der Öffnung zu verspüren. Wir gruben uns weiter in die Tiefe, wobei wir einige große Gipsbrocken mit Hammer und Meißel zertrümmern mussten. In der Tiefe von 4,5 m finden wir Blechteile eines alten Küchenherdes. Das wichtigste bei dieser Arbeit blieb die sofortige Vervollständigung des Holzausbaues. Wir zogen zusätzliche Streben ein, um sicher zu sein, dass der Schacht vor Verschüttung geschützt ist und den kommenden Winter gut übersteht . . .“
Das Schmelzwasser, welches auch in diesem Winter eine positive Arbeit leisten sollte, war diesmal in großer Menge da. Aber anstatt die Grabung freizulegen und den Schlamm etwas freizuspülen, wurde nur noch mehr Schlamm herangetragen. So stellte man im März 1981 erschüttert fest:
„. . . So hat das Wasser einen Eckstempel des Ausbaues hinterspült, wodurch dieser von den Erdmassen zusammengedrückt wurde. Befahrbar war die Grabungsstelle nicht mehr, da der Zustand des Ausbaues nicht sicher erschien und die erdmassen durch die Nässe völlig haltlos geworden waren. Ein Weiterarbeiten war war auf Grund der Witterung nicht möglich . . .“
Das Jahr 1981 war sehr nass. Die Zuläufe in diese Doline kamen nicht zum Versiegen. Der Holzausbau rutschte zusammen, der Schlamm bewegte sich langsam mit dem Ausbau in die Tiefe. Im Juli 1981 unternahm die Gruppe nochmals einen Versuch, dieses arbeitsaufwendige Unternehmen zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen:
„. . . Zwei Wochen nach der letzten Besichtigung trafen eine größere Anzahl Mitarbeiter am Ponor ein, um die Grabungsstelle und den Holzausbau wieder in Ordnung zu bringen. Was sich jedoch in der Doline zeigte, war entmutigend. In den vergangenen zwei Wochen wurde unsere Grabungsstelle völlig verschüttet. Wir berieten lange und sahen dann jedoch keine Möglichkeit, die Arbeit wieder aufzunehmen. So mussten wir schweren Herzens einsehen, das die Arbeit in diesem aktiven Ponor einen zeitlichen Aufwand erfordert, dem wir durch die territoriale Entfernung und der kleinen Anzahl von Mitarbeitern nicht gewachsen sind.
Beeindruckend war die Erkenntnis, wie schnell sich das Bild in einem Ponor ändern kann, und welche Erdmassen in die Tiefe verschwinden . . .“
Bild 21
Erdfälle in der Oberkirchgasse bei Bad Frankenhausen, hervorgerufen durch die Auflösung von Salz und Anhydrit.
Literaturhinweise
 
(1)SCHUSTERTiefster Erdfall am Südharz
Druckmanuskript, 1952
Archiv Karstmuseum BHH 182
(2)SUPANGrundzüge der physischen Erdkunde
Berlin, Leipzig, 1930
(3)NAUMANNLehrbuch der Geognosie
Leipzig, 1850
(4)VÖLKERErdfälle im Südharz
Manuskript, 1985
Archiv Karstmuseum BHH 265
(5)BEHRENSHercynia curiosa, 1703
(6)SCHUSTERDie Seelöcher
Manuskript, 1985
Archiv Karstmuseum
(7)RACKWITZDie Erdfälle am Rande des Südharzes
Sonntagsblatt „Der Nordhäuser Courier
Nr. 3 und 4, 1885
(8)CONRADErdfälle bei Tilleda, Hackpfüffel und Rieth-
nordhausen
Manuskript, 1937
Archiv Karstmuseum BHH 251
(9)NAUWERCK. . . Erdfälle, Seelöcher, 1856, S. 41 - 43
Archiv Karstmuseum BHH 172a
(10)SCHULZEÜber einen Baum in einen Erdfall bei Wimmel-
burg, S. 613 - 614, 1814
Archiv Karstmuseum BHH 240
(11)VÖLKERDer Erdfall in Uftrungen
Manuskript, Berichte, Erlebnisse, 1984
(12)HAEFKEKarsterscheinungen im Gips am Südharz, 1926
Archiv Karstmuseum BSZ 2
(13)PRIESNITZKurze Übersicht über den Karstformenschatz des
südlichen Harzrandes, 1969
Archiv Karstmuseum BHH 34
(14)REICHARDTDie Erdfälle in der Grafschaft Hohnstein und ihre
Entstehungssagen, 1902, S. 478 - 480
Archiv Karstmuseum BR 192
(15)FANTASNY,
BRENDEL
Rezente Erdfälle im Bezirk Halle im Zeitraum
1960 bis 1970 und ihre ingeneurgeologische Be-
deutung, 1972
(16)WUTZIGBeobachtungen und Grabungsarbeiten durch die
FG Dresden in der Urbachdoline, 1981
Archiv Karstmuseum BZGG4


Zustand des Erdfalles von Pützlingen im Frühjahr 1987


Wassergefüllte Doline bei Questenberg


Ein alter Erdfall auf dem Rolandsberg bei Pützlingen


Zustand des Erdfalles von Pützlingen im Februar 1987


Quelle:
Christel & Reinhard VÖLKER
Dolinen und Erdfälle im Sulfatkarst des Südharzes
Heft 15, Mitteilungen des Karstmuseums, Uftrungen