Klasse statt Masse
Projekt
Harzer Rotes Höhenvieh

Das Harzer Rote Höhenvieh ...
Ein altes, anspruchsloses und robustes Dreinutzungsrind der Harzer Bergleute wird wiederentdeckt! Das Harzer Rote Höhenvieh gehört zu den ursprünglichsten Nutztierrassen. Frühere Keltenrinder wurden im 19. Jahrhundert mit Zillertaler, Berner und Tiroler Rinder eingekreuzt und zu einem wertvollen Nutztier für den Harz mit seinem rauhen Klima weitergezüchtet. Für die Harzer Bergleute erbrachte die Rinderhaltung fast die Hälfte der Familieneinnahmen.

Im 20. Jahrhundert konnte es in der Konkurrenz der modernen Leistungsrassen nicht mehr bestehen; seit den 70er Jahren war die Rasse fast erloschen. 1997 wurde sie sogar zur „gefährdete Nutztierrasse des Jahres“. Heute werden diese Rasse und ihre hervorragenden Eigenschaften in der Küche und in der Pflege der Kulturlandschaft neu entdeckt.

Die Harzer Rotviehzucht Düna ...
Der Rinderzuchtbetrieb der Familie Wehmeyer, beschreitet mit dem Projekt neue Wege in der Region. Die Rinder weiden auf den artenreichen Magerrasen eines Naturschutzgebietes von gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung, der „Gipskarstlandschaft Hainholz“, einem der wenigen vom Bund geförderten Naturschutzgroßprojekte. Die Winterfütterung erfolgt dagegen mit dem Kräuterheu der blumenreichen Oberharzer Bergwiesen. Daraus ergibt sich eine extensive Haltung mit hohen Naturschutzanforderungen. Bei Wanderungen um Düna können die Tiere in ihrer Landschaft besichtigt werden.

„Mit den Tieren schreibt man ja Jahrhunderte alte Geschichte!“
So bemerkte ein führender Harzer Gastronom kürzlich, als er zum ersten
Mal in Bad Sachsa seinen Gästen diese Harzer Spezialität servierte.

Kulturlandschaft, Natur und Fleischqualität ...
Nicht nur die Pflege der Kulturlandschaft und die Erhaltung einer so bedeutenden historischen Nutztierrasse steht im Vordergrund: das so gehaltene Harzer Rote Höhenvieh gibt ein Fleisch von für den bisherigen Rindfleischmarkt weitgehend unbekannter Qualität. Ohne Kraft- und Mastfutter, ohne Antibiotika oder Hormone und ohne Einkreuzung mit importierten Tieren ist dieses Rindfleisch ein gesundheitlich einwandfreies Spitzenerzeugnis. Das Fleisch ist feinfaserig, fest im Biß, es schwindet nicht beim Anbraten und hat ein volles, an Wild gemahnendes Aroma.

Harzer Rotes Höhenvieh ist ein neuer Anreiz für die Harzer Gastronomie, es bietet neben der Qualität eine hohe regionale Identität. Mehrere Spitzenrestaurants der Region führten Aktionswochen durch: mit großem Erfolg! Die Nachfrage der Gäste konnte kaum gedeckt werden.

In der Vollendung der gegenwärtigen Aufbau- und Investitionsphase steht ein anspruchsvolles Ziel. Ein ökonomischer Kreislauf soll geschlossen werden: Agrarproduktion, Gastronomie, Fremdenverkehr, Naturschutz, Kulturlandschaftspflege und Art-Erhaltung. Naturschutz und Landschaftspflege sollen aus den Erträgen ihrer Produkte finanziert werden; diese Produkte, hier das Rindfleisch finden bevorzugten Absatz in der gehobenen Gastronomie und führen mit der Neuen Harzer Küche und dem Fremdenverkehr der Region neue Gäste zu. Das Landschaftsbild findet eine attraktive Belebung. Am Ende soll sich die „Harzer Rotviehzucht Düna“ als Vollerwerbsbetrieb tragen können.

