Die Geschichte des Sangerhäuser Kupferschieferbergbaus

Korte, Osterloh, Völker 1982

1. Das Kupferschieferflöz

Eine schwarze, bituminöse Gesteinsschicht von etwa 30 cm Mächtigkeit bildet die Voraussetzung für Jahrhunderte währenden Bergbau im Mansfelder und Sangerhäuser Gebiet.
Dieser bituminöse Mergel trägt den Namen "Kupferschiefer". Außer Kupfer sind in diesem Gestein aber noch andere Metalle enthalten, manche von ihnen nur in geringen Spuren. Es sind dies Blei, Zink, Silber, Kadmium, Vanadium, Wismut, Chrom, Molybdän, Wolfram, Nickel, Zinn, Kobalt, Gold, Platin, Paladium, Tridium, Rhenium, Selen, Germanium ....
Viele dieser Elemente haben erst in unserer Zeit größere Bedeutung erlangt. Deshalb gewinnt man heute das Erz nicht nur als Kupfererz.

Über dem Zechsteinkonglomerat gelegen, bildete der Kupferschiefer eine der tiefsten und und ersten Ablagerungen des Zechsteinmeeres. Das Meer war in dieser Epoche über ganz Mitteleuropa verbreitet, was sich aus den weiträumigen Ablagerungen des Kupferschiefers entnehmen läßt.
Die schlechte Durchlüftung des Wassers ließ ein Milieu entstehen, in dem sich am Meeresboden eine Faulschlammschicht bildete, infolge des Fäulnisprozesses wurde viel Schwefelwasserstoff angereichert. Dieses lebensfeindliche Milieu führte zu einem großen Fischsterben. Viele Fischabdrücke in den Kupferschieferlagen beweisen das.
Das Meerwasser selbst war reich an gelösten Metallsalzen. Diese wurden durch die gebirgsabtragenden Flüsse und durch untermeerische vulkanische Aktivitäten in das Wasser gebracht. In den Faulschlammablagerungen wurden Bakterien wirksam, welche hier ein gutes Lebensmilieu fanden. Sie erzeugten Schwefelwasserstoff. Dieser wiederum reagierte mit den im Wasser gelösten Metallsalzen und verband sich zu sulfidischen Erzen. Diese wurden fein verteilt in den Faulschlamm eingebettet. Der Schlamm verfestigte sich.

Im Zuge der weiteren erdgeschichtlichen Entwicklung veränderte sich das Meer und es lagerten sich anders geartete Schichten darüber.

Im Mansfelder und Sangerhäuser Gebiet wurde der Kupferschiefer von einer 4 bis 6 Meter mächtigen Karbonatschicht, dem sogenannten Zechsteinkalk, bedeckt. Hierauf folgten die mächtigen Ablagerungen des Werraanhydrits, der infolge seiner nahen Lage zum geklüfteten und deshalb gut wasserführenden Zechsteinkalk und seiner guten Wasserlöslichkeit jene großen unterirdischen Hohlräume bildete, die den Bergleuten einerseits Furcht und Schrecken einjagten, andererseits bewußt gesucht wurden.

In der weiteren erdgeschichtlichen Entwicklung wurde das Kupferschieferflöz in seiner einheitlichen Lage durch tektonische Vorgänge zerbrochen und zerstückelt. Einzelne Schollen wurden in der Lage gegeneinander verschoben. Abtragende und auslaugende Kräfte legten die Schicht an den Muldenrändern frei. Damit waren die Voraussetzungen geschaffen, daß der Mensch in seiner Entwicklung auf dieses eigentümliche Gestein aufmerksam wurde.
 

