Firouz Vladi, Osterode am Harz

Karstwanderweg Südharz  NNA   27.05.1997

Hintergrund
Die Gipskarstlandschaft Südharz ist ein in Europa einmaliger Naturraum. Sie erstreckt sich über die Länder Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Aufgrund einer für Mitteleuropa besonderen geologischen Situation – dem in dieser Form und Mächtigkeit nur hier großräumig und oberflächennah anstehenden Gipsgestein – ist am Südharz im Laufe von mehreren zehntausend Jahren eine Landschaft mit extremer Verkarstungsintensität, morphologischer und biologischer Vielfalt entstanden.

Wegecharakter
Der Karstwanderweg ist ein landschaftsbezogener, touristischer Wanderweg und interdisziplinärer thematischer Lehrpfad mit geowissenschaftlichen Schwerpunkten; die erschlossene und dokumentierte Themenpalette umfaßt insbesondere die Bereiche Geologie und Hydrogeologie, Reliefgenese, Archäologie, Paläontologie, Umwelt, Klima, Vegetation und Fauna, Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte, jüngere Vergangenheit, Handwerk, Forschungsgeschichte, Baugrund, Gewässerkunde und Kulturlandschaftsgeschichte.

Der Weg verläuft ausschließlich auf vorhandenen land- und forstwirtschaftlichen und Wanderwegen bzw. –pfaden. Er ist durchgehend für Fahrräder, jedenfalls Mountainbikes geeignet. Die gesamte Wegelänge mißt ca. 200 km mit insgesamt 200 Erläuterungstafeln. Im Landkreis Osterode am Harz verlaufen – bedingt durch die größere Ausstrichsbreite der Zechsteinschichten - zwei parallele Wege zu je 62 und 44 km mit zusammen 90 Erläuterungstafeln, d.h. es kommt nahezu 1 Tafel auf 1 km Wegstrecke.

Was ist Karst?
Unter dem aus dem jugoslawischen Sprachraum stammenden Begriff Karst versteht man das Vorwiegen der unterirdischen Entwässerung infolge Gesteinslöslichkeit. Eine Karstlandschaft ist ein zusammenhängender Raum, dessen oberirdisches Erscheinungsbild und dessen Entwässerung durch das weitflächige und meist tiefreichende Auftreten löslicher Gesteine bestimmt ist. In Mitteleuropa sind dies Kalke, Dolomite und Gipse. Am Südharz dominieren die im ausgehenden Erdaltertum (vor 258-251 Mio. Jahren) in einem warmen Flachmeer abgelagerten Gipse und die z.T. als Riffbildungen vorliegenden Dolomite.

Was ist die Besonderheit einer unterirdische Entwässerung? Unter "normalen" Umständen, also außerhalb von Karstgebieten, ist der Kluft- oder Porenraum des Untergrundes soweit mit Grundwasser gesättigt, daß ein Grundwasserabstrom von den Hängen zur Talmitte, dem Vorfluter hin stattfindet und diesen speist. In Karstgebieten ist das Grundwasser nicht auf den nächsten Bach oder Fluß eingestellt sondern auf eine oft weit entfernte und deutlich tiefer liegende Karstquelle. In Trockenwetterzeiten fallen die Fließgewässer trocken, nicht wegen Wassermangel oder Verdunstung sondern infolge des Versickerns des Flußwassers in die durch Gesteinskorrosion geweiteten Klufträume und Gerinnehöhlen des Untergrundes.

Eben dies ist die prägende naturräumliche Situation des Südharzes. Dessen geologischen Aufbau zeigt Tafel 1 in einem schematischen Schnitt; es ist zugleich die erste Tafel des in Förste beginnenden südlichen Karstwanderweges. Die Korrosion von leicht löslichem Gips, nachgeordnet des schwerer löslichen Dolomites führt im Verlaufe des Eiszeitalters und der Nacheiszeit (Holozän) zu einer Fülle von Karsterscheinungen. Dies sind Flußversinkungen und Bachschwinden, Karstquellen, Poljen und Überflutungsflächen, Erdfälle, Dolinen, Laughöhlen, Gerinnehöhlen (Schlotten), Kegelbildungen, Karrenfelder u.a.m. Am deutlichsten offenbart sich der Karstformenschatz dem Wanderer mit den zahllosen Erdfällen am Südharz: 10.000 allein im Landkreis Osterode am Harz; und jährlich kommen etwa 10 Einsturzereignisse hinzu. Tafel 2 zeigt einen typischen Erdfall im Schnitt; es wird deutlich, daß der Erdfall mehr als nur eine geologische Erscheinung ist. Ein Kleingewässer mit Verlandungszonen, Ufervegetation, Amphibien- und Libellenfauna sowie organischen Sedimenten, die in ihren Pollen- und Stoffprofilen die Vegetations- und Landnutzungsgeschichte der weiteren Umgebung seit Jahrtausenden lehrbuchhaft konserviert haben.

