BLEICHRODT, W. G. (1839): Die Cattenburg.- In: Thüringen und der Harz, mit ihren Merkwürdigkeiten, Volkssagen und Legenden, 1. Band, S. 129-130, Sondershausen


Die Cattenburg.


  Versetzen wir uns in eine graue Vorzeit, wo Thüringen ein Feld voller Sümpfe war und kein Sonnenstrahl den dicht verwachsenen Hain erhellte und durchwärmte, so finden wir in einem versteckten Winkel und in undurchdringlicher Waldung eine Burg der alten Catten, die sich mit den Hermunduren um den Salzquell von Frankenhausen stritten. Da, wo das gypsige, reichliches Salz mit sich führende Gebirge etwa eine halbe Stunde abendwärts von Frankenhausen, eine Einbiegung macht, gleichsam eine Bucht bildet, da liegt, fast getrennt vom Gebirg und nur morgenwärts durch eine Erdzunge mit ihm zusammenhängend, der Hügel, welcher eine Burg der alten Catten trug. Nichts ist aber davon noch übrig, als bloß dieser Hügel, dessen Gipfel geebnet und zu einem Garten vorgerichtet worden.
  Man hat nur eine beschränkte Außsicht von der Höhe der Cattenburg; etwa nur eine halbe Stunde weit nach Süden, wo die dort vorbeiziehende Hainleede den Gesichtskreis schließt und die Oeffnung der Bucht, worin die Kattenburg liegt, gleichsam sperrt. Aber doch war diese Burg an einer frequenten Straße gelegen – vom Thüringer Walde nach dem Harze; welcher späterhin als Poststraße von Weißensee nach Stolberg gebraucht wurde, jetzt aber nicht mehr gangbar ist. Und wer wollte wohl daran zweifeln, daß die Catten, auf ihren Nomadenzügen, sich solcher Straßen nicht auch bedient haben sollten? – Fand auch kein Verkehr, kein Handel und Wandel statt, so mußte doch leichte Verbindung unter den verschiedenen Gauen, in welche das Land getheilt war, statt finden. – Die Catten übten so gut den Ackerbau wie den Krieg; freilich mag das Feld wohl nicht so begattet worden sein, wie wir jetzt unsere Fluren erblicken; aber der Krieg war ihr Element. Sie werden uns als ein kluges und tapferes Volk geschildert, das den römischen Waffen immer furchtbar war. Ihre Kleidung war ein Thierfell – Milch, Käse und Wildpret waren ihre Nahrung. Niemand hatte Eigenthum – sie lebten, Einer für Alle, und Alle für Einen. Das Land war in Gaue abgetheilt, von welchen ein jeder 1000 Mann jährlich ins Feld stellen mußte, während die Anderen den Acker zu bearbeiten hatten; der Jagd und Fischerei oblagen. Ein jeder Gau hatte seinen Heerführer, Herzog, der auch das Eigenthum unter die verschiedenen Familien vertheilte.
  Die alten Deutschen überhaupt waren entweder Küstenbewohner oder Bewohner des Binnenlandes (Hermionen). Die Catten gehörten zu den Hermionen, und bewohnten das Land zwischen dem Main und der Lahn, dehnten sich aber bis an die Saale und Unstruth aus. Hessen ist das eigentliche Land der Catten, welches durch die Hassi bevölkert worden ist, die aber mit den Catten (Catti) ein und dasselbe Volk ausmachen sollen. Von den Hermunduren wurden sie dorthin verdrängt, die sich darauf in Thüringen behaupteten.
  Übrigens ermangeln über die Cattenburg alle geschichtlichen Nachrichten; denn vielleicht schon vor der christlichen Zeitrechnung, in den Kämpfen der Deutschen mit den Römern – in den darauffolgenden Kämpfen der germanischen Völker unter sich selbst, erstand die Burg um eben so schnell wieder zu verschwinden. Drufus, welcher in Germanien bis an die Elbe vordrang, verband sich mit den Catten gegen die Cherusker, und legte mehrere Festungen in ihrem Lande an. Es war ungefähr im Jahre 9 vor Christus. Durch diese Verbindung wurden die Catten groß und mächtig; zumal die vorher mit den Cheruskern im Bunde gestandenen Völker sich mit ihnen vereinigten. Sie führten daher mit den Cheruskern und Hermunduren viele und blutige Kriege, mußten aber zuletzt doch unterliegen.
  Ob Drufus nicht auch die Cattenburg gegründet? Nero Claudius Drufus, Sohn des Tiberius Nero und der Livia, römischer Prätor und Heerführer, zuletzt Consul, unternahm drei Züge um die Germanen zu bekämpfen und unter das römische Joch zu beugen, legte mehrere Festen im Land der Germanen an; unter andern an der Weser und im Lande der Catten. Warum konnte man ihm nicht auch die Erbauung der Cattenburg zuschreiben?

W. G. Bleichrodt.