4. Südharz-Symposium 26.-27. Mai 2000 in Neustadt / Südharz

 
Expo 2000 und umweltfreundlicher Tourismus im Harz

Vortrag von Dr. Stefan Krooß
 

1. Die Weltausstellung Expo 2000 und ihre Gäste
Vom 1. Juni bis zum 31. Oktober, insgesamt 153 Tage lang, wird Deutschland im Blickpunkt der Welt stehen. Mehr als 180 Nationen und Organisationen sind auf der ersten Weltausstellung der Bundesrepublik vertreten. Nach den Prognosen der Expo 2000 Hannover GmbH werden ca. 20 Millionen Gäste erwartet, die durchschnittlich zweimal das Ausstellungsgelände in Hannover aufsuchen.
Es wird erwartet, dass der Hauptteil der Besucher aus dem Gastgeberland selbst anreist (60-65%). Etwa 30-35% sollen aus dem europäischen Ausland kommen, wobei der Anteil der westeuropäischen Besucher bei weitem überwiegt. Nur 5-10% der Gäste stammt voraussichtlich aus Übersee.
Die größte Zahl der Expo-Besucher wird nur ein bis zwei Tage auf dem Ausstellungsgelände verbringen, lediglich bei einem Viertel der Gäste wird sich der Aufenthalt über drei Tage oder mehr erstrecken.
Im Gegensatz zu konventionellen Handelsmessen ist die Weltausstellung nicht auf den typischen Fachbesucher ausgerichtet. Zielgruppe ist vielmehr der Tourist, der auch seine Kinder mitbringt.
Nach neuesten Prognosen werden ca. 30% der Besucher mit dem Auto anreisen, ca. 20% mit dem Bus und etwa 40% mit der Bahn. (Frühere Vorhersagen gingen von 60% Selbstfahrern aus.)

2. Der Harz und seine Gäste
Vergleicht man die prognostizierte Besucherstruktur mit dem typischen Harz-Gast wird eine Reihe von Parallelen augenfällig. Eine vom Harzer Verkehrsverband 1998 durchgeführte Marktforschung kommt zu folgenden Ergebnissen:

  • der Hauptanteil der Harzgäste stammt aus dem Inland, Auslandsquellmärkte sind in erster Linie Skandinavien und die Niederlande
  • die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt in Abhängigkeit vom Alter zwischen 6 und 9 Tagen
  • in der Gruppe der 30-50 jährigen verreist ca. die Hälfte mit ihren Kindern, deren Alter in der Mehrzahl zwischen 6 und 15 Jahren liegt.
  • ca. 60 % der Urlauber im Harz sind jünger als 50 Jahre
  • 2/3 der Besucher verbringen Ihren Zweit- oder Dritturlaub in der Region
Es wird deutlich, dass das avisierte Publikum der Weltausstellung in weiten Teilen deckungsgleich mit dem Harz-Urlauber ist. Berücksichtigt man darüber hinaus, dass die Bettenkapazität im Großraum Hannover begrenzt ist und die Unterkünfte dort vergleichsweise teuer sind, erscheint eine Prognose von bis zu 10% Übernachtungssteigerung im Expo-Jahr für den Harz realistisch. Dies entspräche einer Zahl von ca. 1 Million zusätzlicher Übernachtungen.

3. Die Strategie des Harzer Verkehrsverbandes zur Expo 2000
Nach einer vom Institut für Freizeit- und Tourismusberatung (ift) im Auftrag des HVV durchgeführten Studie, ist der Tourismus für den Harz der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Der jährliche Bruttoprimärumsatz aus ca. 42 Millionen Tagesbesuchen und rund 10 Millionen Übernachtungen beläuft sich auf etwa 2,6 Mrd. DM, ca. 35.000 Arbeitsplätze sind dem Tourismus direkt oder indirekt zuzuordnen. Die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus für den Harz ist auch den Landesregierungen von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt bewusst, die dem HVV für seine länderübergreifende Arbeit daher Fördermittel zur Verfügung stellen.

Ziel und Aufgabe des Harzer Verkehrsverbandes als Marketingorganisation für den gesamten Harz ist die Förderung des Tourismus in der Region. Als Indikator für den Erfolg der Arbeit wird im allgemeinen die Entwicklung der Gäste- und Übernachtungszahlen herangezogen. Der immer intensiver werdende (inter-)nationale Wettbewerb der Urlaubsregionen fordert Anstrengungen in vielen Bereichen.

