Steinbruch und Renaturierung am „Kranichstein“

Im von der Firma BPB Formula GmbH (ehemals Börgardts GmbH) / Walkenried betriebenen Steinbruch „Kranichstein“ bei Neuhof wird seit Anfang des 20. Jahrhunderts Gipsrohstein gewonnen. Der Gipsstein (chemisch: CaSO4 x 2 H2O) im Gebiet Bad Sachsa - Walkenried, welcher regional-geologisch zum sogen. Zechstein-Gürtel des Südharzes zählt, ist stratigraphisch dem Werra-Anydrit zuzuordnen, welcher mit einem Alter von ca. 260 Mio. Jahren dem ältesten Abschnitt des Zechsteins zuzuordnen ist. Die Sedimente des Zechsteins, welche neben Gipsstein hauptsächlich noch Dolomit (Calcium-Magnesium- Karbonat), Stein- und Kalisalze sowie Tone (Roter und Grauer Salzton) und Mergelschiefer (Kupferschiefer) enthalten, haben sich durch das Eindampfen von flachgründigen Randbereichen des damaligen Zechstein-Meeres abgelagert. Durch die anschließende Überlagerung der Gipssteinschichten durch andere Sedimentpakete (z.B. Buntsandstein und Muschelkalk) wurde durch den damit in Zusammenhang stehenden Druck das Kristallwasser aus dem Gipsstein gepresst, so dass der wasserfreie Anhydrit (CaSO4) entstand. Während der Hebung des Harzes wurden die Schichten des Zechstein-Anhydrits am Harzrand in Oberflächennähe gebracht und die Deckschichten zunehmend abgetragen, so dass sie wieder in den Einflussbereich des Oberflächenwassers gelangten und somit reversibel Wasser aufgenommen werden konnte: CaSO4 (Anhydrit) + 2 H2O (Wasser) -> CaSO4 x 2 H2O (Gips).

Die hohe Wasserlöslichkeit des Gipssteins (ca. 2 g/l) führt zu den allgemein bekannten Karsterscheinungen wie Höhlen und Bachschwinden. In einer Entfernung von nur ca. 600 m in nordöstlicher Richtung befindet sich am Ostufer des Oberen Kranichteiches (s. Karte) das Naturdenkmal des Priestersteins.


 

Innerhalb einer schottererfüllten Subrosionssenke, in der sich auch die Kranichteiche befinden, fließt ein Bach gegen die sogen. Priestersteinwand. Das ihn begleitende Grundwasser hat dort unter der Felswand eine kleine Laughöhle geschaffen. Die weitergehende Auslaugung hat den Wasserspiegel der Kranichteiche abgesenkt, so dass diese Höhle heute trocken liegt. Die Höhle und die ruderalen Halbtrockenrasen samt der Verbuschungszonen der Teiche stehen unter Naturschutz.

In einer westlichen Entfernung von ca. 500 m (s.o. Kartenausschnitt) befindet sich das intensiv verkarstete Pfaffenholz, welches ebenfalls als Naturdenkmal ausgewiesen ist. Hier versinkt in einem exemplarisch ausgebildeten Schwinderdfall ein von Norden kommender Bach. Beim Kontakt mit dem Gips hat der Bach eine, mit einer Felsnadel bizarr gestaltete, aktive Gipssteilwand mit einer heute nicht mehr zugänglichen kleinen Schwindhöhle gebildet.

Da der 1978 der Firma Börgardts GmbH (s.o.) genehmigte Abbauplan vorsah, dass der Gipsabbau unmittelbar bis an die Grenze des Schwinderdfalls hätte vorgetrieben werden können, wurde in diesem Jahr durch die Firma BPB Formula GmbH im Einvernehmen mit den zuständigen Behörden und der Gemeinde Neuhof ein Flächentausch beantragt, der den ursprünglich geplanten Abstand von nur 5 m aufhebt und nunmehr eine großräumige Pufferzone um das Naturdenkmal ausweist.

Der im Steinbruch Kranichstein durch die Firma BPB Formula GmbH gewonnene Gipsstein weist im Vergleich zu anderen Rohstoffen einen außergewöhnlichen Reinheits- und Weißgrad auf. Da die Firma BPB Formula GmbH fast ausschließlich Spezialgipse (z.B. Formengipse für die Porzellan- , Sanitärkeramik- und Dachziegelindustrie, Dental- und Orthopädiegipse etc.) herstellt, sind die Rohsteine aus dem Kranichstein-Vorkommen vornehmlich wegen ihrer rein weißen Farbe prädestiniert für diese Anwendungsbereiche.

Um diesen hohen Reinheitsgrad nicht durch tonig-sandige Verunreinigungen (z.B. Lösslehm), die sich in den durch oberirdische Auslaugung entstandenen Karsttaschen befinden, zu beeinträchtigen werden diese Materialien durch aufwendige Abraumarbeiten mittels Löffelbaggern vor der sprengtechnischen Hereingewinnung des Rohsteins entfernt.

Die derartig freigelegte Oberfläche des Gipsrohsteinkomplexes (Foto rechts) zeigt eindrucksvoll die durch den Einfluss des Oberflächenwassers hervorgerufenen Verkarstungen des Gipssteines.

