Mammut und Nashorn

Fossilien aus der Eiszeit

Der verkarstete Zechsteingürtel mit seinen Dolinen, Schlotten und Höhlen, der sich über 100 km in NW-SE-Richtung am Südharz entlang zieht, ist ideal für die Erhaltung fossiler Knochen. Es ist der nördlichste Raum Europas, in dem reiche eiszeitliche Tierknochenfunde auftreten.
Größere Fundkomplexe von Mammuten, Wollhaarnashörnern und anderen Großsäugern kamen im ehemaligen Gipsbruch bei Förste als auch im hier angrenzenden Steinbruch zutage. Hier wurden 1963 in einer Doline je ein Bison- und ein Wollnashornschädel geborgen. 1974 wurde im Gipsbruch Förste ein Mammutstoßzahn mit 10 weiteren Säugetierarten freigelegt, ebenfalls aus der mittleren Weichsel-Kaltzeit.

Zur Forschungsgeschichte

Funde von Säugetierknochen und -zähnen im Harzvorland, die schon seit Beginn der frühen Neuzeit in Steinbrüchen und Lehmgruben (Abbau von Schlottenfüllungen) durch Zufall oder, wie in der Einhornhöhle, durch Nachgraben gefunden wurden, erlangten Beachtung in damaligen für Naturwissenschaften aufgeschlossenen Kreisen, auch wenn die Deutung all dieser Funde aus heutiger Sicht mitunter sehr eigenartig war. Die Knochensuche galt überwiegend dem Einhorn, dessen Reste als "Heilmittel" gepriesen wurden.
Obwohl solche Funde in der Einhornhöhle schon 1656 durch den Kieler Arzt J. D. Horst als Reste von Bären, Löwen und Menschen bestimmt wurden, beschrieben Leibniz in seiner Protogaea (1691) die dortigen Fossilien noch als Einhorn. Erst zu Beginn des 19. Jh. wiesen Naturkundler wie der Franzose G. Cuvier, Begründer der Wirbeltierpaläontologie und guter Kenner der Südharzfunde, das Einhorn in das Reich der Fabel.
Bei Funden von "Elefantengebeinen" am Harzrand, als solche fast richtig (es handelte sich um Mammutknochen) erkannt, schloss noch der Nordhäuser Einhorn-Apotheker G. H. Behrens in seiner Hercynia Curiosa (1703) nicht aus, dass die Funde Reste der Sintflut waren oder mit dem Zuge Hannibals über die Alpen einzelne Elefanten an den Harz versprengt wurden. Erst Funde von Knochen und Zähnen in Karstschlotten bei Düna führten 1751 zu Fortschritten in der Forschung. Der Göttinger Anatom Ch. Hollmann erkannte hier bereits einen Faunenwandel und grenzte seine Faunenbeschreibung - 100 Jahre vor Darwin - deutlich ab von den biblisch orientierten Vorstellungen einer durch die Sintflut verursachten Tierkadaverdrift tropischer Tiere bis in unsere Breiten.
 
Andere Fossilien aus dem Zechsteinkarst, diesmal Knochen und Zähne (s. Abb. links) aus dem Gebiet um Ührde, wurden um 1800 vom Göttinger Naturforscher J. F. Blumenbach untersucht. Er erkannte, dass diese bislang für Elefanten gehaltenen Funde größer und in der Ausführung abweichend von heute lebenden Elefanten waren und stellte eine neue zoologische Art auf: Elaphus primigenius (= Mammuthus primigenius = Mammut).

(Quelle: Auszug aus Nielbock, Ralf.: Quartärfaunen am südwestlichen Harzrand.- Die Kunde N.F. 45)

Wollhaar-Mammut = Mammuthus primigenius (BLUMENBACH, 1799)

Größe: 2,75 - 3,4 m Schulterhöhe. Gewicht: Etwa 4 - 6 Tonnen. Rücken-Kontur: Deutlich abfallende Rückenlinie. Kopf: Mit einer einzelnen, hohen Wölbung. Ohren: Im Vergleich zu anderen Elefanten-Arten sehr klein.
Fell: Rötlichbraun bis dunkelbraun, schwärzlich. Sehr lang und dicht: gelbliche Unterwolle, dann längeres, flauschiges Haar und abschließend langes, steifes Deckhaar (90 - 115 cm lang). Stoßzähne: Anfangs gerade nach unten, anschließend rund und sich oft stark einkrümmend wachsend. Schwanz: Kurz, mit „Abdeckklappe“. Rüsselspitze: Oben schmalerer Finger, unten breiter Abschluss.
Räumliche Verbreitung: In der gesamten nördlichen Polarzone, südlich der Eisschilde in der kaltzeitlichen „Mammut-Steppe“, von Irland über Eurasien bis Nordamerika. Zeitliche Verbreitung: Vor etwa 250.000 Jahren erstes Auftreten in Europa. Aussterben der letzten Exemplare vor etwa 3.700 Jahren.

