Grabung an der "Alten Warte"
in Osterode-Dreilinden am 11.07.2005

- Grabungsbericht -

von Hans Mittmann


 

1. Zur Topographie und Geographie
Die "Alte Warte" ist ein Teil der alten Landwehr im Verlauf der "Hohen Straße" von Osterode über Düna nach Osten. Sie liegt in exponierter Lage 304 m hoch auf einer Kuppe, die die höchste Erhebung zwischen Osterode und Herzberg im Bereich eines nach Südwesten einfallenden Dolomitplateaus bildet. Dieses wiederum überdeckt den mächtigen Werra-Anhydrit, dessen Oberfläche vergipst ist und durch dessen Auslaugung die Subrosionssenke am Südwestharzrand entstanden ist.

Der Dolomit ist an der Oberfläche zu einem 20 bis 30 cm mächtigen Rendzinaboden verwittert, der an den Hängen der Kuppe als Ackerland genutzt wird und dort durch Akkumulation größere Mächtigkeit erreicht. Der Bereich um die "Alte Warte" wird seit Jahrzehnten als Grünland (Mähwiese) genutzt; in den 31 Jahren, die ich in Dreilinden lebe und während derer ich die Feldmark regelmäßig begehe, habe ich nur einmal (in den 80er Jahren) beobachten können, dass die Wiese umgebrochen wurde.

Der ehemalige Turm bildete einen hervorragenden Aussichtsposten. Von ihm aus erblickt man im Südosten das Herzberger Schloss; nach Nordwesten und Südwesten konnte man auf die Stadt Osterode bzw. in Richtung Schwiegershausen sehen, als die Umgebung noch nicht aufgeforstet war. Die in den letzten Jahrzehnten um den vor 40 Jahren wieder aufgemauerten Turmstumpf herum gewachsenen Büsche und Bäume wurden in einer von der 1. Vorsitzenden des Osteroder Heimat- und Geschichtsvereins, Frau Kreckmann, initiierten Aktion und mit Geld, das der Ehrenvorsitzende des Vereins, Herbert Wagner, anlässlich seines Geburtstages gesammelt hatte, im Frühjahr dieses Jahres [2005] entfernt. Dadurch ist der freie Blick nach Norden, Osten und Südosten wieder ermöglicht worden.
 

2. Vorgeschichte der Grabung
Vor vielen Jahren hatte ich bei einer Begehung mit Wünschelruten (Metalldrähte) im Bereich der "Alten Warte" festgestellt, dass diese in ca. 6 m Entfernung vor dem Turm ausschlugen, wenn man sich ihm aus allen möglichen Richtungen von außen näherte. Bei Gesprächen über den Turm im Vorstand des Heimat- und Geschichtsvereins Osterode zu Anfang dieses Jahres [2005] fiel mir diese Tatsache wieder ein, und nach längerem Überlegen kam ich zu dem Schluss, dass dort möglicherweise rund um den Turm ein Spitzgraben verlaufen sein musste.

Am 15. April 2005 wiederholte ich die Begehung mit drei Schülern der von mir am Gymnasium Osterode ins Leben gerufene Erdkunde-AG. Die Schüler des 11. Jahrgangs - Marc Hoppe, Florian Rüde und Florian Sprung - kamen zum gleichen Ergebnis mit den Wünschelruten. Da ich in den vergangenen Jahrzehnten häufiger mit Schülern zur Bestimmung von Bodentypen auch an der Alten Warte war, wusste ich, dass normalerweise der Dolomit-Untergrund in ca. 30 cm Tiefe zu finden war.

Mit mitgebrachten Bodenbohrern stellten wir an mehreren Stellen, die 4 bis 8 m vom Turm entfernt waren, fest, dass die Bohrer bis in 110 cm Tiefe in den Boden vordrangen. Nur in Richtung Osten kamen wir nicht tiefer als 50 cm. (Karte 1).