In der Fläche massiertes Auftreten von Höhlen und mit deren Einsturz dann von Erdfällen führt an Schichtstufen zu deren allmählicher Zurückverlegung und zum Verbleib weiträumiger Auslaugungssenken (Subrosionszonen). Eine typische Entwicklungsfolge zeigt Tafel 3. Höhlen und Höhlenruinen, Quellen und verlandende Seen sind begehrte Fundplätze der ur- und frühgeschichtlichen Forschung, die hier am Südharz seit jeher einen reich gedeckten Tisch vorfindet. Karstgrundwasser und die großen Karstquellen dienen der Gewinnung von Trinkwasser (Rhumequelle) und zur Abfüllung von Mineral- und Heilwasser (Förste).

Umweltpädagogik
Verständlich, daß diese Landschaft, voll von dynamischen Veränderungen, für das Siedlungswesen und den Verkehrswegebau voller Probleme steckt. Auch die rohstoffliche Nutzung der Gips- und Dolomitgesteine in fast 30 Steinbrüchen führt zu Konflikten mit dem Naturschutz oder der Trinkwassergewinnung. Schadstoffhavarien haben weiträumige und ungeahnte, meist nicht rückholbare Folgen. Nur durch unablässige Anstrengungen in der ingenieur- und naturwissenschaftlichen Forschung können Probleme und Konflikte, deren Ursachen und Folgen wir heute nur ausschnitthaft verstehen, künftig erfolgreicher gelöst werden.

Der historischen Entwicklung von Rohstoffverarbeitung und Handwerk zuzuschauen, die Vegetationsgeschichte und Pflanzenarten der Trockenrasen, Obstwiesen, Hude- und Mittelwälder zu studieren; zu verstehen, daß diese Formen ohne Schafhaltung, Schneitelung der Hainbuchen, Nutzung des Obstes untergehen. Und letztlich die Schönheit und Eigenart dieser an Farben und Strukturen reichen Karstlandschaft Südharz zu erleben und den Impuls zu vermitteln, daß es sich lohnt, in dieser Landschaft zu leben und sich für ihre Unversehrtheit einzusetzen; all das kann und soll mit dem Karstwanderweg Südharz vermittelt werden; er ist einer der längsten und vielgestaltigsten thematischen Wanderwege in Deutschland!

Zielgruppen, Nutzungsangebote und -zeiten
Bestimmt ist der Karstwanderweg Südharz für alle, d.h. zunächst für den allgemeinen Tourismus, die Bildung durch Schulen, Hoch- und Volkshochschulen, für Fachexkursionen, Forschung, interessierte Einzelwanderer und geführte Wanderungen.

Es sind Rundwanderungen auf gegenüberliegenden Abschnitten der beiden parallelen Wege im Landkreis Osterode am Harz möglich. Der Weg berührt mehrere Bahnhöfe und Bushaltestellen und ermöglicht damit Halbtags- und Tageswanderungen oder entsprechende Radtouren. Mehrtägige geführte Wanderungen werden bereits durch den Naturschutzbund Deutschland, Ortsgruppe Herzberg - Bad Lauterberg, angeboten. Eisdielen, Schwimmbäder, Gasthöfe und Hotels liegen ebenso am Weg wie Schauhöhlen, Schlösser, Burgen und Ruinen mit Bewirtschaftung oder Jugendherbergen.

