Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher57 (4)115-122München 2011

Die Stasi in der Höhlenforschung –
noch viel unerforschtes Neuland

von

Friedhart Knolle


„Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ Walter Ulbricht

Zusammenfassung
Die Höhlenforschung in der ehemaligen DDR und auch die in dieses Land einreisenden Höhlenforscher anderer Länder unterlagen der Beobachtung durch das seinerzeitige Ministerium für Staatssicherheit der DDR (Stasi). Am Beispiel der eingesehenen Akten des Autors wird die Denk- und Arbeitsweise des DDR-Geheimdienstes exemplarisch aufgezeigt. Der Beitrag soll auch andere Höhlenforscher anregen, ähnliche Aktenrecherchen durchzuführen.

Abstract
Caving organisations and cavers of the former GDR as well as cavers coming in from other countries to this state were controlled by the former Stasi Secret Service Ministry. The case of the author is self-analysed, as he found most of his Stasi files still undestroyed and now open. Thinking and work of the former GDR secret service are described by this example. Other cavers should also have a look into their files.

Résumé
La spéléologie, les spéléologues de l’ancienne Allemagne de l’Est et ceux d’autres pays venus en visite dans le pays étaient soumis à une surveillance du Ministère de la Sûreté Intérieure de la R.D.A. (Stasi). Grâce aux dossiers maintenant accessibles de ce service, l’auteur nous fournit des exemples de la façon de penser et des méthodes de travail des services secrets de l’ancienne R.D.A. Il serait bien que l’article contribue à stimuler des recherches analogues de la part d’autres spéléologues.

Deutsche Geheimdienste und die Höhlenforschung

Der Autor hat sich immer wieder um Anstöße bemüht, die Involvierung der Höhlenforschung in den NS-Unterdrückungsapparat aufzuklären (Knolle 1987; 2001; 2003a,b; Knolle & Bergemann 2005; Knolle & Schütze 2005; Knolle et al. 2007, 2010). Ein symbolisch wichtiger Erfolg dieser Bemühungen war der Dr. Benno Wolf-Preis des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V.

Es ist und bleibt erschreckend, auf welche Weise es den Geheimdiensten totalitärer Systeme immer wieder gelang, Kontrolle über höhlenkundliche und geologische Informationen und deren Träger zu erhalten. Gründe sind die Machtverhältnisse in diktatorischen Staatsgebilden, die unpolitischen Naivität und/oder das ausgeprägte Mitläufertum vieler betroffener Forscher, Desinteresse bei der Vertraulichkeit oder die Kombination dieser und anderer Faktoren.
Ohne allzu vorschnell und unreflektiert Nazidiktatur und DDR vergleichen zu wollen, kann man doch festhalten, dass das Interesse der Geheimdienste beider Systeme gleichermaßen aktiv auf Höhlenforscher und Geologen gerichtet war.
In der Folge des Endes des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit und der Gründung der weltweit einmaligen, seinerzeit nach dem ersten Leiter sog. „Gauck-Behörde“ (Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, BStU) sind neue und ehemals geheime Archivalien in den Bereich der höhlenkundlichen Geschichtsforschung gerückt (Knolle 1997a,b).

Vorliegender Beitrag soll nicht dazu dienen, Urteile zu fällen, sondern Anregungen und Fakten für eine Debatte liefern, der immer noch weitgehend ausgewichen wird.

Einleitung und Durchführung der „OPK Höhle“

Das Interesse an DDR-Kontakten vertiefte sich beim Autor durch den Vater Friedel Knolle, der seit vielen Jahren intensive vogel- und heimatkundliche Kontakte in den Ostharz und zu Fachleuten in der ganzen DDR, u.a. zum Museum „Heineanum“ in Halberstadt, pflegte. Es gab damals – mitten im Kalten Krieg – immer wieder Schwierigkeiten bei diesen Kontakten, die Korrespondenz war teilweise problematisch und es wurde von „Beobachtung“ gemunkelt. So etwas konnte ein schon immer politisch interessierter Sohn nur spannend finden. Dass seine Hobbies Karstkunde, Bergbau und Geologie beim MfS später in viel stärkerem Maße die Alarmglocken klingeln ließen als die eher „harmlose“ Ornithologie und Heimatkunde seines Vaters, hat er damals in jugendlichem Leichtsinn nicht geahnt.
Um zu überprüfen, ob der Autor als Geologe, aktiver Höhlenforscher und späterer Schriftleiter des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V. – der oft die Chance des kleinen Grenzverkehrs nutzte, um den Ostharz zu besuchen – Kontakt zum Militär-Geografischen Dienst der Bundeswehr oder einem anderen „feindlichen“ Dienst hatte, wurde von der Stasi eine operative Personenkontrolle (OPK) in der DDR und später auch in der BRD durchgeführt.
Als jahrelanges Objekt der Stasi-Beobachtung hat der Autor dann aufgrund des Hinweises einer „seiner IM“ beim BStU Akteneinsicht in seine personenbezogenen Daten genommen. Weiteres Material haben ebenfalls betroffene Kollegen zugearbeitet. Wertvolle Hinweise gibt auch die DDR-Korrespondenzakte des Autors, die – aus heutiger Sicht neu gelesen – wichtige Ergänzungsinformationen enthält.
Eine Auswertung dieser Unterlagen ergibt, dass – offenbar ausgelöst durch das ungeschickte Verhalten des Höhlenforschers Dieter W. Zygowski bei speläologischen Ostblockkontakten – von der Stasi-Hauptabteilung XVIII, unterschrieben von Major Fiegert unter dem Datum des 4.10.1982, gegen den Autor und zwei weitere Personen eine operative Personenkontrolle (OPK) eingeleitet wurde. Diese OPK wurde bis zur Wende, d.h. 1989, mit intensiver Beobachtung der für die Stasi „verhaltensauffälligen“ Höhlenforscher bzw. Geologen Dieter W. Zygowski, Friedhart Knolle, Dr. Stedingk u.a. Zielpersonen, mit denen er zusammenarbeitete, durchgeführt.
Techniken dieser im wesentlichen von der MfS-HV XVIII/3, d.h. der Abteilung 3 der MfS-Hauptverwaltung Volkswirtschaft, durchgeführten OPK waren ausweislich der Akten u.a. die Kontrolle des Schriftverkehrs, Ein- und Ausreisefahndung, gezieltes Ansetzen von Spitzeln, Beschattung und Verfolgung im Gelände („operative Kontrolle“), die Abschöpfung von zahlreichen IM (Höhlenforscher und Nicht-Höhlenforscher), eine Mikrofon-Abhöraktion in der vorher eigens verwanzten Privatwohnung des besuchten IMB Cridner in Wernigerode und vermutlich auch die Überwachung des privaten Telefonapparates in Westdeutschland, obwohl es in den Akten keine Antwort auf die Frage gibt, ob und mit welchem Erfolg dieses Telefon dann später auch wirklich abgehört worden ist. Dass die Mikrofonabhörung in der Privatwohnung in Wernigerode tatsächlich stattgefunden hat, ergibt sich aus dem Aktenzusammenhang. Es wird dort die Art der einschlägigen Auswertung „der Tonkonserve“ erörtert.