2. Der Beginn und die Entwicklung des Bergbaus

Der Beginn des Kupferbergbaus hüllt sich eigentlich recht ins Dunkle. In der Mansfelder Mulde wurden bei Wolferode auf alten Schmelzstellen steinzeitliche Werkzeuge gefunden (1). Es ist nicht unwahrscheinlich, daß grün und blaugefärbte Steine die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zogen. Das relativ einfache Schmelzen im Holzkohlefeuer wird den Menschen den Wert dieses schwarzen Steines aufgezeigt haben.
Schlackenfunde im Morunger Gebiet beweisen, daß auch in der Sangerhäuser Mulde eine ähnliche Entwicklung einsetzte.
Die Beweise sind noch spärlich, die Bearbeitung steht am Beginn.
Die erste gesicherte Nachricht über den Bergbau im Gebiet von Sangerhausen stammt vom 25. Januar 1006 aus einer Schenkungsurkunde des Kaiser Heinrich II.
Der Bergbau konzentrierte sich damals hauptsächlich auf Gold und Silber.

1388 wird erstmals ein Kupferbergwerk bei Sangerhausen erwähnt. der Bergbau wurde in dieser Zeit noch von ansässigen Bauern betrieben. Das Erz wurde ausschließlich am Ausgehenden ab gebaut. Es wurden kleine Gruben in das Gestein getrieben und die gesamte Landschaft im Bereich des Ausgehenden des Kupferschieferflözes in ein einziges Kraterfeld verwandelt.
Die "Eigenlehner" lieferten das abgebaute Erz auf den Hütten ab. der 10. Teil des Ertrages mußte als Zins dem Landesherren abgegeben werden. In gleicher weise mußten die Hütten einen Hüttenzins liefern. So gelangten die Landesherren durch den Bergbau zu Reichtum.
1382 wurde dem Landgrafen Balthasar von Thüringen Sangerhausen zugesprochen (2). Der Landgraf förderte die Entwicklung des Sangerhäuser Bergbaus. Er verlieh Abbaurechte an Pächter, die zugleich seine Beamten waren (2).
Man hatte das Ausgehende völlig abgebaut und war nun gezwungen, mit dem Einfallen der Schichten die Pingen immer weiter weg vom Ausgehenden und damit immer tiefer zu treiben. Kleine Schächte entstanden. Man mußte bereits die darüberliegenden Schichten durchteufen. Es wurden nun auch nicht mehr nur Pingen angelegt, man unterhöhlte die Ränder der Pingen weitgehend. Erste Abbaustrecken kleineren Umfangs entstanden. Damit traten neue technische Probleme auf.
Es ging nicht mehr ohne Beleuchtung und erste künstliche Bewetterungen.

Bergbau und Verhüttung wurden durch Berg- und Hüttenordnungen geregelt. Hierin waren genaue Festlegungen über die Belehrung, den Schachtbau, Grenzziehungen, Holzhandel, Strafgesetz bei Verstößen und Gewinnung und Verhüttung des Erzes enthalten.

Fachkundige Bergleute aus anderen Bergbaugegenden wanderten in das Sangerhäuser Gebiet ein. Berg- und Hüttenleute erhielten besondere Privilegien. Beispielsweise durften sie Bier brauen, mit Bergbaugeräten frei handeln, Fischen und Wochenmärkte abhalten.

Die Standorte der Hütten zum Schmelzen des Erzes waren an natürliche Gewässer gebunden. Die Wasserkraft trieb die Fachwerke zum Zerkleinern des Erzes. Die Hütten lagen damals zwischen Obersdorf, Gonna und Sangerhausen an der Gonna.

Man mußte beim Abbau immer weiter in die Tiefe gehen. Damit begannen die größten Schwierigkeiten des Bergbaus, die Konfrontation mit dem Wasser. Es begann mit einfachen manuellen Schöpfeinrichtungen. Pferdegöpel waren bereits ein großer technischer Fortschritt.
Die Meisterung dieser Schwierigkeiten erforderte Geld und Initiative. Ende des 15. Jahrhunderts machen sich frühkapitalistische Verhältnisse bemerkbar. Bürgerliche Kaufleute treten als Teilhaber des Bergbaus auf.
Technischer Fortschritt und ein Aufblühen des Sangerhäuser Bergbaus ist zu verzeichnen. 1544 schied Herzog Georg als Teilhaber aus. Die Gebrüder Straube wurden nun alleinige Besitzer des Sangerhäuser Bergbaus. Unter ihrer Leitung entwickelte sich ein moderner, produktiver Bergbau.
In der Zeit von 1545 bis 1563 wurden 15 548 Zentner Garkupfer verkauft. Jährlich mußten etwa 5000 Gulden für die Wasserhaltung aufgebracht werden. Der Kupferpreis betrug damals 10 Gulden je Zentner Kupfer.

