Die Entdeckung und Erforschung der Segen-Gottes-Schlotte
- von Reinhard und Christel Völker -
Vom Ausstrich des Kupferschieferflözes hatte sich der Kupferschieferbergbau immer weiter in die Tiefe der Sangerhäuser Mulde entwickelt.
Im System der Wasserlösung war durch die Anlage des Gonnaer Stollens nach Süden eine Grenze gesetzt. Es wurde der Versuch unternommen, noch tiefer abzubauen und das Wasser mit Kunstzeugen auf das Niveau des Gonnaer Stollens zu heben. An der Anlage eines neuen und tieferen Stollens zur Wasserableitung konnten die Bergleute jedoch nicht vorbeigehen. So wurde am 25. Oktober 1830 mit der Auffahrung des Segen-Gottes-Stollens begonnen. Der Vortrieb wurde später im Gegenortbetrieb durchgeführt, d.h., von beiden Seiten her.


Das Mundloch des Stollens befindet sich westlich von Sangerhausen, das Wasser des Stollens fließt in das kleine Flüßchen Gonna.
1855 erreichte der Stollen mit 4934 m Länge das Flöz. Von hier aus wurde im Streichen der Lagerstätte die Stollensohle aufgefahren. Diese erreichte eine Gesamtlänge von 4524 m. Der eigentliche Stollen besitzt 11 Lichtlöcher. Kurz vor dem 11. Lichtloch erreichte man den Stinkschiefer und damit eine wasserführende Schicht, welche in unmittelbarem Kontakt mit dem liegenden Werra-Anhydrit und dem hangenden Basal- und Sangerhäuser Anhydrit mit Verkarstungserscheinungen rechnen ließ.
(1) ".... im 130. Lachter zuerst kleine, dann größere Gipsblöcke beigemengt waren, im 137. Lachter nahm der Gips zum ersten Mal den ganzen Ort ein...."
Man durchfuhr mit dem Stollen die unteren Zechsteinglieder. Stinksteingeruch gab den Hinweis, das man bald in den "Älteren Zechsteingips" hineinfahren würde.
(1) "...am 27. Februar (1854) bemerkten die Häuer, daß in dem Einbruchschlitze durch eine feine Kluft in dem westlichen Stollenstoße einige Wasser sickerten. Man hatte nun nichts eiligeres zu tun, als zum Verbohren zu schreiten. Noch nicht hatte man indeß 10 Zoll gebohrt, als man eine kleine Kluft traf, aus der ein heftiger Wasserstrahl beim Rütteln des Bohrers herausdrang. Man ließ das Ort um einige Tage stehen, um teils das Tragewerk vom 10. Loche her in guten Zustand zu setzen, teils um abzuwarten, ob sich der Wasserdruck aus dem 1 1/4 zölligen Bohrloche, welcher auf 30 Kubikfuß pro Minute geschätzt wurde, von selber verstärken würde."
Am 08. März 1854 setzte man ein zweites Bohrloch an und erbohrte abermals die wasserführende Kluft. Es flossen jedoch nur 5 Kubikfuß pro Minute aus. Am 09. März 1854 bohrte man ein drittes Loch. Das Loch endete nach 1 Meter Verbohren, ohne das Wasser getroffen wurde.
Am 10. März wurde ein viertes Loch vorgebohrt. Bereits nach 13 Zoll schoß das Wasser aus dem Loche heraus. 25 Kubikfuß pro Minute treten aus. Da man sich auf größere Ereignisse einstellen mußte, wurde erst einmal die Zimmerung bis zum 10. Lichtloche in Ordnung gebracht. Das Wasser stieg bis zum 15. März 1854 an und erreichte bald 130 Kubikfuß pro Minute.
(1) "... Bis zum 14. März vermehrten sich die Wasser aus den sich erweiterten Bohrlöchern auf 120 Kubikfuß pro Minute und bald auf 130, führten aber schlechte Wetter mit sich, so daß man kaum bis zum 20. Lachter vom Orte zurück gelangen konnte. Es war nun klar, daß man Schlotten getroffen hatte und es blieb kein anderer Weg übrig, als den Ort stehen zu lassen und abzuwarten, bis sich der Schlottenwog niedergezogen hatte.
Der Wasserdruck vermehrte sich immer mehr, von 130 Kubikfuß stieg er bald auf 245 Kubikfuß in der letzten Woche Qu. Trinit 1854.
Endlich fingen die Wasser an, nach und nach trüber zu werden und zu fallen, so daß Schluß Woche Crucis nur noch 190 Kubikfuß pro Minute abgingen. Montags 6. Woche Crucis versuchte man das Stollenwerk zu befahren, fand aber so wie früher 20 Lachter vom Orte zurück schlechte Wetter.
Nachdem aber der 15. Lachter zurück anstehende Luttenstrang vollends nachgeführt worden war, wurden die Wetter besser und man konnte donnerstags 8. Woche Crucis vor das Ort gelangen und die Bohrlöcher untersuchen.
