1. Südharz-Symposium 30.-31. Mai 1997 in Herzberg am Harz

 
Der Südharzrand mit seinen Karstgebieten

Vortrag von Prof. Dr. Franz-Dieter Miotke
 

ist wissenschaftlich hoch interessant und erst wenig erforscht
ist ökologisch sehr wertvoll
ist landschaftlich schön
ist ökologisch gefährdet

Fazit:
Der Südharzrand mit seinen Karstgebieten sollte sinnvoll geschützt werden.

 

Vorwort

Seit über 30 Jahren habe ich Studentenexkursionen am westlichen Südharz geleitet, und seit 1993 haben Geographie-Studenten unter meiner Anleitung Geländepraktika in den Karstgebieten am Südharz durchgeführt. Jedes Jahr sind wir ein Stück weiter nach Osten vorgerückt. Von Osterode (1993) über Nordhausen bis nach Sangerhausen (1997) waren in den ausgewählten Untersuchungsgebieten jeweils 20 bis 30 Studenten eine Woche lang im Gelände tätig. Die Gelände- und Laborergebnisse wurden in illustrierten Praktikumsberichten und Karten dargestellt. Auch einige Diplomarbeiten über die Südharzgebiete entstanden unter meiner Anleitung.

In Absprache mit den unteren und oberen Naturschutzbehörden wurden Untersuchungen und Kartierungen durchgeführt, deren Ergebnisse den Ämtern kostenlos zur Verfügung gestellt wurden.

Die Studenten lernten nicht nur Forschungstechniken und die Probleme im Südharzkarst kennen, sie waren gleichzeitig auch kostenlose Arbeitskräfte. Sie übernahmen Aufgaben, für die aus Geldmangel keine qualifizierten Mitarbeiter angeworben werden konnten. Die Geographie-Studenten höherer Semester sind besonders befähigt, die komplexen Naturräume zu bearbeiten, weil sie neben dem Hauptfach Geographie noch zwei Nebenfächer studieren, z.B. Geologie, Bodenkunde, Geobotanik, Wasserbau, Kartographie etc. In Gruppen zu je vier Studenten wurden in den Praktika Arbeitsteams gebildet, in denen die jeweiligen "Experten" ihre Spezialgebiete bearbeiteten. Die exemplarisch ausgewählten Kartiergebiete wurden so ganzheitlich bearbeitet und geoökologisch erfaßt.

Die Hauptpraktikaberichte enthalten Beschreibungen der Untersuchungsgebiete und der regionalen Gesamtsituation vor dem Hintergrund der allgemeinen und regionalen Fachliteratur.

Die Geologie (Gesteine und Lagerungstrukturen) wurde aus bestehenden Karten übernommen und im Gelände, soweit wie möglich, überprüft. Die Karstformen wurden beschrieben, kartiert. fotografiert und erklärt. Die Böden wurden exemplarisch durch Einmeterbohrungen erfaßt, mit Feldmethoden bearbeitet und kartiert. Die Vegetationstypen (Vegetationsgesellschaften) wurden exemplarisch kartiert und die landwirtschaftlich genutzten Gebiete erfaßt. Alle erreichbaren Wasservorkommen wurden beschrieben und so weit wie möglich mit Feldmethoden analysiert.
 

Naturschutz und Tourismus unvereinbar?

Weiter standen Fragen des Naturschutzes und der Touristenpädagogik im Vordergrund. Für die Kartiergebiete wurden Vorschläge für einen sanften Tourismus erarbeitet und Lehrpfade entwickelt. Außerdem erstellten die Studenten in manchen Gebieten Grundlagenmaterial, das für die Ausweisung von Naturschutzgebieten hilfreich war.

