Stand der Paläontologischen Denkmalpflege im Landkreis Osterode am Harz

Ausgrabungen und Funde
im
Landkreis Osterode am Harz
1988 / 89

Einleitung:
Der im Vergleich der Kreise des Landes Niedersachsen flächenmäßig kleine Landkreis Osterode am Harz umfaßt allerdings ein Gebiet, das in seiner erdgeschichtlichen Vergangenheit besonders intensiv von der Dynamik der inneren und äußeren Kräfte dieses Planeten geformt, umgestaltet und geprägt worden ist.

Diesem geologischen Werdegang ist es zu verdanken, daß das Gebiet des Harzes und seines Vorlandes heute zahlreiche und teilweise sogar überregional bedeutende Fossilfundstellen aufweist. Diese Zeugnisse früheren Lebens gilt es zu bewahren und zu erhalten. Sie sind Teil einer erdgeschichtlich einmaligen, nicht umkehrbaren und historischen Entwicklung, die letztendlich auch zur Entfaltung des Homo sapiens führte. Paläontologische Funde und Fundstellen sind somit ebenso wie die archäologischen als Denkmäler anzusehen.

Können wir im Landkreis Osterode am Harz von einer Zeitspanne von ca. 100.000 Jahren ausgehen, die von der archäologischen Denkmalpflege betreut werden, so umfassen die Zeugnisse der erdgeschichtlichen Vergangenheit dieser Region als Fossil-Schatzkammer für den norddeutschen Raum fast eine halbe Milliarde Jahre. Die ältesten paläontologischen Funde des Südharzes kommen so in der signifikanten Zeitmarke von 500.000 Jahren nahe; zu dieser Zeit setzte die Evolution höher entwickelter Lebewesen verstärkt ein.

Die erdgeschichtlich jüngsten Fossilfunde, aus den Höhlen und Karstschlotten des Südwestharzes, stammen aus der Eiszeit. Die Kenntnis der ausgestorbenen eiszeitlichen Tierwelt ist für die Klimaerforschung des Quartärs und die Bedrohung heute lebender Tierarten (SPIEGEL 1990), zwei durch die menschlichen Umwelteingriffe aktuell diskutierten Wissenschaftsthemen, von sehr großer Bedeutung.

Schutz und Pflege:
Der Schutz von Fossilien und Fossilfundstätten ist in einigen Bundesländern wie Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen (GERHARDT 1989) bereits gesetzlich geregelt. Sie werden dort zusammen mit den archäologischen Funden und Befunden, unberührt von zusätzlichen naturschutzrechtlichen Belangen, als "Bodendenkmäler" geschützt. In Niedersachsen hingegen finden sich in der Naturschutzgesetzgebung nur teilweise Möglichkeiten, erdgeschichtliche Funde zu schützen. Das Nieders. Denkmalschutzgesetz (NDSchG) definiert nur Bodenfunde in Zusammenhang mit menschlichen Leben als Denkmale und schließt erdgeschichtliche Funde pflanzlichen und tierischen Lebens eindeutig aus.

Jeder Fossilfund ist als erdgeschichtliches Zeugnis anzusehen und verdient damit Schutz. Aufgrund der Vielfalt und der Vielzahl der Harzer Fossilien und der damit verbundenen Sammlertätigkeit ist eine totale Funderfassung allerdings nicht durchführbar, zudem wird der "Stellenwert" einzelner Stücke auch oft nicht erkannt oder verkannt. Anstrebenswerte Maßgabe für die Paläontologische Denkmalpflege ist hierbei vor allem, seltene, bedeutende oder in ihrer Erhaltung einzigartige Fossilfunde der Wissenschaft zur Inventarisation und Bearbeitung zur Verfügung zu stellen. In diesem Zusammenhang sollte zudem darauf hingewiesen werden, daß bei derartigen Funden auch ein Schutz der Befunde und Fundzusammenhänge im Boden erforderlich ist.

Gefährdung und Ausgrabungen:
Viele der Fossilfundstellen im Kreisgebiet verdanken ihre Entdeckung der seit dem Beginn des industriellen Aufschwung des letzten Jahrhunderts verbundenen verstärkten Erschließung unserer hiesigen mineralischen Rohstoffe. Gerade am Südharzrand sind im Zechsteinkarst zahlreiche Steinbrüche zur Gewinnung von Gips, Kalk und Dolomit entstanden. Durch diese Abbautätigkeit wurden häufig mit Sediment verfüllte Schlotten, Dolinen und Kleinhöhlen aufgeschlossen. Dabei gelang wiederholt die Entdeckung eiszeitlicher Säugetierknochen. Neben Einzelfunden kamen auch größere Fundkomplexe zutage, beispielsweise die Großsäugerfunde von Mammuten und Wollnashörnern im Gipsbruch Peinemann bei Förste als auch im Niedersachsen-Werk bei Dorste.
 