Der Abbau erstreckte sich weiter in die Tiefe. Die Wasserhaltungsprobleme ließen sich technisch und ökonomisch kaum noch lösen. So kam es zu dem Plan, einen Wasserlösestollen für den Sangerhäuser Bergbau aufzufahren und damit das Problem zu lösen. 1564 mußten die Brüder Straube wegen der damit verbundenen hohen Kosten aufgeben. Der Landesherr übernahm den Bergbau.
Der Wasserlösestollen wurde zwischen Sangerhausen und Obersdorf an der Gonna angesetzt und nach Norden vorangetrieben. Im Jahre 1625 erreichte dieser Stollen mit einer Länge von 2 511,6 m in einer Teufe von 31 m das Flöz. Auf einer Länge von 2,5 km wurden 20 Lichtlöcher geteuft, um die Förderung zu betreiben und die Wetterführung zu ermöglichen.

In dieser Zeit von 1619 bis 1630 wurden jährlich 500 Zentner Kupfer gewonnen, welches einen Silbergehalt von je 8 Lot (1 Lot = 16,4 g) hatte.
Die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges brachten 1634 ein Erliegen des Bergbaus. Bergwerke und Hütten verfielen. Der Gonnaer Stollen hatte bis dahin eine Länge von 6 279 m.

Erst 1675 wurde der Bergbau im Sangerhäuser Revier durch den Herzog August von Sachsen - Weißenfels wieder aufgenommen. der verbrochene Gonnaer stollen wurde wieder aufgewältigt und sogar teilweise neu aufgefahren. Unterhalb der Ortslage Gonna wurde eine neue Kupferhütte erbaut. Diese wurde 1676 fertiggestellt und in Betrieb genommen.
1677 ersuchten der Rat und die Bürgerschaft Sangerhausen den Herzog August von Sachsen um die Erlaubnis, selbst Bergbau treiben zu können. Die somit gegründete Sangerhäuser Gewerkschaft besaß einen Teil des Sangerhäuser Bergbaus. Sie baute eine neue Kupferhütte auf dem Gebiet der heute bekannten Kupferhütte. Die heute bekannte Kupferhütte wurde erst 1835 erbaut. Das Sangerhäuser Bergamt befand sich im Rathaus. In den nachfolgenden Jahrzehnten wechselten die Besitzer des Sangerhäuser Bergbaus häufig.
1728 wurde der Kunstteich bei Wettelrode angelegt. Das Wasser wurde über ein Graben- und Stollensystem den Schächten zugeführt. Wasserkünste ermöglichten hier die mechanische Schachtförderung.
Da die Transportkosten für Holzkohle immer größer wurden, begann man 1750 mit dem Braunkohlenbergbau bei Riestedt - Emseloh. Zunächst wurde dort ein Stollen vorgetrieben, 1764 teufte man mehrere Schächte. Bis 1894 wurde Braunkohle abgebaut.
1755 wurde die Elisabethschächter Schlotte entdeckt.
In dem westlichen Teil des Heiligenborner Reviers ist an den Gonnaer Stollen noch nicht zu denken.

Eine Entwässerung des Bergbaus ist hier äußerst schwierig.
Die Bergleute haben aber gelernt, das Karsterscheinungen dem Wasser oft eigenartige und ungeklärte Abflußbahnen öffnen.
Aus bekannter Erfahrung suchten sie hier unter den zahlreichen Oberflächen - Karsterscheinungen eine Höhle und fanden sie.
der Plan ging auf, das Wasser verschwand auf geheimnisvolle Weise (3).