Folgende im Rahmen der OPK Höhle und Wismut aktiven IM bzw. IM-Kandidaten sind relevant:
- GMS Lipper(t) der Abt. XVIII der BV Magdeburg (= M.L.)
- IM Wolfgang
- IMB Cridner, KD Wernigerode (= Dr. H.K.)
- IME Scho. (möglicherweise Dr. Sch.)
- IMS Albrecht
- IMS Berger (= M.B.)
- IMS Jens der HV XVIII/3
- IMS Paul (= R.V.)
- Kandidat Z., Uftrungen (= W.Z.)
- Kandidat Sch., Wernigerode (Klarname Regine Schulz)
Weiterhin gab es mindestens eine einschlägige Quelle der HVA im Operationsgebiet, d.h. in der BRD, die über den IMB Cridner abgeschöpft wurde. Der Klarname der Quelle ist in der Liste der auf S. 6 des Buches von Knappe & Scheffler (1990) genannten Helfer aufgeführt. Weitere Klarnamen sind dem Autor bekannt.

Weitere Amtspersonen, die zur Aufklärung des vermuteten Landesverrates eingesetzt wurden, waren u.a. Mitarbeiter der Inspektion des DDR-Ministeriums für Geologie.
Die Stasi-Akten sind z.T. von hohem dokumentarischen Wert. Selbst der persönliche Charakter einzelner IM lässt sich aus ihnen gut erkennen. So vermied es z.B. der IMS Paul auffällig, Namen zu nennen und Personen zu belasten. Er gab in den Abschöpfungsgesprächen, die zumeist auf dem Kyffhäuser stattfanden, oft nur Banalitäten sowie recht pauschale und hinhaltende Antworten von sich, obwohl auch auf schriftliche Einschätzungen hingewiesen wird, die in den Gesprächen übergeben wurden. Diese Einschätzungen fanden sich in den dem Autor zugänglich gemachten Akten jedoch nicht vor. Was die Stasi wollte, war klar. Im Treffbericht des Hauptmanns Scherpe von der HA XVIII 3/4 mit dem IMS Paul auf dem Kyffhäuser am 17.4.1985 findet sich unter der Rubrik „Neuer Auftrag und Verhaltenslinie“ folgende Ansage: „Ausbau des Kontaktes zum BRD-Höhlenforscher Knolle. Erarbeitung von weiteren Hinweisen zum inoffiziellen Literaturaustausch von DDR-Höhlenforschern mit HF des NSW mit der Zielstellung der Einengung des Personenkreises.“ Man war auf der Suche nach „undichten Stellen“ des nicht offiziell über das Karstmuseum laufenden Informationsaustausches.
Man muss IMS Paul zugutehalten, dass er stets das Interesse an der Sache hoch hielt und wohl auch versuchte, mit der Stasi Katz und Maus zu spielen. Bei einem Besuch an der Heimkehle gab er dem mal wieder im „Kleinen Grenzverkehr“ angereisten Autor am 28.7.1985 Hintergrundinformationen, warnte ihn vor Gefahren und ließ den Hinweis fallen, ihm doch etwas stärker aus dem Weg zu gehen. Wenn der Autor auch diese Ratschläge seinerzeit nicht vollständig interpretieren und einordnen konnte, so ist doch aus heutiger Sicht festzuhalten, dass es der offenste „Tipp“ eines IM an sein „Zielobjekt“ war, der nach meinem Wissen im Rahmen der OPK „Höhle“ erfolgte. Dazu passt auch, dass IMS Paul in seiner Not den Mut hatte, sich dem Hauptkontakt des Autors, dem Wernigeröder Höhlenforscher Hannes Tschorn, mit seinem Beobachtungsauftrag zu öffnen und die Berichte an die Stasi künftig abzustimmen. Beide gingen damit ein hohes Risiko ein (Tschorn 1992b).
Was IMS Paul nicht lieferte, erfuhr die Stasi von IMS Berger. Dieser IM war mitteilungsbedürftig – auch von ihm liegen seitenlange handgeschriebene Stasi-Treffberichte und Tonbandabschriften in den Akten vor. IMS Berger erwähnt u.a. mehrfach detailliert Beiträge in den Verbandsmitteilungen und der Zeitschrift „Die Höhle“, die er jeweils mit Jahrgang und Heftnummer exakt zitiert. Berger war ein akribischer IM, der auch auf einzelne Buchstaben achtete, denn auch er war Schriftleiter von höhlenkundlichen Publikationen. Wir waren Kollegen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhanges im Kalten Krieg... Z.B. teilte er Major Klinner und Hauptmann Scherpe bei einem Abschöpfungstreff am 5.12.1984 seine Einschätzung mit, dass sich hinter dem Kürzel „T.“, das sich im Heft 2/1984 des 30. Jahrgangs der Verbandsmitteilungen mehrfach findet, der Wernigeröder Höhlenforscher Tschorn verstecke – eine leider durchaus korrekte Einschätzung, die dem Genannten viel Ärger, Nachteile und eine Hausdurchsuchung einbrachte (Breuer 1992, Tschorn 1992a).
IMS Berger berichtete über eine ganze Reihe von Höhlenforschern des Verbandes und der DDR mit aus heutiger Sicht z.T. sehr konstruierten politischen Interpretationen persönlicher Aktivitäten. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist folgende den Autor betreffende Aussage:

„Zur Person Friedhart Knolle: ... Knolle ist Mitglied des Verbandes Deutscher Höhlen und Karstforschung München e.V. Seit der Jahreshauptversammlung 1983 in Liestal/Schweiz ist er der Schriftleiter der Vereinsmitteilung ... Auffallend ist dabei die Zunahme von Beiträgen seit der Übernahme der Redaktion ... von DDR-Autoren ... Im Zusammenhang mit Aktivitäten auf dem Gebiet des Höhlenschutzes ist Knolle führend in der BRD ... Offensichtlich ist Knolle ein guter Kenner derartiger (für den Höhlenschutz relevanter Gesetze, Verordnungen etc.; F.K.) Bestimmungen. Es ist nach meiner Auffassung in der BRD schwierig sich in den Gesetzen zurechtzufinden. Das setzt voraus, daß man auf dem Gebiet ... geschult ist. Da mir Knolle aus seiner vorhergehenden Tätigkeit nicht bekannt ist und meines Wissens in der Höhlenforschung eine passive Rolle oder keine Rolle spielt liegt die Vermutung nahe, daß der Knolle im Auftrag des Verfassungsschutzes oder BGS hier in die Arbeit der BRD-Höhlenforscher einbezogen wurde. Das Auftauchen seiner Person ist mit dem Auftauchen von ... (geschwärzt) zu sehen. Beide arbeiten intensiv zusammen ... Im Unterschied zu solchen Personen wie ... (geschwärzt) und ... (geschwärzt) fällt bei Knolle und ... (geschwärzt) auf, daß sie sich zu der Zeit als sich die internationale Situation zu verschärfen begann, die Stationierung von NATO-Waffen absehbar war usw. sich in ... in führenden Funktionen hineinlanciert haben und qualifizierte und sachkundige Höhlenforscher aus der Leitungsebene des Bundesdeutschen Verbandes herausgedrängt wurden. Das ist ein Umstand, der die Vermutung nahelegt, das sie hier im Auftrag geheimdienstlicher Organisationen tätig sein könnten.“ (Text schwer lesbar; orthographische Fehler übernommen, F.K.).

Es fällt dem Autor schwer, angesichts dieser blühenden Phantasie – die aus Stasi-Sicht jedoch durchaus logisch schien und sehr ernst genommen wurde – die Distanz zu wahren und eine nüchterne Geschichtsschreibung aufrechtzuerhalten. Solche und ähnliche Fehleinschätzungen erklären jedoch vieles von dem, was in den kommenden Jahren an Folgewirkungen passierte. Offenbar war die Sorge des MfS wirklich sehr groß, dass der Autor und seine Kollegen Mitarbeiter des Militär-Geographischen Dienstes der BRD und/oder eines westlichen Geheimdienstes (wohl des BND) sein könnten – so jedenfalls die Mutmaßungen in den Akten.
Unter dem Datum 20.8.1985 findet sich sogar ein 4-seitiger, ausgefüllter kyrillischer Personalfragebogen zur Person des Autors in den Akten – offenbar zur internationalen Weitergabe an andere Geheimdienste. Die Akten sagen jedoch nichts dazu, ob er tatsächlich weitergereicht worden ist.

Abb. 1: 1982 – die OPK „Höhle“ wird eingeleitetAbb. 2: 1985: Sogar Kopien aus den Verbandsmitteilungen finden sich in den Stasi-Akten

Im September 1985 passierte den Geheimdiensten dann ein Missgeschick. Der sich verdächtig verhaltende und beobachtete BRD-Höhlenforscher und Schriftleiter des Verbandes Dieter W. Zygowski besuchte den 3. Internationalen CSSR-Höhlenforscherkongress. Dort ereignete sich folgendes, zitiert nach dem Zwischenbericht zur OPK „Höhle“ v. 26.1.1987:

„... wurden ... umfangreiche operative Kontrollmaßnahmen zur Person ... (geschwärzt) durchgeführt, die aber im September 1985 auf dem Territorium der CSSR zur Dekonspiration führten. Im Brief vom 10.11.85 teilt ... (geschwärzt) einem IM der HA XVIII/3 mit:
„... Im September d.J. waren zwei Bekannte von mir mit anwesend, die mir hinterher berichteten, daß eines abends 2 Personen aufgetaucht seien und sich nach meiner Anwesenheit erkundigt hätten! Natürlich habe mich keiner gekannt... - aber man war sich sicher, daß es Herren des dortigen Staatssicherheitsdienstes gewesen seien - in Amtshilfe für den Stasi???“
Seit diesem Zeitpunkt stellte ...
(geschwärzt) seine Reisetätigkeit in die DDR ein und hält die Verbindung zu einigen Kontaktpersonen nur noch postalisch aufrecht.“

Der CSSR-Geheimdienst war hier wohl recht unprofessionell vorgegangen. In der Tat bestätigte Zygowski dem Autor später, dass er nach diesem Vorfall die Lust an DDR-Reisen verloren habe. Im Jahr dieses Vorfalls, d.h. 1985, verstärkten einige Personen, u.a. der Autor, aus geologischem Interesse ihre Reisetätigkeit in die DDR, was das MfS so interpretierte, dass die auftraggebenden „imperialistischen Dienste“ nunmehr diese Personen anstatt Zygowski in die DDR schickten. Der Autor war – er hatte es sich selbst gar nicht notiert – nach Auskunft der OPK „Höhle“ im Zeitraum von 1985 - 1986 insgesamt 7 x in der DDR. Dieses nunmehr stärkere geologische Interesse wurde vom IMS Paul nicht verstanden – er gab dem MfS zu Protokoll:

„Ein direktes Interesse an der Höhlenforschung ist bei diesen Herren nicht zu erkennen. Sie benutzen die Höhlenforschung als Tarnung und interessieren sich besonders für Altbergbaugebiete, Wasserläufe u.a. territorial bestimmte Gebiete ...“ (Zwischenbericht zur OPK „Höhle“ v. 26.1.1987).

