Renaturierung eines ehemaligen Sees und eines Baches im Untereichsfeld

- Ein Projekt des Landkreises Göttingen -


Schlammig: Seeburger See verlandet
Der Bach Aue entspringt im Göttinger Wald, und durchfließt östlich von Ebergötzen den Seeanger, einen ehemaligen See, bevor er den Seeburger See erreicht. Der Bach bringt bei starken Regenfällen große Mengen an Boden und Düngemitteln von den Äckern des Einzugsgebietes mit und lagert sie im Seeburger See ab. Dies trägt ganz erheblich zur Eutrophierung und Verlandung des Sees bei. Der Schlammkegel, der sich vor der Auemündung in den See schiebt, wächst jedes Jahr um ca. vier Meter. Mit der Verschlechterung der Wasserqualität verschwinden Tier- und Pflanzenarten aus dem Seeburger See.


Blick nach Osten vom Seeanger zum Lutteranger (Foto: C. Schwahn, Mai 1999)


Projekt: Schlamm aufhalten
Um den Prozess der Verlandung des Seeburger Sees zu bremsen, startete der Landkreis Göttingen 1988 das Projekt „Seeanger“. Die Aue soll im Seeanger wieder ihr ursprüngliches Bachbett erhalten, bei Hochwasser soll der Bach große Flächen im Seeanger überschwemmen. Der vom Bach mitgeführte Boden und anderes Erosionsmaterial lagert sich durch die verringerte Fließgeschwindigkeit im Gebiet des Seeangers ab und gelangt nicht mehr in den Seeburger See. Dafür werden die Ackerflächen im Seeanger zu extensiv genutztem Grünland oder zu Schilfflächen umgewandelt.
 

Wertvoll: Sumpfherzblatt und Fieberklee
Vor Projektbeginn 1988 gab es im Gebiet des Seeangers große ausgeräumte Ackerflächen sowie intensiv genutztes Grünland mit einigen feuchten Restflächen. Im Norden des Gebietes sind nach wie vor wesentlich vielfältigere und wertvollere Biotope vorhanden: Feuchtwiesen, Schilfflächen, Großseggensümpfe und ganz besonders artenreiche Kalk-Kleinseggensümpfe. Hier kommen so seltene Pflanzenarten wie der Fieberklee, das Sumpfherzblatt und die Draht-Segge vor. Einige dieser Arten sind auf Kalk im Boden angewiesen – der in der Retlakeniederung vorhandene Kalk wurde von der Aue aus ihrem Quellgebiet im Göttinger Wald „mitgebracht“. Auch zahlreiche gefährdete Tierarten wurden 1988 in den Feuchtflächen nachgewiesen: Brutvogelarten wie Braunkehlchen und Kiebitz, Heuschrecken wie die Sumpfschrecke und Tagfalter wie der Feuchtwiesen-Perlmutterfalter.
 

Geplant: Mehr Raum für die Aue
Die Karte zeigt die geplanten Maßnahmen, um die Aue und den Seeanger zu renaturieren:

  • Schaffung eines neuen Bachbettes für die Aue sowie Anschluss der jetzigen Retlake an diesen Bach. Stufenweise wird die Aue in ihr neues Bett verlegt und das alte Bett verschlossen, d.h. in einer Übergangszeit wird die Aue im neuenund im alten Bachbett fließen.
  • Verschluss von Gräben, um Flächen zu vernässen und um einen Abfluss der neuen Aue über tiefe Gräben zu verhindern.
  • Evtl. Errichtung eines Sandfanges, um ein Absetzen von Sand und Schlamm zu ermöglichen, bevor die Aue den Seeburger See erreicht.
  • Evtl. Errichtung eines Erdwalles im Süden des Gebietes und eines Leitdammes, um bei starkem Niederschlag ausreichend Wasser im Gebiet zurückzuhalten.
  • Ausbau von Wegen für landwirtschaftliche Fahrzeuge.


