Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher
56 (4)
113-115
München 2010

Neuer Erdfall nahe der Äbtissinnengrube bei
Bad Frankenhausen 2009 –
Kurzbericht und Analyse der Medienberichterstattung

von
MICHAEL K. BRUST

Zusammenfassung
In der Nacht vom 16. zum 17. November 2009 hat sich dicht westlich der Äbtissinnengrube bei Bad Frankenhausen am Kyffhäuser, Nordthüringen, ein Erdfall inmitten einer Ackerfläche ereignet. Der Erdfall und das nachfolgende Medienecho werden dargestellt.

Abstract
In the night from November 16 to 17, 2009, a new sinkhole developed in an agricultural area west of the Äbtissinnengrube sinkhole near Bad Frankenhausen, Kyffhäuser, northern Thuringia. The object, its geological setting and the following media reports are analysed and described.

Résumé
Un effondrement au milieu d’un champ a eu lieu dans la nuit du 16 au 17 novembre 2009 près et un peu à l’ouest d’une grande doline connu sous le nom d’„Äbtissinnengrube“ (Trou de l’Abbesse) près de Bad Frankenhausen am Kyffhäuser (Thuringe du Nord). Présentation de l’effondrement et de sa couverture par les médias.

Der neue Erdfall
In der Nacht vom 16. zum 17. November 2009 hat sich nach mündlicher Mitteilung von Dr. Jürgen Wunderlich (TLUG) dicht westlich der Äbtissinnengrube bei Bad Frankenhausen ein Erdfall ereignet. Er blieb zunächst beinahe unbemerkt, weil er am Rand eines mit Raps bestellten Ackers einbrach und nicht direkt von Straßen und Wegen berührt wird. Erst Tage später wurde die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG) durch Reinhard Völker aus Uftrungen informiert, der auch nur per Zufall durch einen besorgten Jagdpächter davon erfahren hatte. Am 24. November 2009 bekam ich unabhängig davon durch Manfred Lischke aus Woffleben (sic!) per Telefon einen Hinweis auf das Ereignis und konnte dann am 26. November um die Mittagszeit gemeinsam mit meinem Sohn Ludwig die Örtlichkeit in Augenschein nehmen.
Der annähernd kreisrunde Erdfall liegt in Flur 10 der Gemarkung Frankenhausen. Sein Durchmesser beträgt ca. 20 m, seine Tiefe ca. 12 bis 13 m. Die aus der Karte abgelesenen Koordinaten lauten für die Erdfallmitte R 44 352 15 und H 56 930 70. Die Höhe der Oberkante (Ackersohle) liegt nach der Karte auf ca. 187 m NHN. Der neue Erdfall ereignete sich inmitten einer Gruppe teils sehr großer Erdfälle nordöstlich von Rottleben, deren Entstehungszeit nicht genau bekannt ist. Die Lage dieser Erdfälle, die auf etwa 0,8 km einer gedachten Linie in WNW-ESE-Richtung folgen, scheint in genetischem Zusammenhang mit der am Südrand des Kyffhäusers anzunehmenden Störungszone zu stehen (BRUST & KUPETZ 1998).
Dem flüchtigen Blick durch dichtes Schlehengestrüpp verborgen, liegt die östliche Kante des neuen Erdfalls nur 20 bis 25 m von der westlichen Kante der Äbtissinnengrube entfernt. Mit einer gewissen Berechtigung könnte deshalb auch von einem „Nachbrechen am Rande bzw. in der Nähe“ gesprochen werden. Dabei erreicht der neue Erdfall bei weitem nicht die Tiefe der Äbtissinnengrube, die in ihrer Mitte (100 m Luftlinie entfernt) auf etwa 160 m NHN hinab reicht. Eingedenk der Ungenauigkeiten beim Ablesen von Höhenangaben aus Karten hätte der neue Erdfall „rein theoretisch“ also eine Tiefe von 27 m oder auch mehr erreichen können!
Der Erdfall steht durchweg in Lockergesteinen (Sand, Schluff; weichselzeitlicher Löß?), die vereinzelt mit größeren Blöcken von Gips durchsetzt sind. Seine Wände sind in den oberen 5 bis 8 m fast senkrecht ausgebildet, was durchaus im Rahmen der Erwartungen liegt. Durch Nachbrechen der Ränder war aber schon bei der Begehung am 26. November am Grund des Erdfalls ein Schuttkegel von ca. 45° Neigung entstanden, auf dem oben eindeutig zu bestimmende schwarze Bodenschichten lagen, die an der östlichen Kante des Erdfalls aufgeschlossen sind (Abb. 3). Die Ränder des Erdfalls waren demzufolge schon innerhalb weniger Tage nachgebrochen, und am westlichen Rand offenbarten sich kurzfristig zu erwartende weitere „Abböschungen“ (Abb. 4). Es dürfte interessant werden, den weiteren Verlauf der Entwicklung des Erdfalls zu verfolgen, denn er soll ausdrücklich nicht verfüllt werden (mdl. Mitteilung Dr. Jürgen Wunderlich, TLUG).

