11. Südharz-Symposium am 28. Februar 2009 in Osterode am Harz
 
Zur Präsentation des Missbrauchs von Mensch und Landschaft in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora

Jens-Christian Wagner

1. Einleitung
Bis heute herrscht in Deutschland ein öffentliches Geschichtsbild vor, das die nationalsozialistischen Konzentrationslager irgendwo im diffusen „Osten“ oder hinter Bergen und Wäldern versteckt verortet – jedenfalls weit abseits der Wahrnehmung und Sichtbarkeit durch die deutsche Bevölkerung.
Der historische Befund sieht jedoch ganz anders aus: In der zweiten Kriegshälfte waren das Deutsche Reich und die besetzten Nachbarländer von einem dichten Netz aus KZ-Haupt- und Außenlagern überzogen. Im letzten Kriegsjahr gab es kaum noch eine Stadt ohne Konzentrationslager. Die Lager und ihre Insassen gehörten zum Kriegsalltag der deutschen Bevölkerung; jeder konnte die Verbrechen sehen.
Besonders dicht war das Lagernetz im Südharz, vor allem im Zorgetal zwischen Nordhausen und Ellrich. Dort richtete die SS im letzten Kriegsjahr zahlreiche KZ-Außenlager ein, die im Herbst 1944 organisatorisch zum KZ Mittelbau zusammengefasst wurden.
Mittelbau war das letzte von den Nationalsozialisten gegründete KZ-Hauptlager. Im August 1943 unter der Bezeichnung „Dora“ als Außenlager des KZ Buchenwald gegründet, entwickelte sich das seit dem Oktober 1944 selbständige KZ Mittelbau bis zum Kriegsende zu einem Komplex von etwa vierzig Einzellagern, die den Südharz rund um das thüringische Nordhausen in eine dichte KZ-Landschaft verwandelten.1