Die Karsterscheinungen und Hoch- und Niedrigwasserphasen sind ganzjährig zu erleben, auch und gerade bei Schnee der Formenschatz der Erdfallfelder oder bei Frost bizarre Eisbildungen in Höhlen. Das Frühjahr ist die Zeit der Geophyten in den Kalkbuchenwäldern, der Spätsommer die Zeit der mediterranen Düfte der Trockenrasen mit Thymian und Enzian.

Idee und Vorgeschichte
Der erste Abschnitt des Karstwanderweges wurde ab 1984 im Kreis Sangerhausen, DDR, von den Leitern des Karstmuseums Heimkehle, Dipl.-Geologen R. u. Chr. VÖLKER eingerichtet. Nach der Wende wurde die Einrichtung des Weges entlang des gesamten Südharzes durch die drei Länder Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, also durch die drei Landkreise Osterode am Harz, Nordhausen und Sangerhausen in Angriff genommen.

Planung, Texte, Zeichnungen
Die Planung der Route und Stationen, Gliederung und Inhalte der Erläuterungstafeln, Design und technische Gestaltung im niedersächsischen Abschnitt besorgte 1990 der Verfasser als Leiter des Amtes für Wasserwirtschaft und Naturschutz, Landkreis Osterode am Harz. Leitgedanke der Erschließung war es, Umweltverständnis zu wecken: die Schönheit der Landschaft, ihre Ästhetik ist das Transportmedium des Umweltbewußtseins zur Steigerung der Wertschätzung heimatlicher Landschaft. Dipl.-Geol. R. Völker, Uftrungen, fertigte die Textfassungen für die Erläuterungstafeln und Reinzeichnungen. Die Farbkombination wurde gewählt, damit sich die Tafeln den natürlichen Farben der Landschaft, insbesondere im Nadel- und im herbstlichen Laubwalde unterordnen und nicht beim Fotografieren stören. Die Schilder wurden 1995 durch Landschaftsarbeiter der unt. Naturschutzbehörde montiert.

Finanzierung
Der Karstwanderweg im niedersächsischen Abschnitt wurde durch den Landkreis Osterode am Harz mit Förderung des Landes Niedersachsen errichtet.

Unterhaltung
Die Unterhaltung von Weg, Markierung und Beschilderung erfolgt im Landkreis Sangerhausen durch den Förderverein Gipskarst Südharz e.V. in Uftrungen; im Landkreis Nordhausen durch eine ABM-Gesellschaft. Langfristig wird auch die Einbindung in die Wegebetreuung des Harzklubs oder weiterer verbandlicher Träger geprüft.

Technik in Stichworten (nur Landkreis Osterode am Harz)
Erläuterungstafeln 0,7 x 0,35 m, Alu 3mm, Ecken gerundet, 4 Bohrungen, beidseitig in RAL 8014 (dunkelbraun), Texte und Zeichnungen ein- bzw. beidseitig in RAL 1004 (gelb), Kosten je Tafel ca. 250 DM; Hersteller: Scherer Schilderverlag GmbH, Stuttgart.

Befestigung: Rohrständer 41H des Fachhandels für den Straßenbaubedarf (Kindel Schilderwerk GmbH, Wuppertal - Barmen) mit zentralem Rohrfuß DN60 und Betonsockelsteinen, dunkelbraun handlackiert in RAL 8014, Stückkosten ca. 200 DM.

Montage der Tafeln im Rahmen mit Hülsenmuttern M8 x 12, ohne Schlitz, Messing, Unterlegscheiben Messing, und Abreißschrauben M8, Eisen, vermessingt (Lenkschloßbefestigungsschrauben des VW-Käfer bis Bj. 66).

Wegebeschilderung an Wegkreuzungen etc. Einheitswanderwegeschild des Harzklubs, Format DIN C4, weiß quer, nach hinten abgewinkelte rote Seitenränder, schwarze Schrift, Harzklub- und KWW-Symbol (brauner Punkt auf gelbem Feld); zwischendurch Wegmarken, Kunststoff 10 x 6 cm, weiß, mit KWW-Symbol an Bäumen, Zaunpfosten etc. (Hinweis: auf thüringischem und sachsen-anhaltinischen Gebiet ist der Weg mit rotem horizontalen Strich auf weißem Feld markiert.)

