Die Seelöcher

Zwei markante Erdfälle, die sogenannten Seelöcher, befinden sich zwischen Kleinwechsungen und Günzerode auf dem sogenannten Seeberge. Das große Seeloch hat einen Umfang von etwa 650 Metern und ist Wassergefüllt.

LIESEGANG gab seine Tiefe mit 24 bis 30 m an. Von einem späteren Autor, dessen Name aber nicht erkennbar ist, werden 17 m angegeben. Das kleine Seeloch ist trocken und mit Sträuchern und Bäumen bewachsen.

Im 19. Jahrhundert soll sich auf dem großen Seeloch eine schwimmende Insel befunden haben.

Auf der hercyn gerichteten Linie von der Salza-Quelle über Herreden, Steinsee, Liebenrode taucht der Zechstein unter den Buntsandstein ab. Durch die Heraushebung des Harzes hat sich eine hercyn ausgerichtete Stufenlandschaft gebildet. In dieser Richtung verläuft auch das Helmetal. Auffällig ist, daß rechts und links der Helme Großerdfälle auftreten. Diese können einmal von großer Tiefe und geringem Durchmesser sein, wie z. B. der Erdfall auf dem Rolandsberg bei Pützlingen oder ein großes Volumen repräsentieren, wie das Seeloch bei Hochstedt oder die Erdfallseen von Liebenrode. Die aus dem Harz kommenden Oberflächenwässer versinken. In großen Tiefen stoßen sie auf die Salzlager des Zechsteins und werden ablaugend tätig. Die relativ große Überdeckung des Buntsandsteins, in der Regel um 100 m, läßt in der Tiefe große Hohlräume entstehen. Ist die Tragfähigkeit dieser Hohlräume, die mit Salzlaugen gefüllt sind, überschritten, kommt es zum allmählichen Durchbrechen zur Tagesoberfläche. Es entstehen Großerdfälle.
Auf dem Seeberg südlich von Hochstedt liegen die drei Erdfälle Großes Seeloch, Kleines Seeloch und Moosloch. Von diesen ist nur das Große Seeloch wassergefüllt. Die anderen zeigen am Erdfallgrund eine Sumpflandschaft. Die Erdfälle sind in typischer hercyner Richtung angeordnet. Das große Seeloch hat eine max. Wassertiefe von 17 m und bedeckt ein Areal von 19500 m. Die mittlere Wassertiefe gibt HAASE mit 9 m an, so daß er ein Wasservolumen von 175000 m errechnet. Wasseranalysen lassen keinen Zusammenhang mit tiefliegenden Wässern aus dem Zechstein erkennen. Das Große Seeloch ist ohne Zu- und Abfluß. HAASE ermittelt ein Gesamterdfallvolumen von 750000 m und berechnet aus den Versenkungsmengen der Zorge und der Steina, daß für die Auslaugung dieses Hohlraums im Gips etwa 16000 Jahre notwendig gewesen wären. 1887 teufte die Preussische Bohrverwaltung in unmittelbarer Nähe des Großen Seelochs die Tiefbohrung "Hochstedt" ab. In ihr wurde kein Steinsalz im Zechsteinprofil mehr angetroffen. 1888 wird 500 m nordwestlich von Kehmstedt eine Bohrung niedergebracht, die ein komplettes Zechsteinprofil enthält. Diese Bohrung befindet sich ca. 7 km südwestlich vom Seeloch, also senkrecht zur hercynen Richtung. Auf dieser relativ kurzen Strecke fallen ca. 160 m Steinsalz und Kalisalzlager aus.

Viele Sagen weben sich um das Seeloch. SCHUSTER hat sich bemüht, diese Sagen zu sammeln. Sie sind von unterschiedlicher Art. Er fand dabei sogar ein in Nordhäuser-Hohnsteinischer Mundart abgefaßtes Gedicht über die Entstehung der Seelöcher. SCHUSTER schrieb 1974 darüber:

"... Die wörtliche Wiedergabe des ganzen Gedichtes dürfte sich wegen der in ihm vorkommenden sehr drastischen und volkstümlichen Ausdrücken und Redewendungen nicht gut eignen, und ich beschränke mich auf eine kurze Inhaltsangabe und teilweise Wiedergabe..."

"... Der Abt des Klosters Gernrode besuchte einst den Junker Jost von Hochstedt und entbrannte in sündiger Lust für das schöne Weib desselben. Um nun den Junker für längere Zeit fernzuhalten und so ungestört seiner sinnlichen Lust frönen zu können, veranlaßte er im Einverständnis mit dem treulosen Weibe den Junker zu einer Pilgerfahrt ins Heilige Land..."

Man kann sich umfangreiche Zwischeneinlagen ersparen, man ahnt, wie es kommen mußte. Er ertappte die beiden Sünder, verfluchte sie, und da passierte es:

"... Da stürzte unter furchtbarem Krach die Erde ein und begrub die Ehebrecher. Die entstandene Vertiefung füllt sich mit Wasser und heißt heute: Das Seeloch..."

Diesem Ehebruch mit Fluchfolgen folgte in der Neuzeit die Nutzung des Seeloches als Bademöglichkeit.

SCHUSTER hat uns einen Bericht über ein Schwimmfest aus dem Jahre 1929 hinterlassen, welches im Seeloch stattfand.

"... Unter der Leitung des tüchtigen Schwimmsportlers Köthe - Nordhausen und durch unermüdliche Arbeiten der Kleinwechsunger Mitglieder entstand ein 3 1/2 m hoher Sprungturm. Infolge der reichlichen Holzspenden gabefreudiger Einwohner von Kleinwechsungen konnte ein Spielfeld entstehen, welches dann ein Schwimmfest ermöglichte.

Am Sonntag, den . . . 1929 entwickelte sich schon frühmorgens am Ufer rege Tätigkeit. Allerlei Verkaufsbuden, sowie Schankbuden wurden aufgestellt. Während der Mittagsstunden rückten schon Zuschauertrupps aus allen Windrichtungen herbei und füllten den unteren und oberen Uferteil. Alle wollten Zeuge sein solchen Wagemuts jugendlicher Wassersportler und Sportlerinnen. Hoch oben über dem Wasser wehte das Banner der "Freien Schwimmerschaft". Durch die Menge froher Besucher zwängten sich männliche und weibliche Wassersportkünstler im Badeanzug zur Sprungturmstelle, um Zeugnis ihres Könnens abzulegen..."

Man sieht, daß ein Erdfall zu allerhand nützlich sein kann, nicht nur, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Literatur:

HAASE, H.:Hydrologische Verhältnisse im Versickerungsgebiet des Südharzvorlandes.- Diss. Univ. Göttingen, Göttingen 1936, 218 S.
SCHUSTER, F.:Tiefster Erdfall des Südharzes. Der Nordhäuser Roland [Zeitschrift des Kulturbundes], Nordhausen (1955) 5, S. 61-79

GPS-Koordinaten
N 51.5150° E 10.6994°