2. Mittelbau-Dora – historischer Abriss
Die Gründung des Buchenwalder Außenlagers Dora ging auf den Luftangriff britischer Bomber auf die Heeresversuchsanstalt Peenemünde zurück, bei dem Mitte August 1943 das Montagewerk der später unter der Propagandabezeichnung „V 2“ bekannt gewordenen Raketenwaffe „A 4“ empfindlich getroffen worden war. Aus diesem Grunde hatte man im Rüstungsministerium entschieden, die Raketenmontage in ein bombensicheres Stollensystem unter dem Kohnstein bei Nordhausen zu verlegen. Diese Stollenanlage war seit Mitte der dreißiger Jahre unter Regie der reichseigenen „Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft“ (Wifo) als unterirdisches Treibstofflager ausgeschachtet worden und sollte nun, im Herbst 1943, durch KZ-Häftlinge zu einer Untertagefabrik für Raketenwaffen ausgebaut werden. Anfang Januar 1944 liefen die ersten Raketen im „Mittelwerk“ vom Band.
Zu diesem Zeitpunkt waren aber noch immer rund 10.000 KZ-Häftlinge unter erbärmlichen Bedingungen – die meisten von ihnen vegetierten in unterirdischen „Schlafstollen“ – beim weiteren Ausbau der Fabrik eingesetzt. Allein in den ersten sechs Monaten nach Gründung des Außenlagers „Dora“ starben im Kohnstein knapp 3000 KZ-Zwangsarbeiter an den Folgen von Arbeitshetze und katastrophalen sanitären Bedingungen, und weitere 3000 wurden zwischen Januar und April 1944 in Vernichtungstransporten nach Lublin-Majdanek und Bergen-Belsen gebracht. Kaum einer von ihnen erlebte das Kriegsende. Nach Anlaufen der Raketenproduktion besserten sich zwar die Existenzbedingungen für die Insassen des Lagers Dora etwas – etwa durch den schrittweisen Umzug in das oberirdische Barackenlager –, in den ab März 1944 entstehenden Außenlagern wiederholten sich aber vielfach die katastrophalen Zustände, die zuvor in „Dora“ geherrscht hatten. Das Sterben wurde aus dem Hauptlager also lediglich in die Außenlager verlegt, die sich zum Teil inmitten der Ortschaften befanden.
Die Gründung der zunächst noch dem KZ Buchenwald zugehörigen späteren Mittelbau-Außenlager erfolgte im Zusammenhang mit der Bildung des „Jägerstabs“ und der Untertageverlagerung der Luftrüstung ab dem Frühjahr 1944. Rund um Nordhausen sollten im Rahmen des Jägerprogramms nach dem Vorbild des Mittelwerkes unterirdische Verlagerungsbetriebe für den Junkers-Konzern entstehen. Daneben begann man, die für den geplanten Rüstungskomplex im Südharz nötige Infrastruktur zu schaffen. Nach der Gründung des „Geilenbergstabs“ kamen im Sommer 1944 weitere Untertageverlagerungsprojekte der Mineralölindustrie hinzu. Der enorme Arbeitskräftebedarf für diese Projekte wurde zu einem großen Teil durch KZ-Häftlinge, aber auch durch zwangsrekrutierte ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und dienstverpflichtete Deutsche gedeckt. Angesichts des nahenden Kriegsendes ist jedoch trotz des rücksichtslosen Einsatzes besonders der KZ-Häftlinge kaum eines dieser Projekte auch nur annähernd fertiggestellt worden.
Die meisten im Zusammenhang mit der Untertageverlagerung eingerichteten Mittelbau-Lager lagen in einem relativ eng umrissenen Gebiet um Nordhausen. Neben dem Hauptlager Dora, das mit durchschnittlich etwa 15.000 Häftlingen belegt war, bildeten die Lager Ellrich (gegründet am 2.5.1944, belegt mit durchschnittlich etwa 8000 Häftlingen), Harzungen (1.4.1944, 4000 Häftlinge), Rottleberode (13.3.1944, 1000 Häftlinge) und die SS-Baubrigaden III und IV (zusammen etwa 3000 Häftlinge, die sich auf mehrere kleinere Lager entlang einer im Bau befindlichen Ausweichbahnlinie im Helmetal zwischen Nordhausen und Herzberg verteilten) den Kern des Mittelbau-Komplexes. Nach der Verselbständigung des KZ Mittelbau kamen mit der Verlagerung neuer Rüstungsprojekte in den Südharz weitere Außenlager hinzu; schließlich befanden sich im Frühjahr 1945 über 40.000 Häftlinge in den mittlerweile etwa 40 Mittelbau-Lagern.
Der Bevölkerung im Südharz konnte das Massensterben in den Mittelbau-Lagern kaum entgehen. Als im Spätsommer 1943 die ersten KZ-Häftlinge aus Buchenwald am Kohnstein eintrafen und bald auch die ersten Arbeitskommandos in der Stadt und der Umgebung Nordhausens in Begleitung ihrer SS-Bewacher auftauchten, war ihr Anblick für den Grossteil der Bevölkerung zwar etwas Neues, er traf sie jedoch nicht unvorbereitet. Die Mittelbau-Lager fielen nicht vom Himmel, und sie befanden sich auch nicht im isolierten, gesellschaftslosen Raum. Sie waren eingebunden in ein System von Verfolgung, Ausbeutung und Vernichtung, das jeden betraf: als (Mit-)Täter, Zuschauer oder Opfer. Die Grenzen zwischen den Gruppen waren dabei vielfach fließend.