Die Hohlraumverordnung und die Einleitung komplexer Maßnahmen

Die DDR versuchte nunmehr, den Untergrund stärker „abzusichern“ – die umgangssprachlich „Hohlraumgesetz“ genannte „Verordnung über unterirdische Hohlräume vom 17. Januar 1985“ wurde am genannten Datum vom Ministerrat der DDR verabschiedet und im Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik 1985, Teil I Nr. 5 vom 22.2.1985 veröffentlicht, ergänzt mit Durchführungsbestimmungen. Auch die gesellschaftliche Organisation der DDR-Höhlenforschung wurde gestrafft – seit dem 1.1.1985 war der Kulturbund und hier speziell der „Zentrale Fachausschuss für Höhlen- und Karstforschung des Zentralvorstandes der Gesellschaft für Natur und Umwelt im Kulturbund der DDR“, wie er vollständig hieß, allein für die DDR-Höhlenforschung zuständig – er hatte ab jetzt „den Daumen drauf“.
Im Sachstandsbericht zur „OPK Höhle“ v. 13.3.1985 heißt es nach einer sich über 6 Seiten erstreckenden Darlegung der realen bzw. vermuteten Aktivitäten eines sehr reiseaktiven BRD-Höhlenforschers des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V. (ausdrücklich benannt!):

„Aufgrund dieser Tatsachen wurde im Rahmen der Durchführung der OPK „Höhle“ durch die HA XVIII/3 veranlaßt, durch das MfGeo eine Verordnung über unterirdische Hohlräume zu erarbeiten. Damit wurde eine Übergangsregelung geschaffen, um die in der gegenwärtigen Berggesetzgebung vorhandenen Lücken bis zur Neufassung des Berggesetzes der DDR zu schließen und die unterirdischen Hohlräume effektiver für Produktions-, Lager- und Schutzzwecke zu nutzen.
Das Ziel besteht darin, einen konkreten Überblick über vorhandene, bisher nicht bekannte Hohlräume zentral zu erfassen und territorial festzustellen, wo sich mögliche Interessen des Gegners abzeichnen.
Durch den Einsatz inoffizieller Kräfte wurde bisher dokumentiert, daß der südliche Teil der DDR, wie z.B. das Erzgebirge, Mansfelder Revier, Südharz und Thüringen im gegnerischen Interesse liegen und über diese Territorien ein ständiger Informationsbedarf durch die bereits genannten Institutionen der BRD besteht. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit der HVA/SWT und der Arbeitsgruppe des Gen. General Neiber sowie durch eigene inoffizielle Kräfte wurde bekannt, daß es sich um Territorien handelt, wo die Nazis im 2. Weltkrieg aktiv tätig waren und Höhlen bzw. unterirdische Hohlräume durch die NVA der DDR wieder nutzbar gemacht wurden.
(...)... wurden aus gegebenem Anlaß Maßnahmen zur Zurückdrängung gegnerischer Aktivitäten unter den verschiedenen Bedingungen eingeleitet und wirksam. Sie beinhalten z.B.
- Einbeziehung inoffizieller Quellen der HVA/SWT im Rahmen einer Koordinierungsvereinbarung;
- Zusammenwirken mit der Arbeitsgruppe des Gen. Neiber zur Suche und Erkundung von Depots aus dem 2. Weltkrieg durch den Einsatz inoffizieller Kräfte der HA XVIII/3 sowie Unterstützung technischer Hilfsmittel durch das MfG;
- den komplexen Einsatz geschaffener inoffizieller Kräfte der HA XVIII/3 zur Erarbeitung von Informationen übergegnerische Zielstellungen und Aktivitäten zu strategisch wichtigen Hohlräumen und Territorien in der DDR;
- zur Aufklärung von Personen, die im Rahmen ihrer Hobbytätigkeit (Höhlenforschung) Kontakte zu gegnerischen Kräften und Institutionen besitzen und herstellen, um Informationen in die Zentren des Gegners zu verbringen;
- die Suche und Erkundung weiterer bisher nicht bekannter unterirdischer Hohlräume in der DDR mit dem Ziel der Nutzung und Erfassung sowie die Abwicklung internationaler Kongresse im SW im Rahmen der KP/KT.
(...)... besteht die Zielstellung darin,
- in das Verbindungssystem des ... (geschwärzt) und den operativ relevant angefallenen BRD-Personen einzudringen, um z.Z. noch nicht bekannte Kontaktpartner der DDR zu analysieren;
- den exakten Nachweis zu erbringen, daß vorgenannte Personen im Auftrag gegnerischer Zentren und Institutionen der BRD wirksam sind;
- die Angriffsrichtung sowie Mittel und Methoden konkret zu erkennen;
- im Rahmen der Fahndungs- und Vergleichsarbeit sowie des weiteren zielgerichteten Einsatzes der inoffiziellen Kräfte operativ relevante Informationen zu erarbeiten, die geeignet sind, feindliche Handlungen des ... (geschwärzt) auf dem Territorium der DDR zu dokumentieren.

Mit der Einleitung dieser komplexen Maßnahmen in Verbindung mit den beteiligten Diensteinheiten des MfS sollen Voraussetzungen geschaffen werden, die Wirkungsweise gleichgelagerter Zentren der BRD sowie des Mil-Geo-Dienstes der Bundeswehr zu Komplexen der Speläologie und Höhlenforschung der DDR zu strategischen Schwerpunkten erkennbar zu machen.“

Ausweitung und Intensivierung der OPK

Jetzt wurde es ernst für uns, unsere DDR-Höhlenforscherkollegen und durch die Einbeziehung der HVA auch für den Verband, ohne dass wir das ahnten.
In einem undatierten Dokument schätzte Oberstleutnant David, der Leiter der Abteilung 3 der HV XVIII, die Gefahr speziell durch den Höhlenforscher Knolle als so groß ein, dass auch seine Internierung ins Auge gefasst wurde:

„K. wurde im Rahmen der Durchführung der OPK „Höhle“ bekannt. Er unterhält umfangreiche Verbindungen/Kontakte zu operativ interessanten DDR-Personen, die sich mit der Höhlenforschung und Altbergbau befassen. Im Rahmen der Fahndungen und Vergleichsarbeit sowie in Auswertung der Ergebnisse in zielgerichteten Beobachtungsmaßnahmen wird eingeschätzt, daß das Verhalten des K., seine Aktivitäten und Handlungen auf dem Territorium der DDR auf nachrichtendienstliche Interessen hinweisen. Die operativen Erkenntnisse zur Person, seine Handlungen und Verhaltensweisen sind dem operativen Komplex „Militärgeologie“ zugeordnet, in dem die OPK „Höhle“ ein integrierter Bestandteil ist. Die Ergebnisse der bisherigen Bearbeitung des operativen Komplexes rechtfertigen eine Internierung der Person K., sofern sie sich auf dem Territorium der DDR aufhält.“

Da der Autor mit Geologenkollegen 1986 auch eine Reise in das Erzgebirge unternahm, wo wir interessante Aufschlüsse und auch Altlasten besichtigten, startete das MfS die neue OPK „Wismut“. Ebenfalls bestanden Vernetzungen zu der dem Autor bisher unbekannten OPK „Tunnel“ der BV Erfurt sowie zu den AOV „Roland“ der KD Hettstedt, AOV „Winkel“ der BV Dresden, Abt. XIX, und OV „Kiste“. Wegen der sachlichen Überlappung und Identität einzelner Akteure in den Aufklärungsvorgängen mussten die verschiedenen Sachbearbeiter des MfS eine enge Kooperation vereinbaren. Auf diese Weise ist in den Akten ein interessanter Einblick in die entsprechenden Dienstwege möglich.