Das Beste aus der Region
Von den buntesten Weiden der Region
Rindfleischspezialitäten im Harz

Bis dahin ist es ein weiter Weg. Der Bestand von derzeit insgesamt 128 Tieren ist mit anspruchsvollen Zuchtzielen im Aufbau und soll auf 120 Mutterkühe anfänglicher Produktionsgröße aufgebaut werden. Das dafür benötigte Grünland steht als Eigentum und Pachtland zur Verfügung. Der Stall für die Wintermonate soll im Naturschutzgebiet und als Modellprojekt mit Bildungsangebot für die Landschaftspflege und artgerechte Tierhaltung verwirklicht werden; so ist es mit der oberen Naturschutzbehörde abgestimmt. Der ökologisch wirtschaftende Betrieb will ein Modellprojekt werden für die „Neue Landwirtschaft“, der im Gefolge der BSE-Krise entwickelten neuen Agrarpolitik von Bund und Land. Auch hier heißt das Ziel: Klasse statt Masse!

In 2001 lief ein erstes Marketingvorhaben aus Fördermitteln im Land Niedersachsen zur Einführung des Produktes in der Gastronomie über das Beratungsunternehmen Futour, München, Dieter Popp, an, jener Gruppe, die bereits in der Rhön das dort fast ausgestorbene Rhönschaf wieder heimisch gemacht hat: Auf dem Teller und damit auch in der gewerblichen Schafhaltung.

Der Förderzeitraum des staatlichen bzw. kommunalen Naturschutzgroßprojektes Hainholz wurde 2000 abgeschlossen. Es umfaßte noch keine einzelbetrieblichen Maßnahmen. Unmittelbar darauf aufbauend folgt jetzt die Investitionsphase des privat initiierten Projektes Harzer Rotes Höhenvieh. Die Initiatoren sind überzeugt, daß es sich als Modellprojekt der neuen Agrarwirtschaft in Bund und Land bestens eignet.

HARZER ROTVIEHZUCHT DÜNA
FAMILIE WEHMEYER
DÜNA 16 – 37520 OSTERODE AM HARZ
TEL. (05522) 74854

[ www.roteshoehenvieh.com ]


Land & Forst 24 · 10.6.2004


Unmöglich! Oder doch nicht?

Rote bis dunkelbraune Haare, mittellanger Kopf mit breiter Stirn, langer gerader Rücken, kurzer fester Hals und langes breites Becken - welche Schönheit ist hier gemeint? Ergänzt man die Beschreibung um helles Flotzmaul, helle Hörner mit dunklen Spitzen und helle Schwanzquaste, wird vielleicht einiges klarer: Gemeint ist nämlich das Rote Höhenvieh, eine vom Aussterben bedrohte Rinderrasse.

Das Rote Höhenvieh umfasst die Restpopulationen des Vogelsberger, Wittgensteiner, Harzer und Vogtländischen Rotvieh. Der Herdbuchbestand entwickelte sich von drei Bullen und 67 Kühen (1998) auf 19 Bullen und 206 Kühen (2003). Inzwischen haben sich 32 Betriebe in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bayern dem Erhalt der seit 1890 in einem einheitlichen Herdbuch geführten Rasse verschrieben. Die Tiere sind optimal an das kärgliche und rohfaserreiche Futter der Gebirgswiesen angepasst und werden als genügsam und robust beschrieben.

Das Rote Höhenvieh kommt mit hofeigenem Futter gut aus, nicht umsonst wird diese Rasse auch „Hungerhaken“ genannt. Die Genetik wird in diesem Falle nicht ganz ausgefüttert.

