2. Südharz-Symposium 11.-13. September 1998 in Walkenried

 
Der Scheunenhof in Sundhausen / Goldene Aue -
ein Projekt zur lokalen Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse:
auch ein Modell für Südniedersachsen?

Vortrag von Dr. Bernhard Völkel
 

1. Grundsätze und Projektphilosophie
 
Innovation - unser HauptthemaKein Zauberwort, sondern in erster Linie eine unternehmerische Aufgabe
innovativ -durch Direktvermarktung regionaler Produkte als landwirtschaftlichen Beitrag zur Entschärfung der Umweltbelastung

Wir erwarten und fordern aber auch innovationsfreundliche Rahmenbedingungen.

  • Der zwangsläufig bevorstehende Strukturwandel ist durch:
  • die notwendige Stabilisierung der Lebensräume,
  • die fortschreitende Globalisierung der Wirtschaft,
  • das Tempo der technischen Entwicklung sowie
  • für eine progressive Wirkung der europäischen Agrarintegration begründet.
Unsere Ansätze für Lösungen sollen helfen den Landwirt zu überzeugen, daß diese Veränderungen über den Zeitraum der nächsten Jahrzehnte Chance für Wohlstand und Arbeit sind.
In unserem Projektvorhaben wollen wir auf die Möglichkeiten und die Grenzen der Einflußnahme auf die wirtschaftliche Entwicklung im ländlichen Raum mit hinweisen.
Wir erwarten aber auch eine agrarpolitische Reform, die unsere ansatzweisen Bemühungen flankiert.

Die derzeitigen Projektvorschriften reichen keinesfalls aus, um die zusätzlichen Risiken durch schrittweise und nachhaltige Absenkung eines Maximalertragsstrebens absicherbar zu machen.

Richtig stimmende Rahmenbedingungen ließen erwarten, daß wir auch von der ländlichen Wirtschaft noch mehr als bisher Präzision erwarten dürfen.

Mit unseren Bemühungen am Standort des Scheunenhofes wollen wir mithelfen auf zwei agrarpolitisch aktuelle Fragen Antwort zu geben.

  1. Wie weit darf die Umverteilung der öffentlichen Mittel noch gehen?
  2. Was bedeutet eine kollektive Absicherung der landwirtschaftlichen Risiken?
Unsere Devise ist: "Der Landwirt braucht im Wettbewerb mehr Raum!"
(Schub und nicht nur Kosmetik - Unterstützung und kein Feindbild).

Wir setzen auf mehr markwirtschaftliche Lösungen, und auch auf ein gesetzliches Emissionsrecht für den Handel.

Unsere Vorhaben sollen in beispielgebender Weise Ansätze für ein zukünftiges landwirtschaftliches Umweltmanagement sein.


 

2. Zielstellung

Der Projekträger, die AGRONA Landwirtschafts GmbH, plant im Rahmen des Gesamtvorhabens "Ländliches Innovationszentrum Nordthüringen" am Standort Scheunenhof in Sundhausen die Errichtung kooperativer Verarbeitungs- und Direktvermaktungsbereiche.
Über die Direktvermarktung sind aufgrund des günstigen Standortes Marktnischen zu erschließen und zu bedienen.
Das Vorhaben wird einer Aufwertung heimischer ländlicher Erzeugnisse dienen und ist Basis für den Aufbau von Arbeitsplätzen.
Das Ziel besteht auch darin, daß neben dem Aufbau neuer Märkte weitere Dienstleistungsbereiche geplant und realisiert werden sollen.
Auf der Gesamtfläche des Standortes werden außerdem für Familien und Jugendliche Freizeit- und Sportbereiche das Markttreiben ergänzen und damit das Einkaufen zum Erlebnis machen.
Die Betriebsbereiche der Verarbeitung und der Direktvermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse sollen beispielgebend sein.
Das Projektvorhaben soll für den ländlichen Raum Lösungsansätze demonstrieren, wie unter eingetretenen Marktbedingungen mit einer absatzorientierten Betriebspolitik reagiert werden kann, und die bisher vorrangig produktionsorientierten Entscheidungsmuster der Landwirtschaftsbetriebe schrittweise abzulösen sind.
Unser Vorhaben soll über die vier Jahreszeiten zusätzlich durch kulturelle Höhepunkte flankiert werden.
 