Abb. 3: 1988 – Vorgang zum Beobachtungsobjekt „Höhle 2“ = Friedhart Knolle

Im Zwischenbericht zur OPK „Höhle“ v. 26.1.1987 heißt es:

„Vom 5.12. - 8.12.1986 reisten die Personen Knolle, ... (geschwärzt) und ein ... (geschwärzt) in die DDR ein und wurden durch Beobachtungskräfte der Abt. VIII aus den Bezirken Magdeburg, Leipzig, Karl-Marx-Stadt und Erfurt unter operativer Kontrolle gehalten. (...) Inwieweit Knolle und ... (geschwärzt) im Falle des durch Beobachtungsmaßnahmen dokumentierten Aufenthaltes im Auftrag von ... (geschwärzt) unter dem Deckmantel - Exkursion und Höhlenforschung - in die DDR einreisten, um die Kontaktpersonen abzuschöpfen oder sie im direkten Auftrag einer gegnerischen Stelle bzw. imperialistischen Geheimdienstes mit speziellen Aufträgen Spionagehandlungen in der DDR durchführen, ist derzeit Version.“

Zur Prüfung der Frage des Kontaktes zu „feindlichen Diensten“ wurde die OPK auch auf die BRD ausgedehnt. Fragestellung und Ziele waren gemäß 2003 aufgefundener MfS-Unterlagen:

„1. Feststellung Verhaltensweisen, Kontaktpersonen, Treffpartner und Orte, Adressen, Übergabe/Übernahme von Material, Fotodokumentation und Identifizierung.
2. Der K. steht im Verdacht für das Amt für Militärisches Geowesen tätig zu sein.
3. Durchgängige Beobachtung gewährleisten sowie Übergabe/Übernahme durch jeweilige Abt. VIII der Bezirke sichern.
... Beobachtung erfolgte bisher im Territorium der DDR. ... Ausreise erfolgte bisher immer sonntags zwischen 19 und 21 Uhr.
... Die Person soll wie folgt an die Beobachter übergeben werden: selbständige Übernahme bei Ausreise aus der DDR.“

Am 8.11.1987 wurde das Goslarer Wohnhaus Grummetwiese 16 des Autors beobachtet; Zitate aus dem Aufklärungsbericht „Höhle II“:
„ „Höhle II“ ist unter der im Auftrag genannten Anschrift
3380 Goslar
Grummetwiese 16
wohnhaft. Es sind keine weiteren Mieter im Haus vorhanden.
(Das war falsch - der Autor war Untermieter seiner im gleichen Haus wohnenden Großmutter, das hatte der Beobachter übersehen, obwohl es an der Klingel stand; F.K.).
Das Haus liegt auf der rechten Seite, zwischen dem Jürgenfeld und Fillerbrunnen. Es handelt sich um eine reine Wohngegend, mit Einfamilienhäusern. ...
Die Wohnanschrift und Arbeitsstelle wurde laut Auftrag aufgeklärt.
Bei der Beobachtung wurde folgendes festgestellt:
Am 08. 11. 1987 von 18.00 - 24.00 Uhr wurde die o.g. Wohnanschrift von „Höhle II“ auftragsgemäß unter Kontrolle gehalten. In der gesamten Zeit war vor dem Wohnhaus von „Höhle II“ sein im Auftrag genannter Pkw
pol. Kennz.: GS - K 887
in Richtung Grauhöfer Straße abgeparkt.
19.25 Uhr ging eine männliche Person aus der 1. Etage des Wohnhauses zum Erdgeschoß. Personenbeschreibung: Größe: ca. 190 cm, Haar: dunkel, Sonstiges: Backenbart.“

Da hat tatsächlich jemand im kalten November den ganzen Abend hinter der Hecke gestanden, sicherlich sehr gefroren und sah mich den ganzen Abend über offenbar nur ein Mal durch das Fenster ein Stockwerk tiefer gehen. Dass ich später wieder hoch und ins Bett ging, entging ihm oder er hatte die Überwachung schon abgebrochen.
Trotz intensiver Beobachtung konnte die Stasi jedoch einfach keine Hinweise auf eine nachrichtendienstliche Tätigkeit des Autors entdecken. Wie sollte sie auch – sie konnte noch nicht wissen, dass sie auf der falschen Fährte war. Im Ergebnisbericht zu OPK „Höhle“ v. 26.8.1988 heißt es u.a.:

„Ein strafrechtliches Vorgehen wegen Geheimnisverrat bzw. der Verletzung anderer Rechtsnormen des Geheimnisschutzes weder gegen die einreisenden BRD-Spezialisten ... (geschwärzt) und Knolle noch gegen ihre orts- und sachkundigen DDR-Helfershelfer war bisher nicht möglich.“

Daher wurde 1988 der Einsatz neuer Mittel geplant. Nach allerdings in den Akten nur teilweise belegbaren mündlichen Informationen, die der IMS Paul dem Autor nach der Wende gab, ging es dabei um den Einsatz der geheimdienstlichen Mittel „Geld“ und „weibliche IM mit Feindberührung“. Die Beweisnot der Stasi war im „Fall Knolle“ wirklich sehr groß …
Im Jahr 1988 sollten die Kandidaten Sch. aus Wernigerode und Z. aus Uftrungen als neue IM angeworben werden. Die Identität des Kandidaten Sch. in Wernigerode konnte nach der Wende gelüftet werden – es war in der Tat eine weibliche Kandidatin, Regine Schulz. Ihr eigener Mann – der zeitgleich mit dem Autor zu geologischen Fragen in Briefkontakt stand – drängte sie nach ihrer eigenen Aussage, in der Höhlenforschung aktiv zu werden. D.h. auch er könnte eine noch zu konkretisierende MfS-Rolle gespielt haben. Regine Schulz bestätigte dem Autor gegenüber den Anwerbungsversuch – sie sei doch schlank und ideal für die Höhlenforschung geeignet … Frau Schulz weigerte sich jedoch seinerzeit aus gesundheitlichen Gründen und mangels Interesse am Thema beharrlich mitzumachen und hat nach eigener Aussage danach niemals wieder etwas von der Sache, also nach heutigem Wissen vom Anwerbeversuch des MfS, gehört. Es war ihr somit möglich, sich ohne negative Folgen der IM-Anwerbung zu widersetzen. Der Kandidat Z. aus Uftrungen dagegen hat mitgemacht – er taucht später in der Akte als IM wieder auf. Er war aber nicht auf den Autor, sondern offenbar auf die Kollegen Dr. Stedingk und B. angesetzt.