3. Die Mittelbau-Lager in der Gedenkstättenarbeit
3.1. Mahn- und Gedenkstätte Dora
Die heutige Gedenkstätte Mittelbau-Dora ist aus der 1964 von der lokalen SED-Kreisleitung gegründeten Mahn- und Gedenkstätte Dora hervorgegangen. Wie in anderen DDR-Gedenkstätten lag eine differenzierte Darstellung der Lagergeschichte nicht im Interesse der SED-Geschichtsbildner, die das Ausmaß der NS-Verbrechen lange weitgehend auf die Repression kommunistischer Häftlinge reduzierten und den heldenhaften antifaschistischen Widerstand rühmten. Bauliche Relikte oder gar ganze Bereiche der ehemaligen Lager, die nicht in diese Erzählung passten, wurden kurzerhand geschliffen oder wucherten zu. Minimierung der Relikte zur Maximierung der Sinnstiftung – so könnte man den Umgang mit den historischen Relikten der Lager – übrigens nicht nur in der DDR – bezeichnen.
Bis Mitte der 1970er Jahre beschränkte sich das Gedenkstättengelände auf das ehemalige Krematorium, in dem 1966 eine Dauerausstellung eingerichtet wurde, die den sinnfälligen Titel „Die Blutspur führt nach Bonn“ erhielt. Später erweiterte die Gedenkstättenleitung (die übrigens lange in Personalunion mit dem Posten des Sekretärs für Agitation und Propaganda der SED-Kreisleitung betreiben wurde) das sichtbare Areal der Gedenkstätte um den ehemaligen Appellplatz, der mit Gedenksteinen für 21 Länder, aus denen Häftlinge nach Mittelbau-Dora deportiert worden waren, umgrenzt und zum „Ehrenplatz der Nationen“ erhoben wurde.
Der größte Teil des ehemaligen Häftlingslagers wurde hingegen durch einen – von einer Patenkompanie der DDR-Grenztruppen errichteten – angeblich rekonstruierten Lagerzaun abgetrennt, der wichtige Bereiche wie das Krankenrevier sowie die Relikte der Desinfektionsbaracke, der Wäscherei und der meisten Unterkunftsbaracken in ein unzugängliches Niemandsland verbannte. Auch das für das Verständnis der Lagergeschichte wichtige Industriegelände im Vorfeld des Lagers war nur unzureichend erschlossen bzw. fremdgenutzt (u.a. durch einen Hundesportverein, der das Gelände bis 2004 als Hundesportplatz nutzte und die Rampe des Lagerbahnhofes mit seinem Vereinsheim überbaute).
Erinnert wurde nur symbolisch; die historischen Relikte spielten dabei kaum eine Rolle. Das ging soweit, dass ein verbunkerter Unterstand, der der SS-Lagerführung als Schutzraum für Luftangriffe dienen sollte und sich außerhalb des Häftlingslagers befand, wider besseren Wissens zum „Stehbunker“ der Gestapo erklärt wurde, in dem Dutzende KZ-Häftlinge ermordet worden seien. Seit den 1970er Jahren fanden vor dem vermeintlichen Stehbunker Gedenkveranstaltungen und FDJ-Weihen statt.
Im Verlauf der 1970er, vor allem aber ab den 1980er Jahren vollzog sich im Umgang mit den historischen Relikten ein schleichender Wandel. 1982 legten DDR-Grenzer die Überreste des tatsächlichen Lagergefängnisses frei, eine Folter- und Mordstätte der SS, die 1952 gegen den Widerstand überlebender Häftlinge abgerissen worden war. Außerdem verstärkte die Gedenkstättenleitung ihre Bemühungen, auch die Stollenanlage, die untrennbar zur Geschichte des Lagers gehört, wieder zu öffnen (Eingänge 1947 gesprengt). Es lässt sich also konstatieren, dass sich auch schon vor dem Ende der DDR zumindest ansatzweise ein Bewusstseinswandel der Verantwortlichen im Umgang mit den historischen Relikten zeigte.
Parallel zu dieser Entwicklung gründeten sich übrigens in Westdeutschland zahlreiche Gedenk- und Geschichtsinitiativen, die sich – oft noch gegen den vehementen Widerstand der Mehrheitsgesellschaft – der örtlichen Verfolgungsgeschichte während des NS annahmen. Sie entdeckten und kennzeichneten die Relikte lokaler KZ-Außenlager – so etwa in Ellrich-Juliushütte, einem Lager, in dem 1944/45 etwa 4000 Menschen gestorben waren und das nach 1945 durch die deutsch-deutsche Grenze durchschnitten war. Auf westlicher Seite wurde im September 1989, also noch vor dem Mauerfall, durch die Gemeinde Walkenried mit einem Gedenkstein am ehemaligen Krematorium an das Lager erinnert.
Es wird damit deutlich, dass es nicht nur die Rahmenbedingungen politischer Instrumentalisierung waren, die das Gedenken vor Ort prägten, sondern auch generationelle Faktoren. Solange die Zeitzeugen den öffentlichen Erinnerungsdiskurs prägten, glaubte man auf die materiellen Relikte der NS-Verbrechen weitgehend verzichten zu können. Erhalten bleib nur, was man aus Gründen der Pietät nicht einzuebnen wagte – vor allem die ehemaligen Krematorien, aber auch die Grabanlagen (allerdings nicht überall: In Ellrich-Juliushütte etwa sprengte der Bundesgrenzschutz 1964 die erhaltenen baulichen Relikte des Lagers, darunter das Krematorium). Später änderte sich das schleichend: Je weniger die Menschen individuelle Erinnerungen an die Zeit hatten, desto wichtiger wurden die Relikte.
Heute klammern wir uns geradezu verzweifelt an die historischen Relikte, von denen wir wissen, dass sie – neben schriftlichen Dokumenten – nahezu die einzigen Zeugnisse sein werden, die nach dem nahenden Tod der letzten Zeitzeugen vom Terror in den Lagern bleiben. Wenn die Überlebenden nicht mehr berichten können, bleiben nur noch die schriftliche Hinterlassenschaft von Opfern und Tätern und – was die historischen Orte anbelangt – die baulichen Relikte. Letztere werden zur steinernen Evidenz, zu Beweismitteln, die uns und den Gedenkstättenbesuchern vor Augen führen können, dass das wirklich geschehen ist, was wir in der täglichen Gedenkstättenarbeit vermitteln.
Nicht nur in Bezug auf die baulichen Relikte, sondern auch bezüglich der schriftlichen Quellen zur Geschichte der Konzentrationslager hat sich seit der 1990er Jahren in fast allen deutschen KZ-Gedenkstätten das Konzept der dokumentierender Spurensuche und Spurensicherung durchgesetzt. Bauliche Relikte und historische Ausstellungsobjekte sollen danach nicht eine vorgegebene Geschichtsdeutung illustrieren, sondern sie haben einen fragmentarischen Charakter, dessen Zeichengehalt kontextualisiert werden muss, ohne die Mehrdeutigkeit aufzugeben.