Man untersuchte die Bohrlöcher, konnte jedoch dem 4. Bohrloche nicht nahe kommen, da es immer noch stark Wasser führte. Man beschloß, die Schlotten nicht anzugreifen und in der Wartezeit die Zimmerung des Stollens in Ordnung zu bringen. Am Mittwoch, 2. Woche Luciae versuchte man, das Schlottenwasser noch stärker anzuzapfen. Mit diesem 5. Loch traf man in etwa den Wasserspiegel, denn es floß nur sehr wenig Wasser ab. Man bohrte noch zwei weitere Löcher.
(1) "Nach dem Durchbringen noch zweier anderer Bohrlöcher, mehr nach der Stollensohle, wurde das oberste Bohrloch ganz trocken und durch das selbe zog ein sehr starker Luftstrom aus dem Stollen in die Schlotten, so daß man sehr frische Wetter vor dem Orte hatte.
In der folgenden Woche schlug jedoch der Wetterstrom um und von dem Zeitpunkt an hatte man bis zum Durchschlagen in das Gegenort mit schlechten Wettern zu kämpfen, die sich nicht allein auf die Lunge äußerten, sondern auch öfters Unwohlsein, Erbrechen und Kopfschmerzen der Leute herbeiführten."
Am Donnerstag, 4. Woche Luciae, wagte man den Durchschlag in die Schlotte. Seit dem ersten Anbohren der Schlottenwasser bis zum Durchschlag in die Schlotte waren über 7 Monate vergangen.
(1) "Nachdem man nun die Firste nachgestoßen hatte, machte man donnerstags 4. Woche Lui. den Durchschlag und befuhr zum ersten Male die Schlotten, welche unter einem beträchtlichen Winkel aus der Stollensohle steigen, sich dann noch 3 Lachter in des Stollens Richtung fortsetzen und ziemlich bedeutende Räume bildend, sich in nördliche Richtung über den Stollen ausbreiten.
Gipsspat von verschiedener Färbung, von wasserhell bis schwarz, Fasergips und Schaumgips. Anhydrit habe ich nicht finden können, obgleich solcher auch vorhanden sein soll."
Bei der weiteren Arbeit im Segen-Gottes-Stollen hinderte das aus dem Stinkschiefer austretende Wasser sehr.
(1)... gewiß würde man, Schlägel und Eisen bloß anwendend sehr gut fortgeschritten sein, wenn nicht schlechte Wetter und starke Wasser, mindestens 20 Kubikfuß pro Minute aus Firste, Stößen und Ortsstirn abgebend die Arbeit behindert hätten."
Die Schlotten nutzten die Bergleute zur Unterbringung ihres Versatzes.
(1) "... Da die bedeutendsten Schlotten, wie erwähnt über dem Stollen liegen, so konnte man sie nur mittels eines blinden Schachtes zur Förderung brauchbar machen.
Dieser blinde Schacht ist bei 287 Lachter vom 10. Loche von einer geräumigen Schlotte aus mit 6 Lachter Teufe und 1/2 Lachter Weite aus dem östlichen Stollenstoße niedergekommen und mit einem einmännischem Haspel wurde die Fördermasse vom Füllorte aus in die geräumige Schlotte gebracht und zum Teil mit einem Karren in andere Schlotten gelaufen."
Die starke Wasserführung des Stinkschiefers, welche die Ursache der Schlottenbildung war, wird im folgenden Bericht immer wieder belegt:
(1) "Wettermangel und viel Wasser, immer noch 20 Kubikfuß, behinderten die Fortschritte sehr, dazu kam noch, das die Sohle wegen zunehmender Festigkeit sowohl als auch wegen des hohen Wasserstandes sehr schwierig nachzuholen war. An Dämmen war nicht zu denken ...."
"... Mit jedem Loch, was man bohrte, kam man in wassergefüllte Klüfte und Racheln, ganze Schichten vergingen oft, ehe man die Racheln in einem solchen Loch mit Letten verstopft hatte, und ging das Pulver wirklich los, so fuhren die Gase in die Klüfte und wirkten fast gar nicht ....
Im 320. Lachter ließen sich die langen Eisen plötzlich tiefer einschlagen, die Wasser wurden ganz zu Schlamm und man überzeugte sich, das ein 2" starkes Aschenmittel mit sanftem Ansteigen aus der Sohle stieg und unter welchem man bald den älteren Gips mit den langen Eisen fühlte."
Die Segen-Gottes-Schlotte war entdeckt, unter großen Mühen des Wassers entleert und durch Versatz bergmännisch genutzt worden. Auf Grund des herrlichen gelben Marienglases wurde sie durch Bergleute und Heimatfreunde ab und zu besucht und für Repräsentationszwecke höher gestellten Persönlichkeiten gezeigt. Inschriften an den Wänden der unteren Schlottenräume beweisen das.

