Beitr. Naturk. Nieders. 25 (1972)

Zum Vorkommen des Siebenschläfers (Glis glis)
am und im Harz

Von Friedel Knolle

In den Harzschriften des 18. Jahrhunderts, die auch faunistische Angaben enthalten, wird der Siebenschläfer noch nicht genannt. Erste Erwähnungen finden sich in Büchern und Aufsätzen aus dem 19. Jahrhundert. Bei Saxesen (1834) heißt es: "Am Vorharze. Bei Herzberg, Lauterberg; fängt sich zuweilen in den Dohnen." Rimrod (1856) bemerkt: "Bei Schielo." Der kleine Ort liegt südöstlich von Harzgerode. Schließlich findet sich in der okerschen Chronik von Schucht (1888) der Satz: "Die niedlichen Siebenschläfer und Gartenschläfer sind in den letzten Jahren mehrfach beobachtet und in Dohnen gefangen." Als Dohnenstiege wurden damals vorwiegend die Holzabfuhrwege am Harzrand genutzt. Erwähnung verdient an dieser Stelle gewiß auch der Siebenschläfernachweis von Osterwieck aus einem Waldohreulengewölle (Geyr 1906).

Löns (1906) konnte in seiner hannoverschen Säugetierfauna, zu der viele Faunisten Mitteilungen geliefert hatten, den Siebenschläfer nur für folgende Harzorte angeben: Barbis und Scharzfeld. Der als Mundartforscher bekannt gewordene Prof. Eduard Damköhler aus Blankenburg bot 1916 dann die Leser der Zeitschrift "Der Harz" um Angaben über den Siebenschläfer. Die Anregung zu der Umfrage entnahm er der Arbeit von Zimmermann (1905). Dieser hatte die Ansicht geäußert, daß der Siebenschläfer seit dem vorigen Jahrhundert in einer Westwärtsbewegung begriffen zu sein scheine. Damköhlers Bitte fand ein bemerkenswert großes Leserinteresse. Er erhielt vielerlei Zuschriften, z.T. mit interessanten Schilderungen von folgenden Harzfundorten: Neuekrug (1900 im Holze des Scheibenstandes 12 Stück gefangen), Hohegeiß (von Forstbeamten festgestellt), ehemaliges Gestüt Lange südwestlich Rübeland, Hüttenrode (Juni 1908 unter dem Fußboden des Schützenhauses 1 schlafendes Ex.), Blankenburg ("ziemlich häufig"), Cattenstedt, Eggerode (Mühle am SiIberbach), Thale ("in den Wäldern sehr häufig"), Suderode ("häufig, auch in Häusern"), Wernigerode ("recht häufig um W.", Christianental, Tiergarten, auch in Dohnen jährlich gefangen), Odertal bei St. Andreasberg (nach eigenen Nachforschungen Oderhaus). Damköhler stellte folgende Vermutung an: "Seit wann das Tier hier auftritt, ist unbekannt. Vielleicht ist es gar kein Einwanderer neuester oder neuerer Zeit."

Tenius (1953/54) kannte in seinen Bemerkungen zu den Säugetieren Niedersachsens den Angaben von Löns (1906) aus dem Harz nur folgende Fundorte neu hinzufügen: Eisensteinsberg und Rehberger Grabenhaus, beide bei St. Andreasberg. 1958/59 unternahm er einen weiteren Versuch, unser Wissen um die Verbreitung der Bilche in Niedersachsen zu mehren. Nachrichten über neue Funde am oder im Harz gingen ihm jedoch nicht zu. Genannt werden muß aber auch noch Walkenried (Kr. Blankenburg), wo, nach mir zugegangenen mdl. Mitt., in der Nachkriegszeit bei Nistkastenkontrollen Siebenschläfer entdeckt wurden.

