Westfälische
PILZBRIEFE

Herausgegeben von der Pilzkundlichen Arbeitsgemeinschaft in Westfalen
Schriftleitung : Dr. H. Jahn, 4931 Heiligenkirchen/Detmold, Alter Sportplatz 466


VI. Band
Heft 2
1966

Mykologische Notizen aus dem „Hainholz” und „Beierstein”,
geplante Naturschutzgebiete im Landkreis Osterode/Harz

Von Andrzej N e s p i a k
(Aus dem Institut für Botanik der
Landwirtschaftlichen Hochschule Wroclaw, Polen)

In den letzten Tagen des Juli 1965 hatte ich, dank der Freundlichkeit von Herrn Professor
R. T ü x e n , die Gelegenheit, die (geplanten) Naturschutzgebiete „Hainholz” und „Beierstein” im Landkreis Osterrode (Harz) zu besichtigen.
Während der zweitägigen botanischen Exkursion habe ich in diesem Gebiet einige mykologische Beobachtungen durchgeführt, die als Beitrag zur Kenntnis der Pilzflora dieser Gebiete hier mitgeteilt werden. Unter den gefundenen Pilzen befinden sich einige weniger bekannte oder seltene europäische Arten. Zum Nachweis habe ich die bemerkenswerten Pilzarten mit kurzen Diagnosen und Zeichnungen dargestellt.
Der Untergrund der beiden Naturschutzgebiete besteht aus Gips. Ihre Fläche ist zum größten Teil von alten natürlichen Buchenwäldern bedeckt. An vielen Stellen ragt der nackte Gipsfelsen unter dem Dach der alten Buchen hervor. Diese charakteristische Karstlandschaft enthält viele Karren, natürliche Höhlen und Dolinen, die zum Teil mit Wasser gefüllt sind und kleine Teiche bilden. Unter den Felswänden lagert an manchen Stellen eine bis 1 m dicke Laubschicht.
Das natürliche Waldkleid auf besonders warmen Hängen bildet der orchideenreiche Seggen-Buchenwald (Carici-Fagetum). An den übrigen Stellen herrscht der Perlgras-Buchenwald (Melico-Fagetum) in verschiedenen Formen. Die Dolinen sind von Eschen-Ahornwäldern oder seltener, nur an besonders feuchten Stellen, vom Bach-Euchenwald oder von Erlengebüsch bedeckt (T ü x e n).
An den Felswänden oder auf den Gipfeln sind interessante trockenheitsliebende Pflanzengesellschaften entwickelt. Zwischen diesen natürlichen Assoziationen finden sich an verschiedenen Stellen kleinere Fichtenaufforstungen. Außerhalb des Waldes bilden die Gipsfelsen eine typische Hügellandschaft, die größtenteils von Halbtrockenrasen bedeckt sind. Die dort herrschenden Pflanzengesellschaften sind Mesobrometum oder Trisetum flavescentis (T ü x e n).
Die gesammelten Pilzarten sind in systematischer Ordnung aufgeführt.

Abb. 1. — Fig. 1 a : Leptopodia ephippium, Ascus, Sp., Paraphysen ; 1 b : Haare v. d. Unterseite. — Fig. 2 : Peziza badia, Ascus, Sp. — Fig. 3 : Pustulina cupularis, Ascus, Sp., Paraphysen. — Fig. 4 : Trichophaea gregaria, Ascus, Sp., Paraphysen. (Maße s. Text!)