Die Kälte-Anpassungen des Mammuts abgesehen vom Fell sind die 8-9 cm dicke Fettschicht unter der Haut, die Verkleinerung der Ohren und die Verkürzung des Schwanzes mit der „Abdeckklappe“. Besonders schöne Stoßzähne (= umgewandelte Oberkiefer-Schneidezähne) besaßen alte Bullen mit 3,5 - 4 m Länge und 100 -200 kg Gewicht. Die Backenzähne besaßen die größte Zahnhöhe und Kauleisten-Anzahl aller Elefanten, eine Anpassung an die harte raue Tundra-Vegetation. Die höchste Lebenserwartung betrug etwa 60 - 70 Jahre. Der große Erfolg der Mammuts beruhte neben ihrer Kälte-Resistenz wohl auf ihrer Fähigkeit, harte relativ nährstoffarme Nahrung mit hohem Faser-Anteil zu verwerten (Gräser, Seggen, krautige Pflanzen, Moose, Blätter, junge Zweige). Etwa 150 - 200 kg Nahrung brauchte ein Mammut pro Tag. Im Sommer hielten sie sich bevorzugt in nördlicheren Flusstälern und Steppen auf, im Winter zogen sie in südlichere Gebiete.


Aus: SICKENBERG, Otto (1963): Neue Funde von eiszeitlichen Säugetieren bei Osterode. – Heimatblätter für den südwestlichen Harzrand 13:21-25; Osterode; Tuschelasur von F. Vladi, Osterode am Harz

Ausgewachsene Mammuts hatten nur Unfälle, Krankheiten und Menschen als Feinde. Die Gründe ihres Aussterbens sind wohl die Klimaveränderungen am Ende und nach der letzten Kaltzeit vor ca. 10.000 Jahren. Damit verschwand ihr Lebensraum, die Mammut-Steppe (nicht gleichzusetzen mit der heutigen Tundra). Sicherlich haben auch unsere Vorfahren zu ihrem Aussterben beigetragen; ob ausschlaggebend, darüber streiten sich die Eiszeit-Gelehrten bis heute. Die letzten Mammuts konnten sich bis vor etwa 3.700 Jahren auf der Wrangel-Insel im Nordosten Sibiriens halten, Zwergformen mit bis 1,80 m Schulter-Höhe.

Quelle: Auszug aus Gröning, Elke u. Brauckmann, Carsten: Der Paläo-Zoo, Teil 1: Mammut und Woll-Nashorn.- Ursus, 16 Jg., H. 1, S. 54; Schwerin 2010

Woll(haar)-Nashorn = Coelodonta antiquitatis (Blumenbach, 1799)

Größe: Ausgewachsen etwa 3,50 m lang. Hörner: Zwei; davon war das vordere etwa 1m lang. Beiderseits abgeflacht, brettförmig. Vorderkante oft stark abgeschliffen. Es wurde bei der Nahrungssuche eingesetzt. Kontur: Erhöhter Schulter-Bereich, „Buckel“.
Der Kopf wurde tief in Schräglage gehalten. So lagen die Augen in der Horizontalen. Mund: Breit, ähnlich dem heutigen Breitmaul-Nashorn. Unter den heutigen überlebenden fünf Nashorn-Arten ist aber das Sumatra-Nashorn die nächstverwandte Art. Hochkronige Backenzähne: Anpassung an harte Grasnahrung. Fell: Lang und dicht, dunkelbraun bis schwärzlich.
Zeitliche und räumliche Verbreitung: Vor 2.000.000 - 8.000 Jahren. Die Art entstand wohl in der Mongolei, Nordchina oder Sibirien. In Europa ab der ersten oder Elster-Kaltzeit. Blütezeit in der letzten oder Weichsel-Kaltzeit von der Nordsee, Italien, Kaukasus bis nach Kirgisien. Im Nordosten bis zur Küste des Ochotskischen Meeres. Jüngste Funde aus der Ukraine. Wie das Mammut gehörte das Wollhaar-Nashorn ebenfalls zur (wehrhaften) Jagdbeute damaliger Menschen (einschließlich der Neandertaler).
Die Gründe des Aussterbens sind wohl die gleichen wie beim Mammut:
Starke Klimaveränderungen am Ende und nach der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren.

GPS-Koordinaten
N 51.7175° E 10.1880°

Index