Aus dem nördlichen Harzvorland führte Tenius (1958/59) meine Siebenschläfernachweise vom Burgberg in Liebenburg (Landkreis Goslar, nicht im Salzgitter-Gebiet!) auf. In seinen Bemerkungen (1953/54) hatte er schon die Dörfer Othfresen und Heiningen des Landkreises Goslar als Fundorte des Siebenschläfers genannt. Ein weiteres, diesmal siedlungsfernes Vorkommen konnte ich am 7. Juli 1968 im Nordteil des Ostlutterschen Höhenzuges aufspüren. In einem Laubholzbestand fand ich dort 3 schlafende Siebenschläfer zusammen in einer Baumhöhle (Verf., 1972). Ein einzelnes Ex. sah ich am 24.August 1971 in derselben Höhle. Ferner gewann ich aus Waldkauzgewöllen jener Gegend, gesammelt von 1968 bis 1971, die Reste von 14 Siebenschläfern unter 202 Wirbeltieren (6,9 v.H.). Die Funde sprechen für eine beachtliche Ortsdichte.

Im Süden des Ostlutterschen Höhenzuges fand P. Mannes im Juni 1969 einen Siebenschläfer, der in einem Nistkasten auf einer verfaulten Kleiberbrut saß. Im Salzgitterschen Höhenzug sah R. Godesberg im Herbst oder Spätsommer 1970 in der Einfahrt zur Grube Georg Friedrich bei Dörnten 1 Ex. Ein Waldohreulengewölle, gefunden am 9. April 1971 südlich der Palandsmühle bei Bredelem, bescherte mir einen weiteren Siebenschläfer. Im Harli schließlich stieß H. Zang mehrfach auf einen Siebenschläfer, der einen Nistkasten besetzt hielt (Mai/Juni 1971). Für den Landkreis Goslar sind demnach nunmehr mindestens 8 Fundorte des Siebenschläfers bekannt.

Um 1965 hatte P. Mannes bereits 2 einzelne Siebenschläfer auch im Gebiet der kreisfreien Stadt Goslar, im Grauhöfer Holz, gefangen.

Skiba (1969) beschränkte sich bei seiner zusammenfassenden Darstellung vom Westharz auf die Angabe der schon bekannten Fundorte (Saxesen 1834, Löns 1906, Tenius 1953/54).
In der nun folgenden Übersicht der Siebenschläferfundorte des engeren Harzgebietes (Harz und Randmulden) sind Osterwieck und die Fundorte des Landkreises Goslar ausgelassen. Einbezogen sind jedoch die Fundorte aus den "neueren" Arbeiten von Haensel & Walther (1966 und im Druck) und Schulze (1970).

A.Harzrandlagen
1) Ostharz:Blankenburg, Cattenstedt, Eggerode, Stecklenberg, Suderode, Thale und Wernigerode.
2) Westharz: Bad Lauterberg, Barbis, Goslar, Herzberg, Neuekrug, Oker, Scharzfeld und Walkenried.
B.Harzinneres
1) Ostharz:Hüttenrode, Schielo, Vorwerk Lange, ferner die Fundorte im Südostharz nach Schulze (1970).
2) Westharz:Eisensteinsberg, Hohegeiß, Oderhaus und Rehberger Grabenhaus.
Vgl. auch beigefügte Karte.

Ganz überwiegend handelt bzw. handelte es sich um siedlungsnahe Vorkommen. Alle mir vom Ansehen bekannten Fundorte weisen Laubholzbestände auf, z.T . auch Nadelholz-Laubholz-Mischbestände. Höchster Fundort ist das Rehberger Grabenhaus an der oberen Laubholzgrenze (680 m uber NN).

Karte 1 : Fundplätze von Siebenschläfern im Harzgebiet

Die Fundorte des Siebenschläfers im Harzinneren mit Ausnahme derjenigen auf dem Plateau des Südostharzes bleiben an Zahl hinter denen der Randlagen des Gebirges zurück. Die Nachweise sind zudem z.T. viele Jahre alt. Da der Siebenschläfer, zumal bei flüchtigen Begegnungen, von Unkundigen auch mit dem im Bergland heimischen Gartenschläfer (Eliomys quercinus) verwechselt werden kann, sollten die Vorkommen im fichtenreichen Oberharz bald überprüft und bestätigt werden. Das spärliche Wissen um die Verbreitung und die Lebensweise des den Laubwald bevorzugenden Siebenschläfers im Harzbergland mit seinen z.T. extremen Umweltbedingungen bedarf dringend der Erweiterung. Auch das Verhältnis Siebenschläfer - Gartenschläfer sollte im Harz untersucht werden.

