Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher
47(3)
72-74
München 2001

Geplanter Kalkabbau am FFH-Gebiet Iberg - ein massive
Umwelteingriff der Goslarer Fels-Werke GmbH

von
Uwe Fricke und Ingo Dorsten

Die Fels-Werke GmbH mit Sitz in Goslar planen die Erweiterung des Winterbergsteinbruchs bei Bad Grund in den sehr schutzwürdigen Iberg hinein. Der Kalksteinbruch am Winterberg ist jetzt schon der größte seiner Art in Norddeutschland; der geplante Abbau von Kalk unmittelbar am FFH-Gebiet Iberg bei Bad Grund (FFH = Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU) würde dieses wichtige FFH-Gebiet des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000 massiv beeinträchtigen!

Die Höhlen des Iberges und Winterberges
Neben der schützenswerten Landschaft des zerstörten Winterberges mit Wald- und Kalkmagerrasenbiotopen wurden im dortigen Steinbruch wertvolle Naturhöhlen mit einer Gesamtganglänge von bisher über 4000 m abgebaut. Dies würde durch den geplanten Abbau auch auf dem Iberg passieren! Durch geologische Gutachten konnte festgestellt werden, dass bisher nur ca. 25% der unterirdischen Hohlräume im Iberg bekannt sind. Ein Teil der noch nicht entdeckten Höhlen liegt mit Sicherheit im Bereich der geplanten Steinbrucherweiterung.

Bei den genannten 4000 m durch den Gesteinsabbau zerstörten Höhlengängen handelt es sich nur um den kleinen Prozentsatz der bekannt gewordenen Räume. Viele Höhlen konnten aber bisher gar nicht dokumentiert werden oder ihr Fund wurde nicht an die Höhlenforscher gemeldet.

Das gesamte Winterberger Höhlensystem dürfte ca. 10 km Länge gehabt haben! Damit gehörte es mit Abstand zu den größten und tiefsten Höhlensystemen in Deutschland. Es wurden riesige Höhlenhallen und -dome angeschnitten, in denen ohne Probleme große Kirchen Platz gefunden hätten. Manch eine der zerstörten Höhlen hätte problemlos zu einer großen Schauhöhle ausgebaut werden können.

Die Winterberger Höhlen entstanden als komplexe Entwässerungs- und Karstwasserspeichersysteme vor vielen Millionen Jahren. Mit ihrer Zerstörung gingen unschätzbare geologische Informationsspeicher verloren. Dieses Schicksal droht nun auch den Iberger Höhlen!

Die Iberger Höhlen sind europaweit, vielleicht sogar weltweit einmalig, sowohl hinsichtlich ihrer Entstehung als auch in ihrer Gestaltung. Sie haben ihre Bildung nicht nur dem stetig lösenden Wasser zu verdanken, sondern sind auch eng an die Vererzung des Iberger Kalkkomplexes gebunden. Die Iberger Höhlen beherbergen darüber hinaus ein großes Potential an montanhistorischen Zeitzeugnissen, deren Aufarbeitung noch nicht einmal begonnen hat. Die Archäologie erkennt erst jetzt die Bedeutung dieser wichtigen Zeugnisse der Harzer Bergbaugeschichte. Erste Anfragen zur Erforschung sind jüngst eingegangen; diese Initiativen würden durch den Abbau des Iberges im Keime erstickt.
 

Abb.1: Luftaufnahme. Im Vordergrund der abgebaute Winterberg, im Hintergrund der Iberg. Foto: H. Spier, 2000.
Abb.2: Luftaufnahme vom Iberg. Die schraffierte Fläche zeigt die ungefähre Lage des geplanten Abbaufeldes. Foto: H. Spier, 2000.
Eine der wichtigsten Aufgabe der Höhlen bleibt jedoch die Zuführung und Speicherung von Karstwasser im Iberg. Wird dieses hoch sensible System durch den Gesteinsabbau angefahren, droht der Wasserspeicher des Iberges Schaden zu nehmen und die schleichende Zerstörung des Trinkwassereinzugsgebietes der Bergstadt Bad Grund wäre nicht mehr aufzuhalten.