Für den obligatorischen Praktikumsbericht wurden pro Student mindestens 30 Seiten erstellt. Insgesamt sind eine große Anzahl von "kleinen Büchern" über Landschaftsräume am Südharz entstanden, über Gebiete, für die noch wenig fachlich spezielles Informationsmaterial zur Verfügung stand. Und, vielleicht noch wichtiger, es sind etwa 100 Studenten zu "kleinen Experten" am Südharz geworden, die bald in Behörden und Büros mit Naturschutz zu tun haben werden und für die Landesplanung Entscheidungen mit vorbereiten werden. Die meisten der Studenten waren begeistert von der Karstlandschaft. Das sprach sich herum, - der Andrang in die Hauptpraktika am Südharz war daher immer sehr groß.
 

Die Schönheit und Ruhe der Landschaft

Was macht die Karstgebiete am Südharz für den Besucher so reizvoll?

Die Landschaft südlich des Harzes begeistert fast jeden Besucher. Vom Blickpunkt der Landschaftsästhetik ist es die kleingekammerte, parkartige Landschaft mit weiten Tälern. bewaldeten Höhen und kleinen Siedlungen, die noch den alten dörflichen Charakter bewahrt haben. Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich. Das Relief ist moderat, ein Berg- und Hügelland. Das alles strahlt eine friedliche Ruhe aus, die vor allem hektikgeplagte Großstädter angenehm finden. Die Verkehrsdichte ist abseits der Durchgangsachsen relativ gering. Die Gegend ist ein ideales Wandergebiet, auch für Schulklassen und besonders für ältere Leute. Tourismus ist daher die große Hoffnung für das wirtschaftlich schwache Gebiet, im Osten noch mehr als im Westen.
 

Wo ist denn die Natur noch natürlich?

Auf den ersten Blick erscheint der Erhaltungszustand der Natur am südlichen Harzrand noch in Ordnung. Aber das täuscht! Das Gebiet gehört zu den am frühesten besiedelten Räumen Deutschlands. Die Vegetation ist vom Menschen weitgehend verändert worden. Nur inselhaft haben sich wieder Nischen mit potentieller Vegetation ausgebildet. Ersatzgesellschaften werden vielfach behandelt, als gehörten sie dort natürlicherweise hin. So wünschen sich viele, daß die weitverbreiteten Streuobstwiesen, die nun wahrlich keine Naturgesellschaft sind, überall unter Naturschutz gestellt werden sollen. Man hat die dort entstandene Ersatzflora und -fauna lieben gelernt. Allerdings würde es wohl unbezahlbar, den Obstbaumbestand zu erhalten und das natürliche Aufkommen der potentiellen Vegetation überall dauerhaft zu verhindern. Man wird hier an Diskussionen erinnert, ob die Heidelandschaft in der Lüneburger Heide, die eine Kulturlandschaft oder besser ein Zerstörungsprodukt ist, künstlich erhalten werden soll. Im Osten hat der Bergbau seine Spuren bis tief in die Karsthydrologie hinein hinterlassen.
 

Die naturwissenschaftliche Vielfalt des Gebietes ist enorm.

Die geologischen Grundvoraussetzungen bewirken ein kleingekammertes, petrographisch sehr unterschiedlich geprägtes Relief. Im Besonderen sind es die löslichen Karstgesteine des Zechsteins, die andere, spezielle Reliefformen bilden, Formen, die im Kontrast zu den silikatischen Gesteinen des Harzes und den nach Süden anschließenden mesozoischen Gesteinen (u.a. Buntsandstein) stehen. Aber selbst die Buntsandsteingebiete sind örtlich noch vom unterirdischen Karst geprägt. Sie gehören damit eindeutig zum Karstsystem ,"Bedeckter Karst".

In den Buntsandsteinschichten, die als Schichtstufenbildner über den Sulfaten fungieren, gibt es Durchbruchstäler, Erdfälle, Seen und junge Senkungsgebiete in den Tälern. Viele Trockentäler sind mit mächtigen Schotterlagern gefüllt. Rezente Absenkungen und Ponore (Schlucklöcher) sind zeitweise wasserbedeckt und versumpfen. Hier haben sich reizvolle, seltene Biotope entwickelt.
 

Die Karstgesteine sind sehr unterschiedlich.