Durch die räumliche Nähe zur Expo-Stadt Hannover und die Vielzahl an günstigen Unterkünften bietet sich dem Harz im Zusammenhang mit der Weltausstellung die Chance, ein Gästepotential zu erschließen, dass ohne die Expo möglicherweise nicht in die Region gekommen wäre. Dabei ist weniger der rein Expo-orientierte Tagesbesucher das Zielobjekt. Vielmehr steht im Vordergrund der Bemühungen, den Gast, der im Zusammenhang mit der Expo in den Harz gekommen ist, länger hier zu halten und ihn als Stammgast für die Zukunft nach der Weltausstellung zu gewinnen.

4. Expo-Harz und umweltgerechter Tourismus
Der Harz ist eine Jahrhunderte alte Kulturlandschaft, geprägt von den Auswirkungen des Bergbaus, in dessen Folge sich eine Reihe touristischer Anziehungspunkte entwickelt hat. Hierzu zählen neben der Landschaftsstruktur als solcher z. B. die zahlreichen Bergwerksmuseen und die Unesco- Weltkulturerbestätten in Goslar, Quedlinburg und Lutherstadt-Eisleben. Mit seinen weiteren Attraktionen wie den Harzer Schmalspurbahnen, den beiden Nationalparken und den weltweiten Expo-Projekten (z. B. die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen, das Grenzlandmuseum in Duderstadt/Teistungen und die Renaturierung der Kalibergbauregion um Sondershausen), stellt der Harz quasi ein Freiluftexponat der Weltausstellung dar, deren Motto „Mensch-Natur-Technik“ lautet.

Das zusätzliche Expo-Publikum wird sich in der Hauptsache aus Gästen rekrutieren, die bereits ein Grundinteresse an den Erlebnismöglichkeiten der Region mitbringen. Für diesen Pesonenkreis kann postuliert werden, dass er, vielleicht sogar in höherem Maße als der normale Gast im Harz, bereits für Umweltfragen sensibilisiert ist. Der ausschließlich am „Event Expo“ interessierte Besucher wird sich eher nach Unterkünften im Nahbereich der Weltausstellung orientieren.

Das Jahr der Expo 2000 stellt für den Tourismus im Harz daher grundsätzlich keine Sondersituation dar. Nach der oben zitierten Marktforschungsstudie des Harzer Verkehrsverbandes ist, quer durch alle Altersgruppen, das Naturerlebnis für 92% der Gäste der wichtigste Grund für einen Aufenthalt in diesem Mittelgebirge. Dadurch erhält der klassische Zielkonflikt zwischen Massentourismus und Naturschutz im Harz eine besondere Dimension. Die Naturschützer, speziell die Verantwortlichen in den Nationalparken, die ihrer Verpflichtung zur Breitenbildung nachkommen müssen, und die Touristiker im Harz stehen vor dem gleichen Dilemma: Das Zielgebiet der Reisenden muß vor deren negativen Einflüssen bewahrt werden, ohne dessen Attraktivität zu mindern. Nur so kann auch langfristig die Anziehungskraft der Region zum Nutzen aller gesichert werden. Hieraus leitet sich die Forderung nach einer engen Zusammenarbeit zwischen Naturschützern und Touristikern ab.

Nachdem es zu Beginn der Etablierung der Nationalparke verschiedentlich sehr konträre Auffassungen über deren Notwendigkeit und ihre Vereinbarkeit mit den Zielen des Tourismus, insbesondere in der Bevölkerung vor Ort, gegeben hat, setzt sich inzwischen die Erkenntnis durch, dass aktiver Naturschutz und Fremdenverkehr sehr wohl eine symbiontische Beziehung eingehen können. Dies gilt besonders in einem Gebiet wie dem Harz, das wesentlich von seinen Naturerlebnismöglichkeiten profitiert. Anfänglich vorhandene Widerstände sind mittlerweile im wesentlichen der geforderten konstruktiven Kooperation gewichen. Vor diesem Hintergrund werden auch die im Sog der Expo zusätzlich anreisenden Gäste keine Belastung für das Verhältnis zwischen Tourismus und Naturschutz sein. Besondere und  möglicherweise naturbelastende Angebote speziell für Expo-Gäste wurden kaum aufgelegt, vielmehr wird diese Klientel in die bereits bestehenden Angebote integriert.

