Dorfmuseen und Heimatstuben als örtliche Kulturträger

Dr. Ralf Nielbock

Museen haben in der heutigen Kulturpflege einen hohen Stellenwert und sind dadurch wichtiges Instrument der Kulturpolitik. Museen, museale Einrichtungen und Ausstellungen sind Spiegel eines Landes, einer Region, einer Stadt oder eines Dorfes und geben Ausschnitte zu bestimmten Themenbereichen des Menschen in seiner natürlichen und/oder durch ihn selbst geschaffenen Umwelt wieder. Heute verstehen wir unter dem Bergiff "Museum" Sammlungen von Gegenständen beispielsweise der Kunst, des Kunstgewerbes, der Kultur- und Technikgeschichte, der Völkerkunde oder der Naturwissenschaften. Es ergeben sich immer wieder neue Fachbereiche, die öffentliches Interesse wecken und zu Sammlung und Darstellung reizen. Es gibt heutzutage Museen zu bestimmten, eng definierten Themen wie das Brotmuseum in Friedland bei Göttingen, das Oldtimermuseum bei Bockenem, das Fahrradmuseum in Einbeck oder auch das Uhrenmuseum in Bad Grund, nur um Beispiele aus der unmittelbaren Umgebung von Osterode zu nennen.

Im Gegensatz zu diesen Einrichtungen ohne örtliche Bindung und Zugehörigkeit sind Museen, die in heimatkundlichen und lokalgeschichtlichen Belangen ihre kulturelle Aufgabe sehen, mit einer Region oder einer Stadt eng verwachsen, in die regionale Historie hinein tief verwurzelt und somit ortsgebunden. Hier sind vorrangig die Heimatmuseen, aber auch die Dorfmuseen und Heimatstuben zu nennen, zudem die Museen, die aufgrund örtlicher Besonderheiten oder historischer Prozesse ihren festen Platz haben, da sie Teil eines kulturhistorischen oder technischen Baudenkmals sind und dabei dieses Denkmal darstellen und dokumentieren. Hierzu gehören quasi alle Harzer Bergbaumuseen, aber auch die Schloßmuseen in Herzberg, Wernigerode oder Hettstedt.

In der großen Vielfalt der musealen Landschaften haben Dorfmuseen und Heimatstuben somit ihren festen Platz und hierbei vor allem die Aufgabe, ortsgebunden volks- und heimatkundliche sowie lokalgeschichtliche Belange darzustellen. Aus diesem Grunde findet auch zumeist keine Abgrenzung zu den Sammlungsschwerpunkten und Objektinventaren benachbarter Einrichtungen statt. Heimatstuben sind standortgebunden und dienen dabei vorrangig der Identifikation des Bürgers mit seiner Gemeinde, geht es doch darum, Dinge - und diese zumeist in Verbindung mit zeitlichen Abläufen - der unmittelbaren Umgebung des Besuchers aufzuzeigen. Dies sind und sollten Dinge sein, die er selbst noch kennt, an die er sich erinnern kann, Dinge, die er in dem Museum und durch das Museum der eigenen und der nachfolgenden Generation vermitteln kann.

Dorfmuseum Badenhausen (oben)

Heimatstube Eisdorf (unten)

Die Art und Auswahl der Exponate ist bei diesem Museumstyp praktisch vorgegeben. Es handelt sich um Gegenstände aus der Vergangenheit des Ortes und seiner unmittelbaren Umgebung. Auf ortsfremde Gegenstände, um "des Sammelns wegen" von außerhalb herangetragen und ohne Bezug zur Gemeinde, sollte verzichtet werden. Falls dennoch vorhanden, sollten sie vielmehr anderen Museen zum Tausch oder zur Überlassung angeboten werden. Die Darstellung und Gestaltung der Ausstellung einer Heimatstube ist geprägt durch die Betreiber des Museums, die sich "ihr Museum" als kulturellen Mittelpunkt der historischen Ortsentwicklung und als Begegnungsstätte wünschen.

Heimatstuben und Dorfmuseen beinhalten mehr noch als Heimatmuseen die Darstellung der Ortsentwicklung mit alten Urkun  den, Fotos und Plänen und des dörfliches Leben mit Landwirtschaft und Handwerk.