Karte 1

Auf Grund dieses ersten Befundes, bei dem in einem Bohrprofil in 70 cm Tiefe auch Ziegelreste entdeckt worden waren, setzte ich mich mit dem Kreisarchäologen, Dr. Stefan Flindt, in Verbindung. Bei einer gemeinsamen Begehung wurden Lage, Länge und Breite eines Suchschnittes festgelegt. Die Schulleitung des Gymnasiums Osterode stimmte der vorgesehenen Grabungsaktion zu, die im Rahmen der Projekttage der Schule durchgeführt werden sollte. Nach Rücksprache mit Eigentümer und Pächter sowie der Regelung für eine Zufahrtsgenehmigung seitens der Feldmarksgenossenschaft waren auch die letzten rechtlichen Voraussetzungen geklärt.
 

3. Die Grabung am 11. Juli 2005
Jeweils 6 Schülerinnen und Schüler der Schuljahrgänge 11 und 12 sowie neben mir die Lehrkräfte Nordmann und Pühn nahmen an der Grabung teil. Es wurde von 8.00 h bis 16.30 h gearbeitet; Geräte wurden von den Teilnehmern mitgebracht bzw. von Bekannten des Projektleiters zur Verfügung gestellt.

Zuerst wurde ca. 10 m vom Turmstumpf entfernt ein Rechteck von 3 m x 1 m Größe im Winkel von 120° nach Südosten abgesteckt und mit einer dünnen Schnur markiert. Dann begannen die jungen Leute mit Spaten und Schaufel die Grasnarbe abzutragen und einige Meter davon zu deponieren. Die weitere Arbeit wurde mit Spitzhacke, Spaten und Schaufeln geleistet. Allerdings zeigte sich, dass die Grabung zu weit vom Turm entfernt angesetzt worden war, denn schon in 20 cm Tiefe erschien die Dolomitdecke unter dem Bodenaushub. Zwar war die Gesteinsdecke nicht geschlossen, aber die Platten lagen doch sehr dicht. So wurde die Grabungsfläche um drei Meter in Richtung Turm verschoben (Karte 1).

Jetzt konnte mit Spitzhacke und Spaten doch tiefer in den Boden eingedrungen werden. Zwar war er auch hier mit Dolomitplatten durchsetzt, aber sie waren nachhaltig gestört, lagen nicht plattig nebeneinander und nicht so dicht. Der Grabungseifer der jungen Leute erhöhte sich, als bereits in 30 cm Tiefe erste kleine Ziegelreste gefunden wurden. Weitere Funde waren kleine Tonscherben mit Streifenmuster bzw. farbig glasiert und Glasscherben (dicke Scherbe aus Weißglas mit perlmuttartiger Verfärbung an der Oberfläche, dünne grüne Scherbe, beide mit gerundeter Oberfläche), die in Tiefen bis 60 cm lagen (Foto 1). Daneben kam eine Handvoll schwarze Schlackenreste zum Vorschein (Foto 2).
 
Foto 1
Foto 2

In 70 cm Tiefe wurde das erste größere Ziegelbruchstück gefunden, und bei weiterem Graben erschienen mehr und mehr solcher Funde. Viele davon sind gerundet und lassen sicher auf Dachziegel schließen. In 90 cm Tiefe schließlich wurde ein regelrechter Ziegelhorizont ergraben, der sich in Grabungsrichtung nur ca. 40 - 50 cm weit verfolgen ließ, aber quer zum Schnitt weiterzulaufen scheint.


Foto 3
Das größte Bruchstück ist ca. 14 cm lang

Nach Säubern und Glätten der östlichen Suchschnittseite, die von der Sonne beschienen wurde, konnten auch Bodenverfärbungen ausgemacht werden, die ein Grabenprofil ergeben (Zeichnung 1). Diese waren auch nach vorsichtigem Besprühen mit Wasser deutlich erkennbar. Es zeigte sich, dass von Südosten her die Dolomitmasse schräg zum Turm hin abfällt und die Sohle des ehemaligen Grabens dem Ziegelhorizont zu entsprechen scheint. Zum Turm hin hatten sich die Schülerinnen und Schüler weiter in den anstehenden Dolomit vorgearbeitet, so dass die dichtere (anstehende) Steinpackung in Foto und Zeichnung erkennbar wird (Zeichnung 1).
 