1760 übernahm das Bankhaus der Gebrüder Bethmann das Sangerhäuser Bergwerk. Bis 1825 blieben sie im Besitz und pachteten auch den Betrieb der Sangerhäuser Gewerkschaft einschließlich der Schmelzhütte.
1825 begannen die Mansfelder Gewerkschaften einen Teil des Sangerhäuser Bergbaus zu erwerben. 1832 brachten die Mansfelder Gewerkschaften den ganzen Sangerhäuser Bergbaubezirk in ihr Eigentum. Das Sangerhäuser Bergamt wurde aufgelöst.

Mit der Einführung kapitalistischer Produktionsmethoden stieg nun die Förderung bedeutend an. Der Gonnaer Stollen, als Wasserlösestollen das wichtigste Glied der Grubenbaue, stand östlich bei 2720 m Länge vor einem erzarmen Rücken. Er wurde noch 314 m weiter vorangetrieben und dann 1828 mit 3034 m Länge eingestellt.
Der westliche Flügel des Stollens wurde weitergetrieben.
Damit erreichte man wieder die Elisabethschächter Schlotte und versetzte einen Teil der Höhle mit Haufwerk. 1848 wurde auch der westliche Stollenflügel bei 7 846 m Länge eingestellt, weil auch hier kein bauwürdiges Erz mehr angetroffen wurde.
Der Gonnaer Stollen erreichte damit eine Gesamtlänge von Querschlag und beiden Stollenflügeln eine Länge von 13 391 m. Unterhalb des Gonnaer Stollens wurde bereits an einigen Stellen Bergbau betrieben und das Wasser mittels Pumpen auf das Niveau des Gonnaer Stollens gehoben.
1845 teufte man das seit 1819 auf dem Gonnaer Stollen stehende Lichtloch um weitere 21 m ab und schuf damit den damals modernen Karolusschacht mit 140 m Teufe (4).

Das im Tiefbau anfallende Wasser wurde durch einen Querschlag zum Karolusschacht geleitet. In diesen wurde eine Wassersäulenmaschine eingebaut und damit das Wasser der Tiefbaue auf das Niveau des Gonnaer Stollens gehoben, von wo aus es allein abfließen konnte. Die Wasserkraft für das Betreiben der Wassersäulenmaschine lieferte das Wasser des Kunstteiches. Dieser wurde, da er total verfallen war, 1843 wieder erneuert und vergrößert. Bis 1855 wurde dieser Tiefbau betrieben. Zu dieser Zeit war der neue, tiefer gelegene Wasserlösestollen, der Segen-Gottes-Stollen, bereits fertiggestellt, so daß die Wasserhebung durch den Karolusschacht entfallen konnte.

Der Segen-Gottes-Stollen wurde am 25. Oktober 1830 westlich von Sangerhausen an der Gonna begonnen und in nördliche Richtung vorangetrieben. Er sollte in 25 Jahren  auf einer Länge von 4 903 m mit 11 Lichtlöchern aufgefahren werden. Das Flöz sollte in einer Teufe von 46 m unterhalb des Gonnaer Stollens erreicht werden.
Bis zum achten Lichtloch verlief die Auffahrung normal.
1838 kam es zu einem starken Wassereinbruch. Erst 1842 konnten die weiteren Auffahrungsarbeiten fortgesetzt werden.
Bei der Stollenauffahrung wurden verschiedene Neuerungen erprobt. So setzte man beim Teufen des 7. Lichtloches 1835 erstmalig ein Drahtseil ein. Seilermeister Reißner aus Sangerhausen hatte es nach einem Freiberger Vorbild gefertigt. Es bewährte sich so gut, daß man hier bei der Verwendung von Drahtseilen blieb.
1841 wurden erstmals Blechröhren (Lutten) zur künstlichen Bewetterung eingesetzt. 1847 wurde beim Teufen des 10. Lichtloches das von NITSCH erfundene Bohrgerät eingesetzt. Man bohrte von übertage das Lichtloch vor. Anschließend wurde das Bohrloch verrohrt, um das Wasser in den Stollen abfließen zu lassen. Danach teufte man das Lichtloch ohne Wasserbehinderung ab.
1854 stieß man bei weiteren Vortriebsarbeiten auf eine Schlotte. Die Segen-Gottes-Schlotte war gefunden worden. Ein dreiviertel Jahr verhinderten Wasserzuflüsse und schlechte Wetter aus der Schlotte jede weitere Arbeit (5).
Als sich Wasser und schlechte Wetter weitestgehend verzogen hatten, nutzte man die Schlotte, um Haufwerk vom Stollenvortrieb abzulagern. Zu diesem Zweck wurde ein Hochbruch aufgefahren und mit einem einmännischen Haspel wurden die Kübel in die Schlotte gezogen. Das Haufwerk wurde mit einem Karren verteilt.