Abb. 1: Erdfall vom 16./17. November 2009 nahe der Äbtissinnengrube bei Bad Frankenhausen, Blickrichtung gegen Norden; Foto: Michael K. Brust am 26. November 2009
Abb. 2: Lageskizze des neuen Erdfalls (Punkt bei „E“) in Beziehung zu den bereits vorhandenen Erdfällen (schraffierte Flächen); Entwurf Michael K. Brust 2010


Ab 25. November 2009 berichteten die Medien über den Erdfall, u.a. das MDR-Fernsehen Thüringen, einige private Fernsehsender sowie mehrere regionale Tageszeitungen in ihren Druck- und Online-Ausgaben. Insgesamt gesehen kann die Berichterstattung als sachlich eingeschätzt werden. Das dürfte in der Hauptsache wohl dem Umstand geschuldet sein, dass die TLUG kompetente Mitarbeiter eigens für die Wahrnehmung von Presseterminen im Gelände abstellte. Während meines etwa zweistündigen Aufenthaltes vor Ort am 27. November wurde Dr. Jürgen Wunderlich abwechselnd von drei Kamerateams umlagert. Einen Massenansturm von Schaulustigen gab es zum Glück nicht, trotzdem war das Interesse der Medien überraschend. Über den Zeitraum von ca. zwei Wochen habe ich täglich, danach über etwa vier weitere Monate nur noch sporadisch, im Internet recherchiert, um möglichst viele Meldungen zu sehen bzw. zu lesen, die den neuen Erdfall betreffen. Eingedenk subjektiver Faktoren beim Zugriff auf Suchmaschinen habe ich folgende Eindrücke gewonnen: Das MDR-Fernsehen hat die Meldung zuerst gebracht und dabei weitgehend das Angebot der TLUG genutzt, um seine Berichterstattung darauf aufzubauen. Demzufolge wurden Inhalte vermittelt, die der behördlichen Sicht auf das Ereignis entsprechen. Die nachfolgenden Sendungen des Privatfernsehens sind diesem Beispiel gefolgt.
Die örtlichen Printmedien hingegen (auch in ihren Online-Ausgaben) berichteten erst im Nachtrab. Sie stützten sich formal auf „eigene“ Recherchen, wohl um einen unabhängigen Eindruck zu vermitteln, zitieren dann aber den Bericht des MDR oder die Stellungnahme der TLUG zum Erdfall, die zeitnah im Internet verfügbar war. Mit einer gewissen journalistischen Routine und etwas Beiwerk entstanden daraus Artikel von wechselndem Informationsgehalt, die eher nicht als exklusiv anzusehen sind. So wird u.a. berichtet, dass der Landwirt den Erdfall auf seinem Acker einzäunen will oder muss (es blieb dann doch nur bei Flatterband) und der Jagdpächter sein Auto oft an genau jener Stelle geparkt habe, an welcher der Erdfall entstand.
Fachlich gesehen fallen einige Unstimmigkeiten besonders auf. So wurden Entstehungsdaten von benachbarten Erdfällen der populären Literatur bzw. diversen Internetseiten entnommen (Äbtissinnengrube „im 16. Jahrhundert“, Quellgrund „vor rund 1.000 Jahren“). Es entsteht der Eindruck, als handele sich um gesicherte Fakten. Dazu liegen aber gar keine verlässlichen Angaben bzw. historischen Quellen vor.