Foto 4
Suchschnitt, trocken
Foto 5
Suchschnitt, angefeuchtet

Zeichnung 1 zeigt Bodenverfärbungen, aus denen sich zu ergeben scheint, dass der Graben sich zunächst auf natürlichem Wege wieder auffüllte, der Rest dann offenbar später zugeschüttet wurde. Demnach wären die Ton- und Glasscherben erst mit dieser letzten Verfüllung eingebracht worden, denn sie wurden in dem oberen Verfüllungsbereich gefunden; die kleinen Ziegelreste können ebenfalls auf diese Weise an ihren Platz gelangt sein oder beim (seltenen) Pflügen des Geländes aus tieferen Schichten in oberflächennahe Bereiche gebracht worden sein. Der Bodenhorizont unter der Grasnarbe ist stark humushaltig und damit sehr dunkel; der obere (jüngere) Verfüllungsbereich ist deutlich heller, wogegen der untere Verfüllungshorizont, der die Grabenoberfläche mit ca. 30 cm Mächtigkeit bedeckt, wieder dunkler ist und damit eine ehemalige Bodenoberfläche andeuten kann (Zeichnung 1).


Zeichnung 1

4. Ergebnisse für die Teilnehmer der Grabung
Die jungen Leute, die an der Grabung teilnahmen, waren mit Eifer bei der Arbeit, wobei vor allem die Aktivität der Schülerinnen hervorgehoben werden muss. Für sie war es - wie auch für den Projektleiter - die erste Maßnahme dieser Art, und wenn sie auch nicht spektakulär war, so hinterließ sie doch einen bleibenden Eindruck und den Wunsch nach weiteren Aktionen. Erfreulich war dabei auch, dass neben regelmäßigen Mitgliedern der Erdkunde-AG zwei weitere Schülerinnen sich zur Teilnahme bereit erklärten, darunter auch die Schülerin, die die Zeichnungen erstellte.

Die Grabung wurde fotografisch festgehalten; es wurden Digitalaufnahmen gemacht (Schüler), Dias (Projektleiter) und Papierbilder (Herr Herbert Wagner). Nachdem die Funde aus dem untersten Grabenbereich geborgen und gereinigt waren und die Profilzeichnung erstellt war, wurde der Suchschnitt - wie mit Grundbesitzer und Pächter vereinbart - wieder zugeschüttet und die Grassoden aufgebracht. Wozu der Graben einmal gedient haben mag, mögen nun die Archäologen und Heimatforscher feststellen!
 

5. Teilnehmerliste (alles Lehrkräfte bzw. Schüler des Gymnasiums Osterode)
 
Projektleiter:OStR Hans Mittmann
Weitere Lehrkräfte:OStR Heinz-Erich Nordmann
StAss O. Pühn

Schülerinnen und Schüler:
Jahrgang 12Natalie Kurz
Kl. 11aJacqueline Arlt
Richard Deichmann
Jan-Steffen Wedemeier
Marc Hoppe
Kl. 11bJanina Bornemann
Sabine Hoffmann
Stefanie Ritter
Johanna Schubert
Kl. 11dFelix Heierhoff
Florian Rüde
Florian Sprung
 
Verfasser:
Hans Mittmann
Falkenweg 2
37520 Osterode am Harz
T/Fax 05522-71678
e-mail: hans.doris.mittmann@t-online.de



Der Verfasser Hans Mittmann
- abgebildet im rechten Vordergrund -
vor dem wieder abgedeckten Grabungsschnitt.

Aufgenommen beim "Turmfest" am 23. Juli 2005, ausgerichtet vom Heimat- und Geschichtsverein Osterode.