Dr. Ralf Nielbock:

Gips, Rohstoff des Südharzes

- das Zechsteinmeer

Am südwestlichen und südlichen Harzrand liegt die bedeutendste Gipskarstregion Deutschlands. Von Badenhausen im Nordwesten über Osterode, Walkenried und Nordhausen zieht sich diese - in ihrer Entstehung und Ausprägung mit Regionen des Balkans vergleichbare - Karstlandschaft bis zu der kleinen Ortschaft Pölsfeld östlich von Sangerhausen über eine Entfernung von gut 100 km hin. Die Gesteine dieses landschaftlich reizvollen und höchst schützenswerten Karstgebietes gehören der Zechsteinformation des Perm-Zeitalters an und entstanden vor ca. 250 Mill. Jahren. Von wirtschaftlichem Interesse sind dabei neben Kalk und Dolomit vor allem die Sulfatgesteine (Sulfate = Schwefelsäuresalze) Gips und Anhydrit (= wasserfreier Gips).

Nachdem das Gebiet des Harzes im Erdaltertum langzeitig Meeresgebiet war, wurde die hiesige Region vor ca. 280 Millionen Jahren zu Beginn der Perm-Zeit infolge von gebirgsbildenden Vorgängen Festland. Kurz darauf überflutete aber das von Nordwest aus dem Bereich der heutigen Nordsee vordringende "Zechstein-Meer" auch den gesamten Harzraum. Die neuen marinen Ablagerungen legten sich flach auf das vorab verfaltete Rumpfgebirge auf. In der Gegend von Bad Lauterberg gab es damals zunächst noch einen Insel- und Untiefenbereich, die Nordost-Südwest verlaufende "Eichsfeld-Schwelle". Hier kam es nur zu geringmächtigen Ablagerungen der Zechsteinsedimente, nach Nordwest und Südost nehmen die Schichten stark an Mächtigkeit zu.

Die Basis der Ablagerungen bildet das Zechstein-Konglomerat, ein aus aufgearbeiteten Gesteinen des Untergrundes bestehendes Brandungsgeröll des vorrückenden Zechstein-Meeres. Überlagert wird das Konglomerat vom Kupferschiefer, der als Faulschlamm gebildet wurde und zahlreiche Metalle wie Kupfer, Blei, Zink und Silber enthält.

Kupferschiefer-Hering
Palaeoniscus freieslebeni -

Das häufigste Fossil in den Ablagerungen des Kupferschiefers.

Im weiteren Verlauf des Zechsteins kam es durch entsprechende Klimaperioden bedingt zu zyklischen Ablagerungen von Kalken/Dolomiten, Tonsteinen, Gipsen und Salzen. Während extrem arider Klimabedingungen dampfte das beckenförmige Zechsteinmeer ein. Die ozeanischen Lösungen konzentrierten sich dadurch, es kam zu Übersättigung des restlichen Meerwassers. Die überwiegend rein chemischen und somit fossilfreien Absatzsedimente wurden in entsprechender Abfolge entgegen ihrer jeweiligen Wasserlöslichkeit ausgefällt: Karbonate, Sulfate und Salze. Dieser Vorgang wiederholte sich durch periodische ozeanische Zuflüsse und damit verbundenem Ausgleich des Verdustungsdefizites mehrfach. Im norddeutschen Raum wird der Zechstein nach den vier mächtigsten Sedimentationsabfolgen in die Serien "Werra", "Staßfurt", "Leine" und "Aller" (benannt nach Kalisalzlagern) untergliedert.

Im Laufe der weiteren Erdgeschichte wurden die Permsedimente von Schichtabfolgen der Trias, des Jura und der Kreide überdeckt. Gelangten die Schichten des Zechsteins in geologisch jüngerer Zeit durch Erdbewegungen in Oberflächennähe und damit in den Bereich des Grundwassers, wurden und werden sie ausgelaugt. Das Gelände verkarstet. Stein- und Kalisalze, in Norddeutschland in tief gelegenen Zechsteinlagerstätten ansonsten häufig, sind in unserem Gebiet somit bereits vollständig verschwunden. Der wasserfreie Anhydrit wurde teilweise wieder in Gips (CaSO4xH2O) umgewandelt, der sich an der Erdoberfläche relativ schnell auflöst. Heute bilden die natürlichen Steilwände des Gipses, die sich u.a. von Osterode bis Badenhausen erstrecken und nunmehr fast vollständig vom Gipsabbau überprägt sind, eine markante Geländestufe des südwestlichen Harzrandes.