Ascomycetes

Humaria hemisphaerica (Wiggers ex Fr.) Fuck. — In kleinen Gruppen auf nackter Erde an feuchteren Stellen im Wald. Hainholz und Beierstein.
Leptopodia ephippium (Lèv.) Boud. — Hymenium 1—3 cm, blaß schmutzigbraun, sattelförmig. Die Unterseite dicht graustaubig. Stiel bis 4 cm lang, staubig, schmutzig-weiß oder blaß-braun. Asci 170—220/13—15 µ, Ascosporen 18—22/11—12 µ, einzellig mit großem Öltropfen. Paraphysen mit etwas verdickten und bräunlichen Spitzen . Die Haare an der Unterseite des Hymeniums
3—5zellig mit fast zylindrischen hyalinen Zellen 20—35/13—20 µ, (Abb. 1, Fig. 1). Einzeln in feuchtem Gebüsch am Waldrand, Hainholz.
Paxina acetabulum (L. ex St. Amans) Kuntze. — Einzelne Exemplare auf nacktem Boden im Mischwald, besonders unter Fichten. Hainholz.
Peziza badia Pers. ex Fr. — Ascosporen 17—19—22/9—11 µ, (Abb. 1 und 2, Fig. 2). Massenhaft auf nacktem Boden in dichtem Fichtenforst.
Peziza saniosa Schrad. ex Fr. — Im dichten Buchenwald in der Laubschicht, in kleinen Gruppen. Hainholz.
Pustularia cupularis (L. ex Fr.) Fuck, — Die Becher 0,5—2,0 cm im Durchmesser, immer mit kleinem Stiel, schmutzig-gelbweiß mit sehr fein bestaubter Oberfläche. Asci 230—300/13—15 µ, Ascosporen 18—22/13—14,5 µ einzellig mit zwei großen Öltropfen. Paraphysen fadenförmig, septiert, unten gabelig geteilt, oben allmählich keulig verdickt (Abb. 1 und 2, Fig. 3). Einzeln oder
in kleinen Gruppen im reinen Buchenwald, besonders neben Mercurialis-Rasen. Hainholz und Beierstein.
Scutellinia scutellata (L. ex St. Amans) Lamb. — In kleinen Gruppen auf feuchtem Holz, besonders im Alnusgebüsch, Hainholz.
Trichophaea gregaria (Rehm). — Apothecien 0,3—0,5 cm im Durchmesser, mit schmutzigweißer oder blaßgrauer Fruchtscheibe, außen braunzottig, bedeckt mit büscheligen einfachen, geraden, septierten, ziemlich stumpfen braunen bis 150 µ langen Härchen. Asci 160—250/16—18 l t, Ascosporen etwas rauh, einzellig, 22—24/13—14 µ, mit einem großen zentralen Öltropfen. Paraphysen fädig, septiert, oben nur etwas verbreitert (Abb. 1 und 2, Fig. 4). Büschelig auf nacktem Felsen auf dünner Erdschicht, im Moos, das die Felsoberflächen bedeckt, Hainholz.


Abb. 2. — Fig. 2: Peziza badia, Frk. (nat. Gr.). — Fig. 3 : Pustularia cupularis, Frk. (nat. Gr.). — Fig. 4 : Trichophaea gregaria, Frk. (4 x vergr.)