Die flach einfallenden Zechsteinserien bestehen aus Chloriden, Sulfaten, Karbonaten, Tonschiefern und Konglomeraten in wiederholter Abfolge, unterschiedlichen Mächtigkeiten sowie verschieden großen Verbreitungsarealen. Das kleingekammerte Karstrelief besitzt daher eine komplizierte, vielgestaltige Hydrologie, horizontal (oberflächlich) wie vertikal (unterirdisch) .
 

Die Talbildung in Karstgesteinen ist erst einmal schneller als die unterirdische Verkarstung.

In den ausstreichenden Zechsteinschichten (Kalk, Anhydrit/Gips und Chloride) arbeiten Erosion und Korrosion (Lösung) gleichzeitig an der Abtragung. Die allgemeine Landerniedrigung vollzieht sich hier schneller als in den Silikatgesteinen. Am schnellsten wird Salz abgelaugt (Subrosion der Chloride). Anhydrit/Gips bleiben noch lange, wenn unter ihnen die Chloride längst verschwunden sind. Am längsten dauert die Abtragung der Karbonate, die oft Schichtstufen bilden.


Randsenken und Trockentäler in den Zechstein-Karstgesteinen

Die vom höheren Harz fließenden Gewässer aus Silikatgesteinen folgten ursprünglich dem Gefälle und kreuzten die noch nicht verkarsteten Gesteine des Zechsteins. Mit der zunehmenden oberflächlichen Eintiefung und der fortschreitenden unterirdischen Verkarstung der Karstgesteine wurden die meisten Flüsse am südlichen Harzrand in die schließlich gebildeten Harzrandtäler umgeleitet. Nur die größten Flüsse mit großen Einzugsgebieten blieben in sogenannten Durchbruchstälern erhalten, obwohl auch sie unterirdisch Wasser in die Karstgesteine verloren.

Die oberflächliche Erosion und Lösung der Karstgesteine ist schneller als die Erweiterung der wasserdurchflossenen Klüfte in den Karbonaten und Sulfaten. Daher kann sich ein Tal entwickeln, bevor schließlich die Aufnahmekapazität der Karsthohlräume so erweitert ist, daß alles Oberflächenwasser versickern kann.
 

Breite, schottergefüllte Täler mit kleinen Bächen

Am Gebirgsrand verlieren die Harzflüsse mit zunehmend geringerem Gefälle immer mehr Transportkraft. In den Talböden werden daher große Mengen Schotter akkumuliert. In den Karstgesteinen wird den Flüssen zusätzlich Wasser in den Untergrund entzogen, so daß noch mehr Schotter abgelagert werden. Besonders in den Kaltzeiten, in denen die Solifluktion viel Schutt in die Täler transportierte, war die Akkumulation immens. Dagegen räumten die Flüsse im Laufe der Warmzeiten einen Teil der Schotter wieder aus und legten damit gleichzeitig ihre Talniveaus tiefer. Große, ältere Schotterlager auf höher gelegenen Talterrassen bezeugen dies eindrucksvoll.
 

In den Trockentälern gibt es Bauprobleme.

Die Täler sind die Tiefenlinien, in denen das Oberflächenwasser aus großen Einzugsgebieten gesammelt wird. Hier wird der Input in die Karstgesteine konzentriert. Wo einmal ein Tal bestand, sind Karsthohlformen reichlich vorhanden. In den Riedeln (Höhenrücken) dazwischen beschränken sich die Karsthohlformen weitgehend auf oberflächennahe Schlotten. Das ist der Grund, warum in den Wänden der Gipsbrüche meist nur wenige, tiefgreifende Karsthohlformen (Höhlen) aufgeschlossen werden und in den Tälern die meisten Bauprobleme eintreten.
 

Das Gewässernetz am Südharz wird an der Eichsfeldschwelle west-ost-geteilt.

Flüsse haben die Tendenz, ihren Lauf auch dann beizubehalten, wenn das Flußgebiet gehoben wird. Es sei denn, ihre Erosionsleistung kann mit der Geschwindigkeit der Hebung nicht Schritt halten. Dann kommt es zu Laufverlegungen. In Karstgebieten können Flüsse oberirdisch oder auch unterirdisch (Karstpiraterie) abgelenkt werden. Am Südharz sind beide Möglichkeiten zu beobachten. Die von NW nach SE streichende Pultscholle des Harzes besitzt ein Gewässernetz, das sowohl vom Gefälle als auch von der Petrovarianz sowie dem Streichen der paläozoischen Schichten im Oberharz bestimmt wird.