Um den erlittenen Zeitverlust beim Stollenvortrieb aufzuholen, wurde vom Gonnaer Stollen eine einfallende Strecke (Flachen) bis zum Niveau des Segen-Gottes-Stollens aufgefahren. Hier begann man von der anderen Seite her, dem Stollenvortrieb von außen entgegenzuarbeiten.
1855 wurde man durchschlägig, der Stollen war nach 25 Jahren mit einer Länge von 4 942 m und einem Kostenaufwand von 187 741 Talern, 18 Groschen und 8 Pfennigen fertiggestellt. Danach wurde ein westlicher Stollenflügel mit einer Länge von etwa 2000 m vorgetrieben.
1848 wurde diese Arbeit eingestellt. Am Ende des westlichen Stollenortes wurde 1849 der Stollenschacht abgeteuft.
Der Gonnaer Stollen hatte durch den Segen-Gottes-Stollen seine Bedeutung verloren.
1856 wurde in das Flache vom Karolusschacht bis zum Segen-Gottes-Stollen eine moderne Wassergewichtsförderung eingebaut. Ein gefüllter Wasserwagen zog mit seinem Gewicht über ein Umlenkgetriebe einen leeren Wasserwagen, auf dem ein gefüllter Erzhunt aufgesattelt war, das Flache hinauf.
Unten angekommen, wurde der Wagen entleert und das Spiel kehrte um.
Der Segen-Gottes-Stollen wurde auch nach Osten aufgefahren.
Östlich des Karolusschachtes wurde 1853 der Johannschacht mit einer Teufe von 121 m angelegt.
Der Johannschacht wurde ebenfalls an die Wasserzuleitung des Kunstteiches angeschlossen, um mit Wasserkraft das Erz fördern zu können.

Von 1871 bis 1873 teufte man den Röhrigschacht bis zum Segen-Gottes-Stollenniveau. 1876 wurde der Röhrigschacht bis zu einer Endteufe von 295 m niedergebracht. Von ihm aus fuhr man einen Querschlag von 529 m Länge im Liegenden auf und erreichte danach wieder das Flöz. Daran anschließend wurde die 1. Sohle mit etwa 1500 m Länge aufgefahren. Mit dieser Maßnahme war man 119 m unter das Niveau des Segen-Gottes-Stollens gekommen. Die Wasserhaltung erfolgte über ein Pumpensystem auf dem Segen-Gottes-Stollen. Der östliche Stollenflügel des Segen-Gottes-Stollens wurde nach etwa 2700 m Länge ab 1878 nicht mehr weiter vorangetrieben.
1880 brach der größte und modernste Schacht im Sangerhäuser Revier, der Karolusschacht, zusammen. Ursache dafür war eine Schlotte in unmittelbarer Nähe der Schachtröhre. Das alte Schachtprofil weist diesen Schlottenbruch aus.
Nun verlagerte sich der Abbauschwerpunkt zum Röhrigschacht.
570 Mann waren im Bergbau beschäftigt, die jährliche Abbaufläche betrug 41 000 m², es wurden 16 383 t Erz gefördert. Bei einem Kupfergehalt von 18,6 kg/t und einem Silbergehalt von 0,05 kg/t ergibt sich eine Jahresproduktion von 304 724 kg Kupfer und 819 kg Silber. Das war die höchste Jahresproduktion seit Bestehen des Sangerhäuser Bergbaus. Die Gesamtproduktion der Jahre 1860 bis 1885 betrug 211 898 066 t Erz.