Ausgestellt sind Bekleidung, Möbel und Einrichtungsgegenstände, die einen direkten Bezug zu Einwohnern aus dem Ort haben. Damit ist auch eine innere Verbundenheit zwischen dem Bürger und seinem Museum hergestellt. Wichtig auch für die dörflichen Museen ist eine Inventarisation der Objekte, damit bereits vorhandene Exponate und zukünftige Neuzugänge unproblematisch zugeordnet und eingebunden werden können.Eine gewissenhafte Dokumentation für museale Einrichtungen dieser Art ist auch immens wichtig wegen der vielfältigen Eigentumsverhältnisse der Exponate: Privatbesitz, Gemeindeeigentum, Leihgaben, Schenkungen.

Am südwestlichen Harzrand auf dem Territorium des Landkreises Osterode am Harz können wir Über 20 museuale Einrichtungen besuchen. Neben den größeren städtischen Museen in der Kreisstadt Osterode, in Bad Sachsa und in Bad Lauterberg oder Spezialmuseen wie dem Bergbaumuseum auf der Schachtanlage Knesebeck in Bad Grund (Harz), dem Grenzlandmuseum in Tettenborn oder dem Technikdenkmal Königshütte in Lauterberg gibt es zudem eine Anzahl kleinerer Einrichtungen: Heimatstuben und Dorfmuseen. Bei Betrachtung der Karte fällt auf, daß sich die Heimatstuben und Dorfmuseen nahezu auf den nordwestlichen Teil des Kreisgebietes beschränken und zugleich konzentrieren. Entsprechende Einrichtungen gibt es in Badenhausen, Eisdorf, Förste, Gittelde, Lerbach, Ührde, Wulften und Windhausen.

Der größte Teil dieser Museen steht in kommunaler Trägerschaft. Organisation und Finanzierung liegt in öffentlicher Hand (das privat geführte Museumchen in Ührde ist eine große Ausnahme), so auch bei den Museen im Bereich der Samtgemeinde Bad Grund (Harz). Die Betreuung der Sammlungen erfolgt hier wie auch sonst Überall durch örtliche Fördervereine oder Heimat- und Geschichtsvereine. Eine temporäre oder auch kontinuierliche fachwissenschaftliche Betreuung ist bei nahezu allen Einrichtungen sicher gewünscht, aus finanziellen Einschränkungen aber nicht möglich. Allerdings müßte das Bemühen der Gemeinden um ihre Museen durch eine staatliche Fürsorge stärker unterstützt werden, da der einzelne Museumsträger heute nicht mehr in der Lage ist, seinen Kulturauftrag aufgrund fehlender eigener Finanzen optimal zu erfüllen.

Uhrenmuseum (oben)
und
Bergbaumuseum
in Bad Grund (Harz).
Einige der hiesigen Dorfmuseen und Heimatstuben existieren bereits seit Jahren, nahezu alle sind in ehemaligen Rathäusern und Gemeindebüros untergebracht und befinden sich somit per se an gemeindlichem und historischem Orte. Im Mai 1993 wurde deshalb beispielsweise auch die Dienststätte der Gemeinde Eisdorf einer neuen Bestimmung Übergeben; dieses Haus, das bis vor einigen Jahren die Verwaltung beherbergte und in dem auch weiterhin die Sitzungen des Rates abgehalten werden, stellt sich nunmehr in einer neuen Aufgabe als übergreifendes Archiv des Ortes in seiner Gesamtheit vor. Aus dem in seiner ursprünglichen Funktion nicht mehr benötigten Gemeindebüro wurde eine Heimatstube. Hierbei stand und steht die Pflege des Heimatgedankens, die Bewahrung der kulturellen Identität an erster Stelle.

