Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforscher57 (4)124-125München 2011

Der Schiefe Turm im Karst von Bad Frankenhausen
am Kyffhäuser

Mitten in Bad Frankenhausen am Kyffhäuser-Südrand (Kyffhäuserkreis, Thüringen) steht der „Schiefe Turm von Bad Frankenhausen“, der Oberkirchturm der evangelischen Kirche „Unser Lieben Frauen am Berge“. Der hiesige Karst war nie ein guter Baugrund und die Solequelle von Bad Frankenhausen ist bis heute ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Laugung aktiv ist.

Als Baumeister Friedrich Halle die Kirche 1382 fertig stellte, konnte er nicht ahnen, welche Berühmtheit sein Bauwerk einmal erlangen würde. Er errichtete die Kirche mit ihrem 56 m hohen Turm über der Kyffhäuser-Südrandstörung. So gab im Laufe der Jahre der Untergrund unter den etwa 2.800 t Bauwerkslast des Kirchturms nach und der Turm wurde sichtbar immer schiefer. Baumeister Halle verschaffte Bad Frankenhausen zwar ein bautechnisches Sorgenkind, zugleich aber auch ein identitätsförderndes und einmaliges Wahrzeichen mit enormem Wiedererkennungswert.


Der Oberkirchturm von Bad Frankenhausen, Foto H. Stolze, Wikipedia

Eine Schiefstellung des Turms wurde 1640 erstmals erwähnt. Erste Baugrunduntersuchungen gab es 1920, 1925 und 1935. Prof. Rüth aus Dresden, der die seinerzeitige Oberbauleitung hatte, setzte 1935/36 zunächst auf Sicherungsarbeiten, die den ungleichmäßigen Bewegungen im Untergrund entgegenwirken sollten, um den Turm als Gesamtkörper zu stabilisieren. Eine seiner effizientesten Maßnahmen war die Anbringung von 5 Flacheisenringankern außen um den Turmkörper mit Verankerung am Langhaus.

Weitere Messungen und Bohrungen belegten 1975 - 1997 die starke Verkarstung des Untergrundes mit Hohlraumbildung im anstehenden Gips. Obwohl heute die technischen Möglichkeiten für eine Untergrundverfestigung gegeben sind, standen finanzielle Mittel dafür nicht zur Verfügung. Architekten und Statiker griffen daher auf die Idee von Prof. Rüth zurück und konzentrierten sich wieder auf eine Stabilisierung durch Versteifung des Turmkörpers. 1999 begann man damit, die hölzerne Turmhaube wieder fest mit dem steinernen Teil zu verankern.

Dabei wurden zugleich auch teilweise Gebälk und Beschieferung erneuert. 2000/2001 fanden Versteifungsarbeiten statt. Ende 2006 traf eine Fördermittelzusage über 1 Mio. € ein, womit die dringend notwendige Untergrundverfestigung durchgeführt werden sollte. Ein Großteil dieser Fördermittel wurde für ausgiebige Untergrunduntersuchungen aufgebraucht, so dass die notwendigen Arbeiten am Untergrund, die eine dauerhafte Stabilisierung des Turms ermöglichen sollen, nur ansatzweise durchgeführt werden konnten.

Mitte 2007 erhielt eine spezialisierte Tiefbaufirma den Auftrag zur Sanierung des Untergrundes und verdichtete ihn durch Einpressung von Flüssigbeton. Es gelang jedoch nicht, die Senkungsgeschwindigkeit von 6 cm/Jahr zum Stillstand zu bringen. Nach Abschluss der Arbeiten wurden noch immer Werte von 2 mm/Jahr gemessen.

Weil das Gebäude gesperrt ist und ein weiterer Rettungsversuch mit mindestens 800.000 Euro zu Buche schlüge, fanden im Januar 2011 Verhandlungen zwischen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises um eine Abrissgenehmigung statt. Die Evangelische Landeskirche bot sogar an, die Ruine an die Stadt Bad Frankenhausen zu verschenken. Inzwischen hat das Land Thüringen die Summe für einen weiteren Rettungsversuch bereitgestellt. Sie soll durch Gelder aus dem Stadtsäckel und Privatspenden auf 1,4 Millionen Euro erhöht werden. Mittels eines Korsetts und zweier Stützpfeiler plant man, die Seitwärtsbewegung aufzuhalten und den Abriss zu verhindern. Nach letzten Messungen der Hochschule Magdeburg-Stendal erreicht der Turm der Oberkirche eine Gesamtneigung von mehr als 4,76 °. Die Spitze des 56 m hohen Turms ist damit 4,45 m in Richtung Nordost aus dem Lot (Stand: September 2011). Dabei weist der Turmschaft sogar eine Neigung von 5,42 ° auf, da die Turmhaube 1761 bewusst gegenläufig schief aufgesetzt wurde.

F. Knolle unter Verwendung von www.oberkirchturm.de, http://der-schiefe-turm.de, www.oberkirchturm.de, www.ekmd.de/aktuellpresse/pm/tlk/11447.html, http://de.wikipedia.org/wiki/Oberkirche_(Bad_Frankenhausen)


Wir danken der Schriftleitung der Mitteilungen des Verbandes deutscher Höhlen- und Karstforscher für die freundliche Genehmigung, diesen Beitrag ebenfalls veröffentlichen zu dürfen. Weiterer Nachdruck oder Veröffentlichung bzw. Verbreitung in anderen elektronischen Medien nur mit schriftlicher Genehmigung der Schriftleitung.