Der Kupferpreis sank in den kommenden Jahren erheblich. Der Sangerhäuser Bergbau brachte der Mansfeld AG keinen Profit mehr.
Am 1. Oktober 1885 wurde der Bergbau im Sangerhäuser Revier völlig eingestellt. Die Hütten schlossen nach Aufarbeitung ihrer Haldenbestände im Herbst 1887.
557 Bergarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. Ein Teil von ihnen mußte die Familie verlassen, um im Eislebener Raum Arbeit zu finden. Auf der Suche nach neuen Abbaufeldern wurden 1914 in der Umgebung von Großleinungen und 1922 nordöstlich von Sangerhausen Bohrlöcher niedergebracht.
1922 teufte man östlich von Pölsfeld den Barbaraschacht mit 124 m Teufe. 1923 waren dort 150 Arbeitskräfte beschäftigt. Da die Kupferführung nicht den Erwartungen entsprach, wurde der Schacht wieder stillgelegt. 1924 wurde der Röhrigschacht wieder in Betrieb genommen.
Die Weltwirtschaftskrise führte 1930 zu einer erneuten Schließung des Schachtes.
1935 bis 1940 wurde nördlich von Sangerhausen ein neues Abbaufeld erkundet. 1942 begann man mit der Sümpfung des Röhrigschachtes. Im Mai 1944 wurde mit dem Abteufen einer neuen Schachtanlage, dem heutigen Thomas-Münzer-Schacht, begonnen. Diese Arbeiten wurden im April 1945 bei einer Teufe von 52 m eingestellt.
 

3. Die Entwicklung des neuen Bergbaus und seine Perspektive

Der neue Schacht in Sangerhausen, welcher im April 1945 bei einer Teufe von 52,35 m eingestellt und unter Wasser gesetzt wurde, befand sich in einer Obstplantage auf dem Brühlberg nördlich von Sangerhausen.

Schon bald nach dem Kriegsende wurden Verhandlungen zur Wiederaufnahme der Teufarbeiten geführt. Am 09.05.1947 war es dann soweit, daß mit der Sümpfung des Schachtes begonnen wurde. Nachdem am 22.05.1947 die Schachtsohle frei von Wasser war, wurden am 01.06. 1947 die Teufarbeiten wieder aufgenommen.
Enorme Schwierigkeiten bei dem Teufen bereiteten die großen Wasserzuflüsse, welche bei 85 m bis auf 1000 l/min anstiegen. Besondere Wasserzubringer waren die Rogensteinbänke des Buntsandsteins.
Für die Aufnahme des späteren Abbaues im Nordfeld des Schachtes war die Schaffung des Flucht- und Wasserweges wichtigste Voraussetzung. Aus diesem Grunde wurde am 01.04.1948 die Auffahrung vom Röhrigschacht zur Schachtanlage Sangerhausen wieder aufgenommen.
Am 28.07.1949 wurde bei einer Teufe von 433,3 m der Füllortausbruch begonnen und im Oktober des gleichen Jahres das Kupferschieferflöz mit einem Querschlag angefahren.
Um einen zukünftigen Abbau im Südfeld bei den aus der Erkundung bekannten Teufenlagen ökonomisch zu gewährleisten, gingen die Überlegungen noch während der Teufarbeiten des Sangerhäuser Schachtes dahin, diesen gleich weiter auf ein tieferes Niveau als nur bis zur 456 m Sohle niederzubringen.
Die Fortsetzung der Teufarbeiten zur 7. Sohle erfolgten am 04.03.1950 von der 456 m-Sohle aus und wurde Ende 1952 mit einer Teufe von 656 m beendet. Im darauffolgenden Jahr erhielt der Schacht seine endgültige Teufe von 686 m.
Der gesamte Abschnitt von der 5. Sohle bis auf seine Endteufe steht in den Gesteinen des Rotliegenden und Oberkarbons.

