Der Werwolf in Roitzhausen

Hinter dem Rotenberge, und zwar am Süttenbach, der jahrhundertelang die Grenze zwischen Kurmainz und dem Fürstentum Braunschweig-Grubenhagen war, lag einmal ein Dorf, das Roitzhausen hieß. Als das Dorf in einem Kriege zerstört war, wurde es von seinen Einwohnern verlassen, und die Leute zogen in die Dörfer ringsumher, die meisten nach Hattorf. So kommt es, daß die Gemarkung der Wüstung bis auf den heutigen Tag noch zu Hattorf gehört. Die Roitzhäuser Wiesen liegen an der Rhume, und wenn die Hattorfer hier trockengeheut hatten und das Heu holen wollten, dann fuhren sie mit dem leeren Wagen auf dem "Howeg" (Heuweg) über den Rotenberg, und zwar dort, wo er am niedrigsten ist. Mit dem vollen Fuder aber mußten sie auf der Landstraße den weiten Weg über den Strohkrug und Wulften machen.

Es ist nun schon lange Zeit her, da gingen zur Heuzeit vier Männer aus Hattorf nach Roitzhausen, um dort eine große Wiese zu mähen. Es wurde gerade ein bißchen hell, als sie mit der Arbeit begannen. Die war nicht leicht, weil in den Wiesen so viele Büsche standen. Einer von den Männern war ein Werwolf, und als er auf der anderen Seite der Rhume im "Wallwinkel" die Fohlenherde des Barons von Minnigerode sah, da gelüstete es ihm nach dem fetten Fohlenfleisch. Er ging hinter einen Ellernbusch, schnallte sich den Zaubergürtel um und schwamm als ein Wolf durch die Rhume, ohne daß es einer bemerkte. Dann überfiel er das schönste Füllen und fraß das beste Fleisch des Tieres. Der Hirt konnte sich vor Angst nicht rühren, denn solch einen großen Wolf hatte er noch nie gesehen. Erst als die Bestie zwischen den Bäumen verschwunden war, wagte es der Hirt, um Hilfe zu schreien. Das hörten die Hattorfer und gingen auf einer "Spicke" über den Fluß und sahen, was der Wolf angerichtet hatte. Da erst merkten sie, daß sie nur zu dritt waren, und einer fragte: "Wo ist denn use Fründ"? Sie suchten und fanden ihn endlich unter einem Busch, wo er schlief. Da haben sie ihn geweckt und merkten, daß er sich ganz vollgefressen hatte. Als sie dann noch sahen, daß er sich die Fleischfasern aus den Zähnen zog, wußten sie, daß ihr Freund ein Werwolf war. Da wollten sie ihn von dem Zauber befreien und haben später heimlich seinen Ranzen durchsucht. Dabei fanden sie denn auch den Gürtel, der war aus einer Wolfshaut geschnitten, und eine silberne Schnalle hat darangesessen.

Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, machten sie sich auf den Heimweg. In Hattorf kamen sie an einem Backofen vorbei, in welchem das Feuer in voller Glut stand. Da warf einer den Zaubergürtel in die Flammen, wo er verbrannte. In dem Ofen ist nie wieder Brot gar geworden, und die Leute mußten ihn abreißen und einen neuen bauen.