Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher
47(4)
106-107
München 2001

Über das „vermeynte bey Quedlinburg gefundene Einhorn“ — Ein Beitrag zur Geschichte der Paläontologie und zur Leibnizforschung

von Fritz Reinboth

Leibniz, Guericke und das Einhorn
1749 [im Originaldruck des Aufsatzes steht an dieser Stelle irrtümlich 1759] erschien in Göttingen posthum die „Protogaea oder Abhandlung von der ersten Gestalt der Erde und den Spuren der Historie in Denkmalen der Natur“ von Gottfried Wilhelm Leibniz. Die darin belegten Besuche der Baumanns- und der Einhornhöhle haben ihm den Ruf eines Pioniers der Höhlenforschung eingebracht. Die Einhornhöhle bei Scharzfeld besuchte er 1685 (Lommatzsch 1968:22); an einer Engstelle hinter dem heutigen Schillersaal brach er die Befahrung ab (Leibniz 1749:102). Dass die Höhle seinerzeit schon regelmäßig bis zum Weißen Saal begangen wurde, zeigt die Beschreibung von August Scheffer, der 1663 mit seinem Führer bis dorthin vorgedrungen sein muss (Gresky 1968). Das Epitheton eines „Pioniers der Höhlenforschung“ (z.B. 1999 in der Kulthöhlenausstellung Wolfenbüttel / Herzberg /Bevern zusammen mit Goethe und Virchow, denen diese Ehre aber ebensowenig zukommt) ist somit für Leibniz ziemlich unbegründet. Es gibt mit Behrens, Brückmann, Ritter, Lesser u.a. zahlreiche Personlichkeiten, die diese Bezeichnung weit mehr verdient haben. In der Protogaea setzt sich Leibniz u.a. mit dem fossilen Einhorn auseinander, insbesondere aber mit in den Gipsbrüchen am Seweckenberg bei Quedlinburg, im älteren Schrifttum Zeunickenberg, Siebichenberg, volkstümlich die Kalkberge genannt (Goeze 1786:6), 1663 gefundenen Knochen, die diesem fiktiven Tier zugeordnet wurden. Es handelte sich bei dem Fundort nicht, wie zuweilen angegeben (Beer 1977:116), um eine Höhle, sondern um pleistozäne Lössfüllungen der Spalten und Schlotten des Gipsvorkommens. Ähnliche Funde sind aus Gipsbrüchen bei Walkenried und Neuhof am Südhalz bekanntgeworden. Leibniz zitiert dazu den Magdeburger Bürgermeister Otto von Guericke, der vor allem als Erfinder der Luftpumpe und wegen seiner Experimente zum Vakuum (Magdeburger Halbkugeln) bekannt geworden ist. In seinen „Neuen Magdeburger Versuchen“ 1672 hat Guericke diesen Fossilfund wie folgt beschrieben (Guericke 1968:155): „Es trug sich auch in eben diesem Jahre 1663 in Quedlinburg zu, dass man in einem beim Volke Zeunickenberg genannten Berge, wo Gipssteine gebrochen werden, und zwar in einem von dessen Felsen das Gerippe eines Einhorns fand, mit dem hinteren Körperteil, wie dies bei Tieren zu sein pflegt, zurückgestreckt, bei nach oben erhobenem Kopfe auf der Stirn nach vorn ein langgestrecktes Horn von der Dicke eines menschlichen Schienbeins tragend, im entsprechenden Verhältnis hierzu etwa 5 Ellen in der Länge. Das Skelett dieses Tieres wurde aus Unwissenheit beschädigt und stückweise herausgeholt, bis das Haupt mit einem Horn und einigen Rippen, der Wirbelsäule und den Beinen der dort lebenden hochwürdigsten Fürstäbtissin übergeben wurde.“

Für Guericke waren die in die Erde versunkenen Knochen der Beweis für ein Wachstum der Erde („praesumendum, tellurem ut alia corpora viventia incrementum adsumere“), wie ja auch das antike Rom heute tief in der Erde liege, während man früher zum Pantheon hinaufsteigen musste. Dass Guericke die Länge des Hornes (wahrscheinlich eines Mammutstoßzahns) kühn mit 5 Ellen angibt (fast 3 Meter!), lässt vermuten, dass er diese Fossilien nicht selbst gesehen hat, sondern nach einem Bericht schrieb.

Leibniz kompilierte in seiner „Protogaea“ die damals verbreiteten Ansichten über das Einhorn. Den von Guericke fast wörtlich übernommenen Ausführungen über den Quedlinburger Fund gibt er eine Rekonstruktion dieses Tieres als Kupferstich bei, die sich bei Guericke nicht findet (Abb.1). Es trifft also nicht zu, wenn z.B. Jacob-Friesen in seinem 1926 erschienenen Führer durch die Einhornhöhle von einer „Rekonstruktion Guerickes“ spricht (Jacob-Friesen 1926:20). Erst der Herausgeber der deutschen Ausgabe der „Experimenta nova“ fügt im Anhang Leibniz' Rekonstruktion ein (Guericke 1968:285).