Das Knappe-Scheffler-Buch und die Rolle der HVA

Auch die HVA, die Auslandsspionageabteilung der Stasi, war in die OPK „Höhle“ eingebunden. Ihre Rolle bleibt jedoch noch etwas unklar, was aufgrund der weitestgehenden Aktenvernichtung dieser „geheimsten“ aller MfS-Untergliederungen nicht verwundert. Dennoch führen konkrete Spuren in den Westen.
Im Frühjahr 1987 wurde im Rahmen der OPK „Höhle“ ein Koordinationsgespräch mit der HVA nötig. In einem handschriftlichen Vermerk der HA XVIII/3 v. 25.6.1987 zur Absprache mit der HVA XI heißt es:

„In Vorbereitung der Dienstreise zur KD Wernigerode informierte Gen. Frenzel (Ref.Ltr. Linie XX KD Wernigerode), daß Gen. Blechschmidt von der HVA XI eine Quelle aus dem Operationsgebiet steuert, die ebenfalls Kontakt zur bekannten Anlaufstelle in Wernigerode unterhält wie die operativen Zielpersonen ... (geschwärzt, aber lesbar: Dr. Stedingk) und Knolle, die in Durchführung der OPK „Höhle“ aufgeklärt werden. Auf Grund der Info. erfolgte am 6.4.87 ein Gespräch mit dem Gen. Blechschmidt. Gen. Blechschmidt teilte mit, daß der Kontakt zur Quelle über die Person ... (geschwärzt, aber lesbar: Dr. Knappe, Ltr. des Harzmuseums Wernigerode, erf. für KD Wernigerode) (bekannte Anlaufstelle) erfolgte. Er schätzt die Quelle als zuverlässig ein. Daß ... (geschwärzt, aber lesbar: Knappe) beabsichtigt ein Buch über den Harz zu veröffentlichen war bekannt. Der Verlag für Grundstoffindustrie Lpz., an den sich ... (geschwärzt, aber lesbar: Knappe) gewandt hat, unterbreitete angeblich den Vorschlag, daß sich ... (geschwärzt, aber lesbar: Knappe) nach Mitautoren aus der BRD umsehen soll, damit im Buch auch der westliche Teil des Harzes enthalten und ein Absatz nach der BRD gewährleistet ist.“

Nun wurde es spannend für die Agentenführer in der Normannenstraße, denn man hatte bisher offenbar aneinander vorbei gearbeitet. Der Vermerk fährt fort:

„Nicht bekannt war in diesem Zusammenhang, daß die Quelle der HVA die Mitautoren aus der BRD an den ... (geschwärzt, aber lesbar: Knappe) vermittelt hat. Bei den Mitautoren handelt es sich um die operativen Zielpersonen ... (geschwärzt, aber lesbar: Dr. Stedingk) und Knolle. Seit dem Zeitpunkt der Vermittlung (Anfang 1987) besteht zwischen ... (geschwärzt, aber lesbar: Knappe) und den op. Zielpersonen ein enger persönlicher Kontakt. Sie beabsichtigen in der Zeit vom 23.7. - 26.7.87 eine gemeinsame Exkursion im Harz und Umgebung durchzuführen. Beim nächsten Treff versucht Gen. Blechschmidt, wenn es sich im Gespräch ergibt, die Quelle zu den op. Zielpersonen abzuschöpfen. Ein weiteres Gespräch mit der HVA ist nach dem Treff im Juli vorgesehen.“

In der Tat war der Autor im Frühjahr 1987 angesprochen worden, ob er Koautor des geplanten Harzbuches werden wolle. Nach entsprechender Zusage und der Einbindung weiterer Geologenkollegen kam es daraufhin zu mehreren Treffen und zur Genehmigung von BRD-Reisen für IMB Cridner alias Dr. Knappe, wobei der sich im Westen teilweise recht direkt nach weiteren DDR-Kontakten des Autors erkundigte, was normalerweise kein vorsichtiger DDR-Bürger machte. Es wurde somit relativ bald klar, dass Dr. Knappe mit gewisser Vorsicht zu behandeln war. Zu deutlich wurde der Reisekader, der nach Rückkehr berichten musste. Das gemeinsame Interesse an der fachlichen Kooperation überwog jedoch offenbar auf beiden Seiten die Problemfaktoren.
Nach dem Zusammenbruch der DDR erschien das angesprochene Buch von Hartmut Knappe und Horst Scheffler „Im Harz Übertage - Untertage“ 1990 im Doris Bode-Verlag (Knappe & Scheffler 1990).

Weitere Spuren in den Westen – das Symposium „Geschichte der Höhlenforschung in Deutschland“

Seit 1985 betrieb der Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher auf Initiative des Autors das Projekt „Geschichte der Karst- und Höhlenforschung in Deutschland“. Im Rahmen dieses Projektes wurde am 14./15.10.1989 in Iserlohn-Letmathe das Symposium „Geschichte der Höhlenforschung in Deutschland“ durchgeführt. Aufgrund der politischen Veränderungen in der DDR wurde es seinerzeit erstmals möglich, unkomplizierter als bisher Kollegen aus der DDR einzuladen. Dass es mit dem Leiter des Karstmuseums Heimkehle Reinhard Völker ein Vertreter des Kulturbundes war, führte schon damals zu Auseinandersetzungen innerhalb des Verbandes, freilich nur aufgrund der Tatsache, dass es ein Vertreter des abgewirtschafteten DDR-Establishments war und kein „freier“ Höhlenforscher. Mehr ging damals jedoch noch nicht und es war unsere Absicht, besser diesen praktisch möglichen Dialog als gar keinen zu führen (Knolle 1989). Parallel liefen die „inoffiziellen“ Kontakte auf den vom MfS nicht gewünschten Wegen ja weiter.
Das MfS war über die Ergebnisse dieses Symposiums bereits zu dem Zeitpunkt bestens informiert, als Völker wieder in die DDR zurückkehrte. Sogar einzelne Formulierungen von Teilnehmern lagen dem MfS schon vor. Diese Tatsache, die hier jedoch (noch) nicht belegt werden kann, gibt einen weiteren Hinweis darauf, dass sich innerhalb der westdeutschen Höhlenforscher einer oder mehrere IM befunden haben, die bis heute unenttarnt sind. In der Tat wäre es auch ein Wunder, wenn sich unter 20.000 West-IM nicht auch Höhlenforscher befinden würden.