NAUWERCK beschreibt 1860 die Schlotten:

(2) "Nach Freiensleben sind diese Höhlungen nur Folgen der Brüche unterliegender Schlotten. Das dies bei der Leinunger der Fall ist, kann und will ich nicht bestreiten, da ich sie nicht gesehen habe. Bei dem Zuge über dem Segen-Gottes-Stollen, den ich mehrfach befuhr, ist dies aber meiner Ansicht durchaus nicht so und es ist dieser Zug mit Fug und Recht ein Schlottenzug zu nennen. Die Erstreckung und Ausdehnung desselben ist aus beiligendem kleinen Riß, Nr. 3 zu ersehen und schon aus diesem erkennt man die vollkommene Ähnlichkeit mit den älteren Schlottenzügen (man vergleiche diesen Riß nur mit diesen von jenen).
Auch ist aus den Profilen deutlich zu ersehen, das diese Höhlungen nicht durch Einsturz entstehen konnten, da sich dieselben unterteufen und es nicht wahrscheinlich ist, das eine so große Gipsmasse, als zwischen diesen sich unterteufenden Höhlungen liegt, beim Einstürzen nicht bis auf die Sohle des unteren hohlen Raumes gefallen sein sollte.
In dieser Hinsicht sind freilich diese Schlotten, wenn man sie mit den dortigen Bergleuten so nennen will, sehr verschieden von den älteren, daß die Form der einzelnen Räume nie eine so regelmäßige, glockenartig oder saalförmig, wie bei jenen ist. Ich glaube aber, daß die mehr unregelmäßig gigantische Form derselben nur durch die Art und Zerklüftung des sie umgehenden Gipses bedingt wird. Dieselben befinden sich, wie hier aus dem Profil des Segen-Gottes-Stollen zu ersehen ist, in der Nähe des hier den jüngeren von dem älteren Gips scheidenden Stinkstein, und zwar liegen die meisten dieser hohlen Räume auf der Scheidung zweier verschiedener Gipsarten.
Die eine ist körnig und zwar gröber als fast sämtliche älteren Gipse. Sie ist sehr milde und teilweise zerreiblich bis mehlig. Ihre Hauptfarbe ist die schmutzig weiße, jedoch ist sie von gräulichen, kristallischen blättrigen Massen durchsetzt, welche bisweilen kleine Höhlungen einschließen. Diese Höhlungen sind öfter mit schönen wasserhellen Gipsnadeln ausgestattet, welche denen, die in einigen alten Schlotten von mir als noch entstehend aufgeführt sind, sehr ähneln. Die graulichen lassen sich aber durchaus nicht bräunlichgrau und geben auch bei der stärksten Friktion keinen Geruch nach Stinksteinmassen. Dieser Gips geht an einigen Stellen gänzlich in dunkelgraue, sehr grobkörnig kristallinische Massen über, welche jedoch auch durchaus keinen Stinksteingehalt zeigen. Der andere Gips besteht fast nur aus sehr