Im Wirkungsbereich des neu geplanten Abbaugebietes liegen wichtige Schlucklöcher, die zur Grund- bzw. Karstwasser-Neubildung unentbehrlich sind. Eine der tiefsten Schachthöhlen, der Lehmschacht, liegt ebenso wie mehrere kleinere, jetzt schon bekannte Höhlen mitten im Abbaugebiet. Allein der Lehmschacht ist eine imposante Höhle, die über 80 m in die Tiefe führt und derzeit in einer großen Halle endet. Die Erforschung dieser Höhle ist noch lange nicht abgeschlossen. In der genannten Halle findet sich ebenfalls ein Wassergerinne, welches zur Grundwasserneubildung beiträgt.

Im mittelbaren Einflussbereich des neu beantragten Abbaufeldes liegt die bedeutendste Wasserschwinde des Iberges, der „Wegspinnenponor“ (Ponor = Abgrund, bezeichnet im Karst Stellen, an denen Wasser im Untergrund verschwindet; aus dem Serbokratischen). Für diese Schwinde ist von der Arbeitsgemeinschaft für Karstkunde Harz e.V. ein Färbeversuch beantragt worden. Das Gesundheitsamt des Landkreises Osterode am Harz hat hierfür strenge Sicherheitsauflagen gefordert; im Schreiben v. 29.5.2001 heißt es u.a.: „Der Wegespinnenponor Iberg im Bärenhöhlertal, der als Ausgangsort oder als Impfstelle für den geplanten Färbeversuch mit dem Fluoreszenzfarbstoff Uranin dienen soll, befindet sich in unmittelbarer räumlicher Nähe zu dem Wasserspeicher „Magdeburger Stollen“: der sich im Iberg befindet. Das Wasser dieses Speichers versorgt einen Großteil der Ortschaften der Samtgemeinde Bad Grund mit Trinkwasser. Von einer Verbindung zwischen dem Wasserspeicher und dem Wegespinnenponor Iberg ist mit großer Wahrscheinlichkeit auszugehen, z.B. durch unterirdische Auswaschungen, geogene Verwerfungen oder durch historische, nicht dokumentierte bergmännische Tätigkeiten.“ Auch nach der Gesetzeslage ist Wasser das wichtigste Lebensmittel und kann nicht ersetzt werden. U.a. muss die Konzentration von chemischen Stoffen, die das Trinkwasser verunreinigen oder dessen Beschaffenheit nachteilig beeinflussen können, so niedrig gehalten werden, wie dies nach dem Stand der Technik mit vertretbarem Aufwand unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalls möglich ist. Exakt an diesem Punkt knüpfen die Befürchtungen der Karst- und Höhlenforscher an. Es bleibt trotz eventuell anders lautender Gutachten zu befürchten, dass Schadstoffe (Sprengstoffreste, Dieselreste, Hydrauliköle u.a.) das Trinkwasser verunreinigen könnten. Die Karst- und Höhlenkunde kann hierzu unzählige Belegfälle nennen. Insbesondere in den klassischen Karstgebieten wie Slowenien oder Kroatien sind große Trinkwasservorkommen unbrauchbar geworden, weil die Menschen aus Unkenntnis der unterirdischen Wasserwege ihr eigenes Wasser verseucht haben. Auch aus dem Südharzraum sind solche Fälle bekannt, hier sei nur an den Ölunfall am Trogstein erinnert; noch heute dringt dieselverseuchtes Karstwasser aus einer Karstquelle aus.


Karte 1: Lagekarte mit den eingezeichneten Höhlen, die im Steinbruch Winterberg abgebaut worden sind. Zeichnung: U. Fricke 1981 mit Ergänzungen.
 

