Die Pilze der Karstlandschaft Südharz

Jürgen Peitzsch


Über die Pilzvorkommen des Südharzes sind Aufzeichnungen von DÖRFELT (33) und von den in den Jahren 1994 bis 1997 erfolgten intensiven mykologischen Untersuchungen durch PEITZSCH (140) bekannt, die einen vielfältigen Artenreichtum an Großpilzen belegen. Hierbei fallen ökologisch bedingt kalk- und wärmeliebende Arten besonders auf. Auf einige interessante Vorkommen soll hingewiesen werden.
Aus der Klasse der Schlauchpilze (Ascomycetes), Ordnung Becherlinge (Pezizales) sind neben der Speisemorchel (Morchella esculenta), die Herbst- sowie die Hochgerippte Lorchel (Helvella crispa, H. acetabulum) und der Morchelbecherling (Disciotis venosa) als Bewohner des lichten Eichenwaldes erwähnenswert. Der Violette Kronenbecherling (Sarcosphaera crasso), in unserem Bereich eine Seltenheit, ist im Sulfatkarst bisher nur in Kiefernpflanzungen bei Hainrode gefunden worden.
Sehr vielgestaltig und formenreich ist die Klasse der Basidien- oder Ständerpilze (Basidiomycetes) vertreten. So konnten aus der Ordnung der Sprödblättler (Russulales) von der Familie der Täublingsartigen (Russulaceae), welche in fast allen Pflanzengesellschaften verbreitet ist, 38 Arten nachgewiesen werden. Darunter sind so seltene Spezies wie der Weinrote Dotter-Täubling (Russula decipiens), der Gelbfleckende Täubling (R. luteolacta) und der Gold-Täubling (R. aurea), die in der Roten Liste von Deutschland als gefährdet ausgewiesen sind. Zur gleichen Familie gehören der Brätling (Lactarius volemus) und Maires Milchling (L. mairei), die laut Roter Liste von Sachsen-Anhalt  (34) vom Aussterben bedroht (Kategorie 1) sind. Der orangerot milchende Fichten-Reizker (L. deterrimus) ist als Mycorrhiza-Partner an die angepflanzten Fichtenforste gebunden und noch recht häufig vertreten.
Aus der Ordnung der Blätterpilze (Agaricales) sind folgende Familien erwähnenswert: Die Familie der Dickblättler oder Schnecklingsartigen (Hygrophoraceae) ist durch so nennenswerte Arten wie den Braunscheibigen und den Purpur-Schneckling (Hygrophorus discoideus, H. russula), die als stark gefährdet (Kategorie 2) in der Roten Liste des Landes aufgeführt sind, vertreten. Aus der Familie der Ritterlingsartigen (Tricholomataceae) ist der Schwefelritterling (Tricholoma sulphureum, Abb. 1) erwähnenswert, der noch recht häufig vorkommt und sich an seiner gelbgrünen Färbung und dem eigenartig abstoßenden Gasgeruch erkennen läßt. Aus der Familie der Tintlingsartigen (Coprinaceae) fällt der saprophytisch lebende Specht-Tintling (Coprinus picaceus) durch seinen schwarz-weiß gesprenkelten Hut besonders auf. Er bevorzugt frischere, lehmreiche Standorte zwischen Buchen- und Eichenwald. Ganz ähnliche Verhältnisse benötigt nach Beobachtung des Autors der zur Familie der Champignonartigen (Agaricaceae) gehörige Perlhuhn-Egerling (Agaricus placomyces) mit der Einschränkung, daß im Substrat ein entsprechender Gipsanteil vorzufinden ist. Damit kann dieser Egerling im Bereich des Harzer Karstes als Gipsanzeiger eingestuft werden.