grobblättrigem, verworren durcheinander liegenden Fraueneis, dessen einzelne Blätter gewöhnlich von einer Länge eines Fußes doch zuweilen die von 3 Fuß erreichen. Der schöne perlmuttartige Glanz, der in den verschiedenen Richtungen sich durchkreuzenden, unvollkommen ausgebildeten Kristalle, gewährt dem Auge einen befriedigenden Anblick und eine rein honiggelbe, stellenweise auch reinweiße Färbung erhöht noch die Schönheit dieser Massen. Sie entfaltet zuweilen kleine hohle Räume, in denen dann Bruchstücke von Kristallflächen ausgebildet sind. Die hier vorkommenden verschiedenen Formen der Höhlungen sind wiederum bedingt durch die sie einschließende Gipsmasse und die in ihnen vorkommenden Klüfte. Auf der nördlichen Seite derselben findet sich zuweilen der graue grobkörnige oder auch der weiße sandige mehlige Gips.
Seine Massen sind mehr gleichmäßig, werden von den Massen abgespült und scheinen die Neigung zur Bildung von domartigen Formen herbeizuführen. Die südlichen Wandungen aber werden meist durch das grob und verworren blättrige Fraueneis gebildet, welches gewöhnlich eine zackige Oberfläche zeigt, an welcher man jedoch nie Kristall-, sondern nur stets Texturflächen wahrnimmt. Man hat durch die Natur dieser Massen bedingte Formen, wie ich sie hier nebenan in einigen Handzeichnungen darzustellen suchte. Wenn, wie es zuweilen der Fall ist, eine Kluft nach der Höhe fortgeht, so bilden sich essenartige Räume, ähnlich denen, die in der älteren Formation den Namen Schlotten hervorriefen.
Nur haben dieselben nie, oder nur seitig, da wo der weiße körnige Gips sich befindet, eine glatte Oberfläche, während die Wandungen des grobblättrigen Fraueneises stets zackig in die Essenform hineinragen ...."
Auch nach NAUWERCK wurde die Schlotte noch besucht. Eine wissenschaftliche Bearbeitung erfolgte jedoch nicht.
STOLBERG (1926) (3) und BIESE (1931) (4) erwähnten die Segen-Gottes-Schlotte in ihren wegweisenden Schriften nicht.
Später erhält die Schlotte die Nummer 99 des Harzer Höhlenkatasters und wird von STOLBERG 1942 beschrieben (5).
Er hat die Schlotte jedoch selbst nie gesehen und kann nur das wiedergeben, was er Nauwercks Schriften und einschlägigen Grubenrissen entnimmt.
Im Zusammenhang mit Expeditionen ist die Elisabethschächter Schlotte wird die Segen-Gottes-Schlotte durch eine Gruppe des Arbeitskreises Höhlen und Karstforschung und des Karstmuseums zu Beginn der 80iger Jahre mehrfach befahren.
Durch Archivarbeit werden weitere Unterlagen über diese Höhle gesichtet.
 