Wenn durch die Expo im Harz überhaupt mit einer zusätzlichen Belastung zu rechnen ist, wird diese in erster Linie durch ein gesteigertes Verkehrsaufkommen bedingt sein. Auch dabei handelt es sich um eine harztypische Erscheinung. Bereits heute kommt es durch die im Vergleich mit der Fläche des Gebietes hohe Zahl an Individualreisenden zeitweise zu Verkehrsproblemen, die im Zusammenhang mit der Weltausstellung lediglich augenfälliger werden könnten.

Entschärft wird die Problematik allerdings durch den besonderen Charakter der Expo als Großveranstaltung, die sich über mehrere Monate erstreckt und nicht auf einzelne Termine fixiert ist. Diese Umstände erfordern von den Leistungsträgern im Unterkunftsgewerbe, auf die besonderen Wünsche der Expo-Gäste verstärkt einzugehen. Nach Recherchen der Expo-Gesellschaft haben 60% der Weltausstellungsbesucher großes Interesse daran, Pauschalangebote der Reisebranche  zu nutzen. Diese sollen vorrangig neben der Eintrittskarte und der Unterkunft auch den Transfer zum Expo-Gelände beinhalten. Viele Leistungsträger im Harz haben sich darauf eingestellt und bieten solche Transfers an. Darüber hinaus ist die Bahnanbindung zumindest des Nordharzer Bereiches mit ganztägig stündlich verkehrenden Zügen vergleichsweise gut gelungen. Der Südharz hat hier deutliche Nachteile zu verkraften. Diese liegen einerseits in der naturgegeben weiteren Entfernung zum Ausstellungsgelände begründet, sind aber andererseits auch auf eine Streckenpolitik der Bahn zurückzuführen, die der Südharzstrecke nicht die nötige Priorität eingeräumt hat.

Unabhängig von der Weltausstellung ist die gute Erreichbarkeit eines Zielgebietes eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg auf dem touristischen Markt. Dies bezieht sich sowohl auf die Schiene als auch auf die Straße. Die Straßenanbindung des Harzes kann, besonders unter Berücksichtigung der geplanten Südharzautobahn A 38 und dem Ausbau der B6n, als zufriedenstellend bezeichnet werden. Demgegenüber wird die Schienenanbindung der Urlaubsregion Harz weiter vernachlässigt. Der Ausbau von Fernverkehrsstrassen bei gleichzeitigem Wegfall umsteigefreier Schienenverbindungen und die umständliche und zeitintensive Weiterreise von den Zielbahnhöfen im Harzrandgebiet in den innerharzer Bereich wird zu einer weiteren Steigerung des Individualverkehrs führen.

Gerade das Verkehrsaufkommen vor Ort ist aber ein Faktor, der den Erholungswert für den Gast spürbar mindern kann. Hat der Besucher sein Urlaubsziel erst erreicht, möchte er in der Regel von einer Belastung durch den Straßenverkehr verschont bleiben. In einer kleinräumigen Region wie dem Harz verbietet sich daher aus touristischer Sicht der unreflektierte Ausbau von Verbindungsstraßen. Vielmehr müssen die Bedingungen des Öffentlichen Personennahverkehrs dahingehend verbessert werden, dass dieser in zeitlicher und finanzieller Hinsicht eine Alternative zur Fortbewegung im eigenen PKW darstellt.

Bemühungen hierzu sind bereits in der Vergangenheit gemacht worden, allerdings stellt zusätzlich zur Beteiligung zahlreicher Landkreise die besondere Situation des Harzes im Schnittpunkt dreier Bundesländer sowie die Zuständigkeit verschiedener Nahverkehrsgesellschaften einen Stolperstein auf dem Weg zu einer Harmonisierung des gesamtharzer ÖPNV-Netzes dar. Dennoch liegt hier eine Aufgabe, der sich der Harzer Verkehrsverband zukünftig stärker widmen wird. Es darf allerdings nicht verkannt werden, dass auch ein ideal organisierter ÖPNV immer nur einen begrenzten Teil des Verkehrsaufkommens übernehmen wird, da einer breiteren Nutzung dass tief in der bundesdeutschen Bevölkerung verankerte Bedürfnis nach individueller Mobilität entgegensteht.

[ Harzer Verkehrsverband ]