Zeigerfunktionen für den stellenweise mediterran gefärbten Charakter des Gebietes können den sehr artenreich vorkommenden Vertretern der Ordnung der Röhrlinge (Boletales) aus der Familie der Röhrlinsartigen (Boletaceae) zugesprochen werden. So bevorzugen der Glattstielige und der Netzstielige Hexen-Röhrling (Boletus queletii, B. luridus) die warmen Lagen der Eichen-Birkenwälder des Sulfatkarstes. Als Rarität, meist auf Muschelkalk nachgewiesen, soll das Vorkommen des Satanspilzes (Boletus satanas) am Südharzrand genannt werden.
Auch der Aprikosen-Röhrling (Xerocomus armeniacus) zeigt den trocken-warmen Klimaeinfluß auf den Charakter des Gebietes an.
Viele Pilzarten greifen als Holzzerstörer geschädigte Baumarten an. So leben z.B. der Schwefelporling (Laetiporus sulphureus) aus der Ordnung der Porenschwämme (Poriales) und der Leberpilz (Fistulina hepatica) aus der Ordnung der Stachelinge und Ziegenbärte (Canthareliales) als Schwächeparasiten an lebenden Eichenstämmen. An Extremstandorten wachsende Bäume werden oft ein Opfer dieser parasitischen Pilze. Im Buchenwald übernehmen auffallend häufig aus der Ordnung der Seitlinge (Polyporales) der Echte Zunderschwamm (Fomes (Pofyporus) fomentarius), der Austernseitling (Pleurotus ostreatus) oder der imponierend anzusehende Buchen-Ringrübling (Oudemansiella mueida) das Zerstörungswerk. Auch viele Blätterpilze (Ordnung Agaricales) erweisen sich als Spezialisten für die Zersetzung bestimmter Holzarten. Hier seien die Hallimasch- und Schwefelkopfarten genannt. Außer den naturnahen Wäldern sind auch die Gebüschgruppen und Streuobstwiesen Lebensräume für Pilze. Aus der Klasse der Basidiomycetes, Unterklasse Bauchpilze (Gasteromycetidae), fallen im Sommer der Getäfelte und der Beutelstäubling (Calvata exipuliformis, C. eutriformis) auf. Fast zu jeder Jahreszeit entdeckt man im Bereich verarmter Trockenrasenflächen kleine bis 3 cm hohe Stielboviste in Gesellschaft von niedrigen Kräutern, Gräsern und Flechten. Der Zitzen-Stielbovist (Tulostoma brumale) ist hier zu nennen. Vertreter der Ordnung Erdsterne (Geastrales) sind ebenfalls für den Karst bedeutsam. Von sechs nachgewiesenen Arten schmücken der Rotbraune und der Kragen-Erdstern (Geastrum rufescens, G. striatum) die lichten Weg- und Waldränder.
Es konnten bisher rund 750 Pilzarten in der Südharzer Karstlandschaft durch Nachweise belegt werden. Auch die Tatsache, daß davon vier Arten in die Kategorie "vom Aussterben bedroht" und zwölf in die Kategorie "stark gefährdet" der Roten Liste von Sachsen-Anhalt (34) eingestuft sind, weist dieses Gebiet als wertvolles Refugium aus.

Abb. 1: Schwefel-Ritterling
(Tricholoma sulphureum)
(Foto: J. Peitzsch)
Abb. 2: Buchsblättriger Trichterling
(Chitoeybe alexandris)
(Foto: J. Peitzsch)

 
33. DÖRFELT, H.: Besonderheiten der Pilzflora des Naturschutzgebietes "Questenberg". - Naturschutz und naturkundliche Heimatforschung in den Bezirken Halle und Magdeburg. - Halle 13(1976). - S. 33-41

34. DÖRFELT, H.; TÄGLICH, U.: Rote Liste der Großpilze des Landes Sachsen-Anhalt. - Berichte des Landesamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt. - Halle (1992)1. - S. 24-37

140. PEITZSCH, J.: Pilzvorkommen im Gipskarst. - In: Gipskarst im Landkreis Sangerhausen. - Uftrungen: Förderverein Gipskarst e. V., 1997. - S. 60-74