3. Hintergrund und Leitbilder

Eine nachhaltige Mitwirkung für die Stabilisierung der Lebensräume bedarf dringend der Herausbildung von agrarwirtschaftlichen Ansätzen für eine regionale Lösung.
Die ländlichen Wirtschaftsstandorte von Nordthüringen sind durch unzureichend entwickelte Strukturen und fehlende Industrie gekennzeichnet.
Die wirtschaftlichen Strukturen werden maßgeblich von der Landwirtschaft bestimmt.
Die Landwirtschaft unterliegt einem festen Rahmen der europäischen Agrarpolitik, sie muß aber auf künftige Veränderungen vorbereitet werden.
Neue Marktpositionen sind erforderlich! Dabei handelt es sich im wesentlichen nur um Marktnischen, die nachdem sie erkannt wurden auch ständig auszubauen, zu festigen und weiterzuentwickeln sind. Die regionale Direktvermarktung heimischer Erzeugnisse ist für die Landwirte zur Zeit noch keine zwingende marktwirtschaftliche Notwendigkeit, sie steht in ihrer Entwicklung ganz am Anfang und stellt sich vorerst als ein begrenztes Kundeninteresse dar.
Eine regionale Vermarktung regionaler Produkte ist aber für die Zukunft ein wichtiger Beitrag zur gesunden Ernährung und zum Umweltschutz.
Die Gründung einer Gemeinschaft der regionalen Vermarktung heimischer Produkte ist ein erster Schritt. Diese unternehmerische Voraussetzung ermöglicht, sich auf künftige Märkte vorzubereiten, und sie gibt eine Chance Arbeitsplätze zu erhalten und besser zu verteilen.
Der Aufbau dieser Vorhaben ist äußerst schwierig, weil dazu das erforderliche Eigenkapital fehlt, und ohne Beihilfen aus öffentlichen Mitteln nicht möglich ist.
Die landwirtschaftlichen Unternehmen werden sich über die Sicherung der Ernährung hinaus auch weiteren Wirtschafts- und Dienstleistungsbereichen zuwenden müssen.
Zur Verbesserung der Lebensqualität auf dem Lande sind alle künftigen Lösungen auf die Erfordernisse eines gesunden und stabilen Umfeldes im ländlichen Raum auszurichten.

Der vorhersehbare Strukturwandel stellt einen ständigen Prozeß dar, der in bevorstehende Zeiträume reicht und planmäßig geführt werden muß.

Die innovative, wirtschaftliche und sozial-kulturelle Entwicklung in den ländlichen Räumen ist somit eine regionale Aufgabe, die derzeitig noch nicht ohne weiteres auf wirtschaftliche Unternehmen allein umgelegt werden kann.
 

4. Projektbeschreibung und Produktentwicklung

Die regionale Herstellung heimischer Frischprodukte mit hoher Ernährungsqualität und der regionale Handel erfordert die Entwicklung und Erprobung umweltfreundlicher Technologien auf der Grundlage eines neuen Wissens- und Technikstandes.

Der Kernpunkt dieser Entwicklungsaufgabe ist die ständige Diversifikation bei sehr schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen.

Es ist eine umweltfreundliche Gesamttechnologie von der Erzeugung des Rohstoffes, über die Verarbeitung und bis hin zum Vertrieb der Regionalprodukte neu zu gestalten.

Das Vorhaben stellt sich die Aufgabe, den Einsatz von beispielsweise chemischen Konservierungsmitteln weitgehend auszuschließen, den Transport zu minimieren, den Energiebedarf zu senken und das Verpackungsmaterial stark zu reduzieren.

Die Produktentwicklung beinhaltet folgende Schwerpunkte:

Als Lieferant der Rohprodukte sind Landwirte und landwirtschaftliche Unternehmen mit einem ökologisch integrierten Pflanzenbau zu gewinnen, um eventuell unnötige Umweltbelastungen bereits in der Rohstofferstellung auszuschalten.
Die Gewinnung der Rohstoffe, z.B. Milch oder Streuwiesenobst, ist auf ein Niveau zu heben, das alle Forderungen der Lebensmittelhygiene erfüllt, und die Qualität für einen vorzüglichen Ernährungswert bürgt.

