Sagen vom Kyffhäuser

I.

In den Kyffhäuser ist Kaiser Friedrich der Rothbart verwünscht, der sitzt mit all seinen Rittern und Knappen um einen großen Tisch, durch den sein Bart hindurch gewachsen ist. Unten im Berg ist's herrlich und alles strahlt von Gold und Edelstein, und ob's auch eine unterirdische Höhle ist, so ist's doch hell drin wie am sonnigsten Tage; die prächtigsten Bäume und Sträucher stehen da und mitten durch dies Paradies fließt ein Bach, wenn man aus dem eine Hand voll Schlamm nimmt, so wird er sogleich pures Gold. Hier jagt nun ein Reiter zu Pferde fortwährend auf und ab; andere aber sagen, er sitze auf einem Hahn und möge wohl der Böse selber sein, der alles dies verzaubert habe. – Ein Hirt ist mal am Johannistag, als der Berg offen stand, hineingekommen und hat staunend die ganze Herrlichkeit gesehen, da hat ihm der Reiter gewinkt, er solle die Pferdesemmeln einstecken, das hat er gethan und als er zu Hause kam, ist's Gold gewesen.

II.

Mal fängt bei einer Hochzeit auf einem Dorfe in der Nähe des Kyffhäuser's der Wein an zu fehlen, da sagt der Brautvater zu dem Mädchen: »Geh hin und hole noch Wein;« als sie nun fragt, woher sie ihn holen solle, sagt er: »Nun, du dummes Mädchen, woher sonst, als vom Kyffhäuser.« Da geht sie hinauf und als sie oben ankommt, sitzt am offenen Berge eine ganz weiße Mademoiselle (andere sagen, des Kaisers Ausgeberin), die fragt nach ihrem Begehr; als sie ihr das sagt, spricht sie, sie solle nur mitkommen, und geht mit ihr in den Berg. Als sie da nun eintritt, sieht sie sich in einem großen Raum, in dem stehen zahllose Pferde, die scharren und raßeln mit den Ketten, daß es einen gewaltigen Lärm gibt, und in den Krippen ist kein Heu, sondern es sind große Dornwasen aufgesteckt, von denen freßen sie. Weiter hin aber sitzt ein steinalter Mann, mit langem weißen Bart, der ist durch den Tisch gewachsen, und an den Wänden herum liegt der Wein in großen Fäßern aufgespeichert; davon füllt die Mademoiselle ihr den Krug und führt sie dann wieder hinaus. Draußen aber hat sie ihr gesagt, sie solle nicht wiederkommen; als sie aber heimgekommen ist, da ist's der herlichste Wein gewesen, den man jemals gekostet, und ob's gleich nur ein Krug gewesen, so hat der Wein darin doch gar nicht abnehmen wollen.

III.

Andere erzählen auch, als das Mädchen oben angekommen sei, habe es dort mit Knochen und Kegeln geworfen, so daß sie bang geworden und gedacht, was du haben willst, bekömmst du doch nicht, willst dir nur etwas zum Wahrzeichen, daß du hier warst, mitnehmen. Darauf habe sie ein Paar Knochen eingesteckt, und als sie die daheim hervorgezogen, seien es große Stangen Goldes gewesen.

IV.

Frauen kommen einmal hinauf zum Kyffhäuser, da sehen sie die Ausgeberin des Kaisers, die hat einen großen Berg Flachsknotten ausgebreitet und winkt ihnen davon zu nehmen. Da stecken sie etwas zu sich und als sie heim kommen, sind die Knotten zu Gold geworden.

V.

Kommen einmal Musikanten von einer Hochzeit und ziehen über den Kyffhäuser nach Hause; ist so ein recht Toller unter ihnen, der sagt: »Hört ihr Gesellen, haben wir so viel gespielt, wollen wir auch noch dem alten Kaiser Friedrich eins aufspielen.« Da wollen's die andern zwar erst nicht thun, da sie müde sind, aber er redet ihnen doch so lustig zu, daß sie zuletzt allsammt anstimmen. Als sie fertig sind, tritt eine Mamsell aus dem Erfurter Thor, die bringt ihnen schönen Dank vom alten Kaiser und verehrt jedem von ihnen zum Andenken einen Pferdekopf. Den sah noch jeder von ihnen staunend an, als die Mamsell schon wieder verschwunden war, und nun schalten sie auf den Tollen, daß er sie so schnöden Lohnes halber aufgehalten, und warfen ihre Pferdeköpfe weit von sich. Der Tolle aber war lustig wie immer, behielt den seinen und sagte: »Ist's nichts weiter, so gibts doch daheim einen Spaß mit meiner Alten!« Und so zogen sie denn nach Hause, wo der Tolle seiner Frau den Pferdekopf heimlich unter's Kopfkißen legte und, als sie andern Morgens aufwachte, zu ihr sagte: »Guck e'mal hin, was ich dir schönes mitgebracht, das hat mir der alte Rothbart verehrt!« Da hob sie das Kopfkißen auf und nun dachte er, sie würde recht erschrecken, aber sie zog einen großen Goldklumpen hervor, so schwer, daß sie ihn kaum heben konnte.

Einige erzählen auch, die Musikanten seien am Morgen heimgezogen und als sie gespielt, hätte die Mamsell ihnen einen Morgentrunk und jedem eine Pferdekeule hinausgebracht, die habe nur einer behalten, und als er heimgekommen, sei sie Gold gewesen.

