Sagen von Scharzfeld

I.

Im Gemeinholze bei Scharzfeld, auf der sogenannten »Sneie«, ist die Zwerghöhle, da haben früher die »Querge« gewohnet. Sie stahlen Kinder, die von den Arbeitsleuten auf dem nahen Felde in die Kiepe gesetzet waren, und setzeten für die gestohlenen Kinder kleine Zwerge hinein. Wenn dann die Mütter nachher zu ihren Kiepen gingen, um zu sehen, was ihre Kinder machten, so erblickten sie statt ihrer Zwergkinder. Wenn dann die Mütter laut schrieen, so brachten die Zwerge die Kinder wieder und nahmen ihre Zwergkinder wieder mit fort. Aber nicht immer nahmen sie die Kinder bloß so zum Scherz. Einmal kam ein alter Zwerg zu der Edelfrau auf dem Gute Scharzfeld, und sagte: Wenn sie das Rätsel nicht erraten könnte, das er ihr aufgeben wolle, so nähme er ihr Kind weg. Das Rätsel aber lautete also:

Heute brau' ich,

Morgen back' ich,

übermorgen bin ich Edelkind.

Edelfrauen, ich weiß,

Daß ich Fidlefitchen heiß'.

Das hat die Edelfrau nicht raten können, da hat ihr der alte Zwerg ihr Kind weggenommen und einen kleinen Zwerg dafür untergeschoben. Da haben sie lange auf dem Gute einen kleinen Zwerg als Edelkind gehabt und das hat der alte Zwerg mit seinem Rätsel gemeinet. Die Zwerge von Scharzfeld gingen auch des nachts auf die umliegenden Dörfer und holeten Braten und alles fort, was sie dort in den Häusern vorfanden. Am liebsten aber gingen sie auf das Erbsenfeld des Gutsherren und naschten zur Nachtzeit die Erbsen weg. Dabei hatten sie ihre Nebelkappen auf und dadurch wurden sie unsichtbar. Später aber nahmen die Leute einen langen Leigesiemen, das ist eine Leine, womit die Pferde beim Pflügen gelenkt werden, zogen die über alle Grenzen der Felder hin und davon fielen ihre Nebelkappen vom Kopfe und sie wurden sichtbar. Darauf wurden sie tüchtig durchgeprügelt, und dadurch sind sie scheu geworden und haben sich weggezogen bis auf einen, der da jetzt (um 1850) noch gehet.

II.

In der Zwerghöhle bei Scharzfeld sind in späterer Zeit viele Menschen gewesen, aber keiner ist ans Ende gekommen. Hinten in dieser Höhle fließet ein Wasser, darüber lieget eine Brücke. Wer über diese Brücke kömmet, der hat gewonnen und erhält viel Gold, Diamanten und dergleichen Schätze mehr, denn in diesem Wasser findet man das reinste Gold. Einst hat es auch ein Jäger versuchet an diese Stelle zu gehen, aber der ist nicht wieder herauskommen. Nachher hat man ihn mit seinem Hunde versteinert in der Mitte der Höhle gefunden. Nur einer ist einmal über den Fluß gekommen, das ist ein Waldarbeiter aus Scharzfeld gewesen, der hat Gehr geheißen. Ihm hat der Böse einen Sack voll Steine gegeben; wie er nun aus der Höhle war, ward ihm der Sack zu schwer, und als er nun sah, daß es Steine waren, die er in dem Sacke hatte, warf er sie wieder vorn in die Höhle. Nur seine Taschen steckte er voll; wie er aber mit den paar Steinen zu Haus ankam, war es lauter Gold. Schnell lief er wieder hin zur Höhle, aber die andern Steine hatte der Böse schon selbst wieder zu sich genommen.

III.

Vor diesen Zwerghöhlen haben früher äpfelbäume gestanden. Da ist denn einmal einer gekommen, der ist in den Baum gestiegen und hat sich äpfel stehlen wollen; wie er nun im besten Zuge war, da kam auf einmal einer und vergrub Geld, zu gleicher Zeit erschien der Böse und sagte: dieses Geld könne nur einer wieder bekommen, der ihm zwei Zwillinge brächte, die ein Haar hätten. Das hörte der im äpfelbaume. Den andern Tag aber gebar seine Ziege zwei Lämmer, die hatten beide eine Farbe und waren kolkrabenschwarz. Da dachte er an den Ausspruch des Bösen von gestern Abend, und führete sogleich die Ziegenlämmer unter den äpfelbaum. Da erschien der Teufel, nahm die beiden Lämmer in Empfang und er bekam das Geld.

Die Steinkirche bei Scharzfeld

Die Steinkirche bei Scharzfeld ist von einem Schweinehirten mit einem hölzernen Beile im Felsen eingehauen; und doch kann jetzt die beste Stahlfeile nichts davon abhauen. Auch ist hier eine Glocke, die tief verscharret in der Erde gelegen hat, von einer Sau mit zehn Fickeln (Ferkeln) aus dem Boden gewühlet und dann von einem Hirtenmädchen mit einem Haarbande aus der Steinkirche herausgezogen. Dieselbe läutet jetzt noch in Scharzfeld und dabei spricht sie immer:

Su fand,

Jungfernband.