Einstellung der OPK

Trotz dieser jahrelangen Beobachtung konnten von der Stasi absolut keine Nachweise für die Mitarbeit des Autors und seiner Kollegen in einem westlichen, d.h. für die DDR „imperialistischen“ Geheimdienst bzw. eine Arbeit in deren Auftrag erbracht werden. Nach ausführlicher Begründung dieser Feststellung wurde die OPK-Akte „Höhle“, bestehend aus 2 Bänden mit 432 Blatt, unter dem Datum des 5.12.1989 – damals bereits vom AfNS, der Stasi-Nachfolgebehörde „Amt für Nationale Sicherheit“ – ungesperrt im Archiv abgelegt und ist dort bis heute erhalten.


Abb. 4: IM-Karteikartenkästen im Stasi-Unterlagen-Archiv, Quelle: BStU

Bleibt das Fazit, dass die Schriftleiter des Verbandes, aber sicherlich nicht nur diese, offenbar von großem Interesse für den DDR-Geheimdienst waren. Die unkontrollierbare schriftleiterische Tätigkeit in Verbindung mit einer aktiven Reisetätigkeit in die DDR bzw. andere Ostblockländer und dann auch noch schwer einschätzbare Freizeitaktivitäten mit vielen Personenkontakten in diesen Ländern – das musste für das MfS als eine reale Gefahr erscheinen... Lächerlich bis schmeichelhaft allerdings ist die Bedeutung, welche die Stasi unserem geologischen Interesse beimaß.

Ausblick

Die Interna und Hintergründe der DDR-Höhlenforschung sind kompliziert. Von „Höhlenstalinismus“ über ausgeprägten Speläo-Egoismus sowie Mitläufertum bis zur ausgeprägten Systemkritik einschließlich aller denkbaren Zwischenschattierungen war alles vertreten. Die Stasi war mit ihrem großen Ohr überall „dran“, doch keinesfalls sind die Verhältnisse nur mit einfachem Schwarz-Weiß-Denken zu interpretieren. Ohnehin könnten die ex-DDR-Kollegen ihre Geschichte mit einiger Distanz eigentlich besser selbst schreiben – sie müssen es nur wollen.
Die vorzunehmende Auswertung der Unterlagen, die möglichst viele Höhlenforscher bezüglich ihrer eigenen Daten und Unterlagen durchführen sollten, kann und soll aber nicht dazu dienen, irgendeine Hatz auf heutige Höhlenforscherkollegen auszulösen. Ziel muss es vielmehr – ganz im Sinne der Gründung der BStU-Behörde – sein, diese Unterlagen dazu zu nutzen, den Dialog und die konstruktive Aufarbeitung der Vergangenheit zu versuchen, und zwar sowohl hinsichtlich der persönlichen und vereinsmäßigen Verstrickungen in die MfS-Arbeit als auch der mutigen Abwehr von Stasi-Aktivitäten. Für beide Arten des Umganges mit dem System gibt es in den Akten eindrucksvolle Beispiele.
Auch kann die Auswertung dieser Akten dazu dienen, zu erkennen, unter welchen schwierigen Umständen in der DDR Höhlenforschung stattfand – kein Vergleich mit den Freiheiten, die wir im Westen hatten. Und ein jeder nichtbetroffener Wessi möge sich kritisch prüfen, wie er sich selbst verhalten hätte, wenn Vertreter eines Ministeriums (!) auf ihn zugekommen wären mit der förmlich und korrekt vorgetragenen freundlichen Bitte, doch gelegentlich bei einer Sache mit Informationen behilflich zu sein, die für den Staat von großer Bedeutung sei...
Dennoch: es geht nicht um „gut“ oder „böse“ (außer im Falle von klaren Gesetzesverstößen), sondern um gemeinsame Geschichtsschreibung. Es besteht die historisch einmalige Chance, die Unterlagen noch gemeinsam aufzuarbeiten und nicht erst Jahrzehnte nach dem Ende des Systems und dem Ableben zahlreicher Akteure, wie wir das im Falle der ersten deutschen Diktatur gemacht haben.
Natürlich ist das nicht einfach und kostet Überwindung. Viele IM, z.B. IMS Berger, IMB Cridner oder IMS Paul, verloren ihre Stelle im öffentlichen Dienst und müssen sich privat durchschlagen. IMS Berger und IMS Paul sind bis heute speläologisch aktiv. Beide haben sich auf ihre Weise an der Aufarbeitung der Vergangenheit beteiligt. Der Autor ist ihnen für ihre Offenheit zu Dank verpflichtet.
Der größte Dank gilt jedoch posthum Hannes Tschorn † (Wernigerode) für seinen Mut der Zusammenarbeit mit dem Autor (Tschorn 1992a, b; Knolle 2007a, b). Er war ein mutiger Stachel im Fleisch der Diktatur – daher wurde er auch nie Arzt im Krankenhaus Wernigerode, sondern blieb zeitlebens Arzthelfer. Nach der eigenen Akteneinsicht war er sogar so offen, dem Autor vertrauensvoll seine Stasi-Unterlagen zur Kopie zu überlassen. Danke Hannes !
Der ehemalige Vorsitzende des Zentralen Fachausschusses (ZFA) für Höhlen- und Karstforschung im Kulturbund der DDR und ehemalige DDR-Entwicklungshelfer Gert Wiemeier ging in die Volksrepublik China, wo er heute bei einem Reiseveranstalter mit Sitz in Guilin nahe des dortigen Kegelkarstgebietes arbeitet (www.china-entdecken.com/uns.htm).
Sicherlich wäre es ebenfalls spannend, die Rolle z.B. des BND, der CIA und anderer aktiver Geheimdienste bezüglich ihres ggf. vorhandenen Interesses an der Karst- und Höhlenkunde unter den gegebenen demokratischen Rahmenumständen zu untersuchen, allein fehlen dafür die Unterlagen.
Der Autor bekam übrigens wegen dieser rückblickenden Aufarbeitung einige anonyme Drohanrufe, denn sie stand in einer älteren Version schon seit einiger Zeit im Internet – er solle doch diesen Text schleunigst aus dem Netz löschen, sonst…. Es folgte jedoch nichts nach – man muss solchen Drohungen nur gefestigt entgegentreten. Davon lebt die Geschichtsschreibung und auch die Demokratie.