Angelika Paetzold:

- Geschichte des Gipsabbaus

Seit dem Hochmittelalter verwendete man im Harzvorland Gips als Baumaterial für Straßen und Gebäude. Gipsmörtel wurde in Verbindung mit Dolomitsteinen, Flußgeröll oder Sandstein verarbeitet und ist schon in der Kaiserpfalz in Pöhlde archäologisch nachgewiesen. Die Fundamente der Osteroder Häuser sowie Teile der Stadtmauer und der alten Burg baute man aus Sösekieseln und Gipsmörtel.

Zur Verarbeitung von Rohgips mußte der Gips zunächst in grobe Stücke vorgebrochen und dann in einen gemauerten Schachtofen eingeschichtet werden. Die Gipsöfen wurden bis ins 19. Jahrhundert hinein mit Holz und Holzkohle, später mit Kohle und in neuerer Zeit mit Heizöl beheizt. Beim Brennen bei 100°C bis 125°C verdampfte das im Rohgips vorhandene Kristallwasser. Danach wurde der Gips feingemahlen und war, mit Wasser versetzt, als Mörtel nutzbar.

Seit dem 16. Jahrhundert besaß die Stadt Osterode an der Söse eine Ratskalkmühle zur Gipsmörtelherstellung für den Gebäudebau. Von dort wurde der qualitativ hochwertige Gipsmörtel im Umkreis von ca. 50 km in die Region verkauft. So z.B. 1548 an die Burgherren von der Plesse oder 1556 an Katharina von Minnigerode, außerdem an die Orte Herzberg, Duderstadt, Salzderhelden, Clausthal und Gieboldehausen. Von 1670 bis 1709 betrieb die Stadt weiterhin die unterhalb der Ratskalkmühle am Mühlengraben gelegene Amtskalkmühle, die 1897 niederbrannte. Das Fassungsvermögen der Ratskalkmühle betrug 36 Malter bei einem Brand, welches etwa 800 Kg Gipsmörtel entspricht.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde in Walkenried der sogenannte Meyer'sche Estrichofen erfunden, der den Schachtofen ablöste. Seit 1890 wurde Stuckgips in den in Bad Lauterberg entwickelten Harzer Gipskochern in verbessertem Verfahren hergestellt. In diesen Öfen wird der Rohgips nach dreimaligem Vorbrechen und Vormahlen unter regelmäßiger Bewegung gebrannt und dann feingemahlen. Je nach Verwendung werden seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine große Zahl unterschiedlicher Spezialgipse hergestellt, die bei verschiedenen Temperaturen von beispielsweise 120°C für Stuckgipse und bis zu 1000°C für Estrichgipse gebrannt werden müssen.

1861 gründete Robert Schimpf die Firma "Harzer Gipswerke Robert Schimpf & Söhne". In der 1862 erworbenen Ratskalkmühle produzierte die Firma seit 1865 neben Maurergips den Papierfüllstoff Analine. Nach stetiger Erweiterung der Firma wurde nach 1892 auch Modell- und Estrichgips hergestellt.

Ebenfalls seit 1861 wurde Düngegips in Osterode produziert. Seit 1888 stellt die Fa. E. Hinrichs Gipspräparate für zahnärztliche und chirurgische Zwecke her. Dr. Kühns Abdruck- und Verbandsgips entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Spezialfirmen in Deutschland mit Lieferverpflichtungen in die ganze Welt. Von 1910 bis 1950 verarbeitete man den 16-20%igen Schwefelgehalt des Osteroder Gipses zu Schwefelsäure und Schwefel.

1887 entstand die Firma "Werkstätten für Kunst und Kunstgewerbe Schuhmacher & Co., Osterode a.H.". Firmengründer Gottfried Schuhmacher hatte aus Gips eine Gießmasse, das sogenannte Marmalyth, entwickelt, welches als Marmorimitat verwendet wurde. Die Firma fertigte plastische Bildwerke nach antiken und zeitgenössischen Vorbildern aus den Marmorimitaten Marmalyth und Harzilyth, sowie aus Marmor, Marmorgips und Bronze für den Bürgerlichen Salon. Ähnliche kunstgewerbliche Produkte stellte auch die Hofkunstanstalt Knochendörfer von 1919 bis 1929 in Osterode her.

© Nielbock/Paetzold 1993/94, Museum Osterode am Harz