5. Südharz-Symposium 11./12. Oktober 2002 in Bad Sachsa

 
Herausbildung regionaler Identität am Beispiel der JugendKunstBiennale im Städtenetz SEHN

Vortrag von Marion Kaps
 

1. Begriffsbestimmung

„Eine Region ist ein durch bestimmte Merkmale gekennzeichneter, zusammenhängender Teilraum in einem Gesamtraum“.
(Handwörterbuch der Raumordnung, Akademie für Raumforschung und Landesplanung,
S. 805)

Unter Identität ist die „Vollkommene Gleichheit oder Übereinstimmung in Bezug auf Dinge oder Personen zu verstehen“. (Schülerduden, Fremdenwörterbuch, Dudenverlag, S. 191)

Beide Begriffe liefern den Grundstock für die regionale Identität, also einen bestimmten Raum, mit dem man sich selbst gleich setzt.
Viele Personen drücken bereits bei einer alltäglichen Vorstellung einen bestimmten Identitätsgrad aus. Sie kommen aus einem konkreten Heimatort, z. B. Ilfeld, einem bekannten Gebiet, z. B. Harz, einem Landkreis, z. B. Nordhausen, oder einem bestimmten Bundesland, z. B. Thüringen.

Im Rahmen der Globalisierung und der immer stärkeren internationalen Verflechtung wird auch die Benennung des Landes, dessen Interessen man vertritt, notwendig sein. Regionale Identitäten werden ineinander verschachtelt, der Raum größer abgesteckt.
 

2. Planungsregion Nordthüringen

Kompliziert ist es, sich mit territorial definierten Begriffen zu identifizieren, welche nicht historisch gewachsen sind, sondern per Gesetz festgelegt wurden.
Nordthüringen wurde in der Thüringer Verordnung über die räumliche Abgrenzung der Planungsregionen im Land Thüringen (Landesregionenverordnung vom 22. August 1991) auf die damaligen Landkreise Artern, Heiligenstadt, Mühlhausen, Nordhausen, Sondershausen und Worbis begrenzt.

Mit Wirkung vom 11. Mai 1994 wurde die Verordnung bereits verändert und um große Teile des ehemaligen Landkreises Bad Langensalza erweitert. Nordthüringen umfasst seitdem die Landkreise Eichsfeld, Kyffhäuserkreis, Nordhausen und Unstrut-Hainich-Kreis.

Obwohl der Begriff Nordthüringen eigentlich eindeutig und auch verständlich ist, da er einfach den nördlichen Teil des Bundeslandes Thüringen dokumentiert, ist eine Identifikation der Bevölkerung, aber auch bestimmter Ämter und Institutionen mit diesem Begriff sehr kompliziert und schwer realisierbar.
 

3. Städtenetz SEHN

1995 schlossen sich auf freiwilliger, gleichberechtigter Basis die Nordthüringer Städte Leinefelde, Mühlhausen, Nordhausen, Sondershausen und Worbis zum Städtenetz SEHN zusammen. SEHN steht für geographische Begriffe, welche in Nordthüringen besonders in der Tourismusbranche eine wichtige Rolle spielen: „Südharz – Eichsfeld – Hainich – Netz“.

Zwischen den einzelnen Mitgliedsstädten gab und gibt es viele Unterschiede, wie z. B.

  • Landkreise
  • Ausdehnung
  • Einwohnerzahl
  • Naturräume (Kyffhäuser, Eichsfeld, Hainich)
  • Geschichtliche Entwicklung
  • Religion
  • Sprache, literarische und historische Figuren/Gruppen
  • Brauchtum/Sitten
  • Kleidung
  • Küche
  • Traditionen
  • Kulturelemente (Baumaterialien, Gebäudeformen, technische Anlagen, Fördertürme)
  • Denkmale, Museen, kulturelle Highlights
  • Soziale Komponente, wie spezielle Krankenhäuser, Kureinrichtungen, traditionsreiche Schulen
Doch gerade diese Unterschiede machen jede Stadt einzigartig und sind besonders wichtig für die Zusammenarbeit auf kulturellem Gebiet.
Eine Gemeinsamkeit haben jedoch alle Städte. Sie liegen in der strukturschwachen Planungsregion Nordthüringen.