Abb. 3: Die östliche Steilwand des Erdfalls mit einem „eingeklemmten“ Gipsblock in der Bildmitte und deutlich erkennbaren schwarzen Bodenschichten oben links; Foto: Michael K. Brust am 26. November 2009
Abb. 4: An der westlichen Steilwand des Erdfalls kündigt sich ein Nachbrechen der Ränder an; Foto: Michael K. Brust am 26. November 2009
Abb. 5: Dr. Jürgen Wunderlich von der TLUG steht der Presse am Erdfall Rede und Antwort; Foto: Michael K. Brust am 26. November 2009
Abb. 6: Zur Veranschaulichung der geologischen Situation wurde von der TLUG für die Medien ein schematisches Profil durch den Erdfall entworfen; Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie

Etwas verwirrend muten die offenbar frei gewählten Eigennamen „Alte Äbtissinnengrube“ und „Neue Äbtissinnengrube“ bzw. „Kleine Äbtissinnengrube“ und „Große Äbtissinnengrube“ an. Dazu finden sich definitiv weder in der Literatur noch auf topografischen Karten entsprechende Nachweise. Bekannt hingegen ist das episodische Nachbrechen am Nordrand der Äbtissinnengrube. Es handelt sich gewissermaßen um einen „Erdfall im Erdfall“, der sich im Luftbild gut erkennen lässt und dessen Entstehungszeit für das Jahr 1953 verbürgt ist. Hier kann eine Verwechslung vorliegen, oder es wird mit Ortsbezeichnungen ganz einfach zu großzügig umgegangen (Thüringer Allgemeine, Lokalausgabe Artern vom 27. November 2009).
Der Hausmannsturm ist ganz sicher nicht auf einem verfüllten Erdfall erbaut worden, sondern – wie leicht zu sehen ist – auf anstehendem Gips (Neue Nordhäuser Zeitung online vom 27. November 2009). Er liegt nur relativ nahe eines Erdfalls am Rand einer Störungszone.
Streiten ließe sich darüber, ob es sich bei dem neuen Erdfall tatsächlich um ein „Jahrhundertereignis“ handelt. Die historischen Ausgaben der Frankenhäuser Zeitung und Chroniken der umliegenden Gemeinden berichten über mehrere, der Größenordnung nach vergleichbare Erdfälle. Sie liegen teils weniger als ein Jahrhundert zurück. GÜNTHER (1971) veröffentlichte dazu eine tabellarische Übersicht. Wenn gelegentlich von etwa 80 bis 100 Erdfällen im Kyffhäuser die Rede ist, so gründet sich diese Zahlenangabe darauf. Kleine bzw. „kurzlebige“ Erdfälle von geringer Tiefe und Durchmesser, die sich eigenen Beobachtungen nach fast jedes Jahr ereignen, sind darin nicht inbegriffen. Sie wurden und werden von den Anliegern zumeist schnell und ohne großes Aufheben verfüllt.
Über ein spektakuläres Ereignis berichtet z.B. POPPE (1894), nämlich die Entstehung des Erdfalls „Der See“ bei Riethnordhausen. Am 27. Juli 1890 ereignete sich „nach einem heftigen Getöse“ der erste Einbruch, und nachmittags verschwanden dann große Erdmassen im Untergrund. Im September 1890 wurde noch eine Tiefe von rund 9,40 m gemessen. Am Vormittag dieses 27. Juli soll sich das Wasser im Kringlingsloch im Garten des ehemaligen Schlosses Ichstedt „unter heftiger Bewegung“ um etwa einen Meter gehoben und erst nach einigen Stunden wieder gesunken sein. Die Entfernung zwischen Kringlingsloch und See beträgt etwa 3,5 km. Zeitgleich soll der ca. 6,5 km entfernt liegende Solbrunnen von Artern über mehrere Stunden lang in großer Menge und mit schwarzer Färbung geschüttet haben. Eine generelle Bedeutung kommt der Frage nach der Entstehung der Erdfälle im Kyffhäuser und in dessen Vorland zu, die eine etwas differenziertere Sicht erfordert. Es dürfte wohl nur im Einzelfall zu entscheiden sein, ob das Ereignis ursächlich dem halogenen Tiefenkarst („[…] wenn in einigen Hundert Metern Tiefe Salze ausgewaschen werden und das Gestein nachrutscht […]“) oder aber der Verkarstung von Gips bzw. Anhydrit in weit geringeren Tiefen zuzuordnen ist. Die Erdfälle oberhalb der Barbarossahöhle und auch die an der Flanke der Ochsenburg sind ohne Zweifel durch Inkasion von Höhlen entstanden. Im konkreten Fall lagen zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch keine geologischen Untersuchungen vor, und in der Literatur sind auch keine Forschungen zu den unmittelbar benachbarten Erdfällen veröffentlicht. Bei der behördlichen Stellungnahme musste deshalb aus verständlichen Gründen auf schematische Darstellungen zurückgegriffen werden. Darüber hinaus liegt auf der Hand, dass sich vereinfachende Sichtweisen in den Medien besser vermitteln lassen. Es besteht damit zugleich aber auch die Gefahr einer Verfestigung verzerrter gedanklicher Vorstellungen in der Bevölkerung.
Die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie führt seit 1990 im Referat Ingenieurgeologie (Abteilung 6, Geologischer Landesdienst, Grundwasser) einen „Subrosionskataster Thüringen“ als laufend gehaltene Dokumentation (BIEWALD 2004). Die Datenbank umfasst derzeit etwa 8.550 Objekte landesweit und ist in ein Fachinformationssystem mit dem Titel „Georisiko-Thüringen“ eingebunden. Die sich daraus eröffnenden Möglichkeiten der statistischen Auswertung erlauben u.a. eine Abschätzung der Erdfallgefahr bzw. eine Eingrenzung der Risikogebiete (SCHMIDT 2008). Dessen ungeachtet sind Desiderate der Forschung zu beklagen, die grundlegende geologische Untersuchungen und historische Fragestellungen im Einzelfall betreffen. Für das Erdfallgebiet um die Äbtissinnengrube wäre ein vertiefter Kenntnisstand allein schon deshalb wünschenswert, weil durch seine Lage im Geopark Kyffhäuser daran ein öffentliches Interesse besteht.

