Der Leineweber (Schneider)

I.

Das Erscheinen der Jungfrau vor den Augen eines Leinewebers wurde mir auch in folgender Weise berichtet: Der Weber sah in der Pfingstzeit vor sich plötzlich einen Lichtstrahl, ja, eine ganze Lichtstraße, die von der alten osteröder Burg ausging. Vor derselben lagen auch zwei feuerspeiende Tiere, wie der Erzähler sagte, Löwen. Die Jungfrau aber bestellte den Weber auf den andern Abend um elf Uhr, da erschien sie ihm abermals mit dem Lichtstrahle, gerade auf den Hieb (Glockenschlag) um elf Uhr. Sie führete ihn nun an den wilden Tieren vorbei durch eine eiserne Thür und in einen Gang, der auch sehr hell war. Sie traten von dem Gange aus durch eine alte Stubenthür in ein Zimmer ein, wo auf einem Tische ein Buch lag und daneben eine wunderschöne Kerze stand, die Kerze aber ist eine Blume gewesen. Der Weber brach die Kerze ab, da tönete es mächtig. Sie aber hatte so großen Wert, daß der König sie dem Weber nicht abkaufen, sondern sie nur zum Geschenk nehmen wollte und ihm ein Rittergut als Gegengeschenk gab.

II.

Nach anderen Erzählungen hat die Jungfrau einen Schneider, der vom Harze herunterkam, in die alte Burg geführet und hat nackt am lerbacher Wasser gestanden und sich da gewaschen. Links am Eingange an der Kette hat ein Hund gelegen. Im Schlosse hat ein Kessel voll Gold, ein Rosenbusch und ein Lilienbusch gestanden. Die Lilie hat der Schneider erhalten, sie ist aber schieres Gold gewesen und so ist er sehr reich geworden.

III.

In der alten Burg bei Osterode haben ungefähr bis 1830 die Kinder immer gespielt, weil sie damals noch nicht so verfallen gewesen ist, auch ist die Küche noch in ganz gutem Zustande gewesen. Einstmals, als auch die Kinder da spielen und sich, wie Kinder thun, in dieser Küche etwas kochen, sprang eine eiserne Thür auf. Das eine von den Kindern lief sogleich in den Gang und es standen drei Kasten an Ketten gebunden, auch war da ein Pudelhund mit feurigen Augen, der an eine Kette gebunden war, im hellen Saale. An der Wand spiegelte sich eine weiße Jungfer, die verwünschet war und kurz nach dieser Zeit von einem armen Leineweber erlöset ist. Die Kinder kam aber doch das Grauen an und sie verließen eiligst die Burg und erzähleten den Eltern, was sie gesehen hatten. Die Eltern gingen darauf nach der alten Burg, um zu sehen, ob es wahr wäre; als sie aber hinkamen, war alles wieder verschwunden.