Zusätzlich ist am Südharz die uralt angelegte Eichsfeldschwelle von Bedeutung. Von dieser Hebungsachse wurde die Sedimentation schon im Zechstein beeinflußt. So wurden bei Bad Sachsa zwar mächtige Dolomitschichten gebildet, Sulfate und Chloride aber kaum abgelagert. Noch heute verläuft hier die oberirdische und unterirdische Wasserscheide, die das Gewässernetz teilt (siehe Karte). Westlich und östlich dieser hydrologischen Grenze hat jeder seine eigene, hausgemachte Umweltverschmutzung des Karst- und Oberflächenwassers allein zu verantworten. Ähnliche Verhältnisse treten auch am Hornburger Sattel auf, der die Sangerhäuser Mulde von der Mansfelder Mulde trennt.


Im Westen des Harzes ist die Karstentwicklung schon weiter fortgeschritten.

Die allgemeine Landabtragung wird am Harz hauptsächlich vom NW-SE-Gefälle gesteuert, wenngleich die örtlichen Lagerungsverhältnisse der Gesteine bei der Betrachtung nicht unterschätzt werden dürfen. Die Abtragung ist primär dort am schnellsten, wo die Reliefenergie am größten ist, und das ist im Nordwesten. Die generell schnellere Reliefentwicklung zeigt sich besonders eindrucksvoll westlich der Eichsfeldschwelle von der Söse bei Osterode bis zur Oder bei Bad Lauterberg.

Zur Oberterrassenzeit (Elster-Kaltzeit oder früher?) floß die Söse noch in Verlängerung des Sösetales vom Hochharz nach SW. Nach der Elster-Kaltzeit wurde der Fluß nach NW in die nun tiefergelegte Harzrandsenke innerhalb der Zechstein-Karstgesteine abgelenkt. Erst in einem großen Bogen erreicht die Söse wieder ihre alte Grundrichtung nach SW. Inzwischen werden schon Karstwasserwege geöffnet, um den umflossenen Riedel unterirdisch zu queren. Die Söse verliert bereits Wasser an die Karstquellen bei Förste.

Die benachbarte Sieber floß noch zur Mittelterrassenzeit radial vom Harz weg. Ein breites Trockental mit Dolinen zeigt klar die alte Laufrichtung. Die Oder, noch weiter östlich, wird noch später von der Karstentwicklung erfaßt. Ein Teil des Oderwassers wird aber inzwischen schon unterirdisch zur Rhumequelle abgezogen. Ähnliche Beobachtungen einer sukzessiven Verkarstung lassen sich auch östlich der Eichsfeldschwelle feststellen. Hier werden die Karstwasser nach SE, örtlich mit einer starken Komponente nach S, zum Helmetal abgelenkt. Kleinräumig sind die karsthydrologischen Verhältnisse natürlich noch viel komplizierter.
 

Am Südharz können wir lernen, wie die Deckschichten auf dem Hochharz einst sukzessive abgetragen worden sind.

Die NW-SE-Kippung des Reliefs ermöglicht uns, die nacheinander ablaufenden Entwicklungsstadien der Verkarstung und die generelle Reliefentwicklung am Südharz zur heutigen Zeit gleichzeitig zu beobachten. Wenn wir wissen wollen, wie es in einem östlichen Gebiet in Zukunft aussehen wird, brauchen wir nur etwas weiter westlich die vorangeschrittene Karstsituation zu studieren. So wie es heute am südlichen Rande des Harzes aussieht, hat es im Tertiär einmal auf dem heutigen Hochharz ausgesehen. Sukzessive wurden die mesozoischen und Zechsteindeckschichten von Tälern zerschnitten und entsprechend ihrer Abtragungsresistenz immer weiter abgetragen. Die heutige Abfolge von Zechstein, Buntsandstein, Muschelkalk die den Harz von Nord nach Süd quert, ist nur der Augenblickszustand in einer sehr langen Reliefentwicklung. Allerdings ist zu berücksichtigen, daß der Hochharz wesentlich steiler gekippt (höher) ist als der heutige Rand, wo die Deckschichten im Bereich der Flexur nur flach einfallen. Daher sind die damaligen Abtragungs- und Verkarstungsverhältnisse auf dem Hochharz nicht direkt gleichzusetzen mit den heutigen Bedingungen am südlichen Harzrand.
 