Basidiomycetes, Agaricales

Collybia hariolorum (D. C. ex Fr.) Sing. — Zwischen trockenen Buchenblättern, im dichten Buchenwald. Sporen 6—7/2—3 µ. Der weiße, fein behaarte Stiel, der Hut mit deutlichem schwarz-braunem Scheitel und etwas größere Sporen unterscheiden diese Art von der ähnlichen, häufigeren Collybia dryophila. Beierstein.
Clitopilus prunulus (Scop. ex Fr.) Quél. — Unter Fichten, einzeln, Hainholz.
Crepidotus lundellii Pilát. — Einzelne Exemplare auf Buchenreisig, an feuchten Stellen des Waldrandes, Sporen 7,5—10/5—6 µ. Beierstein.
Hygrocybe crocea (Bres.) Sing. — Außerhalb des Waldes, zwischen Gras, im Mesobrometum. Sporen 11—4,5/7,0—7,6 µ. Wiesen beim Beierstein.
Hygrocybe intermedia (Pass.). — Einzelne Exemplare auf sandigem Boden zwischen Sedum-Rasen, am Waldrand. Hainholz.
Hygrocybe constans Lge. — Auf der Wiese im Mesobrometum. Sporen 10—12/7,2 u. Beierstein.
Hygrocybe mucronella (Fr.) Lge. — Zwischen Gras, auf einer Wiese neben dem Beierstein. Sporen 7,5—8—9/5—5,5 µ.
Inocybe subrubescens Atk.-Hut 2—3 cm im Durchmesser, kegelig bis spitzgebuckelt, glatt, seidig, nur etwas faserig, rosa-weiß-creme. Stiel bis 5—7 cm lang, glatt, oben etwas weiß bereift, unten rosa behaucht mit nur undeutlichem Knöllchen. Fleisch stark rötend, mit blumenartigem Geruch. Lamellen hell olivbraun mit weißlichem Rand. Sporen breit-oval 10—12,5—13/7,5—9 µ. Cystiden
dünnwandig keulenförmig 45—50/12—15 µ, nur auf der Lamellenschneide. (Abb. 3, Fig. 5.)
Die gesammelten Exemplare haben dieselbe Gestalt wie Inocybe rubescens Gill. ss. Lange, Pl. 112 H. Aber wegen der Sporenform und des Fehlens von Cystiden mit Kristallschöpfen muß man die beschriebenen Fruchtkörper zur Inocybe patouillardi-Gruppe rechnen. — Einzeln auf besonders sonnigem Felsrand unter Buchen. Hainholz und Beierstein.
Lepista sordida (Fr.) Sing. — In dicker Laubschicht im dichten Buchenwald, in kleinen Gruppen. Hainholz.
Macrolepiota prominens (Fr.). — Hut 5,5 cm im Durchmesser, flach gewölbt, weiß, mit festen schwarzbraunen dachziegeligen Schuppen bedeckt . Stiel 10—12/0,4—1 cm, glatt, weiß, seidig, mit ungerandeter aber deutlicher Knolle. Ring deutlich, doppelt, verschiebbar, schmutzig weiß. Fleisch nicht rötend, trocken grau werdend. Lamellen dichtstehend, weiß oder blaßrosa, mit dunkleren Schneiden. Sporen 8,5—10,8/4,5—6,5 µ, fast schmutzigrosa, ellipsoidisch .
Basidien viersporig. (Abb. 3, Fig. 6). Diese Art gehört zweifellos zur Macrolepiota procera-Gruppe (Lange, Agar. of Denm. 11, p. 22, 1915). Ich habe nur ein Exemplar in dicker Buchenlaubschicht unter alten Buchen gefunden. Hainholz.

Abb. 3. — Fig. 5: Inocybe subrubescens, Frk. Sp., Cyst. Fig. 6: Macrolepiota prominens, Frk. Sp., Bas. — Fig. 7: Mycena subalpina, Frk., Sp., Cyst. — Fig. 8: Lepiota metulaespora, Sp. — Fig. 9: Panaeolina foenisecii, Frk., Sp. — Fig. 10: Rhodophyllus anatinus, Frk., Sp., keulenf. Zellen d. Lamellenschneide. — Fig. 11: Rhodophyllus lampropus, Sp. — Fig. 12: Volvariella murinella, Frk., Sp., Cyst. (Fruchtk. ½ nat. Gr., Maße d. Sp. u. Cyst. s. Text!)