Anläßlich der 750 - Jahrfeier des Mansfelder Kupferschieferbergbaus wurde am 03.09.1950 der Schachtanlage in Sangerhausen durch den Vorsitzenden der SED-Landesleitung Sachsen-Anhalt der ehrenvolle und verpflichtende Name 

" Thomas Münzer "

verliehen.
1951 begann man mit dem Aufbau der Tagesanlagen.

Die ersten Ausbauflügel wurden bereits im Juni 1951 in der 2. Sohle angehakt, wobei die Förderung über den Röhrigschacht erfolgte.

Mit dem Durchschlag der im Gegenort aufgefahrenen Wetterverbindung zwischen dem Thomas-Münzer- und Röhrigschacht am 09.08.1951 konnte mit dem Abbau des Nordfeldes, welches sich von Sangerhausen bis nach Wettelrode erstreckt, begonnen werden. Der erste Förderwagen, gefüllt mit Kupferschiefer, kam am 09.09.1951 aus dem Thomas-Münzer-Schacht ans Tageslicht.

Zunächst erfolgte der Abbau ausschließlich mit Huntestrebtechnologie. Bei diesem Verfahren wird das 30 bis 35 cm mächtige Kupferschieferflöz mittels Abbauhammer herausgehackt. In das darüber befindliche taube Gestein werden Sprenglöcher gebohrt und der Streb auf die erforderliche Höhe von 70 bis 90 cm gesprengt. Das Laden des anfallenden Haufwerkes erfolgt mit der Schaufel, wobei ein Teil des tauben Gesteins wieder versetzt wird. Das Abfördern des Schiefers und des nicht zu versetzenden tauben Gesteins wird mit Hunten durchgeführt. Für den Transport in den Strecken sind Förderwagen mit einem Rauminhalt von 450 l eingesetzt.

Am 01.11.1955 wurde die erste Mechanisierungsanlage in Betrieb genommen. Hierbei handelte es sich um ein Plattenband, welches durch die einzelnen Glieder in die bogenförmige Strebe eingebaut werden konnte.
Die bogenförmige Strebstellung war auch der Grund, daß außer dem Plattenband und dem 1961 eingesetzten Einschienenförderers eine weitere Mechanisierung nicht möglich war. Bei beiden Abbauverfahren muß das Erz mit dem Abbauhammer gewonnen und mit der Schaufel auf den Förderer geladen werden, was beides bei Strebhöhen von 0,8 bis 1,0 m körperlich schwere Arbeit darstellt.

Nach der Füllortauffahrung in der 7. Sohle bei einer Teufe von 655,4 m und der Schaffung eines Wetterringes zur 5. Sohle konnte im August 1957 mit dem Abbau des Südfeldes, welches sich bis nach Oberröblingen erstreckt, begonnen werden.

Hier wurde 1960 ein Streb mit einer geraden Verbaulinie aufgefahren. Mit diesem geraden Streb war die Voraussetzung für den Einsatz eines Schrappers und somit für die mechanische Beladung der Transportmittel gegeben.

Diese Geradstrebabbaumethode stellt noch heute den Hauptanteil aller mechanischen Abbauverfahren.
Eine weitere wichtige Fluchtweg- und Wetterverbindung wurde mit dem Durchschlag zur 7,1 km südlich liegenden Schachtanlage "Bernhard Koenen" in Niederröblingen am 16.09.1961 geschaffen.