Die Karsthydrologie der Harzrandtäler (siehe Karte und Querprofile)

Die Harzrandtäler in den Karstgesteinen sind in der Regel Trockentäler. Sie besitzen keinen Fluß mehr. Man kann sie auch als kleine Poljen ansehen. Nur auf den wenig durchlässigen, schluff- und tonhaltigen Talfüllungen fließen örtlich kleinere Bäche. Sie verschwinden meist in Ponoren am südlichen Rand der Täler. Erst wo das nackte Gipsgestein von den Bächen direkt erreicht werden kann, sind Öffnungen für das Wasser gegeben, in den Untergrund einzutreten. Die Schlucklöcher und die angrenzenden Wasserwege werden oft von Einbrüchen und feinkörnigen Residuen (Lösungsrückständen) der Karstgesteine sowie von den tonreichen Verwitterungsprodukten des unteren Buntsandsteins verschlämmt. Die Schlucklöcher können dann zeitweise die ankommenden Wasser nicht mehr schnell genug aufnehmen. Periodische Überflutungen im Umfeld der Ponore sind daher nicht selten. Am Bauerngraben erreicht der "Periodische See" zeitweise ansehnliche Größe.

Gelegentliche Einbrüche (Erdfälle) in den Schotterfüllungen der Trockentäler zeigen, daß auch unter den Tälern, entlang der alten Karstwasserwege, noch heute gelöst wird. Da die Bauern Erdfälle schnell verfüllen, können diese Erscheinungen nicht lange beobachtet werden.


Wohin fließt das Wasser im Untergrund?

Wasser fließt im Untergrund wie an der Oberfläche immer zum Tieferen, zum Vorfluter. An der Oberfläche im Nichtkarstgestein sind die lokalen Tiefenlinien (Täler) die Erosions- oder Korrosionsbasis. Oberflächlicher Vorfluter im östlichen Karstgebiet des Südharzes ist das Tal der Helme mit seinen Nebentälern. Der Höhenunterschied zur Helme beträgt 170 m auf 5,0 km Luftlinie (3,4%).

Unter dem Helmetal wird noch heute Salz abgelaugt. Der Salzspiegel liegt dort etwa 225 m unter der Erdoberfläche. Zum Salzspiegel muß Wasser hingelangen, lösen und unterirdisch wieder abfließen, denn sonst könnte das Salz nicht abgelaugt werden. Das Gefälle von den nördlichen Eintrittsbereichen zum Salzspiegel beträgt 480 m auf 4,6 km (theoretisch gerader) Wegstrecke (10,5%).
 

Subrosionsgebiete (Karstsenken) werden mit Schottern aufgefüllt.

Die unterirdische Abtragung (Subrosion) im Salz verursacht ein Absinken der Deckschichten. Die Aufschotterung ist nicht überall schnell genug, um diese Absenkung sofort und völlig zu kompensieren. Das Helmetal in der Goldenen Aue ist daher ein versumpftes Sedimentationsgebiet. Bereits im Mittelalter haben Zisterziensermönche aus Walkenried Seen und Sümpfe in der Goldenen Aue trockengelegt und wertvolles Kulturland geschaffen. Dabei halfen ihnen wasserbaulich kundige Holländer.
 
 

 
Spektakukäre Einbrüche und Höhlen im Zechsteingips.
Doch die steilen Gipswände verwittern schnell. Zurück bleiben schüsselartige "Erdfälle" Die jetzt trockenen Höhlen sind in der letzten Kaltzeit entstanden. Das heutige Grundwasser liegt tiefer.