Außergewöhnlich mutig
In den fünfziger Jahren begann in Ost- wie in Westdeutschland die Einkreuzung von Angler Rotvieh, Schwarzbunten und Roten Dänen, um die Milch­ und Fleischleistung der Tiere bei gleichbleibend geringen Ansprüchen an Futter und Haltungsbedingungen zu erhöhen. Der Versuch misslang und führte fast zu einer Auslöschung der traditionsreichen Rasse. In den achtziger Jahren wurden in einer Besamungsstation unerwartet 60 Portionen von 25 Jahre altem Sperma eines Roten Höhenviehbullen gefunden und damit der Grundstein für den Erhalt der Rasse gelegt. Deren Bedeutung liegt heute in der umweltschonenden Pflege der Gebirgslandschaften mit empfindlichem Trockenrasen und Leistung aus wirtschaftseigenem Futter, weshalb die Tiere hauptsächlich in der extensiven Mutterkuhhaltung eingesetzt werden.
Gerade in der Landwirtschaft schlagen viele Betriebe heute den Weg vom Haupt- in den Nebenerwerb ein. Einen ehemals im Nebenerwerb geführten Betrieb auf den Haupterwerb umzustellen - mit dem Roten Höhenvieh als wesentlichem Standbein - scheint da wenig Erfolg versprechend zu sein. Unmöglich?
Nicht ganz, wie Daniel Wehmeyer, Junglandwirt aus Düna/Osterode im Harz beweist. Er leitet seit 2002 den elterlichen Betrieb, welcher im selben Jahr die Zertifizierung einer ökologischen Bewirtschaftung bekam. Vater Dieter Wehmeyer führte die langsam entstandene kleine Landwirtschaft immer nur nebenbei und auch jetzt sind heide Elternteile noch außerhalb der Landwirtschaft beschäftigt. „Schon im Kindergarten habe ich davon geträumt, hauptberuflich Landwirt zu werden. Der Traum hat sich erfüllt“, so Daniel Wehmeyer. Nach der landwirtschaftlichen Lehre und dem Fachabitur rundet er zurzeit seine Ausbildung mit dem Besuch des Meisterkurses ab.
Seit 1998 sind die Wehmeyers dabei, Rotes Höhenvieh zu kaufen. Inzwischen haben sie insgesamt 130 Tiere. Die Mutterkuhherde besteht aus 30 Kühen mit Nachzucht und wird auf 160 ha Grünland gehalten. Neben eigenen und privat gepachteten Weiden steht die Herde auch auf Flächen des Landkreises und der Bezirksregierung, die auf diese Weise gepflegt und den Wehmeyers deshalb zum Teil pachtfrei zur Verfügung stehen. Ein Großteil davon ist moorig, von Steinen und Bächen durchzogen, hat Steilhänge oder liegt im angrenzenden Naturschutzgebiet „Gipskarstlandschaft Hainholz“ (siehe Info-Kasten). Sie bieten keine Grundlage für eine intensive Bewirtschaftung und legen eine ökologische Betriebsausrichtung nahe. Zusätzlich werden 15 ha Ackerland hauptsächlich mit Hafer, Roggen, Weizen, Ackerbohnen, Erbsen und Kleegras bewirtschaftet. Durch hohe Schluff- und Tonanteile haben die Böden im Schnitt 76 Bodenpunkte bei 800 mm Jahresniederschlag. So wird es möglich, trotz Höhenlage 45-50 dt Weizen zu ernten.

Info
Das Naturschutzgebiet Gipskarstlandschaft Hainholz umfasst die letzte noch intakte Kulturlandschaft auf Gips in Niedersachsen. Die typisch „buckelige“ Landschaft entsteht durch die partielle Auswaschung der wasserlöslichen Gipseinlagerungen und dadurch einstürzenden Höhlen (Erdfälle) und Spalten (Dolinen). Eine solche Landschaft ist somit nur für die Gipsindustrie oder extensive Landwirtschaft nutzbar. Im Falle des Hainholzes hat sich ein reizvolles Naherholungsgebiet entwickelt, in welchem seltene Pflanzen und Tiere wie z. B. Orchideen, Enzian oder Schmetterlingsarten einen geschützten Lebensraum finden.