2. Speläologische Daten der Segen-Gottes-Schlotte

Die Segen-Gottes-Schlotte liegt mit ihrer Sohle im Bereich von 140 - 156 m NN. Das darüber befindliche Gelände steigt auf 349 m NN an. Die Vorflut bildet der Grenzbach zwischen Wettelrode und Morungen mit einer Höhe von 280 m NN. Zu gleichen Zahlenangaben kommt 1942 bereits STOLBERG (5).
Die Höhle liegt also etwa 200 m unter der Erdoberfläche und etwa 140 m unter der Vorflut des Grenzbaches. Sie erstreckt sich in der Hauptachse auf etwa 150 m. Die beiden Haupträume erreichen Höhen um 10 m und Breiten von 15 m.
Stratigraphisch befinden sich die Räume im Basal- und Sangerhäuser Anhydrit. Der Basal-Anhydrit ist jedoch nirgends aufgeschlossen, da die Höhlensohle vollständig mit Verbruchsmaterial aufgefüllt ist. Der Sangerhäuser Anhydrit ist olistostromal gelagert und macht bezüglich seiner Lagerung einen chaotischen Eindruck. Alte schicht- und Kluftflächen sind mit Marienglas verheilt. Oft sind es veräderte oder verästelte Verheilungen, für die es ohne Detailuntersuchungen keine nähere Erklärung gibt. Am beeindruckendsten ist die großflächige Ausbildung von kompakten Marienglasvorkommen. Die Schlotte zog deshalb schon immer Mineralräuber an, 1981 wurde ihr Zugang deshalb sicher verwahrt.
Das Marienglas, teils wasserklar und durchsichtig, zeichnet sich aber durch überwiegende honiggelbe Farbe aus. An Kontaktstellen ist sichtbar, daß es sich um eine sekundäre Bildung handelt. Das Marienglas sitzt auf alten, gelaugten Hohlraumwänden auf, es handelt sich deutlich um die Auskristallisierung eines ehemaligen Hohlraumes. Dieser Hohlraum, entstanden durch Korrosionsprozesse, wurde zu einem späteren Zeitpunkt wieder ganz oder teilweise mit Marienglas gefüllt.
An den Stellen, wo das Marienglas nicht herausgebrochen wurde, ist klar zu sehen, daß es durch Wasser korrodiert wurde. An diesen Stellen bilden Firste und Stöße der Höhle bizarr gelaugte Marienglaswände. MUCKE spricht von Höhlen erster und zweiter Generation. Mit der Auflösung des Marienglases öffnete sich der Hohlraum als Höhle erneut. Darüberhinaus entstand in der zweiten Generation eine bedeutend größere Höhle, da der korrodierte "Marienglasrest" nur an einer Höhlenwand, der nördlichen, verfolgbar ist.
 

3. Die Entstehung der Segen-Gottes-Schlotte

Die Segen-Gottes-Schlotte gehört nach FULDA (6) zum Wimmelburger Typ.

Es handelt sich um einen Verkarstungsprozeß im Anhydrit, welcher sein Wasser aus einer unterlagernden, stark wasserführenden Schicht erhält. Im Bereich der Zechsteinablagerungen des Südharzes der DDR kommen dafür zwei Schichten in Frage:

- der Zechsteinkalk
- der Stinkschiefer
Die Segen-Gottes-Schlotte erhält das Wasser aus dem unterlagernden Stinkschiefer.
Alle anderen beschriebenen und zu verschiedenen Zeiten befahrenen Schlotten liegen im Werraanhydrit. Da dieser Horizont früher "Älterer Gips" genannt wurde, spricht NAUWERCK auch in diesem Fall von den "Älteren Schlotten".
Die notwendigen Verkarstungsprozesse, die zu diesen Höhlen führten, bezogen ihr Wasser aus dem unterlagernden Zechsteinkalk.
Die Segen-Gottes-Schlotte liegt im Basal- und Sangerhäuser Anhydrit. Im alten Sinne also im "Jüngeren Gips". Sie ist im NAUWERCKschen Sinne also eine "Jüngere Schlotte". Wie man aus dieser Definition ersieht, hat das alles nicht mit dem wahren Alter der Höhle zu tun, sondern ist nur eine stratigraphische Einstufung. Über die starke Wasserführung des Stinkschiefers gibt der Bericht über die Entdeckung der Höhle umfassend Auskunft. An der Grenzfläche Stinkschiefer-Anhydrit erfolgte die Verkarstung des Anhydrits. Aufschlüsse im Grubenfeld zeigen, daß an dieser Kontaktfläche der Verkarstungsprozeß weitflächig erfolgt. Bedingt durch Klüfte werden bevorzugte Wasserbahnen benutzt und es entstehen größere Hohlraumzüge, die diesen Kluftrichtungen folgen. Der Stinkschiefer selbst bezieht sein Wasser aus dem Zechsteinausstriches im Gebiet der Mooskammer bzw. der Morunger Auslaugungstales. Er dürfte unter quartären Sedimenten teilweise direkt anstehen. Das beweisen die Verhältnisse in Dolinen in der Gegend der Elisabethschächter Schlotte. Ein großer Teil des Niederschlages und des Grundwasserstromes des genannten Tales hat deshalb Zutritt zum Stinkschiefer. Die starke Klüftigkeit des Gesteins bedingt dessen Fähigkeit, das Wasser schnell in die Tiefe zu leiten. Das Wasser folgt dem Einfallen des Stinkschiefers, auch die an der Kontaktfläche Stinkschiefer - Anhydrit entstehenden Höhlen folgen diesem Einfallen. Das gipsgesättigte Wasser füllt die Höhlen ganz aus. Der Verkarstungsprozeß schreitet somit allmählich nach der Tiefe fort.
Durch das Auffahren des Segen-Gottes-Stollens wurde die Schlotte angetroffen, die in ihr befindlichen Wasser ergossen sich über den Stollen in die Gonna bei Sangerhausen. Damit wurden bestimmt viele andere Hohlraumsysteme mit entleert, die sich nördlich der Segen-Gottes-Schlotte befinden, die aber nicht durch den Bergbau gefunden wurden.
Nach KÄSTNER gibt es einen Bericht, wonach mit der Anzapfung der Segen-Gottes-Schlotte der Wasserspiegel in der Elisabethschächter Schlotte fiel. Wenn auch an anläßlich der hier vorliegenden Arbeit dieser Bericht nicht wieder aufgefunden wurde, erscheint der Vorgang jedoch einleuchtend.
STOLBERG macht zu diesen Zusammenhängen eine Ausführung, ohne jedoch die Quellen dazu anzugeben.
(5) "... Mit Anlage des Segen-Gottes-Stollens 1854 wurden die Elisabether Schlottenwasser angezapft, womit die Schüttung auf durchschnittlich 3,8 m3/min wuchs."
Durch die Entwässerung änderten sich viele Gleichgewichtszustände im umgebenden Gebirge. Beispielsweise wird berichtet, daß der untere Teil des Segen-Gottes-Stollen in der Folgezeit intensiv erneuert werden mußte.
1864 kam es in der schon ausgebauten östlichen Stollensohle zu einem Schlottenbruch. Diese Stelle ist bis heute noch durch Trockenmauerwerk erkennbar. 1880 mußte man den nördlich gelegenen Karolusschacht aufgeben.
Das Fördergestell paßte nicht mehr durch die Schachtröhre.
Der Schacht wurde durch Seitendruck völlig deformiert. Er wurde schließlich aufgegeben und verfüllt. Das Schachtprofil läßt eindeutig erkennen, daß hier Schlotten im Spiel waren.
Die Anzapfung der Segen-Gottes-Schlotte hatte also eine erhebliche Druckentlastung mit sich gebracht.
1874 wurde der Betrieb des westlichen, 1878 der Betrieb des östlichen Stollenortes eingestellt. Unterhalb der Stollensohle des Segen-Gottes-Stollens wurde im Bereich der Schlotte nur geringfügig abgebaut. Deshalb sind keine weiteren Folgeerscheinungen bekannt.
Es ist wahrscheinlich, daß unter dem Niveau der Segen-Gottes-Stollensohle noch wassergefüllte Teile der Schlotte vorhanden sind.
Morphologisch gibt es dazu im Kontaktbereich Schlotte - Stollen deutliche Anzeichen.

4. Zu einigen Vorgängen beim Anfahren der Schlotte

Interessant sind die Schilderungen über einziehende und ausziehende Wetter in Abhängigkeit der Schlottenanzapfung. Eigenartige hydrologisch Vorgänge und die plötzliche Umkehr von Wetterbewegungen ohne sichtbares äußeres Zeichen waren für die Bergleute eine äußerst merkwürdige Angelegenheit.
Der Bergschüler WILCKE  bearbeitete dieses Thema auf Anraten seines Lehrers in einer Bergschularbeit des Jahres 1858 (7). Diese Arbeit bringt erstaunliche Ansichten und gibt einleuchtende Erklärungen für diese Erscheinungen.