Der Abbau des Nordfeldes verlagerte sich in der späteren Zeit immer weiter nach Westen. In den Jahren 1958 bis 1973 wurde unterhalb von Pfeifersheim abgebaut und an 1963 nördlich der Reichsbahnlinie zwischen Sangerhausen und Wallhausen.
1967 begann der Abbau nördlich von Wallhausen bis zum Buchberg.
Die Verlagerung des Abbaues nach Westen in Richtung Hohlstedt in das Niveau der 6. Sohle machte es erforderlich, das der Schacht mit dieser Sohle angefahren werden mußte. Im Mai 1969 war der Beginn für die Auffahrung zur Herstellung des Füllortes 6. Sohle bei einer Teufe von 572,8 m.
Außerdem erfolgte im Oktober des gleichen Jahres der Beginn des Bohrschachtes I in Brücken, welcher mit dem späteren Bohrschacht II als ausziehender Wetterschacht und als Fluchtweg dient.

Die Fertigstellung des Füllortes 6. Sohle bedingte 1972 die Einstellung der Schachtförderung zur 7. Sohle und am 02.01.1973 erfolgte die Umstellung zum Füllort der 6. Sohle.

Eine wesentliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen trat mit der Einführung des Schälschrapperstrebbaues im September 1975 ein. Bei diesem Abbauverfahren wird das Flöz mittels Schneidwerkzeugen mit einem hohen Andruck in einer Mächtigkeit von 18 bis 22 cm herausgeschrämt. Mit diesem Abbauverfahren ist für das dort eingesetzte Gewinnungspersonal die körperlich schwere Strebarbeit weggefallen, da hier vorwiegend nur die Schrappwinde zu bedienen ist.

Nachteilig bei diesem Verfahren ist, daß es nur in Feldesteilen einzusetzen ist, wo die Vererzung nicht über die technologisch mögliche Schrammhöhe geht und keine größeren Störungen vorhanden sind.

Eine weitere neue Abbaumethode für den Kupferschieferbergbau stellt das 1977 eingeführte Strebbruchbauverfahren dar. Bei diesem Verfahren wird nicht wie an anderen Streben Versatz eingebracht, sondern das Hangende wird planmäßig zu Bruch geworfen. Dieses Abbauverfahren schaffte Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für die Werktätigen, da einige Arbeitsverrichtungen, u.a. die Arbeit mit Preßluftwerkzeugen, weggefallen sind.

Für die Perspektive erhält der Thomas-Münzer-Schacht einen Zuwachs an bauwürdigen Feldesteilen, welche durch Bohrungen, untertägige Auffahrungen und Kenntnissen aus dem Altbergbau bestätigt sind.

So wird östlich von Sangerhausen im Bereich der Walkmühle ein neues Abbaufeld entstehen, welches gegenwärtig vor dem Abschluß der Erschließungsarbeiten steht.
Weitere Feldesteile entstehen im Bereich des Buchberges, welcher zwischen Sangerhausen und Großleinungen liegt, in der Gegend von Hohlstedt und bei Martinsrieth in Richtung Oberröblingen.

Die zur Zeit erkundete Perspektive des Sangerhäuser Kupferschieferbergbaus gestattet die Feststellung, daß auch noch im Jahr 2000 Kupferschiefer gefördert werden kann und sich damit 1000 Jahre Bergbau in diesem Gebiet zu einem würdigen Jubiläum runden.

4. Verwendete Literatur
 
(1)EISENHUTH, KAUTSCH
Handbuch für den Kupferschieferbergbau
Fachbuchverlag Leipzig 1954
(2)Veröffentlichungen des Spengler Museums Sangerhausen
Heft 7 /1982
STRAUBEL S. 60 - 63
(3)VÖLKER
Die Elisabethschächter Schlotte
Karstmuseum Heimkehle und Arbeitskreis
Höhlen- und Karstforschung beim Kulturbund der DDR 1982
(4)Festschrift zum 10. Deutschen Bergmannstag
Mansfelder Kupferschieferbauende Gewerkschaft zu Eisleben 1910
(5)VÖLKER
Die Segen-Gottes-Schlotte
Karstmuseum Heimkehle 1982
(6)Verschiedene Archivunterlagen aus dem Bestand des Archivs des Karstmuseums,
darunter Kopien eines Berichtes über die Auffahrung des Segen-Gottes-Stollens