Die Quelle seiner Zeichnung gibt Leibniz allerdings leider nicht an. Nach dem Zitat aus Guerickes Buch schreibt er: „Dasselbe ist mir ausführlich mitgeteilt und eine Abbildung beigefügt worden, die beizugeben nicht unpassend sein dürfte“ (eadem ad me perscripta sunt, additaque est figura, guam subiicere non alienum erit).

Offenbar erhielt also Leibniz unabhängig von Guerickes gedrucktem Bericht, der ihm vorlag, eine weitere Fundbeschreibung, welcher die Zeichnung beigefügt war. Mit dieser „figura“ sind also Leibniz und Guericke zu Unrecht in die Geschichte der frühen Paläontologie eingegangen. Beide galten bisher unumstritten als Schöpfer dieser ersten bekannten Rekonstruktion eines Tierskeletts aus Einzelfunden. Es handelt sich wirklich um eine Rekonstruktion, denn die frühen Erwähnungen eines „Sceleti“ sind irreführend: es wurde natürlich kein Einhornskelett gefunden, sondern immer nur einzelne Knochen. Wenn auch das hier kühn rekonstruierte Einhorn längst der Fabel zugewiesen wurde, so bleibt diese erste Rekonstruktion der Paläontologie tatsachlich eine Pionierleistung.


Abb.1: „Figura sceleti prope Quedlinburgum efossi“:
Einhorndarstellung aus der „Protogaea“ von G.W.Leibniz (gedruckt 1749)

 

Valentinis Unicornu fossile
Der bisherigen Forschung, soweit sie sich mit der Geschichte des Einhorns beschäftigt hat, ist eine weitere Darstellung dieses angeblichen Einhornskeletts - in Wahrheit nur einem Sammelsurium verschiedener Knochen und wahrscheinlich eines Mammutstoßzahns - bisher entgangen. 1786 hat sich der Quedlinburger Pfarrer J.A.E.Goeze ebenso kritisch wie gründlich mit der Frage des Einhorns beschäftigt. Ihm ging es allerdings mehr um die richtige Zuordnung der vermeintlichen Einhornknochen, die er als Überbleibsel eines Nashorns ansieht. Ganz nebenbei befasste er sich aber auch mit der bildhaften Überlieferung des angeblichen Skeletts.

Goeze verweist auf eine 1714 erschienene Schrift von Michael Bernhard Valentini, die auf S. 481 eine Kupfertafel zum Thema „Einhorn“ enthält (Abb. 2). Neben dem Unicornu officinale - einem Narwalzahn - ist ein Narwal als Unicornu marinum , ein pferderähnlicher Vierbeiner mit einem Horn auf der Stirn als Unicornu fictitium und ein Unicornu fossile dargestellt. Dieser Kupferstich vom Unicornu fossile ist nun fast identisch mit der Leibniz zugeschriebenen Rekonstruktion. Ohne Belang ist die durch die Reproduktionstechnik beim Kupferstich bedingte Spiegelbildlichkeit. Der einzige wirklich relevante Unterschied ist, dass Leibniz seiner Zeichnung den 6 vorhandenen Rückenwirbeln mit den vermeintlichen Rippen (in Wirklichkeit die übertrieben groß gezeichneten Dornfortsätze der Wirbel (Jacob-Friesen 1926:20) andeutungsweise 5 weitere hinzugefügt hat, die in der Darstellung Valentinis fehlen. Die Priorität Valentinis ist aber trotz des früheren Erscheinens seiner Schrift (1714) gegenüber der Protogaea (1749) keineswegs sicher. Da Leibniz schon 1716 starb und das Manuskript der Protogaea hinterließ, ist der darin befindliche Stich wahrscheinlich der ältere. Allein die vergleichsweise primitive Darstellung vor allem des Schädels bei Valentini lässt vermuten, dass eher seine Zeichnung ein Plagiat ist als umgekehrt. Das eigentliche Einhorn ist allerdings bei Valentini einem Mammutstoßzahn (um den es sich wohl hier handelte) weit ähnlicher als bei Leibniz, der es sehr idealisiert hat. Auch sonst ist Valentinis „Museum museorum“ eine Kompilation älterer Quellen. So ist seine Zeichnung des Narwals eine spiegelbildliche Kopie aus Gesners Tierkunde von 1565 (Beer 1977:182). Es wäre auch unwahrscheinlich, dass Leibniz zwei Jahre vor seinem Tode noch schnell den gerade erschienenen Entwurf Valentinis neu stechen ließ und dem Protogaea-Manuskript ohne Quellenangabe eingefügt hat.