WILCKE gliedert seine Arbeit:

(7) "Wie ist zu erklären

  1. Die Speisung der Schlotten
  2. Das Steigen und Fallen des Schlottenwogs ohne sichtbare Zu- und Abflüsse
  3. Das ungleiche Wasserniveau zweier in Verbindung stehender Schlotten
  4. Das den Witterungsverhältnissen entgegengesetzte Steigen und Fallen
  5. Das der Abfluß beim fallenden größer als beim steigenden Wasserwog ist."
Auf eine größere Interpretation der Arbeit WILCKES soll hier verzichtet werden. Auch soll keine Beschreibung des Phänomens erfolgen. In einer grafischen Darstellung soll dieser Vorgang aufgezeigt werden.

LITERATURZUSAMMENSTELLUNG
(1)"Beschreibung des Segen-Gottes-Stollens aus dem Sangerhäuser Reviere"
angefertigt in den quartalen Reminiscere, Trinitatis und Crucis 1857
Bergschülerarbeit, Autor unbekannt
(2)NAUWERCK
Beitrag zur Kenntnis der Gypse mit ihren Schlotten und Höhlungen sowie Erdfällen im Hangenden des Kupferschiefers, am Harze und im Mansfeldischen sowie ihrer Entstehungsweise.
Der Bergwerksfreund, Neue Folge, Bd I. Lief. 2
Eisleben 1860
(3)STOLBERG
Die Höhlen des Harzes
Band 1 Einleitung und Südharzer Zechsteinhöhlen
Eilers-Verlag Magdeburg 1926
Sonderausgabe der illustrierten Monatsschrift "Der Harz"
(4)BIESE
Über Höhlenbildung
I. Teil Entstehung der Gipshöhlen am südlichen Harzrand und am Kyffhäuser
Preußische Geologie Landesanstalt 1931
(5)STOLBERG
Die Mansfelder Schlotten
Zeitschrift für Karst- und Höhlenkunde
Heft 1 - 4 1942 - 43 Berlin
(6)FULDA
Die Verbreitung und Entstehung der Schlotten in der Mansfelder Mulde
Prüfungsarbeit Preußisch Geologische Landesanstalt 1912
(7)WILCKE
Über den Schlottenwog und die gemachten Beobachtungen
Bergschularbeit 1858
(8)VÖLKER
Der Kenntnisstand über die durch den Kupferschieferbergbau aufgefahrenen Schlottensysteme
Manuskript Karstmuseum 1979
(9)SCHUSTER
Bergbauliche Erläuterungen über Maße Gewichte etc. aus früheren Jahrhunderten.

Erklärung einiger Begriffe
1Lachter=
2
,092m
1Fuß (Preußen)=
0
,314m
1Kubikfuß (Preußen)=31l
1Fuß (Sachsen)=
0
,283m
1Kubikfuß (Sachsen)=
22
,7l

Der Bergwerkskalender teilt sich in vier Quartale:
1.QuartalReminiscere
2.QuartalTrinitatis
3.QuartalCrucis
4.QuartalLuciae

Jedes Quartal setzt sich aus 13 Wochen zusammen. Diese sind durch Nummern gezeichnet. Zu Beginn dieser Rechnungsweise begann das 1. Quartal Reminiscere an einem 1. Januar. In der Rechnung gab es immer nur volle Wochen. Da das Bergwerksjahr kürzer als ein Normaljahr des Gregorianischen Kalenders war, entfernte sich der erste Tag des Bergmannsjahres immer weiter vom 1. Januar. Wenn die Verschiebung zu groß wurde, dann schob man ein komplettes 5. Quartal ein.
Beispielsweise begann das Bergwerksjahr im Unterharz für 1808 bereits am 18. Oktober 1807, das Bergwerksjahr 1807 begann am 19. Oktober 1806. (9)


Das Mundloch des Segen-Gottes-Stollen bei Sangerhausen