Über die wichtigsten Erscheinungen, welche die sogenannten Kalkschlotten bei Eisleben darbieten. Journal für Chemie und Physik 46, S. 264-267; Halle (1826)

II. Mineralogische Vorträge.
1)   Am 3. Juli 1823, als dem Tage der Stiftungs-
 feier, hielt Herr Berghauptmann von Veltheim
 einen Vortrag über die wichtigsten Erscheinungen, welche
 die sogenannten Kalkschlotten bei Eisleben darbie-
 ten, woraus wir folgenden Auszug geben:
  Die zahlreichen Höhlen durch welche der ältere
das Flötzgebirge des Harzes auf einen großen Theil
seines Umfangs begleitende Gyps sich so sehr aus-
zeichnet, und unter ihnen insbesondere die Kalkschlot-
ten bei Eisleben, sind der mineralogischen Welt be-
reits durch die ausführlichen Beschreibungen bekannt,
die Freiesleben davon geliefert hat. Daß sie von dem
größern Publico weniger als andere Höhlen beach-
tet werden, die ihnen in der Bedeutung doch weit
nachstehen, liegt wohl allein daran, daß ihr Zu-
gang nur durch weitläuftige Grubenbaue thunlich
ist. Unter mehreren durch den Mannsfeldischen
Bergbau aufgeschlossenen Höhlenzügen, ist bei wei-
tem der ansehnlichste der bei Wimmelburg im soge-
nannten Schaafbreiter Revier. Dieser hat, der
Richtung nach, in welcher die einzelnen Höhlen sich
an einander reihen, eine Länge von 3100 Fuß Rheinl.
und dehnt sich an beiden, in gerader Linie gegen
2000 Fuß von einander entfernten, Endpuncten ge-
wiß bedeutend weiter aus, was aber mehrerer Hin-
dernisse halber noch nicht näher untersucht werden
konnte. Unter den einzelnen Höhlen hat die grö-
ßeste eine Höhe von 80 Fuß und eine mittlere Höhle
eine Weite von ungefähr 125F.; andere, höchstwahr-
scheinlich noch größere Höhlen enscheinen nur deß-
halb nicht so, weil sie theilweise durch Schlamm
und Blöcke ausgefüllt sind. Es ist demnach gewiß,
daß der größte Theil der bekanntesten Höhlen
Deutschlands in Hinsicht auf ihre Größenverhältnisse
hinter diesen ansehnlich zurückblieben.
  Was die Bildungsart unserer Höhlen anlangt,
so war die Ansicht des Verfassers die, daß er ihre
Entstehung von Wasserströmen herleitet, die bei ei-
nem tiefen Abzugspuncte mannichfachen Schwankun-
gen in dem Verhältniß der Zufluß- und Abflußmen-
gen unterworfen gewesen seyn mögen; wobei zugleich
gezeigt wurde, daß ein Flötz von erdigem Mergel,
(Aschenflötz) was in der Regel zwischen dem Zech-
stein und dem Gypse liegt, die nächste Veranlassung
zu Auswaschungen gegeben hat, und daß die einzel-
nen großen domförmigen Weitungen, welche sich in
den Höhlenzügen finden, hiernächst von den Klüften
abhängig seyn dürften, welche den Gyps häufig und
zwar senkrecht durchsetzen.
  Insofern weicht also seine Ansicht in etwas von
der ab, welche Freiesleben aufgestellt hat, indem die-
ser geneigt ist, die Entstehung unserer Höhlen auf
Steinsalzmassen zu beziehen, welche im Gyps vor-
handen gewesen seyn möchten.
  Dieser Hypothese widerspricht übrigens auch
noch das höchst seltene Vorkommen von Salzquellen
in dem ganzen Gebiete der vom Harze abhängigen
altern Flötzgypsformation.
  Eine große Aufmerksamkeit verdient hiernächst
die Frage: wo die tiefen Abzugspuncte für die vor-
vorhin erwähnten Wasserströme zu suchen seyn möch-
ten? Es sind darüber mehrere Hypothesen gebildet,
und man hat sie theils in den bekannten Mansfeld'schen
Seen, theils in den Seelöchern bei Zabenstädt ge-
sucht,   beide Puncte lagen aber höher, als die tiefsten
Puncte der bei Wimmelburg durch den Bergbau auf-
geschlossenen Schlotten. Der tiefste Punct, bis zu
welchen man bis jetzt dort niedergekommen ist, liegt
nur 9 Fuß über dem (mittlern) Saalspiegel bei Frie-
deburg und nur 18 Fuß über dem Saalspiegel bei
Gnelbzig ohnfern Alsleben.
  Es kann also nur an Abzugspuncte gedacht wer-
den, die sehr entfernt lagen. Aber auch hier sahe
man sich nach einer befriedigenden Erklärung verge-
bens um, da alle Anzeigen vorhanden sind, daß die
Wimmelburger Schlotten, deren tiefster Punct nur un-
gefähr 235 Fuß über dem Meeresspiegel liegt, höchst
wahrscheinlich sich noch unter diesen herabsenken
möchten. Man hat demnach hierbei mit einem
Probleme zu thun, was einer besondern Beachtung
um so mehr werth ist, je bedeutender die Rolle ist,
welche die Ansichten von dem Stande der alten Ge-
wässer, in den Bildungs-Hypothesen des ersten Erd-
körpers spielen. Alle Schlotten in den Mannsfeld-
schen Revieren wurden übrigens in gegenwärtiger
Zeit bis nahe an die Tagesoberfläche heran, mit Was-
sern angefüllt gefunden, sofern man ihnen nicht durch
bergmännische Vorrichtungen einen tiefen Abzug ver-
schafft habe, und selbst die Schlotten von Helbra, we-
gen des dort früher Statt gefundenen periodischen Stei-
gen und Fallen ihrer Wasser durch Freiesleben bekannt,
verdankten ohnstreitig den größten Theil des dort
Statt gefundenen Abzuges, den Stollen, die in ihrer
Nähe das Gebirge durchörtert haben.
  Von fossilen Knochen ist bisher in den Manns-
feldschen Schlotten noch keine Spur gefunden und es
scheint überhaupt, daß diese, wo sie an der Südsei-
te des Harzes auch im altern Gypse vorgekommen
sind, nur da sich finden, wo die Höhlen nahe unter
Tage liegen und mit der Oberfläche in unmittelbarer
Verbindung stehen. Bemerkenswerth ist ein se-
cundäres Vorkommen von ausgezeichnet schönen
Fraueneiskrystallen, was sich neuerlich, theils an
den Wänden der Schlotten, theils in dem Schlamme,
der den Boden bedeckt, bei Wimmelburg gefunden hat.

Franz Wilhelm Werner v. Veltheim