Abb. 5: 1983 – der Autor mit Frau in der Bielshöhle, Rübeland, DDR, Foto Hannes Tschorn

Dank
Ich danke dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik für die freundliche Unterstützung bei der bisherigen Recherche. Nicht danken möchte ich den IM, die sich bisher nicht „geoutet“ haben. Auf Wiedersehen, bis bald!

Literatur und Quellen

Breuer, H.-G. (1992):IM „Paul“ und die Suche nach dem Bernsteinzimmer. – Goslarsche Zeitung v. 8./9.2.1992
Knabe, H. (1999):Die unterwanderte Republik - Stasi im Westen. – 590 S., Propyläen-Verlag, Berlin
Knappe, H. & Scheffler, H. (1990):Im Harz Übertage - Untertage. – 144 S., Doris Bode-Verlag, Haltern
Knolle, F. (1987):Materialien zur Geschichte der deutschen Höhlenkunde im Schatten des „Dritten Reiches“. – Abh. Arbeitsgem. Karstkde. Nds. 5, 66 S.
Knolle, F. (1989):Editorial: Ereignisse in der DDR. – Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher 35 (4): 125
Knolle, F. (1997a):Die Stasi-Akte „OPK Höhle“ - Folgewirkungen deutsch-deutscher Höhlenforschung und Geologie zu DDR-Zeiten. – Mitt. Arbeitsgem. Karstkde. Harz 1/1997, S. 46 - 75, o.O.
Knolle, F. (1997b):Ein Blick in die Schwierigkeiten deutsch-deutscher Verbandsarbeit zu DDR-Zeiten - die Stasi war immer dabei. - Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher 43 (2): 24 - 26
Knolle, F. (2001):Nazi-“Höhlenerlasse”, militärische Höhlenkataster und alliierte höhlenkundliche Geheimdienstberichterstattung. – Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher 47 (2): 48 - 50
Knolle, F. (2003a):Dr. Benno Wolf 1871 - 1943. – Natur und Landschaft 78 (9/10): 437
Knolle, F. (2003b):Dr. Benno Wolf in memoriam – Zum 60. Todesjahr des Naturschutzjuristen und Höhlenforschers. – Natursch. u. Landschaftsplan. 35 (11): 346 - 347
Knolle, F. (2007a):Hannes Tschorn zum 75. Geburtstag.- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher 53(2):45-46
Knolle, F. (2007b):Hannes Tschorn verstorben.- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher 53(4):121
Knolle, F. & Bergemann, H. (2005):Stolperstein für Benno Wolf. – Natur und Geschichte 1 (1): 10 - 13, Potsdam
Knolle, F. & Schütze, B. (2005):Dr. Benno Wolf, sein Umfeld und seine interdisziplinäre Wirkung – eine Klammer zwischen den deutschen Höhlenforscherverbänden. – Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher 51 (2): 48 - 55
Knolle, F., Stoffels, D. & Oldham, T. (2007):Who was BSA Honorary Member Dr. Benno Wolf (1871 – 1943)? A retrospective look at European caving and Nazi history. – The British Caver 129: 21 - 26, Cardigan, UK [ähnlich in http://www.vdhk.de/wolf_uk.pdf]
Knolle, F., Bergemann, H., Brust, M.K. & Winkelhöfer, R. (2010):Dr. Benno Wolf aus Dresden zum Gedenken – Noch immer sind nicht alle Fragen gelöst. – Der Höhlenforscher 42(2): 36-53 + Titelfoto
Tschorn, H. (1992a):Der beste Freund aus Not zum Informanten. – Leserbrief Goslarsche Zeitung v. 18.2.1992
Tschorn, H. (1992b):Täter oder Opfer – wie wird man ein Stasispitzel. – 2 S., Unveröff., Wernigerode
Zentralarchiv BStU, Akten MfS-HA XVIII/14, Nr. 3129; HA VIII Nr. 3654; HA XVIII, Nr. 6092; ZAIG ZMA Nr. 029040

Internetseiten
www.bstu.de
www.ddr-suche.de

Abkürzungen
AOV: Archivierter operativer Vorgang
BStU: Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR
BV: Bezirksverwaltung des MfS
GMS: Gesellschaftlicher Mitarbeiter für Sicherheit
HA: Hauptabteilung des MfS
HF: Höhlenforscher
HVA: Hauptverwaltung Aufklärung, Auslandsspionagedienst des MfS
IM: Informeller Mitarbeiter
IMB: Besonders sorgfältig ausgewählter informeller Mitarbeiter mit Feindverbindung
IMS: Informeller Mitarbeiter für Sicherheit
KD: Kreisdirektion des MfS (hier KD Wernigerode)
MfG, MfGeo: Ministerium für Geologie
MfS: Ministerium für Staatssicherheit (= „Stasi“)
NSW: Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet
OPK: Operative Personenkontrolle, geheimdienstliche Überwachung bei weitergehendem Verdacht
OV: Operativer Vorgang
SWT: Sektor Wissenschaft und Technik, das Herzstück der DDR-Wirtschaftsspionage
ZFA: Zentraler Fachausschuss des Zentralvorstandes der Gesellschaft für Natur und Umwelt im Kulturbund der DDR

Soweit vom BStU gem. § 12 Abs. 5 Stasi-Unterlagen-Gesetz (StUG) Anonymisierungen, d.h. Schwärzungen von Namen und Passagen, vorgenommen wurden, handelt es sich um personenbezogene Informationen zu anderen Betroffenen oder Dritten, deren schutzwürdige Interessen zu wahren sind.

Anschrift des Autors: Dr. Friedhart Knolle, Arbeitsgemeinschaft für Karstkunde Harz e.V.,
Grummetwiese 16 , 38640 Goslar, fknolle@t-online.de


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