Erfahrungen und Optimierungen

  • Verschraubungstechnik (Sechskantkopf reißt ab, Halbkugelkopf verbleibt) verhindert bisher erfolgreich den einfachen Diebstahl der Erläuterungstafeln in Gelände.
  • Verbesserungswürdig: Rohrständer besser mit zwei Füßen, da bei zentralem Fuß mittels der Hebelwirkung des Rahmens die Schilder aus den Sockelsteinen herausgedreht werden können (bisher ca. 20 Vorkommnisse mit 5 Totalverlusten).
  • Bei Erneuerung nur noch einseitig bedruckte Tafeln mit größeren Rahmen verwenden.
  • Da der KWW eine Dauereinrichtung ist, sollten bei der Erstbeschaffung je 2-3 Tafeln geordert werden: Diebstahl, Beschädigung durch Windwurf, Schüsse, Steine, Geologenhämmer, Graffiti, Verwitterung etc.
  • Die Stationsauswahl erfolgt im Ermessen zwischen Trassenoptimierung (Strecken ohne Station max. 1 km) und Geheimhaltung bestimmter Biotope bzw. Aufschlüsse. Tenor: für Verständnis und Schutzengagement der Karstlandschaft werben durch ästhetische Erlebnisse und fachliche Erkenntnisse!
  • Die Routenführung im Landkreis Osterode am Harz auf zwei parallelen Wegen ist durch den geologischen Bau der Schichtstufenlandschaft bedingt: a. Ausstriche des Zechsteinkalkes, Werradolomites und -anhydrits, b. Basal- und Hauptanhydrit und bedeckter Karst unter unterem Buntsandstein. Hierdurch ist die Verknüpfung beider Wege zu Rund-, Halbtags- und Tagesexkursionen möglich. Beide Wege münden nach Osten in nur einem Weg zusammen.
Literatur
Für den Karstwanderweg sind mehrere Publikationsstufen vorgesehen. Die erste Ebene bildete ein informatives Faltblatt, die zweite Ebene für jeden Abschnitt (Landkreis) ein ca. 60-seitiges Heft im Schmalformat mit Lageplan als allgemeinverständlicher Wanderführer; in der dritten Ebene folgt – allerdings zeitversetzt – eine stärker wissenschaftlich ausgerichtete Monographie. Das bereits verfügbare Material ist nachfolgend aufgeführt. Darüber hinaus erscheinen Wandervorschläge für ausgewählte Abschnitte.

Landkreis Osterode am Harz

VLADI, Firouz: Gipskarstlandschaft - Karstwanderweg.- Faltblatt, 4 S., 9 Abb., 1 Kt.; Osterode am Harz (Südharz-Information, Hrsg.) 1995.

VLADI, Firouz: Wandertip Südharz – Karstwanderweg.- WM – das Wandermagazin, 14. Jg., H. 1/98, S. 49-54 [1-5 Etappe], 5 Abb., 5 Ktn.; Niederkassel (WWP-Verlag GmbH) 1998.

Landkreis NordhausenVÖLKER, Reinhard und Christel: Karstwanderweg Teil 2 - Landkreis Nordhausen.- 72 S., 2 Ktn.; Nordhausen (Kreisverwaltung, Hrsg.) Dez. 1997. DM 3,-Landkreis SangerhausenVÖLKER, Reinhard und Christel: Karstwanderweg Teil 1 - Landkreis Sangerhausen.- 64 S., 30 Abb., 2 Ktn.; Sangerhausen (Kreisverwaltung, Hrsg.) 1996. DM 4,-Gesamter WegDie wichtigste Literatur zum Karstwanderweg und zu allen drei Abschnitten findet sich im Internet unter: www.karstwanderweg.de

Weitergehende Informationen
Gesellschaft zur Förderung des
Biosphärenreservates Südharz e.V.
Auf dem Hagen 38
37079 Göttingen
Förderverein Gipskarst Südharz e.V.
An der Heimkehle 1
06548 Uftrungen
Südharzer Karstlandschaft e.V.
Verwaltungsamt Roßla
Helmestraße 3
06536 Roßla
Tourismusförderkreis Ostharz e.V.
Kaltes Tal 3
06547 Stolberg