Aufgrund der Tatsache, dass durch die o.g. hohen Ansprüche an den Rohstein die diversen Qualitäten bereits schon in der Abbaustelle selektiert werden müssen, werden im Gegensatz zu sonst üblichen vertikal gebohrten Großbohrlochsprengungen nur horizontal gebohrte mehrreihige Gewinnungssprengungen durchgeführt. Dies hat neben der selektiven Abbaumöglichkeit auch zur Folge, dass im Vergleich zur Großbohrlochsprengung (0,384 kg/m³) nur 0,150 kg Sprengstoff pro Kubikmeter Rohstein aufgewendet werden müssen, welches selbstverständlich eine Reduzierung der Erschütterungen sowie der Schall- und Staubemissionen bedeutet.

Während nach dem Sprengen das Haufwerk per Radlader verladen und mit Schwerlastwagen zum Werk Kutzhütte transportiert wird, wurde der Gipsstein von 1938 bis 1962 mit einer Seilbahn vom Kranichstein zur Kutzhütte befördert.

An diese insgesamt 1,6 km lange Lorenseilbahn erinnert das im Juli 2002 eingeweihte Industriedenkmal am Ortseingang Neuhof gegenüber des Sachsensteins, welches die enge Verknüpfung des Ortes Neuhof mit dem Gipsabbau dokumentiert.

Nach den Vorgaben des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (BImSchG), welches den obertägigen Gesteinsabbau unter Verwendung von Sprengstoffen regelt, und dem ebenfalls involvierten Niedersächsischen Naturschutzgesetz (NNatG) muss eine Abbauplanung aber auch immer die Folgenutzung beschreiben. Diesbezüglich unterscheidet man zwischen der Rekultivierung, d.h. einer z.B. forstwirtschaftlichen bzw. landwirtschaftlichen Nachnutzung, und der sogen. Renaturierung, die keine direkten wirtschaftlichen Ziele verfolgt. Diese Renaturierung erreicht man beispielsweise dadurch, indem bei höheren Bruchwänden Bermen angelegt werden, die langfristig erhalten bleiben und durch gezieltes Heruntersprengen an den Abbauwänden Schuttkegel und Schutthänge aus Lockermaterial entstehen.

Im Abbaugebiet Kranichstein hat man sich bei der Wiederherrichtung sowohl nach den Grundsätzen der Rekultivierung gerichtet als auch Maßnahmen der Renaturierung zur Anwendung gebracht. Teilweise wurden sogar Elemente der Sukzession, also der Überlassung einer natürlichen Entwicklung ohne menschliche Einflussnahme nach dem Abbau verwirklicht.

Während der ursprüngliche Rekultivierungsplan von 1978 noch eine streng reglementierte Aufforstung des gesamten Geländes, welches forstmaschinengerecht einzuebnen war, mit jeweils 25 % Buche, Esche, Ahorn und Ulme vorschrieb, konnte man sich unter planerischer Mitarbeit der Firma GEOTEKT GbR / Bad Sachsa im Frühjahr 2002 auf Vorschlag des Landkreises Osterode in seiner Funktion als untere Naturschutzbehörde dahingehend verständigen, dass weite Teil der wiederherzurichtenden Fläche der natürlichen Sukzession überlassen bleiben. Desweiteren sollten neben der o.g. Aufforstung mit Laubgehölzen Bereiche mit Feldhecken aus Rotdorn, Schlehe, Hundsrose, Hartriegel, Haselnuss und schwarzem Holunder entstehen.

Das vornehmliche Ziel der variierten Wiederherrichtung bestand jedoch darin, entgegen der ursprünglichen Planung kein forstwirtschaftlich genutztes Plateau zu schaffen, sondern eine der Karstlandschaft angepasste Morphologie zu kreieren. Basierend hierauf wurde eine einem „Erdfall“ nachempfundene tiefgreifende Senke mit entsprechend steilen Wänden erdbaumäßig gestaltet. Die Modellierung erfolgte mit lehmigen bzw. dolomitischen Abraummassen; wobei teilweise vom Abbau ausgesparte Gipssteinfelsen mit integriert wurden. Die Sohle des „Erdfalls“ wird aus unbedecktem Anhydritstein gebildet, der in weiten Bereichen das Oberflächenwasser staut, so dass die Sohle in Abhängigkeit von der Witterung als wechselfeuchter Lebensraum bezeichnet werden kann, während die Steilhänge primär als trockener Standort fungieren werden.

Aufgrund der Tatsache, dass der gesamte „Erdfall“ in seinen Randbereichen großräumig von einer Bepflanzung ausgenommen worden ist, bleibt abzuwarten, welche floristischen aber auch faunistischen Lebensgemeinschaften - die insbesondere in Verbindung mit den sich im Westen anschließenden Steilwänden von großem Interesse sind - sich im Laufe der Zeit einstellen werden. Um die Entwicklung dieses neu geschaffenen Lebensraumes lückenlos zu dokumentieren, wird dieses „Biotop aus zweiter Hand“ in der Folgezeit auf Veranlassung der Firma BPB Formula GmbH kontinuierlich einer floristischen und faunistischen Bestandsaufnahme unterzogen werden.

GPS-Koordinaten
N 51.5734° E 10.5672°


Verfasser:Dr. Gerald Dehne
GEOTEKT GbR
Merseburger Str. 14
37441 Bad Sachsa
Fotos:Firouz Vladi / Osterode,
Dr. Gerald Dehne / Bad Sachsa
und
www.karstwanderweg.de


[ Infoblatt zum Tag des Geotops 2003 ]