Abb. 2: Einhorndarstellungen aus Valentinis „Museum museorum“, 1714. Links das im Seweckenberg bei Quedlinburg gefundene angebliche Skelett.
Vorlage und Repro: Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel

 

Zur Urfassung der Einhorn-Rekonstruktion
Wann und wo soll aber Valentini den Entwurf Leibniz' kopiert haben? Im Druck lag die Protogaea ja nicht vor, und dass ihn Leibniz Einblick in die Entwürfe zur Protogaea gewährt und sogar das Kopieren der Einhornrekonstruktion gestattet haben könnte, ist kaum denkbar. Also muss es eine gemeinsame, wahrscheinlich sogar gedruckte Vorlage gegeben haben, die beiden Autoren zugänglich war. Nichts anderes besagt auch der oben mitgeteilte Text aus der Protogaea!

Vielleicht war es ein bisher nicht wieder aufgefundenes Traktat auf das Goeze verweist und dessen Verfasser Johann Mayer ein damals namhafter Astronom und Kämmerer in Quedlinburg sowie Herausgeber eines Quedlinburger Kalenders war, der offenbar aus erster Hand über den Fossilfund berichtet hat. Auch Valentini kannte offensichtlich dieses Traktat Mayers, in der „das Sceleto, so vor diesem im Sebichenberg vor Quedlinburg also gefunden [...] nachmahlen von Johann Mäyern Astronomo und Camerario zu Ouedlinburg beschrieben worden“ (Valentini 1714:483, Goeze 1786:11). Ein Hinweis auf eine Abbildung in Mayers Schriftchen findet sich allerdings weder bei Goeze noch bei Valentini.

Das somit weder von Guericke noch Leibniz rekonstruierte „Einhornskelett“ wurde vielfach mit der Einhornhöhle bei Scharzfeld in Verbindung gebracht, zuerst in dem erwähnten Führer von Jacob-Friesen. Aber weder bei Leibniz noch einem anderen der genannten Autoren findet sich im Zusammenhang mit dem Skelett ein Hinweis auf die Einhornhöhle; Leibniz verweist korrekt auf dessen Quedlinburger Fundort: Die Schilderung seines Besuchs der Einhornhöhle folgt erst im nächsten Kapitel der Protogaea. Die Suche nach der „Urfassung“ der durch Leibniz und Valentini überlieferten Einhorn-Rekonstruktion bleibt eine ungelöste Aufgabe.

Dank
Für Hinweise zur Übersetzung und Interpretation des Leibnizschen Originaltextes danke ich Herrn Gerhard Laub, Oker

Literatur

Beer, R.R. (1977): Einhorn - Fabelwelt und Wirklichkeit. - München 1977. Gesner, C. (1663): Tierbuch.- Zünch

Goeze, J.A.E. (1786): Ueber das vermeynte bey Quedlinburg gefundene Einhorn.- Quedlinburg

Gresky, W. (1968): Beschreibung der Einhornhöhle von 1663.- Heimatkalender des Kreises Osterode und des Südwestrandes des Harzes: 25-26

von Guericke, 0. (1672): Experimenta nova (ut vocantur) Magdeburgica de vacuo spatio.- Amsterdam

von Guericke, 0. (1968): Neue (sogenannte) Magdeburger Versuche über den leeren Raum.- Übersetzt und herausgegeben von Hans Schimank.- Düsseldorf

Jacob-Friesen, K.H. (1926): Die Einhornhöhle bei Scharzfeld, Kreis Osterode am Harz.- Hannover (= Führer zu vorgesch. Fundstätten in Niedersachsen 2)

Leibniz, G.W. (1749): Protogaea sive de prima facie telluris et antiquissimae historiae vestigiis [...].- Göttingen.

Leibniz, G.W. (1749a): Protogaea oder Abhandlung von der ersten Gestalt der Erde und den Spuren der Historie in den Denkmalen der Natur.- Aus seinen Papieren herausgegeben von Christian Ludwig Scheid. Aus dem lateinischen ins teutsche übersetzt.- Leipzig und Hof (Diese frühe deutsche Ausgabe der Protogaea ist nicht fehlerfrei, z.B. S. 103 „Lutter am Barenberge“ statt „Lutterberg“)

Lommatzsch, H. (1968): Erstberichte über Höhlen am Südwestrande des Harzes.- Heimatkalender des Kreises Osterode und des Südwestrandes des Harzes: 22 - 24

Valentini, M.B. (1714): Museum museorum oder vollständige Schaubühne aller Materialien und Specereyen, nebst deren natürlichen Beschreibung, Election, Nutzen und Gebrauch [...].- Frankfurt am Main.


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