Karte 2: Lagekarte mit dem ungefähren Verlauf des geplanten neuen Aubbaugebietes. In schwarz sind die vom Abbau bedrohten oder gefährdeten Höhlen eingetragen.
Zeichnung U. Fricke 2000.

 

Gefährdung nicht nur des Fremdenverkehrs!
Darüber hinaus würden durch den Gesteinsabbau für den Tourismus von Bad Grund wichtige Wanderwege zerstört. Die weithin bekannte Waldgaststätte „Iberger Albertturm“ wäre existenziell stark bedroht, da sie nur wenige hundert Meter vom neuen Abbaugebiet entfernt liegt. Die Bergstadt Bad Grund muss mit der Zerstörung eines Ihrer wichtigsten Wandergebiete rechnen. Durch alle diese Auswirkungen wären in der Tourismusbranche viele Arbeitsplätze gefährdet!

Damit ein weiterer Abbau am Iberg noch verhindert werden kann, hat sich im Frühjahr 2001 die Bürgerinitiative „Rettet den Iberg“ gegründet. Dieser Initiative gehören alle namhaften Höhlenforschervereine im norddeutschen Raum sowie viele anerkannte Naturschutzverbände an. Die Bürgerinitiative betont ausdrücklich, dass sie keine direkten Einwände gegen die Fels-Werke GmbH hat und legt auf eine gute Zusammenarbeit, so wie sie auch mit anderen Steinbruchbetrieben schon seit Jahren praktiziert wird, Wert. Dies ist besonders daran erkennbar, dass die Höhlenforschung Jahrzehnte lang mit angesehen hat, wie die großartigen Winterberghöhlen eine nach der anderen abgebaut wurden. Nur in einem einzigen Fall wurde eine Höhle geschützt und das auch nur, weil sie in den Iberg hineinzog und den weiteren Kalksteinabbau nicht berührte. Ansonsten haben die Naturschützer und Höhlenforscher aus Gründen des Arbeitsplatzschutzes bisher am Winterberg immer Zurückhaltung gewahrt.

Die Bürgerinitiative hat nach eigenen Angaben nichts gegen den weiteren, in die Tiefe gehenden Kalkabbau am Winterberg, doch der geplante Teilabbau des Iberges geht eindeutig zu weit und wird von uns kategorisch abgelehnt!

Eine zerstörte Karstlandschaft kann im Gegensatz zu anderen Landschaftsformen nicht renaturiert werden und es gibt auch keine wirklichen Ersatzmaßnahmen dafür. Da der Winterberg bereits verschwunden ist, stellt nur noch der Iberg den letzten Teil der noch vorhandenen Karstlandschaft in dieser einmaligen Form bei Bad Grund dar. Er muss erhalten bleiben!

Kalkproduktion und Arbeitsplätze
Die Fels-Werke GmbH betreiben im Westharz in Bad Grund (Landkreis Osterode) den Kalksteinbruch Winterberg und im Seesener Ortsteil Münchehof (Landkreis Goslar) das dazu gehörige Kalkwerk sowie das Fermacell-Werk Seesen.

Die im Fermacell-Werk hergestellten Platten bestehen nach Firmenangaben ausschließlich aus aufbereitetem Altpapier, Wasser und REA-Gips; täglich werden 800 t Gips und 200 t Altpapierfasern eingesetzt. Diese Produktion ist zukunftsweisend, kann und sollte ausgebaut werden und stellt kein Umweltproblem dar.