3.2. Leitlinien der heutigen Gedenkstättenarbeit
Das dokumentierende Konzept ist zum einen durch das Ende der Zeitzeugenschaft bedingt, zum anderen ist es aber auch weniger anfällig für Versuche politischer oder historischer Sinnstiftung. Deshalb wird es vor allem in solchen Gedenkstätten vehement vertreten, die in ihrer eigenen Geschichte als Mahn- und Gedenkstätten in der DDR besonders stark politischer Einflussnahme und Instrumentalisierung ausgesetzt waren. Das nüchterne, dokumentierende Konzept war in den 1990er Jahren also auch ein Reflex auf einseitige und politisch vereinnahmende Geschichtsdeutung in der DDR.
Ob dieses Konzept heute immer noch in jedem Fall tragfähig ist, erscheint jedoch zunehmend fraglich. Streng theoretisch-methodisch gesehen überzeugt es zwar; die Zweifel kommen eher aus der pädagogischen Praxis: Das Konzept hat didaktische Realisierungsprobleme. Auf die Relikte und Exponate bzw. ihre Auratisierung allein zu vertrauen hilft nicht; die Relikte müssen kontextualisiert und prägnant kommentiert werden. Damit wird die Mehrdeutigkeit aber schon eingeschränkt.
In den Gedenkstätten sind wir zunehmend mit Besuchern konfrontiert, die wenig oder kein Vorwissen mitbringen oder nach dem Konsum trivialisierender medialer Inszenierungen à la Guido Knopp meinen, die Geschichte schon genau zu kennen. Auf die Ausstrahlungskraft und den Zeichengehalt der Relikte und Dokumente allein zu setzen, hilft hier nicht weiter. Den Besuchern muss mehr geboten werden, es muss ihnen aktiv dabei geholfen werden, die Botschaft der Relikte zu entschlüsseln – und das, ohne sie zu entmündigen.
In der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora versuchen wir diese Gratwanderung mit folgenden Mitteln umzusetzen:

a) Inhaltliche Schwerpunktsetzung
Ausgangspunkt der Gedenkstättenarbeit ist das historische Geschehen vor Ort. Oftmals steht dieses modellhaft für viele andere Orte. Das KZ Mittelbau-Dora etwa war eines der ersten und am Ende das weitaus größte Konzentrationslager, das ausschließlich mit dem Ziel gegründet wurde, die Arbeitskraft seiner Insassen auszunutzen. Die Bedeutung als Modellfall der KZ-Zwangsarbeit ist ein Spezifikum Mittelbau-Doras und wurde in der Neukonzeption der Gedenkstätte, vor allem aber in der neuen Dauerausstellung, entsprechend herausgearbeitet.
Andere Themen, die früher mehr im Mittelpunkt standen (DDR: Widerstand, 1990er Jahre: Raketen-KZ), werden als Subthemen der Zwangsarbeit erzählt. Zu diesen Subthemen gehört vor allem die Geschichte des Eindringens der Konzentrationslager in den Alltag der deutschen Bevölkerung durch die Ausbildung eines ausdifferenzierten und ausgedehnten Außenlagersystems in der zweiten Kriegshälfte, aber auch die Geschichte Doras als Modellfall der Untertageverlagerung.
Inhaltlich sollen diese Themen in der gesamten Arbeit der Gedenkstätte zum Tragen kommen. Dabei verfolgen wir ein integrales Konzept, das den Besuch nicht nur der Ausstellung, sondern auch des ehemaligen Lagers und der Stollenanlagen umfasst. Die Freiflächen werden dabei als Dokumente und Teil der Ausstellung verstanden.

b) Museumsneubau
Unser Museumsneubau, in dem seit 2006 die Dauerausstellung zur Lagergeschichte untergebracht ist, ist ganz bewusst nicht vor dem Stollen, sondern in der Nähe des Häftlingslagers errichtet worden. Er ist als architektonische Klammer zwischen dem Häftlingslager und dem Industriegelände mit den Stolleneingängen gedacht. Dem Besucher wird von hier aus ein Blick auf das gesamte Lagergelände und seine räumlich-funktionale Gliederung ermöglicht. Die Dauerausstellung und das als Dokument verstandene Lagergelände sind so – unter der Voraussetzung der historisch-didaktischen Erschließung des Geländes – eng mit einander verzahnt.
Führungen in die Stollenanlage beginnen mit einer räumlichen und historischen Orientierung an einem Freiluftmodell vor dem Museum. Sie beinhalten immer auch eine Führung zumindest durch einen Teil des ehemaligen Häftlingslagers. Aus bergrechtlichen, aber auch aus pädagogischen Gründen kann die Stollenanlage nur im Rahmen von Führungen durch Gedenkstättenpersonal erfolgen. (Das hat zur Folge, dass der Anteil an geführten Besuchern der Gedenkstätte bei weit über 50 Prozent liegt).
Nur ein kleiner Teil der Stollenanlage ist für Besucher zugänglich. Besichtigt werden können diejenigen Bereiche der Stollenanlage, die für das Leben und Leiden der Häftlinge besondere Bedeutung gehabt haben: die ehemaligen „Schlafstollen“, also jene Kammern, die von Oktober 1943 bis Juni 1944 zur Unterbringung der Häftlinge genutzt wurden (später dienten sie als Werkhallen für die V1-Produktion) und die von September 1943 bis März 1944 zum Sterbeort von über 3000 Menschen wurden. Spätestens hier wird dem Besucher deutlich, dass er sich nicht in einem Raketenmuseum und schon gar nicht in einer Weihestätte deutscher Ingenieurskunst befindet, sondern an einem Ort des Gedenkens, der zugleich unterirdischer Friedhof ist und an dem das Leiden der KZ-Häftlinge im Mittelpunkt steht.