Endlich sagen noch andere, im Kyffhäuser sitze der Kaiser Otto, den habe ein Musikant einmal dort vor dem Berge getroffen; da habe ihm der Kaiser geheißen, einen Marsch zu spielen, und als er das gethan, habe derselbe ihm drei Knochen als Belohnung gegeben, die er jedoch nicht eher ansehen dürfen, als er zu Haus gewesen, und da seien sie zu Gold geworden.

VI.

Ein Bauer wollte einmal mit Getraide nach Nordhausen fahren, da trat, als er beim Kyffhäuser vorbeifuhr, ein greises Männchen an ihn heran, das fragte ihn, wo er denn hinwolle; als er nun sagte, daß er zu Markte fahren wolle, da fragte es ihn, ob er nicht mit ihm kommen wolle, er solle auch guten Lohn haben. Das ließ sich der Bauer gefallen, das Männchen ging voran und der Bauer folgte ihm mit seinem Wagen. Darauf kamen sie an ein großes Thor, durch das fuhr er und darauf ging's immer weiter und weiter in den Berg hinein, bis sie endlich an ein großes Schloß kamen, wo das greise Männchen dem Bauer den Wagen und die Pferde abnehmen ließ und ihn in einen großen Saal führte, der herrlich erleuchtet und voll von Leuten war, so daß es dem Bauer da ganz wohl gefiel. Endlich aber sagte das greise Männchen, es wäre nun Zeit, daß er heim ginge, beschenkte ihn reichlich und führte ihn wieder hinaus, wo er auch seinen Wagen und seine Pferde wieder erhielt. Aber als er nun zu Hause ankam, da machte seine Frau große Augen, weil sie ihn längst für todt gehalten, denn er war grade ein Jahr lang fortgewesen.

VII:

Einem Schweinehirten fehlte alle Tage Mittags um zwölf Uhr eine Sau, und Nachts um dieselbe Zeit war sie auch nicht im Stall. Da geht er ihr einmal nach und findet sie an einer Oeffnung des Berges; in diese geht er hinein und kommt in einen Saal, wo der Kaiser am Tische sitzt und alles von Gold und Edelsteinen glänzt. Sogleich tritt auch des Kaisers Ausgeberin hervor, die winkt ihm, daß er sich von den Schätzen nehmen solle, und da tritt er an den Tisch heran und steckt sich alle Taschen voll. Als er aber wieder hinausgehen will, ruft sie ihm nach: »Vergiß das Beste nicht!« und damit meinte sie eine Blume, die auf dem Tische lag; aber er achtete nicht darauf und ging hinaus und wie er eben hinaustrat, schlug der Berg hinter ihm zu und klemmte ihm die Ferse ab, so daß er jämmerlich hat dran sterben müßen.

VIII.

Ein Mann aus Sangerhausen erzählte, wie er in einer alten Beschreibung manches vom Kyffhäuser gelesen. Da sitze nämlich beim Kaiser Friedrich auch der Schmied Boldermann, der sei des Kaisers Hufschmied gewesen und habe im Himmel keine Gnade gefunden, da er viel unnütze Streiche gemacht. Aber auch der Teufel hat ihn nicht haben mögen, und so sitze er denn jetzt im Kyffhäuser. Ehe er aber dahin gekommen, habe der Teufel einmal Boten geschickt, um ihn zu holen, und als sie nun gekommen, hat Schmied Boldermann einen Sack vor das Schlüßelloch gehalten und hat sie darin gefangen. Darauf hat er den Sack zugebunden, ihn auf den Amboß geworfen und sie alle zusammengeschmiedet. Danach habe er sie in ein Faß mit großen eisernen Bändern gethan, das innen mit großen Nägeln ausgeschlagen gewesen und habe dasselbe von einem hohen Berge hinabgerollt.

IX.

Ein Knabe aus Frankenhausen erzählte, wie er ebenfalls in einer Beschreibung gelesen, daß beim Kaiser Friedrich im Berge seine Ausgeberin Frau Holle sitze, die müße seine Pferde füttern. Einmal sei auch sein bestes Pferd mit ihr durchgegangen und habe sie in der Gegend von Halle abgeworfen.

Derselbe erzählte auch, wie er in dem Buche gelesen, daß Frau Holle mit der wilden Jagd ziehe, und einmal einen Eber angeschoßen habe, der wüthend auf sie losgegangen; da hätte sie sich schnell in eine Eiche verwandelt, in welcher der Eber mit den Hauern sitzen geblieben sei, da habe sie ihn todtgeschoßen.

X.

Ein Tischlergesell aus Nordhausen, Namens Thiele, ist einmal in die Fremde gegangen und wie er an den Kyffhäuser kommt, ist er grade offen. Das geschieht aber nur alle sieben Jahre, und da denkt er denn: willst einmal hineingehen. Als er nun in den Berg kommt, sieht er dort den Markgraf Hans sitzen, dem der Bart über den Tisch hinüber und die Nägel durch denselben hindurch gewachsen sind. Rings herum an den Wänden liegen große Weinfäßer, an denen sind die Bände und das Holz bereits abgefault, der Wein hat sich aber seine eigene Schale gebildet und ist blutroth. Vor dem Markgrafen Hans stand ein Weinglas, in dem hatte er noch einen kleinen Rest gelaßen; da nahm der Gesell das Glas und trank es aus, wurde aber sogleich so schläfrig, daß er einnickte, und als er erwachte, hatte er sieben Jahre im Berge geschlafen.

XI.

Die Quelle, welche sich unter dem Kyffhäuser im Thal befindet, soll von einer Sau ausgewühlt worden sein.

Zwischen der Rotenburg und dem Kyffhäuser befindet sich eine große Felswand, die heißt die Teufelsmauer und soll vom Teufel gebaut worden sein.