Zusammenfassung

Neue Nachweise von Glis glis aus dem Landkreis Goslar werden bekanntgemacht.
Eine Zusammenstellung älterer und neuerer Nachweise weist aus, daß Glis glis besonders die Randlagen des Harzes besiedelt. Aus dem Harzinneren sind - mit Ausnahme des laubholzreichen Südostens - nur wenige Fundorte bekannt, deren Überprüfung dringlich erscheint.

Die Herren R. Godesberg, P. Mannes und H. Zang aus Goslar überließen mir freundlicherweise ihre Siebenschläferbeobachtungen. Besonderen Dank aber schulde ich Herrn Prof. Dr. J. Niethammer (Bonn), der die Karte anfertigte und das Manuskript vor dem Druck durchsah.

Literatur

Geyr v. Schweppenburg, H. Frh. v. (1906): Untersuchungen über die Nahrung einiger Eulen. J. Orn. 54, 534 - 557.

Haensel, J. & H. J. Walther (1966): Beitrag zur Ernährung der Eulen im Nordharz-Vorland unter besonderer Berücksichtigung der Insektennahrung. Beitr. Vogelk. 11, 345 - 358.

Haensel, J. & H. J. Walther (im Druck): Vergleichende Betrachtungen über die Ernährung der Eulen des Harzes und des nördlichen Harzvorlandes mit Hinweisen zur Kleinsäugerfaunistik.

Damköhler, E. (1916): Zum Vorkommen des Siebenschläfers im Harz. Der Harz 23, 76 - 77,
88 - 89.

Knolle, F. ( 1972 ): Von heimischen Kleinsäugern. Natur, Kultur und Jagd, Beitr. zur Naturk. Niedersachs. Jahrg. 25, 1972, S. 18 - 19.

Löns, H. (1906): Beiträge zur Landesfauna. 3. Hannovers Säugetiere. Jahrb. d. Prov. Museums zu Hannover 1905 - 1906.

Rimrod, - (1856): Säugethiere, Vögel und Amphibien in der Grafschaft Mansfeld und dem Ober-Herzogthum Anhalt-Bernburg. In: Berichte des naturw. Vereines des Harzes für die Jahre 1840/41 bis 1845/46. 2. Auflage. Wernigerode.

Saxesen, F. W. R. (1834): Von den Thieren und Pflanzen des Harzes. In: Chr. Zimmermann, Das Harzgebirge. Darmstadt.

Schucht, H. (1888): Chronik und Heimatskunde des Hüttenortes Oker. Harzburg.

Schulze, W. (1970): Beiträge zum Vorkommen und zur Biologie der Haselmaus (Muscardinus avellanarius L.) und des Siebenschläfers (Glis glis L.) im Südharz. Hercynia N.F. 7, 355 - 371.

Skiba, R. (1969): Die Harzer Tierwelt. Cl.-Zellerfeld.

Tenius, K. (1953/54): Bemerkungen zu den Säugetieren Niedersachsens. In: Beitr. z. Naturk. Niedersachsens 6, 7.

Tenius , K. (1958/59): Gemeinschaftsaufgaben der AZHN im Jahre 1958, desgl. 1959. Beitr.z. Naturk. Nieders. 11, 1 - 7, 12, 49 - 50.

Zimmermann, R. (1905): Das Vorkommen des Siebenschläfers (Myoxus glis) und Beobachtungen über seine Lebensweise im Kgr. Sachsen. Zool. Garten 46, 180 - 185.
 

Anschrift des Verfassers: 3380 Goslar, Grummetwiese 16