c) Gestaltung des Lagergeländes
Die methodische Leitlinie der freiräumlichen Gestaltung des ehemaligen Lagergeländes bleibt das bereits skizzierte dokumentierende Konzept der Spurensicherung (die Spuren des Verbrechens werden gesichert). Die Kennzeichnung und Sicherung historischer Relikte hat Priorität. Dies geschieht etwa durch Hinweistafeln, Freilegungsarbeiten, Markierungen und behutsame Konservierungsarbeiten. Zudem sollen historische Strukturen markiert werden, um dem Besucher eine historische und funktionale Orientierung zu ermöglichen (Lagergrenzen, Zonen innerhalb des Lagers).
Für die freiräumliche Gestaltung gelten folgende inhaltliche Leitlinien:
Keine Rekonstruktionen (diese bieten ein notwendig falsches Abbild der Lagerwirklichkeit, ein imaginiertes Bild der Vergangenheit, das möglicherweise weder mit historischer Evidenz noch mit der von Häftlingen erlebten Realität des Lageralltags deckungsgleich ist);
Keine Inszenierungen;
Keine künstlerische Überformung des Geländes;
Keine religiöse oder affirmative politische Sinnstiftung.
Gedenkstätten an historischen Orten sind heute nicht nur Denkmale aus der Zeit, sondern auch Denkmale an die Zeit. Sie sind zeitgeschichtliche Dokumente des Umgangs mit der NS-Vergangenheit in den vergangenen Jahrzehnten, sie zeigen verschiedene Formen der Erinnerung und Sinnstiftung. Gedenken am historischen Ort bedeutet daher nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem eigentlichen historischen Geschehen, sondern auch mit seiner Repräsentation im gesellschaftlichen und politischen Kontext. Die in DDR-Zeiten entstandenen Denkmalsanlagen sollen daher als zeitgeschichtliche Dokumente des Umgangs mit der NS-Vergangenheit in der DDR erhalten bleiben.

d) Umgang mit den Außenlagern
Angesichts des Stellenwertes, der baulichen Relikten und historischen Orten als Dokumenten (Beweismitteln) der Lagergeschichte in der Gedenkstättenarbeit zugewiesen wurde, hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren auch der Stellenwert grundlegend geändert, der darin den Außenlagern zugemessen wird. Noch 1966 schrieb ein DDR-Student in seiner Abschlussarbeit über die Gedenkstättenarbeit in Dora:
„Die Opfer der Dora-Nebenlager werden durch die Gedenkstätte des Hauptlagers geehrt. Deshalb konnte auf besondere Kennzeichnung der Außenlager weitgehend verzichtet werden.“2
Heute sehen wir dies grundlegend anders. Mit der Neugestaltung des Gedenkstättengeländes und der historischen Dauerausstellung ging seit Mitte der 1990er Jahre in Mittelbau-Dora eine gedenkstättendidaktische und historisch-inhaltliche Neuorientierung einher, die das gesellschaftliche Umfeld der Gedenkstätte stärker einbindet, als dies in der Vergangenheit der Fall war.