Empfindliche Hochwiesen
Die Mutterkuhherde der Wehmeyers wird im Frühjahr auf die Weide gefahren und dann, teilweise mit Pferden, von Fläche zu Fläche getrieben. Im Winter stehen die Tiere in einem erst vor einem halben Jahr fertiggestellten Außenklimastall. „Den Rindern macht die Kälte nichts aus, die könnten das ganze Jahr draußen bleiben. Aber die Wiesen leiden darunter, außerdem ist dann die Wasser- und Futterversorgung und die Kontrolle der Herde durch Schnee und Eis sehr mühsam und zeitaufwändig“ , erklärte der junge Betriebsleiter kürzlich vor einer Gruppe von Mutterkuhhaltern aus Norddeutschland den Grund für die Investition.
In dem offenen und gut temperierten Stall hat jedes Tier einen eigenen Fressplatz. Der hintere Bereich wird alle drei Tage mit zum Teil zugekauften Stroh eingestreut und dient als Liegefläche. In den großen abgetrennten Boxen stehen je 8 bis 10 Kühe bzw. 25 Rinder zusammen. Der Mist aus dem hinteren Teil wird nach vorne getreten und dort täglich abgeschoben. Auf diese Weise muss nur einmal im Jahr gemistet werden, gleichzeitig steht hofeigener Dünger für die kargen Bergwiesen des Oberharzes zur Verfügung. Hier müssen allerdings die strengen Auflagen für Naturschutzgebiete beachtet werden, so dass manche Flächen gar nicht gedüngt und nur einmal gemäht werden dürfen. Von den 160 ha können nur 70 ha ein zweites Mal geschnitten werden. Die Herde wird im Sommer gar nicht zugefüttert, im Winter erhalten die Tiere Heu, Grassilage und ein wenig Hafer aus dem eigenen Betrieb.
Die Mutterkühe kalben vor allem im Frühjahr, um Arbeitsspitzen zu vermeiden. Mit den Geburten gibt es kaum Probleme. Die Kühe kalben in der Regel ohne Hilfe und sind dabei in der Gruppe auf der Weide. Im Stall steht für alle Fälle aber auch eine separate Abkalbbox zur Verfügung. Die Bullenkälber kommen später auf die saftigeren Standorte, während die Kuhkälber auf den trockeneren Flächen hauptsächlich von der reichlich vorhandenen Muttermilch zehren.

Potential der Vermarktung
Die Umstellung vom Neben- auf den Hauterwerb war nicht leicht, gibt Wehmeyer zu. „Wir haben uns gut überlegt, welches Potential in den problematischen Verhältnissen des Harzes liegt und haben bald damit angefangen, zugekauftes Harzer Höhenvieh direkt zu vermarkten. Der Betrieb lebt außerdem von den pachtfreien Flächen aus der Bergwiesenpflege, den Rassenerhaltungs­ und Ökoprämien und dem Verkauf von Heu an Pferde- und andere Mutterkuhbetriebe“ beschreibt Wehmeyer die ungewöhnliche Betriebssituation. In den nächsten Jahren kommen vor allem Investitionen in Maschinen auf den Junglandwirt  zu, da der Betrieb wegen der schwierigen geografischen Verhältnisse sämtliche Arbeitsgänge lieber selbst erledigt.
Die Vermarktung des Rindfleisches ist auf dem Betrieb in Düna ist ein zentraler Punkt des Erfolges. Zurzeit werden die Bullen mit maximal 25 Monaten und 300 bis 320 Kilo Schlachtgewicht zu einem regionalen Schlachthof gebracht. Das Fleisch wird hauptsächlich in Hälften an die Gastronomie vermarktet. Wichtigste Abnehmer sind zurzeit vier Restaurants in der Region, die zusammen etwa 15 Bullen pro Jahr brauchen.

Daniel Wehmeyer aus Düna/Osterode im Harz hat den elterlichen landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetrieb auf einen ökologisch produzierenden Haupterwerbsbetrieb umgestellt.

„Viele Gastronomen wissen heute nicht mehr, was sie mit den unedlen Teilen wie Rippen oder Bein anfangen sollen, und fragen nur Rücken, Teile der Keule, und Filet nach. Wir haben aber nun mal nur ganze Kühe auf der Weide und müssen zusehen, dass wir nicht auf den weniger beliebten Teilen sitzen bleiben“, so die Mutter des engagierten Betriebsleiters. Das Fleisch des Roten Höhenviehs ist mager und zart, hat eine dunkelrote Farbe und einen intensiven, fast wildähnlichen Geschmack. Die vier Gastronomiebetriebe können auch die unedlen Teile durch besondere Zubereitungen traditioneller Gerichte gut verkaufen. Hinzu kommt, dass mit der regionalen Herkunft und besonderen Haltungsform der Tiere auf der Speisekarte geworben werden kann.
Einen kleinen Teil des Fleisches verkaufen Wehmeyers auch an Freunde, Bekannte und Leute aus dem näheren Umfeld. An Zuversicht und neuen Ideen mangelt es Daniel Wehmeyer jedenfalls nicht. „Ich spiele mit dem Gedanken, im Sommer Schweine in den Kuhstall zu stellen, um den Raum über das Jahr hinweg besser auszunutzen. Über die konkrete Umsetzung muss ich mir in nächster Zeit Gedanken machen ...“.
Man kann gespannt sein, was daraus wird.

Angela Wegener

GPS-Koordinaten
N 51.6848° E 10.2835°