Die Staufenburg und ihre Sagen

Es ist eine bekannte Sage, daß die Abgeordneten des deutschen Reiches, als sie Kaiser Heinrich I. oder dem Finkler die Nachricht von der auf ihn gefallenen Wahl zum deutschen König überbrachten, den neuen Monarchen mit seiner Gattin in einer Laube sitzend angetroffen haben sollen, wie er eben mit dem Vogelfang beschäftigt war und wie er ihnen sogar zuwinkte, noch zurückzubleiben, bis er erst sein Netz mit einem ansehnlichen Fange zugezogen habe. Unter die Oerter nun, welche Anspruch auf die Ehre machen, der Schauplatz dieses Vorganges gewesen zu sein, gehört auch die alte Staufenburg bei Gittelde, von der lange noch ein viereckiger starker und hoher Thurm übrig war, der aber jetzt auch abgebrochen ist. Für diese Annahme sprechen noch heute einige, wenn auch geringe Zeichen, so z.B. tritt eine halbe Stunde nördlich von der Staufenburg eine Holzecke in das Feld des Dorfes Münchehof, vordem Kemnade genannt, worin ein Winkel, der gegen zweihundert Schritte rechts von der nach Gittelde führenden Heerstraße liegt, der Heinrichswinkel heißt. Auf dieser zum Anfluge der Zugvögel über die Felder von Norden her sehr schicklich gelegenen Stelle, behaupten die Anwohner, habe Heinrichs Vogelhütte gestanden und hier sei ihm jene wichtige Nachricht über seine Erwählung zum deutschen König zuerst zugegangen. Ferner hatte Heinrich eine Burg bei dem nahen Orte Gittelde, wovon noch ein Stück Mauer, die Ecke derselben nach Nordost zu, übrig ist; sie lag in der Ebene, muß nicht groß gewesen sein und heißt noch jetzt »die Burg«. Auf einer daranstoßenden Wiese sieht man in der Mitte eine Erhöhung, auf der vermuthlich ein runder dicker Thurm stand, von einem jetzt verschütteten Graben umgeben. Diese Wiese heißt jetzt noch »der Kaisergarten«, und die Sage will, daß Heinrich diese Anlage gemacht habe. Auch heißt ein Berg nicht fern von Staufenburg »die Heinrichshöhe«. Das alte Hauptkirchenbuch des drei Stunden von Staufenburg gelegenen Dorfes Ahlshausen aber theilt eine Nachricht von Heinrich mit, die seine Jagdlust in dieser Gegend bezeugt. Dort heißt es nämlich: »Herzog Heinrich zu Sachsen hat von Jugend auf Lust zur Jagd und Vogelfang gehabt, daher er auch in den Chroniken auceps und der Vogler genannt wird und seine Jagdhäuser auf der Staufenburg, Gittelde, Seesen, Herzberg, Scharzfels, Schildberg und an andern Orten mehr an dem Harze gehabt. So hat er auch seinen fürstlichen Vogelheerd auf einer Höhen Vogelsburg genannt gehabt, daher das Dorf Vogelbeck (1 Meile von Nordheim nach Einbeck zu) den Namen bekommen hat. Hier an diesen Oertern war der Herzog in seiner Jugend oft und gern. Einstmals hatte er bei der Vogelsburg im Walde da, wo die jetzige Kirche zu Ahlshausen, eine Bärenjagd gehalten und war mit einem grimmigen Bären in großer Lebensgefahr und wenn nicht einer seiner zugeordneten Junker, Heinemann von Gittelde genannt, dazu gekommen wäre, so hätte der Herzog des Todes sein müssen, aber derselbe stand dem Herzog treulich bei, daß der Bär gefangen wurde und mit der Haut bezahlen mußte, welches auch der löbliche Fürst in Gnaden angenommen und mit schuldiger Dankbarkeit erkannt und obgemeldetem Heinemann von Gittelde sein Gütlein daselbst ziemlich verbessert und ihn nachher Zeit Lebens vorgezogen und in vielen Sachen, sonderlich in Scheidenzügen und in Schlachten gebrauchet. Damit er sich auch Gott, seinem allmächtigen Beschützer, dankbarlich bezeigte, hat er an dem Orte, da er mit dem Bären in Gefahr gewesen und ihn überwältigt, eine Kapelle bauen lassen, in welcher er allemal, wenn er daselbst gejaget, ehe die Jagd anging, sein Gebet verrichtet hat und ist solches n. Chr. 914 geschehen. Nachdem aber hochgedachter Herzog Heinrich a. 920 zu einem römischen Kaiser erwählet und mit vielen Reichs- und Landesgeschäften beladen wurde, ist daselbst eine solche Wildbahn wie zuvor nicht mehr gewesen, daher ein Siegfried Ahlshausen, welcher Herzog Friedrichen, ehe er Kaiser ward, lange Zeit gedient, von Gandersheim gebürtig, von dem Kaiser einen Platz des Wildes, so jetzt die beiden Dörfer Siegfrieds- oder Sievershausen und Ahlshausen inne haben, zu seinem Eigenthum bekommen hat und ausräumen und zu Feldern mit Wiesen machen lassen und einen Wohnhof daselbst, Siegfriedshausen genannt, erbauet hat.« Nicht weit von der gedachten Kapelle ließ er mit des Herzogs Consens eine Pfarrkirche erbauen, die begütert wurde, in welcher die Priester ihre Dienste vor dem Altare auf der Haut des grimmigen Bären verrichtet haben. Der zu dieser Pfarre gehörige große Garten von drei Morgen heißt noch jetzt der Burggarten und es hat darin eine alte Burg gestanden, die Siegfried unter Heinrichs Erlaubniß erbauet hat. Ueberbleibsel davon sind nicht mehr vorhanden.