Kerngedanke dieser Neuorientierung ist der Umstand, dass der Standort der Gedenkstätte doch recht willkürlich gewählt wurde. Von anderen Konzentrationslagern unterschied sich das KZ Mittelbau nämlich dadurch, dass es sich aus einem Komplex zahlreicher Einzellager zusammensetzte, die als funktionale Einheit betrachtet werden müssen. Das Häftlingslager Dora, auf dessen Gelände die Gedenkstätte 1964 eingerichtet wurde, war zwar das größte, trotzdem aber doch nur eines von mehreren Lagern, die erst als Gesamtheit das KZ Mittelbau bildeten. An manchen anderen Lagerstandorten wurden zwar in den vergangenen Jahren – häufig in Absprache mit der Gedenkstätte – Gedenksteine und Hinweistafeln aufgestellt, eine personell gestützte Gedenkstätten- und Museumsarbeit findet dort jedoch nicht statt. Deshalb ist es das Ziel der Gedenkstätte Mittelbau-Dora, gewissermaßen als „zentrale“ Einrichtung Formen dezentralen Erinnerns und der Auseinandersetzung mit der Geschichte an den Standorten ehemaliger Mittelbau-Lager zu koordinieren und zu fördern. So leistet die Gedenkstätte wissenschaftliche Hilfe bei lokalen Forschungsvorhaben, sie berät Ausstellungsvorhaben zur KZ-Geschichte in kommunalen Museen in historisch-didaktischer Hinsicht, sie unterstützt lokale Gedenkinitiativen und berät die Kommunen beim Umgang mit den historischen Orten.
Ziel dieser Maßnahmen ist es zunächst einmal, dass die Relikte ehemaliger Konzentrationslager dort, wo es sie noch gibt, erhalten bleiben sowie gekennzeichnet und ggf. auch konservatorisch behandelt werden. Dazu zählen nicht nur die baulichen Relikte von Lagern und Unterkünften, sondern auch die Orte, die auf die Zwangsarbeit der Häftlinge verweisen. Dies sind neben Bahntrassen (z.B. Relikte der unvollendet gebliebenen Helmetalbahn), Brücken, Wegen und Rüstungsbetrieben vor allem die zahlreichen erhalten gebliebenen Stollen im Südharz, die 1944/45 von Häftlingen ausgeschachtet worden sind.
Gerade die Stollenbau-Projekte, die als Spezifikum der Geschichte der Mittelbau-Lager gelten können, verdeutlichen die menschenverachtende Praxis nationalsozialistischen Größenwahns. Tausende starben in den letzten Kriegsmonaten als Zwangsarbeiter für Rüstungsprojekte, die nie fertiggestellt wurden. Ihr Tod wurde von SS, NS-Rüstungsplanern und Bauindustriellen bewusst einkalkuliert. Die Relikte dieser Baustellen zu erhalten und zu kennzeichnen ist eine Grundvoraussetzung verantwortungsvoller und historisch bewusster Gedenkstättenarbeit im Südharz. Dessen Gipskarstlandschaft muss nicht nur als Ökotop unter Schutz stehen, sondern auch als „Historiotop“ (das gilt im übrigen auch für den Kohnstein, an dem die Wiederaufnahme des vor einigen Jahren eingestellten Tagebaubetriebs unmittelbar bevorsteht).
Mit der Erhaltung und Kennzeichnung der KZ-Relikte geht das Bemühen einher, in der Harzregion eine lebendige, offene, demokratische und von bürgerschaftlichem Engagement getragene Gedenkkultur zu fördern und zu verhindern, das die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte in zentrale Stätten wie die Gedenkstätte Mittelbau-Dora entsorgt wird. Die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen soll dort stattfinden, wo sie geschahen, also insbesondere auch an den Standorten der Außenlager des KZ Mittelbau – in Ellrich, Nordhausen, Rottleberode, Osterhagen, Wieda, Osterode und an vielen anderen Orten.
In der zeitgeschichtlichen Lokalforschung gibt es noch erhebliche Defizite. So ist über die Geschichte einzelner Außenlager des KZ Mittelbau bisher nur sehr wenig bekannt. In manchen Orten gibt es Einzelpersonen oder Initiativen, deren Vernetzung aber begrenzt ist. Hier kann die Gedenkstätte Mittelbau-Dora Koordinierungshilfe leisten, dies aber nur in Zusammenarbeit mit den Kommunen und vorhandenen Museen vor Ort.
Gelingt es, den skizzierten Weg weiter zu verfolgen, kann in der Harzregion eine länderübergreifende Gedenk- und Geschichtskultur entstehen, die sich ernsthaft der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit widmet und die Museumslandschaft im Harz bereichert, ohne zum touristischen Standortfaktor degradiert zu werden.