Seeanger: Zustand 1988 und Renaturierungsplanung

siehe auch: [ Historische Seelandschaft ]


Abgesenkt: Ehemals Westersee, heute Seeanger
Wie entstand der Seeanger? Seit Jahrmillionen löste der Niederschlag aus gipshaltigen Zechstein-Schichten Kalisalze heraus, es entstanden Hohlräume. Dadurch begannen vor ca. 10.000 Jahren darüberliegende Bodenschichten sich abzusenken – es entstanden der Seeburger See, der Luttersee und im Gebiet des heutigen Seeangers der Westersee.
Der See erreichte eine Größe von max. 15 ha. Ab dem 18. Jh. verlandete der ohnehin flache Westersee zunehmend auf Grund mehrfacher Verlegung des Auelaufs. Seit 1950 wurde durch Anlage immer tieferer Gräben und effektiver Drainagen im Seeanger die intensive ackerbauliche Nutzung ermöglicht. 1988 wurden ca. 69 ha von 150 ha des Gesamt-Projektgebietes als Acker genutzt.
 

Sichtbar: Erste Erfolge im Seeanger
Seit 1988 hat der Landkreis Göttingen im Projektgebiet Seeanger 92 ha Acker und Intensivgrünland erworben (Stand 1.1.1999). Diese Flächen stellt der Landkreis Göttingen Landwirten aus dem Raum Seeburg zur extensiven Grünlandnutzung zur Verfügung. Sie bewirtschaften die Flächen ohne Düngung als Grünland und erhalten dafür einen Zuschuss des Landkreises (siehe Faltblatt Vertragsnaturschutz). Die von den Landwirten praktizierte Mutterkuhhaltung hat viele Vorteile: der Landwirt hat wenig Aufwand mit dieser Haltungsform, der Naturschutz erhält artenreiche Wiesen und Weiden. Erfolge sind bereits sichtbar: Auf ehemaligen Ackerflächen entwickelt sich langsam eine Grünland-Vegetation, auf ehemaligen Brachflächen steigt die Artenzahl durch die Beweidung deutlich an. Im Jahr 1999 hat sich durch die Beweidung das Breitblättrige Knabenkraut auf Flächen ausgebreitet, auf denen es bisher nicht vorkam.
 

Zukünftig: Seeanger wieder feucht
In 10 Jahren könnte es einmal so aussehen: Die Aue schlängelt sich mit leichten Mäandern durch den Seeanger, nach Hochwässern gibt es immer wieder Uferabbrüche, die den Bachverlauf ändern. An der tiefsten Stelle des Seeangers hat sich eine schilfbestandene Wasserfläche herausgebildet, deren Größe stark schwankt. Daran grenzen Seggenbestände, die so nass sind, dass sie nur in trockenen Jahren gemäht werden können. Mäßig feuchte Wiesen werden von Mutterkuhherden beweidet, in denen Kühe, Kälber und ein Bulle in einer Herde laufen. Auf Teilflächen wird Heu gewonnen.
Die feuchten Wiesen haben sich am artenreichsten entwickelt mit gefährdeten Arten wie Sumpfdotterblume und Schlangen-Knöterich. In Feuchtwiesen brüten Braunkehlchen und Bekassine, im Röhricht die Rohrweihe. Bei sehr starken Regenfällen werden für wenige Tage bis zu 50 ha im Seeanger überflutet (Wasserstand 161,2 m über NN). Die Schlammfrachten setzen sich im Gebiet ab, die Aue transportiert kaum noch Schlamm und Dünger in den Seeburger See. Es ist ein Verbund von Feuchtgebieten entstanden: Seeburger See, Lutteranger und Seeanger.

Weitere Informationen erhalten Sie bei:
Landkreis Göttingen
Amt für Landschaftspflege,
Naturschutz und Landwirtschaft
Reinhäuser Landstr. 4, 37083 Göttingen
Tel. 05 51/5 25-3 75 und 05 51/5 25-3 45
Fax 05 51/5 25-123

GPS-Koordinaten
N 51.5746° E 10.1548°
(Seeanger im Westen)