 

Karstwasser will auf dem kürzest möglichen Weg in die Tiefe und von dort weiter zum Meer.

Verschwindendes Karstwasser am Harzrand fließt im Untergrund relativ steil nach unten und versucht, entlang seinem hydraulischen Gradienten das Salzspiegelniveau zu erreichen. Es ist daher nicht zu erwarten, daß hinter den Ponoren noch immer flach geneigte Höhlen neu gebildet werden.

Allerdings werden bestehende, mehr horizontale Hohlraumsysteme älterer Entwicklungsphasen partiell noch immer benutzt. Das gilt vor allem für den vadosen Bereich (der obere, nicht immer völlig wassergefüllte Karstbereich), durch den das absteigende Wasser fließt und weiter löst. Es ist hervorzuheben, daß auch im phreatischen Karstwasserbereich (wo alle durchgängigen Hohlräume immer mit Wasser gefüllt sind) das Gesetz vom Weg des geringsten Widerstandes gilt. Das unterirdische Karstwasser wird versuchen, entlang von tektonischen Störungslinien, Schichtgrenzen, Brüchen im Streichen der Schichten etc. leichte Durchflüsse zu finden und diese auszuweiten.
 

Karstwasser fließt auch unterirdisch liniert.

Mit anderen Worten, Karstgrundwasser fließt nicht überall gleichmäßig verteilt, sondern linienhaft, und es fließt entlang seinem hydraulischen Gradienten, entlang einem bestimmten Gefällsniveau. Das Ergebnis ist, daß sich im Karstgrundwasser konzentrierte Ströme entwickeln und daneben das lösliche Karstgestein erst einmal kaum durchflossen und gelöst wird. Man vergleiche: Wo eine Autobahn besteht, werden die engen Nebenstraßen nur noch vom lokalen Verkehr benutzt.

Nach unten kann das Wasser nicht beliebig vordringen, weil mit zunehmendem Auflastdruck der hangenden Schichten die Klüfte so stark zusammengedrückt werden, daß normalerweise kaum noch Wasseraufnahme und -bewegungen möglich sind. Nur entlang von Zerrüttungszonen gelangt das Grundwasser in größere Tiefen.
 

Wo bleibt das tiefe Karstgrundwasser?

Die unterirdischen Wasserströme fließen dorthin, wo das Karstgrundwasser von einem tieferen Flußtal angezapft wird. Im Raum Sangerhausen wird der Karstgrundwasserkörper vom Tal der Unstrut angeschnitten. Viele der dortigen Quellen. z. B. bei Artern. sind salzhaltig.
 

Eingriffe in die Karsthydrologie können sich bitter rächen.

Pumpt man an einer Stelle größere Wassermengen ab, so können nicht nur bestehende Quellen trockenfallen, es wird auch salzhaltiges Karstwasser angesogen, das die Qualität des erschlossenen Wassers verdirbt. Außerdem kommt es zu einer Aktivierung von Erdfällen, weil das tragende Wasser entzogen wird. Im Kupferbergbau von Sangerhausen und Mansfeld hat man in dieser Hinsicht böse Erfahrungen gesammelt.
 

Erdfälle und Dolinen bilden sich vorrangig dort, wo die Karstgesteine oberflächlich anstehen. An der Oberfläche des Buntsandsteins sind Erdfälle eher selten.