Seit dieser Zeit hat die Staufenburg ziemlich lange wenig von sich reden machen, sie kam an die Herzöge von Braunschweig, die aus ihr ein Jagdschloß machten, und diente auch einigen fürstlichen Wittwen als Leibgedinge. Erst im 16. Jahrhundert ward dieselbe wieder der Schauplatz einer sehr sonderbaren Begebenheit.

Am Hoflager des Herzogs Heinrich des Jüngern zu Wolfenbüttel lebte als Gesellschafterin seiner Gemahlin das Fräulein Eva von Trotha, des kurbrandenburgischen Marschalls Adam von Trotha Schwester, ein schönes und liebenswürdiges Mädchen. Dieselbe zog die Augen des Herzogs auf sich und bald entstand zwischen beiden ein Liebesverhältniß. Zwar ward dasselbe geheim gehalten, allein es gelangte doch zur Kenntniß der Herzogin Maria, die zuerst ihren Gemahl mit Bitten und Vorwürfen zu bewegen suchte, von diesem Liebeshandel abzustehen und zu ihr zurückzukehren, als dies aber nichts fruchtete, sich an ihren Vater, den Herzog Heinrich von Würtemberg wandte und ihn vermochte, den Kaiser selbst zur Vermittelung in dieser Angelegenheit aufzufordern. Der Herzog, unangenehme Folgen fürchtend, beschloß nun zum Schein der Sache ein Ende zu machen und dabei doch zu seinem Zwecke zu gelangen. Fräulein Eva bat um ihre Entlassung vom Hofe, um nicht ferner den lange bestandenen Hausfrieden zu stören, wurde sehr gern entlassen und reiste ab. Unterwegs überfiel sie in Gandersheim, einige Meilen von Wolfenbüttel, eine Krankheit und sie mußte in einem Kapuzinerkloster bleiben. Die Krankheit nahm zu und endlich kam die traurige Nachricht an den Hof, das Fräulein Eva sei gestorben. Wie gern die Herzogin Maria diese Nachricht hörte, läßt sich denken. Der Tod hatte mit einem Male und sogar zur rechten Zeit den Knoten zerhauen, hatte aller Fehde ein Ende gemacht und den Hausfrieden wieder zurückgeführt. Sie war beruhigt und wer hätte ihr die Täuschung rauben mögen! Denn Täuschung war das Ganze. Nach einigen Tagen Aufenthalt im Gandersheimer Kloster ward Eva, frisch und gesund, insgeheim auf die Staufenburg gebracht. Ein hölzernes Bild, leichenmäßig gekleidet, lag unterdessen im Sarge, etwas entfernt von dem neugierigen Zulauf ausgestellt, wurde alsdann öffentlich und mit dem üblichen Gepränge beerdigt und reichliche Seelenmessen lasen die Klosterherren, welche treue Handlanger gewesen waren, der abgeschiedenen Seele nach. Hier nun auf der hohen Burg, umgeben von dichten Wäldern und steilen Bergen, hatten die Liebenden freies Spiel. Heinrich, unter dem Vorwande, das Wild des Harzes zu jagen, war oft und lange auf Staufenburg bei seiner Eva, wo er im Arme der Liebe der Sorgen der Regierung vergaß. Dies Verhältniß dauerte mehrere Jahre, in welchem sie dem Herzog, der so schon eine zahlreiche Familie hatte, noch sieben Kinder gebar, denen er den Namen »von Kirchberg« beilegte. Listig und schlau war zwar Alles so eingerichtet, daß Niemand das Geheimniß erforschen konnte und sogar zu Erscheinungen nahm man seine Zuflucht, um jedes Annähern an die Burg zu erschweren. Man verbreitete absichtlich unter dem Volke die Sage, daß eine weiße Frau oft um die Burg herumwandele und Böses an denen übe, die sich ihr näherten. Viele hatten auch die weiße Frau gesehen, allein es war Fräulein Eva selbst, die sich in weißer Kleidung erging. Das lange verwahrte Geheimniß wurde endlich doch ans Licht gezogen und zwar, wie man glaubt, von den Fürsten des Schmalkaldischen Bundes. Herzog Heinrich hatte nämlich durch seinen Haß gegen die protestantische Religion den dadurch herbeigeführten Krieg mit den Schmalkaldischen Bundesgenossen und durch seinen Uebertritt zur sogenannten Liga die Fürsten dieses Bundes so gegen sich aufgebracht, daß sie sogar seine Privathandlungen hervorzogen, um ihm zu schaden. Besonders thätig dabei erwiesen sich einige derselben, welche nahe Verwandte der Herzogin Maria waren, und in ihrem Eifer so weit gingen, wegen Heinrichs heimlicher Ehe beim Kaiser klagbar zu werden. Doch da entschied der Tod wirklich und schlichtete den verworrenen Streit. Im Laufe des Jahres 1541 starb Eva von Trotha und nach ihr auch die Herzogin Maria; der Herzog aber belehnte den Sohn seiner Geliebten, Eitel (Edel) Heinrich, mit dem nicht fern von Staufenburg belegenen Gute Kirchberg, wollte auch den Papst veranlassen, denselben zu legitimiren, damit er successionsfähig und Erbe des Landes werden könnte, das er dadurch dem ältesten ehelichen Sohne, dem nachherigen Herzog Julius, entziehen wollte, weil dieser zu seinem Aergerniß die protestantische Religion angenommen hatte, allein Edel Heinrich von Kirchberg nahm weder eins noch das andere an.