Mit Fug und Recht muss man sich der Frage nach den Arbeitsplätzen stellen, die bei einer Nichtgenehmigung des neuen Abbaufeldes eventuell entfallen würden. Es muss jedoch auch gefragt werden, wie es mit den Arbeitsplätzen aussieht, wenn die neu genehmigte Lagerstätte erschöpft ist: spätestens zu diesem Zeitpunkt würden die angemahnten Arbeitsplätze ohnehin entfallen! Laut Firmenangaben während einer öffentlichen Veranstaltung in Bad Grund, soll das neu zu erschließende Abbaufeld für die nächsten 50 Jahre reichen. Dies soll durch Verschneiden des guten Kalkes mit dem weniger guten Material geschehen. Betrachtet man jedoch, wie rasend schnell der riesige Winterbergkomplex abgebaut wurde, so muss man diese Angaben in Frage stellen. Anhand von Grundkarten, auf denen die Abbaugrenzen eingetragen sind, kann man sehr gut verfolgen, wie seit Beginn der 70 iger Jahre der Gesteinsabbau vorangeschritten ist.

Insofern befindet sich das Kalkwerk Winterberg in einer ähnlichen Lage wie die Gipsindustrie im Südharz - wenn die Werke nicht umgehend auf alternative Einsatzstoffe umgestellt werden, haben sie keine Zukunft am Standort Harz! Nur eines steht fest - die Arbeitsplätze im Kalksteinbruch Winterberg und im Kalkwerk Münchehof haben aufgrund der Erschöpfung der Lagerstätte ohnehin keine lange Zukunft mehr. Daher ist rechtzeitiges Umsteuern angesagt! Firma, Gewerkschaften, Gemeinde und Verbände sind gut beraten, sich auf diese Situation rechtzeitig einzustellen und der Öffentlichkeit in dieser Beziehung ehrliche Fakten mitzuteilen. Die vor Ort immer noch verbreitete Illusion, dass die Kalkgewinnung eine lange Zukunft habe, führt in die Irre.

Es ist auch intensiv zu prüfen, ob das Kalkwerk Münchehof ggf. mit dem gleichwertigen Riffkalk aus dem Elbingeröder Devonkomplex im Landkreis Wernigerode versorgt werden könnte. Hier haben die Fels-Werke Abbaugenehmigungen für die nächsten 30 Jahre erhalten!

Für das Steinbruchsareal im ehemaligen Winterberg wird ein Gemeinschaftsprojekt von Naturschutz (Steinbruchrenaturierung), Technik (museal attraktive Aufarbeitung und Dokumentation des regionalen und überregionalen Bodenabbaus), Geologie und Karstkunde angeregt. Der benachbarte Iberg mit seinem montanhistorischen Potenzial ist hierbei einzubeziehen. Auf diese Weise könnte ein hochgradig interessantes touristisches Zentrum geschaffen werden, in dem sich ebenfalls langfristige Arbeitsplätze schaffen ließen, natürlich nicht in der jetzigen Größenordnung. Ein durch den Gesteinsabbau halb zerstörter Iberg, eine geschädigte Trinkwasserversorgung, zerstörte Wanderwege und ständige Sprengerschütterungen des gesamten Iberges würden jedoch ein solches Konzept von vorn herein ausschließen.

Der Iberg ist eine der ältesten Bergbaustätten des Harzes, wenn nicht sogar eine der Wiegen des Harzer Bergbaus. Die unversehrte Erhaltung dieses Berges sollte nicht nur für die Bergstadt Bad Grund, sondern für den ganzen Harz eine Verpflichtung sein!

Weitere Informationen
Unter der Internet-Adresse www.rettet-den-Iberg.de stehen ständig weitere aktuelle Informationen über die Bürgerinitiative „Rettet den Iberg" zur Verfügung.

Autoren:
Uwe Fricke, Amtswiese 17, 38667 Bad Harzburg,
Ingo Dorsten, Friedrich-Ebert-Str. 41, 30459 Hannover.


Wir danken der Schriftleitung der Mitteilungen des Verbandes deutscher Höhlen- und Karstforscher für die freundliche Genehmigung, diesen Beitrag ebenfalls veröffentlichen zu dürfen. Weiterer Nachdruck oder Veröffentlichung bzw. Verbreitung in anderen elektronischen Medien nur mit schriftlicher Genehmigung der Schriftleitung.