Das große Engagement der hier und auch in anderen Gemeinden an einem solchen Vorhaben beteiligten Kräfte ist entsprechend anzuerkennen, zeigt es doch, daß museuale Kultur auch oder gerade im ländlichen Bereich ihren festen Stellenwert hat. Eine Heimatstube wie beispielsweise in Eisdorf ist ein wichtiger Beitrag zur kulturellen Vermittlung innerhalb einer Gemeinde. An dieser Stelle muß neben der Heimatpflege auch die Traditionspflege genannt werden, zeigen doch den Heimatstuben überlassene und ausgestellte Fahnen und Urkunden eine enge Verbundenheit zwischen dem Museumsträger und den örtlichen Traditionsvereinen an.

Da in einer kleineren Ortschaft auch die Bewohner ein festeres Zusammengehörigkeitsgefühl zeigen als beispielsweise Bürger in der Anonymität einer Großstadt, ist der Einsatz und die Beteiligung einzelner Gemeindemitglieder an der Planung, Umsetzung und Bestandspflege von örtlichen musealen Einrichtungen entsprechend hoch. Dies zeigt sich vielerorts vor allem an der großen Bereitschaft, Exponate dem "eigenen" Museum zur Verfügung zu stellen. Diese Exponate, die bislang oftmals über Jahrzehnte im Verborgenen schlummerten, erhalten durch die Präsentation in der Heimatstube die Chance, an das Licht der Öffentlichkeit zu kommen. Sicher sind die Leihgeber auch ein wenig voller Stolz, die von ihnen zur Verfügung gestellten Gegenstände im Museum zu erblicken und Verwandten und Gästen zeigen zu können. Diese direkte Beteiligung der Bevölkerung ist somit auch eine Art Multiplikatorfunktion für das Museum. In Dorfmuseen findet dabei auch eine Rückkopplung zwischen Besucher und Museum statt. Besucher aus der Ortschaft oder der unmittelbarten Umgebung erkennen sich selbst in dem Museum: wenn nicht durch zufällige oder auch gewollte Abbildungen, Fotos oder schriftliche Hinweise, so doch beispielsweise auch durch das Entdecken von Gegenständen und Gerätschaften, die man selbst oder vorherige Generation früher benutze, deren Aussehen, Gebrauch und Funktion man aber im Laufe der Jahrzehnte vergessen hatte.

Sammeln, Bewahren, sowie Erforschen, Dokumentieren und Präsentieren sind die Maxime musealer Tätigkeit. Vor diesem Hintergrund stellt sich in einer Heimatstube zudem der Wunsch und Wille, dieses Haus als Stätte des Beisammenseins in der Erinnerung an vergangene Zeiten zu nutzen. Die Arbeit mit der Vergangenheit macht diese in uns für den Moment wieder lebendig, die Heimatstube ist somit auch Ort der Besinnung. Das Museum erfüllt damit zugleich die wichtige Aufgabe der gemeindlichen Kulturarbeit. Eine Heimatstube hat somit vorrangig eine Innenwirkung auf die Gemeinde und ihre Bewohner selbst, ein Heischen nach möglichst hohen Besucherzahlen und entsprechender überregionaler Außenwirkung ist hier nicht angezeigt. Eine Museumseröffnung wie die in Eisdorf im Mai 1993 bedeutet allerdings nicht, daß all diejenigen, die tatkräftig am Entstehen dieser Sammlung mitgewirkt haben, sich nun ausruhen können. Die Beteiligten müssen sich darüber im klaren sein, daß dieses Haus - so wie jedes andere Museum auch - nie "fertig" sein wird. Museen sind von der Natur ihrer Zweckbestimmung aus Orte der Begegnung, und hierbei nicht vorrangig der Begegnung zwischen Menschen, beispielsweise zwischen den Betreibern und den Besuchern oder zwischen den Generationen, sondern der Begegnung zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Immer wieder werden neue Exponate und auch neue Ideen einfließen, die Veränderungen an der Ausstellung mit sich ziehen. Es ist die Vergangenheit, die für die Zukunft aufgearbeitet und dokumentiert wird. Und aus Sicht des heutigen Tages ist die Zukunft des morgigen Tages bereits Übermorgen schon wieder Vergangenheit. Darum wird ein Museum, auch ein Dorfmuseum oder eine Heimatstube, nie "fertig" !

Text, Fotos: Nielbock 1993 /ergänzt 1999