Die Gründungsphase von SEHN wurde als Modellprojekt im Forschungsfeld „Städtenetz“ des Bundesministeriums für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau gefördert. Seit November 1998 besteht ein Vertrag zur Bildung einer kommunalen Arbeitsgemeinschaft mit den veränderten Mitgliedern Bad Langensalza, Heilbad Heiligenstadt, Leinefelde, Nordhausen, Sondershausen und Worbis.
Der Schritt vom „Ich“ zum „Wir“ war sehr kompliziert, aber nicht unrealistisch.

Auch hier galt der Ausspruch von Francois Mitterand:
„Man kann keine Einheit erreichen, wenn man sich gegenseitig auf die Füße tritt“.

Das Städtenetz ist ein positiver Ansatz, um einander kennen und verstehen zu lernen, Stärken aus- und Schwächen abzubauen, die Region insgesamt zu fördern und bekannt zu machen.

Trotz aktiver Zusammenarbeit der Stadtverwaltungen in verschiedenen Arbeitskreisen fehlte dem Städteverbund der Bekanntheitsgrad und damit auch die Grundlage für die Bevölkerung, das neue Netzwerk und seine Projekte zu ihrer eigenen Sache werden zu lassen.
 

4. Nordthüringer JugendKunstBiennale

Die Arbeitsgremien des Städtenetzes SEHN erkannten, dass die Öffentlichkeitsarbeit unbedingt verbessert werden musste. Es entstanden verschiedene Publikationen, welche besonders im Zusammenhang mit der EXPO 2000 in Hannover und ihren dezentralen Projekten in Nordthüringen eingesetzt wurden. Nun wussten zwar viele Gäste der Region um die Ziele des Städteverbundes, aber identitätsstiftende Projekte fehlten immer noch.
Nach dem Vorbild der JugendKunstBiennale des Sächsisch-Bayrischen Städtenetzes entwickelte der Arbeitskreis KulTour des Städtenetzes SEHN ein Konzept für einen etwas kleineren, aber auch sehr niveauvollen Wettbewerb auf bildnerisch-künstlerischem Gebiet. SEHN gab nicht nur den Kindern und Jugendlichen aus den Mitgliedsstädten die Möglichkeit, ihre Malereien, Plastiken, Grafiken, Fotografien oder Installationen und Collagen einer fachkompententen Jury vorzustellen und ggf. der Öffentlichkeit zu präsentieren, sondern allen Nachwuchskünstlern der Planungsregion im Alter zwischen 10 und 25 Jahren. An der JugendKunstBiennale 2000 in Nordhausen nahmen 380 Kunstinteressierte teil. Bei der 2. JugendKunstBiennale 2002 in Bad Langensalza war die Tendenz steigend.

Schirmherren der Veranstaltungen waren Ministerpräsident Bernhard Vogel bzw. Minister Gnauck.

Angeregt durch die Mitarbeit der jungen Talente sprach sich die Existenz dieses Wettbewerbes des Städtenetzes bei Eltern, Großeltern, weiteren Verwandten und Bekannten sowie natürlich in den Schulen herum. Funk, Fernsehen und Presse wurde aufmerksam auf die Jugend-KunstBiennalen.
SEHN erhoffte sich, mit den JugendKunstBiennalen einen Beitrag zur Ausprägung einer regionalen Identität mit Nordthüringen sowie eine Erhöhung des Bekanntheitsgrades dieser interkommunalen Arbeitsgemeinschaft.
Beide Erwartungen wurden erfüllt. Die Tradition soll mit dem 3. Wettbewerb 2004 in Sondershausen fortgesetzt werden.
 

Marion Kaps
Regionale Planungsstelle Nordthüringen
Leiterin des AK KulTour im
Nordthüringer Städtenetz SEHN