Die Gesteine am nahen Harzrand sind stark zerklüftet. Immerhin sind über 100 m Salze unter ihnen ausgelaugt worden. Beim Nachbrechen und Absinken der Deckschichten über der Salzsubrosion wurden die hangenden Schichten stark zerrüttet. Früher hat man nicht beachtet, daß der Salzspiegel keineswegs eine ebene Fläche ist, die sich durch Ablaugung flächig tiefer legte. Auch die Subrosion verläuft linienhaft, und entsprechend sind die Karstdepressionen kleinräumig und liniert, aber nicht gleichmäßig flächenhaft. Erst über einen längeren Zeitraum werden auch die zwischen den Tiefenlinien im Salz stehengebliebenen Salze gelöst. Zwischen den Hauptlösungsbereichen (vergleichbar den Wasserscheidengebieten an der Oberfläche) bleiben noch sehr lange Salzreste erhalten, die erst langsam völlig herausgelöst werden (vgl. die Situation an der Salzaquelle und den salzhaltigen Karstquellen bei Förste). Wo starke Auslaugung unter der Buntsandsteinbedeckung stattfindet, können sich die entstehenden großen Karsthohlformen bis an die Oberfläche durchpausen und tiefe Erdfälle bilden. Das ist jedoch relativ selten zu beobachten. Die ursprünglich sehr steilen Erdfallwände brechen schnell nach und füllen den Schacht auf. Feinmaterialien lassen das Wasser nicht durch, so daß Seen entstehen (z.B. Liebenroder Seen). Organische Verlandungsprozesse lassen die Seen schließlich versumpfen und verlanden. Am Ende kann man den Erdfall an der Oberfläche kaum noch erkennen. Auf Luftbildern haben sie aber oft eine andere Färbung als die Umgebung und sind so leicht auszumachen. Auf jeden Fall sollte man sein Haus dort nicht bauen.
 

Karstforschung ist wirtschaftlich.

Nicht nur für die Wassererschließung und Abwasserbeseitigung, auch für die Vermeidung von bautechnischen Problemen ist es nützlich und kostensparend, wenn das Karstsystem als Ganzes erforscht und verstanden wird. Die alleinige Erstellung eines Formeninventars ist zwar notwendig, reicht aber nicht. Vielmehr muß das komplexe Funktionssystem im Karst regional übergreifend und zusätzlich lokal detailliert erforscht und verstanden werden. Dazu ist es unbedingt nötig, auch den Blick in die Vergangenheit der Entwicklungsgeschichte (Genese) zu richten. Was früher irgendwo passierte, geschieht heute an anderer Stelle ganz ähnlich. Davon können wir lernen.
 

Ein profundes Karstverständnis hilft u. a. äußerst kostspielige Rasterbohrungen zu vermindern und vermeidet spätere Gefahren und Probleme für Bauten, Autobahnen und Bahntrassen.

Auch für Naturschutzbelange ist es unumgänglich, das geoökologische Gesamtsystem zu verstehen.

Das erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen den Erdwissenschaften, den Klimawissenschaften, den biologischen Fachrichtungen und zum Schluß seien auch die Kulturgeographie und Historie nicht vergessen. Schließlich hat der Mensch fast alles irgendwie, z. T. sogar sehr stark, verändert. Einige tausend Jahre einschneidende Eingriffe in den Naturhaushalt haben tiefe Wunden hinterlassen.
 

Es wird Zeit, umzudenken!

Es wird Zeit, daß wir viel schonender mit der Umwelt umgehen. Aber Auswandern zum Mond können wir nicht. Wir sollten uns daher nicht mit bürokratischen Verboten völlig aus der Natur verbannen lassen. Es geht einfach nicht!

Anstatt mit zum Teil unsinnigen Verboten zu operieren, sollten wir mehr Forschung und Aufklärungsarbeit leisten, damit wir die Natur, in der wir leben, wieder schätzen und lieben lernen. Ehrfurchtsvolle Achtung schützt mehr als Verbote, deren Einhaltung ohnehin nicht zu kontrollieren und zu erzwingen sind und die von vielen inzwischen als Ökoterror bezeichnet werden. Wir sollten keine berechtigten Gegenoffensiven der Betroffenen provozieren.
 

Literatur

Miotke, Franz-Dieter (1986) Mit der Schulklasse in die Unterwelt - Höhlen und Dolinen am Südharz, in: Geographie Heute, Hannover (40), S. 42-47.
 

Anschrift des Verfassers

Prof. Dr. Franz-Dieter Miotke,
Geogr. Inst., Universität, Hannover,
privat: D 30823 Garbsen,
Röddingerstr. 21