Unser Harz 61, Nr. 1/2013, S. 5 - 6, Clausthal-Zellerfeld

Fritz Reinboth, Braunschweig

Visionen contra geschichtliche Tatsachen

Anmerkungen zu den geplanten Baumaßnahmen in Walkenried

Am Kloster Walkenried finden zur Zeit archäologische Untersuchungen statt. Vor der heutigen Fassade der Klausur soll nämlich ab 2013 ein riesiger Neubau mit Duschen für Musiker, einem Depot für die Konzertbestuhlung, einer Gaststätte, einem Klostershop und ähnlich wichtigen Räumlichkeiten errichtet werden. Der im Zusammenhang mit diesem Bauvorhaben freigelegte, für die Baugeschichte des Klosters äußerst aufschlussreiche Grabungsbefund wird für die Fundamentierung des projektierten Neubaus teilweise abgetragen und damit für kommende Forschergenerationen unwiederbringlich geopfert.

Initiator dieses unbegreiflichen Verstoßes gegen jede denkmalpflegerische Gepflogenheit und gegen das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz ist ausgerechnet der zuständige Denkmalpfleger in seiner Funktion als „wissenschaftlicher Direktor“ des Walkenrieder Klostermuseums. Meinen schüchternen Hinweis auf das Denkmalgesetz tat er damit ab, dass ja nur ein 1739 abgerissener Bau wieder ersteht – natürlich in zeitgemäßer Gestalt, aber in der alten „Kubatur“. Für Musikerduschen, Klostershop, Bedürfnisanstalt und Café... alles „authentische Räume“, wie sie hier sonst als einzigartig betont werden.

Hintergrund dieser Groteske ist die Erhebung des Klosters zu einem Teil des Welterbes „Oberharzer Wasserwirtschaft“. Die Walkenrieder Mönche seien ja die Urheber dieses technischen Denkmals als Betreiber des mittelalterlichen Bergbaus im Oberharz. Für diese ex cathedra verkündete Erkenntnis fehlt es allerdings an jedem urkundlichen Beleg. Zwar hatte das Kloster wenigstens zeitweise Grubenbesitz im bedeutungslosen Rupenbergrevier bei St. Andreasberg; am Rammelsberg besaß es Anteile. Alles andere sind vage Vermutungen. Mit der Oberharzer Wasserwirtschaft hat das jedenfalls alles nichts zu tun. Die Initiatoren des Oberharzer Bergbaus waren nach heutigem Kenntnisstand Montane aus Goslar, auch nicht das Benediktinerkloster Cella. Der Pfauenteich als einziger mittelalterlicher Teich im Oberharz war dessen Fischteich. Er ist also kein frühes Dokument der Oberharzer Wasserwirtschaft, für die es im Mittelalter noch gar keinen Bedarf gab. Kunst- und Kehrräder mussten für immer tiefer werdende Gruben ebenso erst erfunden werden wie die damit angetriebenen Künste und Fördereinrichtungen. Da gab es aber in Walkenried längst keine Mönche mehr.

Belege für bergmännische Tätigkeit von Walkenrieder Laienbrüdern (Priestermönche durften die Klausur ohnehin nur in Ausnahmefällen verlassen) gibt es nirgends, auch nicht am Rammelsberg. Nachweisbar sind allein Hüttenmeister wie die magistri casarum Almante (um 1220) sowie Theodoricus und Henricus (1235), die als solche unter den Zeugen von Urkunden erscheinen. Dass Almante der Schöpfer des Brunnenbeckens in Walkenried oder sogar des Marktbrunnens in Goslar sein soll, ist reine Hypothese, aber er wird im Klostermuseum sogar im Bilde dargestellt.

Westfassade des Klosters Walkenried (Stich um 1850), Archiv des Vereins für Heimatgeschichte WalkenriedKloster Walkenried im Schnee (Ölgemälde von C. Ballenstedt 1925), Archiv des Vereins für Heimatgeschichte WalkenriedKirchgänger am Abend (Aquarell Helbing 1950 aus seinem Rosenblath-Zyklus), Vereinshaus Walkenried

Wegen des schwer zu entkräftenden Widerspruchs zwischen Klosterzeit und der technischen Entwicklung wurde nun die Wasserversorgung der Walkenrieder Kupferhütten am Westharz als Urbild der Oberharzer Wasserwirtschaft hingestellt.

Dazu ist anzumerken, dass Wasserräder und die erforderliche Wasserversorgung im Mittelalter längst Stand der Technik waren und jedenfalls nicht der Entwicklung durch die Walkenrieder Mönche bedurften. Gerade damit wird aber die Bedeutung des Klosters Walkenried für die spätere Entwicklung der wasserwirtschaftlichen Anlagen im Oberharz begründet. Man ist dabei so weit gegangen, das Modell eines Kunstrades mit Feldgestänge aus dem 19. Jahrhundert im Klostermuseum auszustellen. Noch abwegiger wird diese Geschichtsklitterung angesichts der urkundlich belegten Tatsache, dass die Hütten bei Engelade keineswegs vom Kloster selbst angelegt, sondern von Vorbesitzern erworben, also betriebsfähig vorgefunden wurden. Diese Tatsachen relativieren die Visionen eines Denkmalpflegers, der seine eigentliche Aufgabe – den Schutz eines Baudenkmals – dem Ausbau eines darin etablierten Museums unterordnet.

Unerträglich aber wird der posthume Personenkult, wenn Kritiker seiner visionären Thesen als „Neider“ aus der Denkmalpflege oder gar als „selbsternannte Experten auf der Suche nach Profilierungsmöglichkeiten“ hingestellt werden. Möglicherweise gab es auch das, aber für seriöse Lokalhistoriker ist das hier unterstellte Profilierungsbedürfnis schlicht eine Beleidigung. Natürlich kriegen auch die Goslarer Ratsherren ihr Fett.

An anderer Stelle ist das Profilierungsbedürfnis mit mehr Erfolg praktiziert worden. Alle zuständigen Behörden, Stiftungen, die Landeskirche und die Politiker unterstützen das mit einer unerhörten Verdrehung der historischen Tatsachen verbundene Bauprojekt in Walkenried. Eingaben, diese Entstellung eines Baudenkmals von europäischem Rang noch zu verhindern, wurden nichtssagend oder mehrheitlich gar nicht beantwortet.

Die Zukunft wird über alle Geschichtsfälschungen ihr Urteil sprechen, aber die Zerstörung des Erscheinungsbildes eines historischen Bauwerks mit fragwürdig begründetem Welterbestatus ist dann nicht mehr rückgängig zu machen.

Westfassade des Klosters Walkenried seit 1740 (oben) und nach dem Umbau gemäß einer Präsentation im Internet sowie einem öffentlichen Vortrag von Prof. Roseneck am 19. April 2012 (unten). Der Glockenturm sollte nach dem ursprünglichen Plan an seinem jetzigen Platz bleiben und wäre dann nur noch vom Lichthof aus in Erscheinung getreten. Deshalb wurde neuerdings seine Umsetzung über den neuen Eingang für Kirchgänger (links) ins Auge gefasst. Diesem Eingang wird ein vermauertes gotisches Pförtchen vom Kreuzgang in das ehemalige Cellarium geopfert. Teile der Fassade werden als überdimensionale Vitrinen verglast; der rechts vorspringende zweite Bauabschnitt nimmt eine Gaststätte auf. (Schematische Skizzen F. Reinboth)