4. Ausblick: Gedenkstätten als Lernorte im Sinne der Menschenrechtserziehung
Ein Gedenkstättenbesuch kann und soll Fragen nach den Ursachen und Formen von Gewalt und Repression auch in heutiger Zeit auslösen. Es ist jedoch vermessen zu erwarten, er könne Defizite einer allgemeinen Werteerziehung in Schule und Gesellschaft ausgleichen. Der Besuch eines Tat- und Leidensortes wirkt nicht per se emanzipatorisch. Niemand wird durch den Gedenkstättenbesuch zum besseren Menschen. Gedenkstätten sind keine demokratischen Läuterungsanstalten, und deshalb ist auch die Vorstellung naiv, ein Jugendlicher mit gefestigtem rechts­extremistischem Weltbild könne in der Gedenkstätte „geheilt“ werden.
Dennoch kann und muss ein Gedenkstättenbesuch Teil einer allgemeinen Menschenrechtserziehung sein. Unverzichtbar ist dabei jedoch, dass das historisch Spezifische der jeweiligen Geschichte des Ortes zum Ausgangspunkt der pädagogischen Arbeit gemacht wird. Im Fall Mittelbau-Doras ist das die Frage nach der Motivationsstruktur der Täter- und Mittäterschaft: warum machten die meisten Deutschen bis zum Ende des Krieges mit? Warum stießen die Lager in ihrem gesellschaftlichen Umfeld auf breite Akzeptanz, wurde die Gesellschaft zum Teil des Lagerzauns? Was motivierte Industrielle und Kleinunternehmer, KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter einzusetzen? Dies sind Fragen, die in deutschen Gedenkstätten eine ungleich größere Rolle spielen müssen als in ausländischen Gedenkstätten und Museen wie Yad Vashem oder das USHMM, bei denen die Opfer naturgemäß stärker im Mittelpunkt stehen. Die deutsche Gesellschaft muss sich als Post-Täter-Gesellschaft sehr viel stärker mit den Tätern auseinandersetzen, auch um einer leichtfertigen Identifikation mit den Opfern vorzubeugen, durch die sich die Gesellschaft der eigenen Verantwortung, wenn nicht Schuld entledigen kann.

Mit der differenzierten Darstellung der Täter- und Mittäterschaft im Umfeld der Lager, deren Motive in einer Gemengelage aus sozialen und ideologischen Strukturen liegen, die zum Teil auch heute noch wirksam sind, soll der Gedenkstättenbesucher ohne den erhobenen Zeigefinger ermuntert werden, selbstkritisch seine eigene politische, ethische und soziale Haltung im heutigen Leben zu hinterfragen. Damit ist der Aktualitätsbezug der Gedenkstättenarbeit hergestellt, ohne durch letztlich ahistorische Vergleiche der NS-Verbrechen etwa mit dem Völkermord in Ruanda oder den „ethnischen Säuberungen“ im früheren Jugoslawien die NS-Verbrechen zu relativieren. Und schließlich ist damit auch die Frage beantwortet, die sich viele Gedenkstättenbesucher, vor allem die jüngeren, immer wieder stellen: Was geht uns heute, nach über 60 Jahren, eigentlich noch die Geschichte der Konzentrationslager an?


1 Zur Geschichte des KZ Mittelbau-Dora vgl. als neuere Darstellungen Jens-Christian Wagner: Produktion des Todes. Das KZ Mittelbau-Dora, hrsg. von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, 2. Aufl., Göttingen 2004 (dort weitere Nachweise); Joachim Neander: „Hat in Europa kein annäherndes Beispiel“. Mittelbau-Dora – ein KZ für Hitlers Krieg, Berlin 2000; sowie André Sellier, Zwangsarbeit im Raketentunnel. Geschichte des Lagers Dora, Lüneburg 2000.

2 Bernd Grabowski, Deutsche Geschichte 1945-1966, dargestellt am Leben und Wirken der ehemaligen Häftlinge und der Strafverfolgung der SS-Leute des Konzentrationslager Dora, Staatsexamensarbeit, Ms., Humboldt-Universität Berlin (Ost) 1966, S. 73.