Literatur
 
BRUST, M. & KUPETZ, M. (1998):Bericht zur Revisionskartierung geschützter Geotope im Kyffhäuserkreis. – Unveröff. Bericht im Auftrag der Thür. LA f. Geologie Weimar, 127 S., zr. Abb., Sondershausen
BIEWALD, W. (2004):Der Subrosionskataster Thüringen der TLUG, seine Aufgabe bei Raumordnungsplanungen, Flächennutzungen und sein Beitrag zur Klärung geowissenschaftlicher Fragestellungen. – Schriftenr. d. Thür. LA f. Umwelt u. Geologie (= Tagungsband Subrosion und Baugrund in Thüringen) 69: 19-28
GÜNTER, H. (1971):Auslaugungserscheinungen am Kyffhäuser-Südrand und ihre Auswirkungen in Bad Frankenhausen. – Veröff. Kr.-Mus. Bad Frankenhausen 3: 81-95, 12 Abb., 1 Kt.
POPPE, G. (1894):Kleinere Mitteilungen aus Artern. 1. Erweiterung des Erdfalles bei Hackpfüffel. – Mitt. d. Sächs.-Thüring. Ver. f. Erdkde. zu Halle/S., S. 85-87
SCHMIDT, S. (2008):Das Subrosionskataster der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG) als Grundlage des Fachinformationssystems „Georisiko-Thüringen“. – Exkursionsf. u. Veröff. d. Dt. Ges. f. Geowiss. 235: 42-47, 4 Abb.

Abb. 7: Subrosionskataster Thüringen, Stand 2007; Grafik: Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie
Anschrift des Autors: Dipl.-Museol. Michael K. Brust,
Roßschau 114, 06567 Steinthaleben, brust@impute.org


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