Faunen des Eiszeitalters
- Funde und Grabungen in Schlotten und Höhlen des Südharzes

Dr. Ralf Nielbock
 
 

Einleitung

In der erdgeschichtlichen Entwicklung ist das vor über einer Millionen Jahren beginnende Quartär die jüngste Formation und zugleich die Zeit, in der wir heute leben. Das Quartär wird unterteilt in Pleistozän (Eiszeitalter) und Holozän (Nacheiszeit), das vor erst ca. 10.000 Jahren begann. Das Eiszeitalter ist geprägt von starken und tiefgreifenden Klimaschwankungen mit zeitweise sehr niedrigen Temperaturen. Diese lagen während der Glaziale (Kaltphasen) um durchschnittlich 10 Grad niedriger als heute. Die dazwischen liegenden Interglaziale (Warmzeiten) hingegen waren mitunter sogar wärmer als unsere jetzige Warmzeit. In den mehrfach aufeinanderfolgenden Klimaphasen lebten jeweils unterschiedliche Tier- und Pflanzengemeinschaften.

In Mitteleuropa entsprachen die Lebensbedingungen während der Kaltzeiten denen des heutigen Nordskandinaviens und des nördlichen Sibiriens. Den Klima- und Vegetationsverhältnissen angepaßt, lebten vor allem großwüchsige Herdentiere, die ohne die Behinderung geschlossener Waldflächen die Kurzgras- und Kräuterflora der hiesigen Tundra abweiden konnten. Zu nennen sind hier neben Pferd, Rentier und Riesenhirsch vor allem das Mammut Mammuthus primigenius, das Wollhaarnashorn Coelodonta antiquitatis und die Wisentart Bison priscus.

Bedingt durch schnell voranschreitende Klima- und Vegetationsveränderungen, aber vermutlich auch infolge der intensiver werdenden Bejagung durch den Menschen, starben viele dieser Tierarten gegen Ende der letzten Eiszeit vor ca. 15.000 - 10.000 Jahren aus. Mit ihnen verschwanden auch die eiszeitlichen Großraubtiere Höhlenlöwe, Höhlenhyäne sowie der bekannte Höhlenbär Ursus spelaeus.
 

Fossilfunde im Karst

Aus dem Quartär stammen die erdgeschichtlich jüngsten Fossilien des Südwestharzes. Hierbei handelt es sich überwiegend um Tierknochenfunde aus Höhlen und Schlotten im Bereich der verkarstungsfähigen Zechstein-Gesteine. Forschungsgeschichtlich herausragend sind hier bereits die erstmaligen Funde und damit verbundene Tierarten-Erstbeschreibungen vom Wollhaarnashorn bei Düna im Jahre 1751 und 1808 vom Mammut bei Ührde. Da Höhlen und Schlotten überhaupt ideale Voraussetzungen für die Einbettung und die Erhaltung eiszeitlicher Tierknochen bieten, kommt den Höhlen des Harzes innerhalb der Quartärforschung eine besondere Stellung zu, da sie die nördlichsten in Europa sind, in denen reichhaltig eiszeitliche Tierknochenfunde auftreten.

Mammut: Backenzahn, Kaufläche
Gipskarst bei Osterode, Breite 17cm

Rentier: Geweih-Bruchstück
Steinkirche/Scharzfeld, Breite ca. 9 cm

Die größten Hohlraumbildungen finden hier im Gips statt, aber es gibt auch Höhlensysteme im Zechsteindolomit. Hierzu gehören die Einhornhöhle und die Steinkirche bei Scharzfeld. Zu beachten ist dabei, daß es sich bei Höhlen in Karbonatgesteinen (Kalk und Dolomit) im Gegensatz zu Sulfatgesteinshöhlen um relativ langlebige Gebilde handelt - die Einhornhöhle entstand sicher bereits vor einer Millionen Jahren. Die Existenz von Gipshöhlen ist in Relation dazu, schon durch die hohe Löslichkeit des Gesteins und deshalb durch das ständige Nachbrechen der Firste bedingt, nur von kurzer Dauer. Alle heute im Südharz bekannten Gipshöhlen haben nur ein Alter von einigen Jahrtausenden und dürften überwiegend erst nach der letzten Vereisung entstanden sein. Übertragen auf die paläontologisch/archäologische Forschung bedeutet dies für Kalk- und Dolomithöhlen: mit dem jüngsten Holozän beginnend, sind Funde aus allen Zeit- bzw. Kulturstufen des Quartärs möglich. Hingegen lassen heute zugängliche Gipshöhlen nur nacheiszeitliche Funde erwarten, wie beispielsweise im Landkreis Osterode die Kleine Jettenhöhle bei Düna mit holozäner Kleinsäugerfauna und Fundbelegen aus dem mittleren bis späten Neolithikum, der Bronzezeit und der Eisenzeit, sowie die Lichtensteinhöhle bei Förste mit einer Begehungsphase in der späten Bronzezeit. Fauna und Artefakte aus dem Jungpleistozän können allerdings in heute durch Sedimentation wieder verfüllten Gipsschlotten, Kleinhöhlen und Dolinen gefunden werden. Der südwestliche Harzrand mit seinem teilweise bis zu 10 km breitem Zechsteinausstrich bietet somit gute Voraussetzungen für quartärzeitliche paläontologische sowie für ur- und frühgeschichtliche Funde in einer Karst- und Höhlenlandschaft.