Der Transportweg soll kurz gehalten werden, zusätzliche Transportkühlkapazität entfallen kann, und die Verarbeitung ohne Zeitverlust täglich erfolgen kann.

Für die Verarbeitungstechnologie beispielsweise der Rohmilch sind Anforderungen zu entwickeln, die eine Reduzierung des Energiebedarfs für die Erhitzung und für die Kühlung ermöglichen.
Bei der Entwicklung einer umweltfreundlichen Verarbeitungstechnologie ist eine Produktionstechnik zu erproben, die den Einsatz nachwachsender Energieträger möglich macht, und sowie den Wasserbedarf als auch den Abwasseranfall stark reduziert.
Frühere hauswirtschaftliche und handwerkliche Rezepte der Herstellung von Nahrungsmitteln sind neu aufzuarbeiten und für die moderne Produktionstechnik weiterzuentwickeln und auch zu erproben.
Es sind Herstellungsprogramme für naturbelassene Produkte in natürliche Reife zu erarbeiten.
Wichtiger Bestandteil der umweltfreundlichen Technologien unseres Vorhaben und die Herstellung neuer Produkte werden Kontrolle und Überwachung sein.

Es sind Verbraucherinformationen über die Produktionstechnik und des Produktionsmitteleinsatzes, die unsere Umwelt schonen, zu erarbeiten.

Beim Einsatz der Verpackungen sind Lösungen gesucht, die vorzugsweise dem Mehrwegprinzip entsprechen.

Die Qualität der Produkte, dabei handelt es sich um solche Eigenschaften, wie Aussehen, Geschmack, Geruch und Lagerfähigkeit, ist als Nachweis eines unverwechselbar heimischen Regionalproduktes zu definieren. Die umweltfreundliche Produktentwicklung ist mit der Darstellung von Verwendungsmöglichkeiten und Rezepten abzurunden, um einen breiten Kundenbereich erfolgreich aufzubauen.


5. Stand der Realisierung

  • Die Sanierungsarbeiten auf dem Scheunenhof wurden abgeschlossen und das Obergeschoß eines ehemaligen Stallgebäudes ausgebaut.
  • Am Standort haben sich bisher 4 Unternehmen und 6 Vereinigungen seßhaft gemacht. Die AGRONA Landwirtschafts GmbH ist die Trägerin des LEADER II Gesamtvorhabens. Aus LEADER Aktionen hervorgegangen sind auch die Hoffleischerei GmbH und die SLH Kompostier GmbH.
  • Die Bauernmarkt Gesellschaft mbH ist Organisator der am Scheunenhof stattfindenden Dorffeste. Der Kreisbauernverband ist Hauptinitiator und bei ihm laufen alle Aktivitäten zusammen.
  • Beim Umbau und bei der Modernisierung der Gebäude haben zur Zeit über 30 Personen im Rahmen von Vergabe-ABM einen befristeten Arbeitsplatz erhalten.
  • Die Hoffleischerei und der Bauernmarkt werden ihr Gewerbe im nächsten Frühjahr starten.
  • Die verantwortliche Person für die Hofkäserei wird zur Zeit auf ihre unternehmerische Verantwortung vorbereitet.
  • Für die Hofmosterei haben wir trotz umfangreicher Bemühungen noch niemanden gefunden, der dieses Unternehmen als Familienbetrieb führen möchte.
  • Verschiedene Fachseminare zu Themen der Direktvermarktung haben wir durchgeführt und eine Exkursion zu anderen Bauernmärkten steht ins Haus.
  • Das Kernstück des Innovationszentrum sollte ein Beratungszentrum sein. Beim Aufbau einer solchen Entwicklungsagentur sind wir leider bei den Anfängen stecken geblieben. Wir sind dabei auf Schwierigkeiten gestoßen, für deren Überwindung wir nicht zuständig sein konnten. Wir sind aber nach wie vor der Auffassung, daß eine Beratungsstelle für ländliche Zukunftsfragen zu einem Innovationszentrum einfach gehören.
[ www.scheunenhof.com ]