Mycena subalpina v. Hoehn. — Sporen 8,5—10,5/2,5—3,5, Cystiden 40—66/7—15 µ (Abb. 3, Fig. 7). Auf gefallenen Buchenzweigen und auf dem Boden. Hainholz.
Lepiota metulaespora (Berk. et Br.) Sacc. Sporen 17—20/5—6 µ (Abb. 3, Fig. 8). Auf der Erde im Mischwald, aber besonders unter Fichten, Hainholz.
Panaeolina foenisecii (Pers. ex Fr.) R. Mre. — Sporen 15—17,517,5—10 µ (Abb. 3, Fig. 9). Zwischen Gras am Waldrand, einzeln. Hainholz.
Pluteus cinero-fuscus Lge. — Zwischen Laub und auf morschen Strünken, einzeln. Beierstein.
Rhodophyllus anatinus (Lasch) Quél. ss. Ricken. — Hut silbergrau, lang - faserig, fast schuppig. Stiel stahlblau mit violettem Schein, glatt. Lamellen breit angeheftet bis herablaufend, schmutzigrosa mit dunklem Rand. Sporen 10—12—1516—8 µ. Auf der Lamellenschneide viele keulenförmige blaßbraune Zellen (Abb. 3, Fig. 10). — Drei Exemplare auf der Weide neben Galium aparine. Beierstein.
Rhodophyllus lampropus (Fr.) Quél.) — Zwischen Gräsern, besonders an mehr trockenen Stellen, auch am Waldrand. Hainholz. Sporen 11—12,5—14,5 / 7,5—8,5 µ (Abb. 3, Fig. 11).
Rhodophyllus incanus (Fr.) Quél. — Zwischen Moosen auf kleinen Wiesen , unter jungen Fichten. Hainholz.
Rhodophyllus rhodopolius (Fr.) Quél. — An mehr trockenen Stellen im Buchenwald, besonders zwischen Moospolstern. Hainholz und Beierstein.
Tubaria pallidispora Lge. — Auf nackter Erde im Buchen- und Fichtenwald. Hainholz.
Volvariella murinella (Quél.) Mos. — Hut halbkugelig, seidig-faserig, weißlich mit hellgrauem Scheitel. Stiel weiß staubig. Volva weiß . Fleisch mit leichtem Pelargoniengeruch. Sporen 7—8/4,5—5,5 µ. Cystiden stark bauchig oder flaschenförmig 50—70 µ (Abb. 3, Fig. 12). Im Hainholz in altem Buchenwald auf dicker Laubschicht.
Agaricus rusiophyllus Lasch ex Fr. ? — Hutdurchmesser bis 5,5 cm, Fleisch gelb werdend mit rosa-violettem Schein, mit Bittermandelgeruch. Sporen 4—4,5/2,5—3,5. Einzeln, im Buchenlaub am Waldrand. Beierstein. — Sehr ähnlich sind die Arten Psalliota semota Fr. ss. Lge., Pl. 137 A, und Psalliota comtula Fr. ss. Lange, Pl. 136 A).
Conocybe mesospora Kuehn. — Am Waldrand und auf Wiesen, einzeln. Beierstein.
Cortinarius cotoneus Fr. — junge Exemplare im Mischwald, unter Buchen und Fichten. Hainholz.
Deconica atrorufa (Schrf. ex Fr.) Karst. — In Gruppen im Moos (Polytrichum attenuatum) am Waldrand. Beierstein.
Boletus luridus Fr. — Einzeln, besonders an sonnigen Stellen unter jungen Buchen. Hainholz.
Boletus erythropus Fr. — Einzeln im jungen Buchenwald, Hainholz.

Gasterales

Geastrum fimbriatum Fr. — Auf nackter Erde zwischen Fichtennadeln. Hainholz.
Weitere häufige Pilzarten, welche ich in diesem Gebiet gesehen habe, waren :
Clitocybe infundibuliformis, Oudemansiella radicata, Ramaria cristata s. lato, Lactarius blennius, Lactarius camphoratus u. a. Dagegen fehlten auf diesen Gipsböden einige Arten, die in dieser Zeit in den Buchenwald-Assoziationen im Wesergebirge bei Todenmann (Rinteln) sehr häufig waren, z.B. Russula emetica, Phallus impudicus, Lactarius serifluus ( L. cremor ss. Neuhoff), Craterellus cornucopioides. Vielleicht ist der Grund für die Erscheinung im stark alkalischen pH der Gipsböden zu suchen, das die Entwicklung nur einer gewissen Gruppe von Pilzen bedingt.

Literatur

D e n n i s, R. W. G. (1960) : British Cup Fungi, London.
H e im, R. (1931) : Le Genre lnocybe. Paris.
K ü h n e r, R. et R o m a g n e s i, 11 (1953) : Flore analytique des champignons supérieurs. Paris.
L a n g e , J. E. (1915) : Studies in the Agarics of Denmark, Part II. Copenhagen.
L a n g e, J. E. (1935—1940) : Flora Agaricina Danica 1—5. Copenhagen.
M o s e r , M. (1955) : Blätter- und Bauchpilze, Kl. Kryptogamenflora Bd. Il b. Stuttgart.
M o s e r , M. (1963) : Ascomyceten, Kl. Kryptogamenflora Bd. II a. Stuttgart.
R eh m , H. (1896) : in Rabenhorsts Kryptogamenflora Bd. 1. Abth. 3. Leipzig.
R i c k e n, A. (1915) : Die Blätterpilze. Leipzig.
T ü x e n , R. (1964) : Geplante Naturschutzgebiete Hainholz und Beierstein im Landkreis Osterode/Harz. Im Manuskript.

Quelle: www.pilzbriefe.de