Aufgelassener Dolomitsteinbruch am Pagenberg bei
Badenhausen, Fundstelle von Zechstein-Fossilien

In beiden Steinbrüchen wurden bereits vor Jahren Ausgrabungen vorgenommen. Nachdem 1963 bei Baggerarbeiten in einer dabei angeschnittenen Doline je ein Bison- und ein Wollhaarnashornschädel geborgen wurde, führte Prof. SICKENBERG (Hannover) zusammen mit dem damaligen Kreisheimatpfleger ANDING Grabungen an dieser Stelle durch. Insgesamt konnten 6 Großsäugerarten einer früh-weichselzeitlichen Fauna nachgewiesen werden (SICKENBERG 1964). Im Jahre 1974 wurde bei der Abraumbeseitigung im Gipsbruch Peinemann ein Mammutstoßzahn freigelegt. Bei den sofort erfolgten Grabungen wurden an dieser Stelle und in einer weiteren Schlotte zahlreiche Säugetierknochen geborgen, die neben dem Mammut nahezu 10 weitere Arten zugeordnet werden konnten. Die Zusammensetzung der Säugetierfauna - in Verbindung mit ebenfalls gefundenen Schneckenarten - spricht für eine Datierung der Dolinensedimente in die mittlere Weichsel-Eiszeit. Die Knochen sind somit ca. 30.000 Jahre alt (DENECKE & JAHNKE 1976).

Neben diesen "Notbergungen" und vielen Einzelfunden in Bodenabbaubetrieben wurden im Zechsteinkarst auch Sondier- und Forschungsgrabungen durchgeführt, so vor allem im Gebiet um Scharzfeld. Die Steinkirchen-Grabungen von JAKOB-FRIESEN 1925-28 beispielsweise brachten neben rein archäologischem Fundmaterial auch eine beträchtliche Menge an paläontologischen Funden zutage. In der nahen Einhornhöhle wurden bei den verschiedenen Grabungen der letzten 100 Jahre vor allem Säugetierknochen geborgen.

Inventarisation:
Derzeit wird eine Erfassung aller im Kreisgebiet vorhandener Paläontologischen Denkmäler und Fundstellen durchgeführt. Neben der Bestandsaufnahme der Objekte an sich ist vor allem eine systematische Katalogisierung aller zugehörigen bisherigen Fossilfunde vorgesehen.

Eine permanente Gefährdung erdgeschichtlicher Bodenfunde durch Bodenabbau und Verkehrsbaumaßnahmen besteht zwar auch in anderen Regionen Niedersachsens, gerade die Fülle der vor allem eiszeitlichen Fundstellen macht das Gebiet des Landkreises Osterode am Harz aber zu einem denkmalpflegerischen Problemfall mit akutem Handlungsbedarf. Anzumerken ist hierbei allerdings auch, daß es neben den quartären Knochenfunden im Harzvorland zudem eine Vielzahl an Fossilfunden des Paläozoikums im Harz gibt, die in diesem Stadium der Erfassung noch nicht berücksichtigt werden können. Diese sind allerdings mitunter schon recht lange bekannt, weitestgehend erforscht und publiziert (Übersicht in: MOHR 1986).
 

Kupferschieferfisch Palaeoniscus freieslebeni aus dem
Straßenbauaufschluß am Butterbergtunnel in Osterode

Anders sieht es bei den eiszeitlichen Knochenfunden aus. In der Einhornhöhle beispielsweise fanden seit 1872 über zehn wissenschaftliche Grabungskampagnen statt, an denen die unterschiedlichsten Institutionen beteiligt waren. Das Fundmaterial befindet sich somit heute in mehreren Magazinen und Sammlungen. Alleine das Fundgut der letzten Grabungen (1985-88) ist momentan auf fünf Museen und Institute verteilt. Neben fehlenden oder mitunter auch falschen Fundstellenangaben und Fossilbezeichnungen bei den magazinierten Funden kommt für die Erstellung eines Gesamtkataloges Einhornhöhle, der zur Zeit erarbeitet wird, erschwerend hinzu, daß einige der Grabungen bislang gar nicht oder nur auszugsweise publiziert sind.

Auch das Fossilmaterial anderer pleistozäner Fundstellen des Südwestharzes ist an verschiedenen Orten untergebracht (Universität Göttingen, Nieders.Landesmuseum Hannover, Heimatmuseum Osterode ...) und die zusammenfassende Inventarisation all dieser Funde - Grundvoraussetzung für neue Grabungen und Planungsvorhaben - gleicht einem Puzzlespiel.

Geschützte Objekte: Im Landkreis Osterode am Harz sind in den letzten Jahren bereits einige Fossilfundstellen auch aufgrund anderer bedeutender Merkmale als Natur- oder Kulturdenkmal unter Schutz gestellt worden. Dies sind zum einen Fundstellen mit Quartärfauna wie die Steinkirche und die Einhornhöhle, aber auch geologische Aufschlüsse mit besonderem Fossilvorkommen wie die Zechstein-Moostierchenriffe bei Bartolfelde und Steina (Römerstein).


Literatur:

DENECKE, W. & JAHNKE, H. (1974): Neue Funde von Fauna des Jungpleistozäns bei Osterode. - Heimatbl.südwestl.Harzrand, H. 32: S. 48-60, 6 Abb.; Osterode

DER SPIEGEL (10/1990): Wir werfen die Schöpfung weg. - S. 240-252

GERHARDT, W. (Hrsg; 1989): Ursprünge. - 98 S., 134 Abb.; Wiesbaden

MOHR, K. (1986): Die Fossilien des Westharzes. - 84 S.; 107 Abb.; Clausthal-Zellerfeld

SICKENBERG, O. (1964) Neue Säugetierfunde aus dem Gipskarst von Osterode/Harz. - MittGeol.Inst.TH Hannover, H. 2: S. 12-21, 2 Abb.; Hannover