Die genannten "Sedimentfallen" des Zechsteinkarstes wurden und werden vor allem bei der Rohstoffsuche angeschnitten und angefahren. Viele der Fundstellen mit Quartärfauna verdanken ihre Entdeckung der seit dem Beginn des industriellen Aufschwungs im letzten Jahrhundert einsetzenden verstärkten Erschließung der einheimischen mineralischen Rohstoffe. Gerade am Südharzrand sind im permischen Zechstein zahlreiche Steinbrüche zur Gewinnung von Gips, Anhydrit, Kalk und Dolomit entstanden. Durch diese Abbautätigkeit wurden und werden recht häufig mit eiszeitlichen Sedimenten verfüllte Karsthohlräume aufgeschlossen. Dabei gelang wiederholt die Entdeckung pleistozäner Säugetierknochen. Anzumerken ist allerdings, daß durch den heutigen modernen Abbau mit Großraummaschinen die Chancen auf Entdeckung von Fossilien und Artefakten immer geringer wird, obwohl bei nahezu jeder zufälligen Einzelbegehung der Bodenabbaubetriebe nach dem Freilegen neuer Schlottenfüllungen auch Funde geborgen werden können.

Außer Einzelfunden kamen bislang auch größere Fundkomplexe zutage, beispielsweise die Großsäugerfunde von Mammuten und Wollhaarnashörnern im Gipsbruch "Peinemann" bei Osterode-Förste und auch im "Niedersachsen-Werk" bei Osterode-Dorste. In beiden Gipssteinbrüchen wurden nach der Entdeckung einzelner Knochen Ausgrabungen durchgeführt. Dabei konnten Großsäugerarten weichselzeitlicher Faunen nachgewiesen werden.

Neben diesen "Notbergungen" und vielen Einzelfunden in Bodenabbaubetrieben und Höhlen wurden im Zechsteinkarst auch Sondier- und Forschungsgrabungen durchgeführt, so vor allem im Dolomitgebiet südöstlich von Herzberg. Bereits klassische Fundstellen sind hierbei die Steinkirche und die Einhornhöhle bei Scharzfeld. Die Steinkirchen-Grabungen von 1925-28 brachten beispielsweise neben rein archäologischem Fundmaterial auch eine beträchtliche Menge an paläontologischen Funden zutage. Insgesamt wurden Knochenreste von fast 50 Wirbeltierarten geborgen.
 

Einhornhöhle

In der nahen Einhornhöhle wurden bei den verschiedenen Grabungen der letzten 100 Jahre vor allem Säugetierknochen geborgen. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die zahllosen in der Höhle gefundenen Tierknochen für Reste des sagenumwobenen Einhorns gehalten. Heute wissen wir, daß es sich überwiegend um fossile Knochen eiszeitlicher Höhlenbären, aber auch anderer Großsäuger handelt. Bislang konnten aus den Funden dieser Höhlenfauna über 70 Arten bestimmt werden, darunter über 60 Säugetierarten von der Zwergspitzmaus bis hin zu Höhlenlöwen und Riesenhirschen. Die Einhornhöhle ist somit, denkt man auch an die Massen in mehreren Jahrhunderten ergrabener "Einhornknochen" und an die Tausende von Kubikmetern bislang unberührten Sedimentes, eine der reichhaltigsten Fundstellen eiszeitlichen Lebens überhaupt.